Interview: „Es braucht mehr Personal in der Pflege.“

Am 24. September fand in Wien eine Demonstration der Pflegebewegung „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ statt. Die kämpferische Demonstration, die von BasispflegerInnen organisiert worden ist, hat lautstark das Rathaus umkreist, um für die Möglichkeit eines Umstieges in ein neues Gehaltsschema zu protestieren. (Wir haben bereits berichtet.) Wir haben im Anschluss ein Interview mit dem Pfleger Rene geführt.

Welche Themen und Probleme beschäftigen die KollegInnen derzeit am stärksten?

Das Thema Optierung (freiwilliger Umstieg, Anm. der Redaktion ) und das neue Gehaltsschema sind sehr aktuell. Durch die erst kürzlich erfolgte Auszahlung der Ausgleichszulage für länger beschäftigte KollegInnen ist das Thema wieder ganz präsent geworden.

Die anderen Themen, die gerade diskutiert werden, sind nicht neu, sondern alt. Aber diese lösen sich eben nicht auf, sondern werden noch schlechter. Das sind: der Personalschlüssel, das Arbeitsmaterial und die Forderung nach Altersteilzeit. Die wird vor allem durch die Initiative „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ins Spiel gebracht, findet unter den KollegInnen aber großen Anklang. Gerade bei den älteren KollegInnen, für die sich eine Optierung eventuell gar nicht auszahlen würde.

Das Thema Optierung spielt besonders in den Spezialbereichen eine große Rolle…

In den Spezialbereichen sind die Unterschiede zwischen altem und neuem Gehaltsschema gravierender, einfach weil die Zulagen anders gestaltet sind. Aber auch auf den Bettenstationen ist der Frust sehr groß. Die Arbeitsbelastung ist so hoch wie nie, aber gleichzeitig werden jene, die den Großteil der Arbeit erledigen, und das sind die alt gedienten KollegInnen, schlechter bezahlt als die Neuen.

Wie hast du von der Bewegung „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ erfahren?

Ich habe durch die Aktionen der Initiative „Care Revolution Wien“ (Basisinitiative in der Pflege, die 2015-2016 mit Demos, Flashmobs und Versammlungen für Aufmerksamkeit sorgte, Anm. der Red.) vor drei Jahren ein offenes Ohr für solche Dinge bekommen. Ich habe also Ohren und Augen offen gehalten. Auf meiner Station gibt es aktive KollegInnen und Flugblätter und Versammlungen gab es auch.

Wie organisiert sich die Bewegung in deinem Krankenhaus?

Soziale Netzwerke spielen dabei eine wichtige Rolle. Im Vorfeld der ersten Demonstration gab es auch Vernetzungstreffen, die gut besucht waren. Ein Großteil der Information geht über den direkten Kontakt unter den KollegInnen.

Hast du das Gefühl, dass sich durch die Proteste schon was verändert hat?

Die neuen Dienstverträge und die fehlende Optierungsmöglichkeit waren wie ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Der Grad der Informiertheit und das Interesse sind gestiegen. Die Stimmung ist kämpferischer, wenn auch nicht so sehr, wie ich es mir wünschen würde. Aufgrund der Arbeitsbelastung gab und gibt es immer wieder Kündigungen in großen Wellen. Es wäre schön, wenn die Leute so kämpferisch wären, um gemeinsam mehr zu erreichen.

In deinem Krankenhaus gab es bei den Personalvertretungswahlen eine neue Liste („Solidarität“), die auf Anhieb 27% erreicht hat. Kannst du uns dazu was erzählen?

Ich freu mich über den Erfolg. Die Liste hat sich im Prinzip aus der „Gleiche Lohn für gleiche Arbeit“-Bewegung entwickelt und ist sehr basisnahe entstanden, aus engagierten KollegInnen, die sich in den Vernetzungstreffen kennengelernt haben und entschieden haben eine Liste zu gründen. Was ich mitbekommen habe ist die Liste sehr aktiv, bringt sich viel ein und spricht viel mit PersonalvertreterInnen anderer Listen. Die neue Liste ist auch ein Grund, warum von unserem Spital so viele Aktionen nach außen gehen.

Und was bekommst du von der sozialdemokratischen Personalvertretung mit, die nach wie vor die Mehrheit hat?

Mittlerweile weniger. Der Informationsfluss von Seiten der FSG (Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter) war immens, als die Bewegung ins Rollen gekommen ist. Da wurde der Initiative „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ unterstellt Falschinformationen zu verbreiten, wobei man das in Wahrheit selber gemacht hat.

Interessanterweise ist es jetzt ruhiger geworden. Vielleicht schätzen sie die Gefahr gerade nicht mehr als so groß ein. Vielleicht überlegen sie gerade auch, was sie in Zukunft tun wollen, weil der Wahlerfolg von 27% der neuen Liste „Solidarität“ in meinem Krankenhaus ihnen sicher weh getan hat.

Im Oktober stehen Dienststellenversammlungen an, die von der FSG allerdings in keiner Weise beworben werden. Es gibt einen kurzen Informationstext, den 90% der KollegInnen aber gar nicht wahrnehmen. Dort wird die Dienststellenversammlung als Informationsveranstaltung über das neue Gehaltsschema abgetan. Widerstand will man dort scheinbar keinen organisieren.

Was bräuchte es aus deiner Sicht, damit die Bedingungen in den Krankenhäusern für Beschäftigte und PatientInnen besser werden?

Mehr Personal. Ich war schon immer der Überzeugung, dass es am Personalschlüssel liegt. Gehalt ist ein wichtiges Thema. Ich zähl jetzt nicht zur schlecht bezahltesten Berufsgruppe. Das spricht sich natürlich leichter, weil ich im neuen Schema bin. Aber auch im alten Schema ist das Gehalt in Ordnung, wenn auch nicht wirklich angemessen.

