Inflation: Döner mit alles – wie teuer wird’s noch?

Die aktuelle wirtschaftliche Situation ist von einer seltsamen Zweiteilung geprägt. Auf der einen Seite gibt es sehr große Konzerne verschiedener Branchen, die in Bezug auf Umsätze und Gewinne Erfolgsmeldungen verkünden. Auf der anderen Seite steigen für die Bevölkerungen die Preise immer weiter und ein Ende ist nicht in Sicht. Während in Schwellenländern schon länger Inflationsraten von 30 oder 40 % das Leben schwer machen, erleben wir neuerdings eine Inflation, die sich sogar in den großen Wirtschaftsmächten wie z. B. Deutschland festgesetzt hat. Als Haupterklärung verweisen Ökonom:innen und Politiker:innen auf den Überfall Russlands auf die Ukraine. Aber das erklärt nicht alles, eigentlich fast nichts. Was wir seit 2020 an Preissteigerungen erleben, hat in erster Linie was mit dem unplanbaren chaotischen Kapitalismus zu tun.

Seit 2020 immer aufwärts bis wohin?

Wenn wir auf die Preissteigerungen für die Arbeiter:innenklasse als Verbraucher gucken, kann man in der Tat den Eindruck haben, dass der Krieg gegen die Ukraine der Auslöser war, weil das zeitlich zusammenfällt. Und Politiker:innen nehmen das Offensichtliche gerne als einfache Erklärung, um Putin als Alleinverantwortlichen zu dissen und gleichzeitig von den Arbeitenden Opfer zu fordern, die sich mit Krieg und Krise – vielleicht – leichter erpressen lassen.

Aber gegen die Erklärung, die Inflation sei direkte Folge des Ukraine-Krieges, spricht zum einen, dass die außergewöhnlichen Preissteigerungen in bestimmten Sektoren auf dem Weltmarkt bereits 2020 begannen. Auch die Weltmarktpreise für Lebensmittel stiegen bereits 2021 rasant.

Zum anderen führte der Krieg selbst nur zu einer geringen tatsächlichen Verknappung von Erdöl und Erdgas oder Getreide und anderen Agrarprodukten auf dem Weltmarkt. Und die USA sind selbst gar nicht von den unmittelbaren Folgen des Energiekrieges betroffen, und trotzdem ist die Inflation ähnlich hoch wie in Europa.

Bedeutender für diese neue Inflation sind drei Aspekte: Ausgangspunkt der Preissteigerungen sind vor allem der Energiemarkt (Erdöl/-gas) und der güterproduzierende Sektor. 2020 fuhr die Weltwirtschaft nach den weltweiten Lockdowns wieder hoch, je nach Region und Branche unterschiedlich und völlig unkoordiniert, wie das eben im Kapitalismus so ist. Eine steigende Nachfrage stieß dann auf Schwierigkeiten in den Lieferketten. Und in den dabei relevantesten Branchen traf die steigende Nachfrage zugleich auf einen Markt, der inzwischen von sehr wenigen, sehr großen internationalen Konzernen dominiert wird. Diese Unternehmen nutzten ihre Machtstellung aus, um Preise zu erhöhen, unabhängig von den realen Kostensteigerungen. Hinzu kommt, dass große Konzerne und Kapitalist:innen allgemein über sehr viele freie Finanzmittel verfügen, die schon seit Jahren immer weniger produktiv investiert werden können, weil die Profitraten zu gering sind, und daher bevorzugt spekulativ angelegt werden.

Alles zusammen ergibt eine Situation, in der in bestimmten Branchen bestimmte Konzerne außergewöhnlich hohe Preise für Rohstoffe, Bauteile und Logistik von ihren Kund:innen verlangt haben und verlangen. Und diese haben dann – wenn möglich – die höheren Beschaffungspreise auf ihre Preise umgelegt und schröpfen damit ihre Kund:innen und so weiter. Der Ukraine-Krieg verstärkte dann diese Situation. Und da in der heutigen Weltwirtschaft quasi alles von Erdöl und Erdgas abhängt, genauso von Transporten rings um den Erdball, kommen irgendwann die Preiserhöhungen dann bei den Heizkosten und beim Döner an.

Es gibt marxistische Ökonom:innen, die das Ganze als „Profit-Preis-Spirale“ bezeichnen1. Selbst etablierte Mainstream-Ökonom:innen können nicht die außergewöhnlichen Profite großer internationaler Konzerne ignorieren.

