Semperit: Ausverkauft und dichtgemacht

Nun ist es also soweit: der traditionsreiche Reifenhersteller Semperit in Traiskirchen bei Wien wird endgültig geschlossen. Es war ein langer Todeskampf, den Oscar für die Rolle des besten Totengräbers teilen sich der Conti-Konzern und der ÖGB.

 In den 1970ern war Semperit einer der größten österreichischen Industriekonzerne, allein am Standort Traiskirchen waren 4.700 KollegInnen beschäftigt. Doch schleichend ging es mit dem einstigen Vorzeigekonzern bergab, 1984 wurde der Konzern von der Creditanstalt (heute Teil der Bank Austria) an die deutsche Continental-Gruppe verkauft. In den Jahren danach hat Conti hat aus dem Traiskirchner Werk fette Gewinne geholt, rund 430 Mio. € hat Conti bis 2002 verdient.

SPÖ verkettet sich

Bereits Anfang der 90er und dann nochmals 1996 war Semperit das Ziel von Angriffen der Conti: Anfang der 90er wurde die Forschung nach Hannover verlegt, 1996 sollte das Werk geschlossen werden. Damals konnte die Werksschließung, nicht zuletzt durch die Proteste der ArbeiterInnen, noch einmal abgewendet werden, allerdings gingen auch damals schon hunderte Arbeitsplätze verloren.

Der damalige niederösterreichische SPÖ-Vorsitzende Höger kündigte in dieser Auseinandersetzung an, sich, wenn notwendig, an die Maschinen ketten zu wollen, um deren Abtransport zu verhindern. Dieses Schauspiel ist uns leider vorenthalten worden: die Maschinen wurden abtransportiert, doch von Höger war nichts zu sehen – im Gegensatz übrigens zu heutigen RSO-AktivistInnen, die vorm Werkstor protestierten.

Conti brachte das damalige Zugeständnis enorme Gewinnsteigerungen in Österreich, sogar der damalige ÖVP-Wirtschaftsminister Farnleitner ließ sich öffentlichkeitswirksam Semperit-Reifen auf sein Auto montieren (die, wie später bekannt wurde, aus Portugal stammten). Doch war damals schon klar, dass dies nur ein Sieg auf Zeit sein würde, viele Maschinen wurden in andere Produktionsstätten gebracht, in Osteuropa wurde schon fleißig an neuen Werken gebaut.

2002 machte Conti schließlich ernst, über 1000 KollegInnen verloren damals ihre Jobs, die Reifenproduktion in Traiskirchen wurde eingestellt, es verblieben nur noch Vertrieb und Gummimischung mit 300 KollegInnen. Dies war ein schwerer Schlag für die Südbahnregion, umso mehr, als mit jedem Arbeitsplatz bei Semperit weitere Jobs in der Region, etwa bei den Zulieferern oder bei der Infrastruktur rund ums Werk (Supermarkt, Gaststätten, …) verloren gehen. Und nun müssen auch die letzten 200 KollegInnen der Produktion gehen, das südliche Wiener Becken hat bereits jetzt eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit, für die Betroffenen gibt es kaum eine Chance auf einen neuen Job. Übrig bleibt gerade noch der Vertrieb mit 100 KollegInnen – doch die Frage ist, wie lange noch

Salami-Taktik

Conti erklärt heute, der Standort würde aufgelassen, „weil er im Konzern der einzige allein stehende Standort der Vormaterialienfertigung ist“, sonst würde direkt in den acht europäischen Werken gemischt. Doch genau diese Situation war ja das Ergebnis der letzten Kündigungswelle, nach der nur noch die Gummimischung in Traiskirchen verblieb. Vor der letzten Kündigungswelle haben alle Conti-Werke positiv bilanziert, doch dann blies Conti zum Angriff und spielte die Standorte gegeneinander aus: wer am wenigsten Gewinn macht, muss gehen. Die Gewerkschaften spielten mit, die Standortlogik feierte fröhliche Urständ´ und schlussendlich wurde Traiskirchen den Aktionärsinteressen geopfert.

