Nationalistisches Massaker in Odessa

In der südukrainischen Hafenstadt Odessa hat ein nationalistischer Mob ein Gewerkschaftsgebäude in Brand gesetzt, in welches sich Gegner_innen der Übergangsregierung zurückgezogen hatten. In den bürgerlichen Medien wird das Ereignis verharmlost, kleingeredet oder totgeschwiegen. Wir veröffentlichen eine Erklärung der linken, internationalistischen Organisation Borotba, die bei dem rechtsextremen Angriff ein Mitglied verloren hat. (Übersetzung: Reinhard Lauterbach/junge Welt). Ob wir mit den politischen Einschätzungen von Borotba übereinstimmen, können wir derzeit nicht sagen, finden deren Sichtweise allerdings angesichts der mehr als einseitigen Berichterstattung in den deutschsprachigen "Leitmedien" äußerst wichtig. 

 Neo-Nazi-Terror in Odessa: Über 40 Getötete, mehrere hundert Verletzte

Am 2. Mai wurden unter dem Vorwand eines Marsches »Für die Einheit der Ukraine« aus Anlaß des Fußballspiels zwischen »Tschernomorez Odessa« und »Metalist Charkiw« Kampfgruppen ukrainischer Nationalisten aus verschiedenen Städten nach Odessa geschafft. Sie kamen sowohl mit der Bahn als auch in Kleinbussen. Schon zu Anfang, als sie sich am Kathedralenplatz (Sobornaja Ploschtschad) versammelten, fiel unter den gewöhnlichen rechtsradikalen Fußballfans eine Gruppe gut ausgerüsteter Kämpfer mit Schildern, Helmen, Knüppeln, Luft- und Infanteriewaffen auf. Überwiegend handelte es sich um Männer zwischen 30 und 40 Jahren, die keine Fußballfans waren. Manche Schilder waren mit »14. Hundertschaft der Selbstverteidigung« beschriftet. Genau diese nationalistischen Kämpfer waren die Kerngruppe des blutigen Überfalls auf Bürger von Odessa am Kulikowo Polje.

Von seiten der Nationalisten nahmen an Marsch und Schlägerei über 1000 Personen teil. Bürger von Odessa waren unter ihnen in der Minderheit; die Mehrzahl waren hertransportierte Kämpfer. Man erkannte sie an ihrer für Odessa untypischen Redeweise, manche hatten auch keine Hemmungen zu erzählen, woher sie kamen. Die örtlichen Fans von »Tschernomorez« verließen den Marsch in Massen, als die Zusammenstöße begannen. Die »Tschernomorez«-Fans hatten sich zu einem traditionellen gemeinsamen Marsch zum Stadion versammelt. Als klar wurde, daß die zugereisten Provokateure diesen gegen die eigenen Mitbürger lenkten, verließ die Mehrheit der Leute, die die schwarz-blauen Schals des Odessaer Klubs trugen, den »friedlichen« Marsch. Die angereisten Kämpfer dagegen marschierten überhaupt nicht in Richtung Stadion; ihr Ziel war von vornherein, die Bewohner der Stadt zu terrorisieren und Ausschreitungen gegen die Gegner der Kiewer Junta zu begehen. Die Aktion der Nationalisten war von Anfang an unfriedlich; sie wollten Krieg.

Polizisten waren in äußerst geringer Anzahl zu sehen, obwohl allein die Polizei des Gebiets Odessa ohne weiteres in der Lage gewesen wäre, eine Menschenmenge von 1000 Teilnehmern von Pogromen und Morden abzuhalten. Wie sich später herausstellte, hatten die meisten Polizisten den Befehl erhalten, die Verwaltung des Innenministeriums (das Polizeipräsidium, jW) zu verteidigen. Auf diese Weise wurde die Stadt den neonazistischen Schlägern ausgeliefert. Das ist nicht weiter erstaunlich, da der gegenwärtige Innenminister Arsen Awakow langandauernde und enge Verbindungen zu den Neonazigruppierungen hat, die sich jetzt zum Rechten Sektor zusammengeschlossen haben.