Ein Beispiel: Die Profit-Preis-Spirale auf den Weltmeeren

Seit 2020 machen die Reedereien enorme Gewinne, als nach den weltweiten Corona-Lockdowns die Weltwirtschaft wieder hochfuhr und die Nachfrage der Speditionen nach Frachtraum und Containern sprunghaft hochschnellte. Der Krieg in der Ukraine mit blockierten Seewegen tat dann sein Übriges. Den Spediteur:innen stehen aber nur noch eine Handvoll Reedereien gegenüber, die Containerschiffe und Container zur Verfügung stellen können: genau genommen 9 Unternehmen, zusammengeschlossen in nur drei Kartellen2! Sie steuern 82 % des globalen Containervolumens über die Weltmeere. Die schiere Größe dieser Kartelle hat es ihnen ermöglicht, die Preise sagenhaft anzuziehen. So stiegen die Kosten für Container von 2.000 schließlich auf 12.000 Dollar bis sie wieder fielen3. Der deutsche Reederei-Führer Hapag-Lloyd gehört zu den Kriegs- und Krisengewinnern. 18 Milliarden Euro netto wird der Konzern dieses Jahr Gewinn machen4, mehr als VW. Die 10 größten Reedereien werden dieses Jahr auf 256 Milliarden kommen, nach 190 Milliarden letztes Jahr5. Auch wenn diese Konzerne selbst höhere Kosten hatten, sie haben die eigenen Preise viel stärker erhöht und diktieren, welcher Spediteur welche Frachtrate zu welchem Preis bekommt. Wer das Schiff hat, hat die Macht! Mit dabei ein echter Hamburger HSV-Fan mit Sitz in der Schweiz: Klaus-Michael Kühne. Er hat sein Vermögen seit 2020 verdoppelt und kommt inzwischen auf 28,9 Milliarden Euro. Die Kohle macht er mit dem Logistikunternehmen Kühne+Nagel, der Hapag-Lloyd und der Lufthansa.

Ein anderes Beispiel: Die steigenden Gaspreise …

Als 2020 die Weltwirtschaft wieder hochfuhr, begann auch der Run auf Erdgas. Und so chaotisch, wie wir den Kapitalismus kennen, bedeutete das: wer zuerst kommt und am meisten zahlt, mahlt zuerst. Denn der Erdgasmarkt ist von wenigen Förderländern, sehr wenigen Energiekonzernen und sehr wenigen Großhändlern dominiert. Und alle Beteiligten ließen sich die steigende Nachfrage mit Extrapreisen bezahlen. Die Preise begannen also bereits 2020 in Europa zu steigen, aber auch in den USA, wenn auch dort weniger. Die LNG-Flüssiggas-Technologie, also die ziemlich teure und klimaschädliche Verflüssigung von Erdgas und der Transport auf Spezialschiffen, ermöglicht es, auch ohne Pipeline-Netzwerke, Erdgas weltweit zu verkaufen. Für große Händler lohnt es sich nun, in den USA einzukaufen und beispielsweise in Europa teurer zu verkaufen. Mit Beginn des Krieges gegen die Ukraine verschärfte sich die Situation, denn mit der Entkopplung Europas vom russischen Erdgas entstand eine echte Versorgungslücke. Vor allem die deutsche Wirtschaft mit seiner großen für Europa wichtigen chemischen und pharmazeutischen Industrie ist auf Erdgas angewiesen. In dieser Situation haben die EU bzw. Deutschland auf dem Weltmarkt alles an LNG-Gas gekauft, was nur ging, egal was es kostete. Das haben sich Energiekonzerne und Rohstoffhändler bezahlen lassen. Sie haben die Gelegenheit für extreme Preisaufschläge, die über den tatsächlichen höheren Kosten liegen, genutzt. Das erklärt die Preisexplosionen in diesem Sommer. Und weil Erdgas Ausgangsrohstoff für fast alle Produkte in unserer modernen Wirtschaft ist, weil sogar der Strompreis sich nach den höchsten Kosten für Gaskraftwerke richtet, wird alles in der Kette der Lieferanten und Zwischenhändler teurer bis es unseren Alltag erreicht.

Jetzt, wo die Erdgasspeicher in Europa zu 100 % gefüllt sind, sinken die Erdgaspreise an den internationalen Börsen rapide. Ist also das schlimmste vorbei? Wenn es nach den Energiekonzernen und Rohstoffhändlern geht, nein. Vor der Küste Europas schippern 34 Schiffe voller Flüssiggas aus den USA, Katar und Australien und warten, dass die Nachfrage wieder steigt und damit die Preise. Weitere Schiffe sind über den Atlantik unterwegs. Vor den westeuropäischen Häfen hat sich ein Erdgaslager im Wert von 3,4 Milliarden Dollar aufgebaut6. Muss man noch erwähnen, dass Gas in Afrika und Asien fehlt, weil die bei der Preisschlacht nicht mithalten können?

und dazu die Erdölpreise …

Bei Erdöl passierte was Ähnliches. Der globale Erdölhandel wird von der OPEC+ dominiert, in der sich 13 erdölfördernde Länder plus Russland zu einem Mega-Kartell zusammengeschlossen haben, um Fördermengen abzusprechen und damit Preise zu steuern. Anfang 2020, also als die Nachfrage wegen der Pandemie in den Keller ging, sanken die Preise rapide und sie reduzierten die Fördermengen. Mit dem Anstieg der Nachfrage 2020 drehten sie aber den Erdölhahn nur sehr langsam wieder auf, so dass sie hier einen „Flaschenhals“ schufen, der es ermöglichte, extra hohe Preise zu fordern, sicher nicht ohne Absprache mit den Erdölkonzernen. Als kürzlich die Erdölpreise wieder anfingen zu sinken, reduzierte die OPEC+ wieder die Fördermengen, so dass die Preise stiegen.