Conti hatte von Beginn an eine klare Strategie – und Werksschließungen werden von Multis über Jahre strategisch vorbereitet und geplant. Während in Österreich noch kräftig verhandelt wurde, wurden in Osteuropa die Werke hochgezogen – wer es wissen wollte, konnte das wissen. Und so schrieb die RSO-Vorläuferorganisation AL bereits 2002: „Semperit soll vom Conti-Konzern in jedem Fall geschlossen werden, daher gilt hier im besonderen Maß die alte Parole: ,Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren’.“ Diese Einschätzung hat sich leider bewahrheitet. Doch stattdessen klammerten sich die Gewerkschaften an seltsame Strohhalme und beruhigten die KollegInnen immer wieder.

Ausrede Demoralisierung

Schließlich musste sogar die Demoralisierung der KollegInnen herhalten. Doch sogar, wenn der eine oder andere zurücksteckt: die Aufgabe einer Gewerkschaft, die diesen Namen verdient, ist nicht, sich hinter dem demoralisierten Bewusstsein von KollegInnen zu verstecken (vor allem, wenn sie selbst durch mangelnde Kampfbereitschaft in den letzten Jahren an dieser Demoralisierung schuld ist) oder sich gar um Profiteinbrüche der KapitalistInnen zu kümmern.

Die Aufgabe einer Gewerkschaft wäre stattdessen, Wahrheiten auch auszusprechen und sich rechtzeitig auf Arbeitskämpfe vorzubereiten. „Ausgezogen habt´s uns bis auf die Unterhosen”, erklärten aufgebrachte KollegInnen dem damaligen VP-Minister Bartenstein bei dessen Werksbesuch, und bewiesen damit, dass sie weit mehr verstanden haben als die ÖGB-Führung.

Kämpfen ist möglich – und erfolgreich!

Doch auch Abwehrkämpfe sind durchaus möglich. Das haben etwa die mutigen KollegInnen von Conti Clairoix in Frankreich gezeigt, die im April große Demonstrationen organisiert haben. Am 23. April reisten sogar mehr als 1.000 Continental-ArbeiterInnen aus Frankreich an, um in Hannover gemeinsam mit 2.000 KollegInnen aus Deutschland gegen zwei Werkschließungen in Clairoix und in Hannover zu protestieren.

Die KollegInnen verwüsteten in Frankreich sogar die Präfektur, einige Büros und den Eingangsbereich des Conti-Werkes. In den Abendnachrichten, also live vor Millionenpublikum, antwortete der lokale Betriebsratsvorsitzende auf die Frage, ob er seinen Wutausbruch denn bereue: „Sie machen wohl Witze! Was soll ich bereuen. Ein paar Computer? Was ist das schon im Vergleich zu mehr als 1.000 zerstörten Leben? In einem Monat sitzen wir und unsere Familien auf der Straße. Wir wollen aber nicht krepieren. Deswegen werden wir weitermachen.“ In Frankreich hat es in den letzten Wochen zahlreiche solche Kämpfe gegeben, gerade in der Auto- und Autozulieferindustrie. Teilweise konnten dabei Kündigungen verhindert werden, teilweise Abfertigungen von bis zu 50.000 Euro herausgeholt werden.

Doch von SPÖ und ÖGB auch heute kein Wort des Widerstandes. Fritz Knotzer, der sozialdemokratische Bürgermeister von Traiskirchen, ist zwar immer dick da, wenn es gegen das AsylwerberInnenheim im Ort geht, doch beim Widerstand gegen Werksschließungen herrscht Ruhe im Saal. In einer Aussendung am 16.06. erklärt Knotzer: „Traiskirchen trägt heute Schwarz.“ Doch vielleicht wäre es besser gewesen, Semperit und Traiskirchen hätten rechtzeitig Rot getragen …

 

Zum Weiterlesen:

Internationale Proteste bei Conti (April 2009)

US-Autoindustrie: Klassenkampf von oben (Jänner 2009)

Opel: Kampf gegen Massenentlassungen! (Dezember 2008)

 

Zwangsbeurlaubung im französischen Automobilsektor (November 2008)

 

Motorschaden – die kapitalistische Krise am Beispiel der Automobilindustrie (Februar 2005)

 

Standort, Standort über alles. Der Wettkampf um den besten Wirtschaftsstandort (März 2004)

 

Das Ende von Semperit und die ausgezogenen Unterhosen (Jänner 2002)

 

Semperit vor dem Ende, erfolgreicher Widerstand gegen Conti in den USA (Dezember 2001)

 

 

 


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