Als die Kolonne der Nationalisten die Griechische Straße (Uliza Gretscheskaja) entlangzog, stellten sich ihnen einige wenige (200–250) Aktivisten des »Odessaer Selbstschutzes« (Odesskaja Druzina) entgegen. Sie wurden von den Nationalisten mit Steinen, Flaschen und Blendgranaten beworfen. Es waren Schüsse zu hören. Iwan, ein Aktivist der »Borotba«, erhielt einen Bauchschuß aus einer Infanteriewaffe. Vor der Gewalt der Rechten flüchteten die Aktivisten des Selbstschutzes in das Warenhaus »Afina« am Griechischen Platz (Gretscheskaja Ploschtschad). Der nationalistische Mob wollte sie verfolgen; vor Ort am Griechischen Platz bastelten sie Molotow-Cocktails, um das ganze Einkaufszentrum einschließlich der Aktivisten des Selbstschutzes, die sich darin verbarrikadiert hatten, anzuzünden. Der Polizei gelang es, den Aktivisten das Leben zu retten, indem sie den Eingang ins Einkaufszentrum mit Fahrzeugen blockierte.

 

Anschließend zog der nationalistische Mob in Richtung Kulikowo Polje, wo sich das Zeltlager der Gegner der Kiewer Junta befand. Dort waren neben anderen Odessaer Aktivisten auch Mitglieder von Borotba postiert. Im Lager befanden sich etwa 200 Menschen, etwa die Hälfte von ihnen Frauen und ältere Männer.

Die Neonazis begannen, das Zeltlager mit Molotow-Cocktails zu bewerfen, es brach ein Brand aus. Die Aktivisten waren gezwungen, sich in das in unmittelbarer Nähe liegende Gewerkschaftshaus zurückzuziehen.

In ihrem Versuch, die Bürger von Odessa »fertigzumachen«, setzten die Ultrarechten das Erdgeschoß des Gewerkschaftshauses in Brand. Das Feuer breitete sich rasch aus.

Um sich vor den Flammen zu retten, begannen die Menschen, aus den oberen Stockwerken des Gebäudes herauszuspringen. Am Boden prügelten die nationalistischen Kämpfer auf sie ein. Auf diese Weise kam unser Genosse Andrej Brazewski ums Leben. Viehisch mißhandelt wurde auch unser Mitkämpfer Wjatscheslaw Markin.

 

Mehr als dreißig Aktivisten sind am Freitag lebendig verbrannt, an Rauchvergiftungen erstickt oder von den Nazis auf der Flucht aus dem brennenden Gebäude ermordet worden. Zum Glück gelang es den meisten unserer Genossen, lebend zu entkommen. Einige unserer Genossen, darunter der Leiter der Borotba in Odessa, wurden durch Schläge und Fußtritte schwer mißhandelt, sie haben zahlreiche Verletzungen, Knochenbrüche und Schädel-Hirn-Traumata davongetragen.

Das Blutbad in Odessa wurde von der Kiewer Junta mit dem Ziel organisiert, die mit dem neuen Regime unzufriedene Bevölkerung einzuschüchtern und gegen die aktiven Kämpfer gegen die Junta vorzugehen. Davon zeugen sowohl die gute Vorbereitung der angereisten Kämpfer, die völlige Passivität der Polizei als auch die Tatsache, dass der Überfall der Ultrarechten in Odessa zeitlich mit dem »Antiterroreinsatz« in Slowjansk zusammenfiel.

Die Kiewer Junta hat Kurs auf die physische Vernichtung ihrer politischen Gegner genommen. Als Werkzeug dieses Feldzugs dienen ultrarechte Kämpfer, die im engen Kontakt mit den Geheimdiensten stehen und von der Oligarchie gut bewaffnet und großzügig finanziert werden.

Das Blutbad in Odessa zeigt, daß das Kiewer Regime der Nationalisten und Oligarchen mehr und mehr zu einer offen terroristischen Diktatur faschistischen Typs wird.

 

Zum Weiterlesen: 

Stellungnahme zum Konflikt um die Krim (März 2014)

Die Ukraine im Umsturz (Februar 2014)