…. und die Profite der Energiekonzerne

Dieser Raubzug hat Folgen für die Profite. Die „Big Five“ auf dem Weltmarkt  –Chevron, Shell, TotalEnergies, BP und ExxonMobil – haben 2021 den Gewinn ihres Lebens gemacht: 82 Milliarden Dollar, das waren 2.600 Dollar pro Sekunde7. Die europäischen Konzerne Shell, TotalEnergies, Eni und Repsol brachten es dieses Jahr bis September schon auf 78 Milliarden Dollar. Diese Mafia hat natürlich seit dem Ukraine-Krieg fast täglich die deutsche EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen besucht, um sie in der Energiekrise „zu beraten“8 … Die Beratung zahlt sich aus.

In Deutschland steht der Energiekonzern RWE ganz vorne auf der Gewinnerliste, der dieses Jahr mit 1,5 Milliarden Euro mehr rechnet, als geplant9. Der österreichische Öl- und Gaskonzern OMV hat dieses Jahr bis September 9,1 Milliarden Euro Gewinn eingefahren10. Energiekonzerne sind wie die Deutsche Bank: wenn man genau hinschaut, überall nur organisiertes Verbrechen.

Wenn Getreide unbezahlbar wird

Die Nichtregierungsorganisation Oxfam beklagte im März 2022 die Explosion der Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt11. Die UNO hatte für diesen Monat den höchsten Preisstand seit Beginn der Aufzeichnungen 1990 erfasst. Die hohen Preise lassen sich nicht allein mit den Dürren, Überschwemmungen und steigenden Transportkosten erklären, denn Oxfam wies darauf hin, dass in der Nahrungsmittelbranche zugleich riesige Gewinne gemacht und enorme Dividenden an Großaktionäre ausgezahlt werden. Als Beispiel nannte Oxfam die Firma Cargill, die zusammen mit drei weiteren Konzernen 70 % des globalen Marktes für landwirtschaftliche Produkte kontrolliert. Seit 2020 ist das Vermögen der Familie Cargill um 14,4 Milliarden Dollar gewachsen. Schlechte Ernten, „Versorgungsschwierigkeiten“, hohe Preise … hohe Gewinne! So sieht die Situation auf dem Nahrungsmittelmarkt aus.

Nur am Rande: Auch der deutsche Lebensmitteleinzelhandel wird von wenigen Konzernen dominiert: ganzen vier! Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland, etc.) dominieren 85 % des Lebensmitteleinzelhandels. Auch dort steigen die Profite und das Vermögen der reichsten Deutschen.

Hat Marx ja schon immer gesagt

Schon Karl Marx und Friedrich Engels haben im 19. Jahrhundert die Tendenz im Kapitalismus erklärt, dass immer weniger Unternehmen immer stärker die Märkte beherrschen werden. Die ständige Konkurrenz treibt die großen Konzerne zu immer größeren Vereinigungen. Später, Anfang des 20. Jahrhunderts, beschrieb Lenin die voranschreitende Verschmelzung von monopolistischen Großbanken und Industriellenverbänden zum Finanzkapital. Alle Macht den Konzernen, es lebe der Markt … diese Anbetung des Kapitals hören wir ständig. Das Ergebnis sehen wir: eine Krise nach der anderen.

Optimistische Prognosen gehen davon aus, dass die derzeitigen Preissteigerungen zwei Jahre anhalten. Aber diese „Expert:innen“ lagen schon 2021 mit ihren Prognosen falsch. Und inzwischen hat sich zu der Inflation noch eine ordentliche Rezession, also eine Schrumpfung der Wirtschaft, gesellt. Die Konzerne reagieren gegenüber der Arbeiter:innenklasse jedenfalls mit Lohndrückerei und Entlassungen. Es kann noch schlimmer kommen. Für die Lohnabhängigen stellt sich die Frage: wir oder sie?

 Gegen die Preissteigerungen: Erhöhung der Löhne und früher oder später die ganze Abschaffung dieses irren kapitalistischen Systems, um ein organisiertes Wirtschaftssystem aufzubauen, das gar nicht erst Inflation und Krisen hervorbringt!

Sabine Müller, Berlin

Zum Weiterlesen:

Gegen die Inflation der Profite braucht es eine Inflation der Kämpfe, September 2022

Inflation, Lieferengpässe, Krise in China: Was kommt da auf uns zu?, November 2021

Die Rückkehr der Inflation, September 2021

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