Kapitalismus tötet

In einer chinesischen Fabrik des Elektronikgiganten Foxconn ist es erneut zu Selbstmorden von ArbeiterInnen gekommen. Hinter den Vorfällen stehen keine psychischen Probleme Einzelner, sondern ein mörderisches Produktionssystem.

Am 14. Mai stürzte sich ein 30-jähriger Arbeiter vom Dach eines Foxconn-Gebäudes in der ostchinesischen Stadt Zhengzhou. Er hinterlässt eine Ehefrau und einen fünfjährigen Sohn. Drei Wochen zuvor hatten sich binnen drei Tagen eine 23-jährige Frau und ein 24-jähriger Mann auf die gleiche Art und Weise das Leben genommen. Die Vorfälle erinnern an die Selbstmordserie im Frühjahr 2010, als in den beiden Foxconn-Werken in Shenzhen 13 Menschen in den Tod sprangen.

Das System Foxconn

Der Elektronikkonzern Foxconn ist mit über 30 Standorten in China vertreten und beschäftigt dort über eine Million ArbeiterInnen. Bei den Anlagen des taiwanesischen Unternehmens handelt es sich nicht einfach um Fabriken. Rund um die Produktionsanlagen werden Wohnheime, Kantinen, Märkte, ja ganze Städte errichtet. In der größten dieser Anlagen, Longhua im südchinesischen Shenzhen, leben und arbeiten mehr als 430.000 Menschen. Es sind sehr junge, großteils weibliche ArbeiterInnen ländlicher Herkunft, im Deutschen in der Regel als „WanderarbeiterInnnen“ bezeichnet. Gegenüber den eingesessenen StadtbewohnerInnen werden sie rechtlich und kulturell noch immer diskriminiert.

Zu den Abnehmerfirmen von Foxconn gehören unter anderem Acer, Apple, Dell, HP, Intel, Microsoft, Nokia und Sony. Die Firma fertigt Geräte, die im „Westen“ Kultstatus erlangt haben, wie das iPhone oder die Sony Playstation. Letztes Jahr nahm das Unternehmen in den Fortune-500, der Rangliste der umsatzstärksten Konzerne, den 43. Platz ein – noch vor seinem größten Kunden Apple.

Brutale Ausbeutung

Der Aufstieg von Foxconn beruht auf auf brutaler Überausbeutung hunderttausender junger ArbeiterInnen die in ein menschenverachtendes Fabriksystem gezwängt werden. In Foxconn-Werken geben die Fließbänder ein beinhartes Arbeitstempo vor, begleitet vom rauen Umgangston der VorarbeiterInnen. Die Produktion ist extrem zerteilt. Jede Arbeiterin, jeder Arbeiter macht nur ein oder zwei Handgriffe. Den ganzen Tag. Die ganze Woche. Den ganzen Monat.

In der Regel müssen die ArbeiterInnen 80 Überstunden pro Monat leisten, erlaubt sind 36. Häufig müssen sie sich dann auch nach der Arbeit die immer gleichen Vorträge der Chefs anhören oder sogar Texte mit Selbstkritik verlesen. Während der Arbeit herrscht Redeverbot. Ein Anblick, der das Gequatsche so mancher Soziologie-ProfessorInnen vom „postindustriellen Zeitalter“ Lügen straft.

ArbeiterInnen bei Foxconn, die Lautsprecher an MP3-Playern montierten, meinten im Interview mit Hongkonger WissenschaftlerInnen:

„Nach der Arbeit mussten wir alle, mehr als hundert ArbeiterInnen bleiben. Das passiert immer, wenn eine Arbeiterin bestraft wird. Ein Mädchen wurde gezwungen, in Habachtstellung laut eine Selbstkritik vorzulesen. (…) Sie weinte. Ihre Stimme wurde leiser… Dann schrie die Meisterin: „Wenn eine Arbeiter eine Minute verliert, wie viel Zeit würden dann hundert Arbeiter verschwenden?“

Die Kontrolle der Firma geht aber weit über die Werkshalle hinaus, bis in die Kantinen und Wohnheime, wo das kleine Stückchen Privatsphäre ein Stockbett mit einem selbst gebastelten Vorhang ist. ArbeiterInnen vom selben Fließband werden – wohl bewusst – völlig verschiedenen Schlafheimen zugeordnet, um jedwede „Unruhen“ zu verhindern. Auf die Selbstmordserie vor drei Jahren reagierte Foxconn nicht etwa mit einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Nein, es wurden bloß Netze an den Gebäuden angebracht, um zu verhindern, dass sich ArbeiterInnen in den Tod stürzen.Das ist die hässliche Fratze des heutigen Kapitalismus, der globalen „just-in-time“-Produktion.

Und auch Foxconn ist letztendlich nur ein Teil des Systems und nicht das personifizierte Böse. Würde das Unternehmen anders handeln, die internationalen Markenkonzerne würde sich einfach einen anderen Zulieferbetrieb suchen. Sie können sich also nicht aus der Verantwortung stehlen. Und letzten Endes ist es das Prinzip der kapitalistischen Konkurrenz an sich, das solche schrecklichen Dinge hervorbringt.

Ihr System mordet

Die Toten bei Foxconn sind nicht Opfer ihrer labilen Psyche geworden. Sie sind Opfer des globalen Kapitalismus. Opfer desselben Systems, dass auf der Ausplünderung ganzer Erdteile und der Überausbeutung von Millionen an Menschen basiert. Opfer eines Systems, dessen Profiteure, die KapitalistInnenin China, Europa, den USA oder anderswo, sich nicht darum scheren, wenn für ihren Profit Menschen sterben.

Doch die ArbeiterInnen in China sind nicht nur Opfer. Sie sind vor allem Menschen mit Bedürfnissen, Wünschen, Träumen und Ideen. Akteure, die bereit sind, für ihre Interessen zu kämpfen. Seit Jahren steigt die Anzahl an Streiks und sonstigen Arbeitskämpfen in China. Häufig spontan, immer öfter aber auch geplant und durchorganisiert. Kämpfe, die Hoffnung geben und die Aufmerksamkeit und Unterstützung der europäischen Linken brauchen. Denn China ist heute nicht nur die Werkbank der Welt, es ist auch auf dem Weg, das Zentrum des internationalen Klassenkampfs zu werden.

 

Alle Fakten sowie das Zitat der Foxconn-ArbeiterInnen in diesem Artikel stammen aus dem neu erschienen Buch:

Arbeitskämpfe in China

Berichte von der Werkbank der Welt

Egger China Steinmassl Arbeitskämpfe Foxconnherausgegeben von Georg Egger/Daniel Fuchs/Thomas Immervoll/Lydia Steinmassl

Promedia-Verlag

Zum Online-Shop des Verlags

 

 

 

Zum Weiterlesen:

Krise und Klassenkampf in China

Steve's Jobs

Buchbesprechung: „Aufbruch der zweiten Generation“

60 Jahre Volksrepublik China: Klassenkämpfe im Schatten der Feierlichkeiten

China: Der tägliche Streik

 

 

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