Aber der Personalschlüssel macht’s aus. Da geht’s um Überstunden, Krankenstände aufgrund von Überforderung, PatientInnengefährdungen, die laufend stattfinden und mittlerweile akzeptiert werden. Natürlich sind Ambulanzzeiten und gute Arbeitsmittel wichtig. Aber der Personalschlüssel ist das um und auf.

Wie schlägt sich das im Arbeitsalltag nieder?

Es gibt einen vorgeschriebenen PatientInnen-Pflegepersonen-Schlüssel. Aber das ist der absolute Notbetrieb. Auf vielen Stationen ist das aber seit Jahren der Normalzustand. Da gibt’s keine Reserven, die genutzt werden könnten. Sobald es Krankenstände gibt müssen andere KollegInnen Überstunden leisten um die Löcher zu stopfen. Es steht auch in unseren Verträgen, dass der Arbeitgeber das Arbeitsgesetz mit Begründung dehnen darf. Die Begründung ist im Prinzip das System. Wenn ich jeden Tag im Notbetrieb bin, habe ich täglich eine Begründung, die MitarbeiterInnen mehr arbeiten zu lassen, als sie eigentlich dürften.

In weiterer Folge heißt das, das Stationen oder Betten gesperrt werden und das Stationen bestimmte Bereiche nicht mehr mitbetreuen können – und diese dann wieder von anderen übernommen werden müssen. Das Ambulanzen lange Wartezeiten haben, hat auch seine Gründe.

Woran liegt deiner Meinung nach dieser Personalmangel?

Ich denke wir sind in einer Wirtschaftspolitik gefangen, die das Gesundheitssystem nicht als Ausgabeposten, sondern unter kapitalistischen Gesichtspunkten sehen will. So lange das der Fall ist, so lange die Wirtschaftlichkeit des Gesundheitssystems propagiert wird, kann man sich auch nicht mit höherer Bezahlung für mehr Personal auseinandersetzen.

Es gibt ja eine Menge offene Stellen in den Wiener Krankenhäusern…

Ja, die gibt’s. Und der Versuch diese Nachzubesetzen, mit der neuen Ausbildung der PflegeassistentInnen, ist da. Der Personalmangel wird wahrgenommen, aber es werden die falschen Antworten darauf gegeben. Man versucht die Arbeit, die es zu erledigen gilt, mit einem möglichst hohen Anteil an billigen Arbeitskräften, zu schaffen. Und nicht mit höher qualifizierten Kräften. Es wird zum Beispiel nicht für die Diplomierten-Ausbildung, sondern für die Ausbildung zur PflegefachassistentIn geworben. Sogar in der U-Bahn. Das Diplom kostet zu viel – und wir daher nicht beworben.

Mit dieser Entwicklung ist also davon auszugehen, dass es in Zukunft weniger gehobenes Pflegepersonal gibt, sondern mehr AssistentInnen und FachassistentInnen. Was wird dann die Rolle der gehobenen Pflege sein?

Ich denke, man setzt beim teuersten Personal an. Das sind die ÄrztInnen. Wir hatten schon vor ein paar Jahren die Entwicklung, dass Aufgaben von den ÄrztInnen auf die Diplomierten verlagert wurden. Und das wird sich einfach weiterentwickeln. Man wird noch weniger ÄrztInnen einstellen. Und noch mehr Aufgaben an geringer qualifiziertes Personal delegieren. So ist zum Beispiel vorgesehen, das Anhängen von Blutprodukten, was mit einer immensen Verantwortung und rechtlichen Haftungsfragen verbunden ist, an die Pflege abzuschieben.

Ich habe auch schon von verschiedenen KollegInnen gehört, dass sie Kurse bekommen haben, wo es darum geht, den „Status“ von neuen PatientInnen zu erheben. Das haben bis jetzt immer ÄrztInnen gemacht. Mittlerweile gibt’s Kurse für Personen aus der Pflege – die sie ironischerweise selbst bezahlen müssen.

Zusätzlich zu dem Mehr an Aufgaben geht es dabei auch um das Mehr an Verantwortung, über alle weniger qualifizierten Bereiche, welche den Diplomierten damit umgehängt wird. Dabei geht es um die Verantwortung für Aufsicht und Anordnung. Irgendwo muss diese bleiben, und das wird nicht bei den AssistentInnen sein. Die TurnusärztInnen haben diese Verantwortung übrigens nicht, aber auf die Diplomierten wird sie wohl zukommen.

Die AssistentInnen dafür, das steht schon in der neuen Gesetzesnovelle, dürfen Venen punktieren. Es wird eine Frage der Zeit sein, wann diese Kompetenzen ausgeweitet werden. Die Rolle der Diplomierten wird sein, ärztliche Tätigkeiten zu übernehmen, wie man es in den USA schon sieht. Es geht dabei auch um Planung und Verantwortung. In Zukunft werden immer weniger Diplomierte am Bett stehen, sondern diese Arbeiten werden weitgehend von niedriger qualifizierten und schlechter bezahlten Berufsgruppen übernommen werden. So reicht dann eine diplomierte Kraft pro Dienst pro Station.

Wir können jetzt schon in den Pflegeschulen sehen, dass in den Kursen für PflegeassistentInnen viele sitzen, die vom Arbeitsmarktservice (AMS) unfreiwillig verpflichtet worden sind. Da ist dann keine Motivation mehr dahinter diesen Beruf zu lernen, sondern es geht darum einen Beruf zu haben. Und das ist zumindest in unserem Bereich fragwürdig.

Danke für das Gespräch

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