Das Ende von Semperit

und die ausgezogenen Unterhosen

“Wartets nur auf die nächste Wahl”, meinten erboste Semperit-ArbeiterInnen, als ÖVP-Minister Bartenstein das Werk besuchte. Und der Ärger der ArbeiterInnen ist mehr als verständlich.

Nachdem bekannt wurde, daß der Semperit-Eigentümer, der internationale Continental-Konzern, mehr als tausend ArbeiterInnen entlassen will, beschloss die Regierung, die Betriebskrankenkasse von Semperit mit mehr als 700 Millionen Schilling Rücklagen aufzulösen. Ein deutliches Zeichen an Conti, daß von der Regierung kein Widerstand gegen die Werksschließung zu erwarten ist – doch wer anderes glaubte, ist ohnehin selbst schuld.

Ab 2003 werden gerade mal noch 300 Menschen aus dem Vertrieb für den Conti-Konzern arbeiten, das Werk und die Produktion soll komplett dicht gemacht und ins billigere Osteuropa verlagert werden. Ein weiterer schwerer Schlag für die Südbahnregion, umso mehr, als mit jedem Arbeitsplatz bei Semperit weitere Jobs in der Region, etwa bei den Zulieferern oder bei der Infrastruktur rund ums Werk (Supermarkt, Gaststätten, ...) verlorengehen. Das südliche Wiener Becken hat bereits jetzt eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit, für die Betroffenen gibt es kaum eine Chance auf einen neuen Job.

Conti staubt ab

Conti hat aus dem Traiskirchner Semperit-Werk in den letzten Jahren fette Gewinne geholt, nachdem das Werk 1984 der früheren CA (mit Krediten der CA!) billig abgekauft und damit privatisiert wurde. Rund 436 Mio. € (6 Mrd. öS) hat Conti aus dem Werk geholt. Semperit wäre weiterhin durchaus profitabel, Conti versucht aber, die Profite mit einer Verlegung nach Osteuropa noch mehr zu steigern. Die AktionärInnen wollen schließlich befriedigt werden.

Bereits Anfang der 90er und dann nochmals 1996 war Sem-perit das Ziel von Angriffen der Conti. Anfang der 90er wurde die Forschung nach Hannover verlegt, 1996 sollte das Werk geschlossen werden. Damals konnte die Werksschließung, nicht zuletzt durch die Proteste der ArbeiterInnen, noch einmal abgewendet werden, allerdings gingen auch damals schon hunderte Arbeitsplätze verloren. Conti brachte das damalige Zugeständnis enorme Gewinnsteigerungen in Österreich, sogar der damalige ÖVP-Wirtschaftsminister Farnleitner ließ sich öffentlichkeitswirksam Semperit-Reifen auf sein Auto montieren. Doch war damals schon klar, daß dies nur ein Sieg auf Zeit sein würde, viele Maschinen wurden in andere Produktionsstätten gebracht, in Osteuropa wurde schon fleißig an neuen Werken gebaut.

Höger in Ketten

Der damalige niederösterreichische SPÖ-Vorsitzende Höger kündigte in dieser ersten Auseinandersetzung an, sich, wenn notwendig, an die Maschinen ketten zu wollen, um deren Abtransport zu verhindern. Dieses Schauspiel ist uns leider vorenthalten worden, die Maschinen wurden abtransportiert, doch von Höger war nichts zu sehen - im Gegensatz übrigens zu heutigen AL-AktivistInnen (die AL wurde 1999 gegründet), die vorm Werkstor protestierten.

Damals erklärte der ÖGB, daß er alles schon richten würde, außerdem sei es mit der Kampfbereitschaft nicht so weit her. Heute zahlen die Ar-beiterInnen die Rechnung dafür, daß sie damals dem ÖGB und seinem Verhandlungsschwindel glaubten. Nun mag es schon sein, daß viele der KollegInnen den Mut zum Kämpfen verloren haben. Es wäre kein Wunder, wären sie durch die jahrelange Salamitaktik frustriert und würden denken, daß ein Arbeitskampf sowieso nichts am Ergebnis ändern würde. Das alles ist möglich, doch Semperit soll vom Conti-Konzern in jedem Fall geschlossen werden, daher gilt hier im besonderen Maß die alte Parole: “Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren”.

Nun kann sich der ÖGB zweifellos hinter der mangelnden Kampfbereitschaft, der miesen Wirtschaftslage, und weiß der Teufel wohinter noch verstecken. Doch die ArbeiterInnen sind sowieso ihrer Gewerkschaftsführung meist weit voraus. “Ausgezogen habt´s uns bis auf die Unterhosen”, erklärten sie Minister Bartenstein bei dessen Besuch, und bewiesen damit zumindest den richtigen Riecher.

Doch sogar, wenn der eine oder andere zurücksteckt: die Aufgabe einer Gewerkschaft, die diesen Namen verdient, ist nicht, sich hinter dem demoralisierten Bewußtsein von Kol-legInnen zu verstecken (vor allem, wenn sie selbst durch mangelnde Kampfbereitschaft in den letzten Jahren an dieser Demoralisierung schuld ist) oder sich um Profiteinbrüche der KapitalistInnen zu kümmern. Die Aufgabe einer Gewerkschaft ist und bleibt, Kämpfe zu entwickeln, Bewußtsein zu schaffen und das Feuer zu entfachen. Und gab es da nicht einmal eine Urabstimmung über Kampfmaßnahmen...