–„Seine Heiligkeit–“, der Dalai Lama, auf göttlicher Mission in Wien

11 Tage wird Tendzin Gyatsu, der immer lächelnde 14. Dalai Lama, seine unterwürfigen JüngerInnen mit seiner Präsenz in Österreich beglücken. Führende PolitikerInnen bitten ergebenst um Privataudienzen, Medien ergehen sich in huldvollen Berichterstattungen und Schmeichelinterviews. Die schwarzen – oder blutig-braunen – Seiten des tibetischen Buddhismus und der Lama-Sekte werden auf breiter Front im Mythos ertränkt.

Der Dalai Lama (übersetzt: „Ozean der Weisheit“, „ozeangleicher Lehrer“, "herrlich verdienstvoller Ozean", etc. pp.) spricht in der Kronenzeitung über seine Sorgen ob der „Zerstörungen besonders an der kulturellen Tradition“1 Tibets. Man fragt sich, von welcher Kultur er spricht.

Verklärte tibetische „Kultur“geschichte

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war Tibet eine finstere Feudaldiktatur, in der der lamaistische Klerus totalitär das Leben der Mehrheit der Bevölkerung vereinnahmte und ruinierte. Folter, Frauenunterdrückung, Kindermissbrauch, Religionskriege, Opferrituale, Sklaverei, Ausbeutung und Leibeigentum bestimmten das „gesellschaftliche“ Leben in Tibet über Jahrhunderte. Verantwortlich dafür: eine herrschende, unanfechtbare dynastische Hierarchie in Kombination mit der indoktrinierenden, entmündigenden Theokratie.

Während Adel und Mönchsdynastie alleinige Großgrundbesitzer waren und der Dalai Lama im Potala-Palast mit seinen 1.000 Zimmern residierte, hatte die große Mehrheit der SklavInnen, Leibeigenen und „einfachen“ Leute keine materielle Perspektive. Das monopolisierte „Ausbildungssystem“ in den Klöstern vergiftet die Gehirne, vernebelt das Bewusstsein und blockiert jede Form der sozialen Emanzipation.2/3 Im indischen Exil Dharamsala herrscht ebenso religiöse Tyrannei, Armut und Gleichschaltung4, parallel dazu wird der Dalai Lama für die nationale Selbstbestimmung der tibetischen Jugend und die „free tibet“-Bewegung zur Ikone verklärt.

Lamaistische Realitäten

Im Westen dient Herr Gyatsu, „Häuptling der Gelbmützen“2, der obrigkeitstreu als „Seine Heiligkeit“ oder „Seine Exzellenz“ hofiert wird, nach wie vor als Projektionsfläche für Friedfertigkeit (Friedensnobelpreisträger), Menschenliebe und Güte. Seine Vorträge sind von allgemeingültigem Allerweltsgeschwafel und der „spirituellen“ Vermittlung von esoterischem Mythen wie Karma, Reinkarnation, Hellseherei, Augurentum, Astrologie, Telekinese, etc. pp. geprägt.

Dabei dienen seine Reisen als perfekte Inszenierungsshow, die seinen Alleinvertretungsanspruch weiter untermauern sollen. Dass die Lamaismus-Industrie auch enorm lukrativ ist und der Dalai Lama selbst als machbewusster Stratege im globalen Kapitalismus neben/vermittels (und im Interesse von) Großmächten agiert wird ebenso wenig thematisiert wie seine wohlbekannte Vergangenheit, in der Rechtsextreme und religiöse TerroristInnen eine relevante Rolle spielen.

Vom Lamaismus bis zum Faschismus

Abgesehen vom kultischen Nahverhältnis zum Faschismus, den hierarchischen und völkischen protofaschistoiden Elementen im Buddhismus, hielt der Dalai Lama auch innige Freundschaften zu diversen Nazis aus aller Herren Länder. Da wäre Bruno Beger, ein hochrangiger SS-Mann und verurteilter Kriegsverbrecher, der an der berüchtigten Tibet-Expedition 1938/39 (Suche nach „SS-Ahnenerbe“, Realisierung der „okkulten Achse Berlin-Lhasa“) teilgenommen hat. Zu Beger stand Gyatsu bis zu seinem Tode im Jahre 2004 in freundschaftlicher Beziehung.

Zum anderen wäre Heinrich Harrer zu nennen, seit 1933 SA-Untergrundkämpfer, später SA-Mann und SS-Oberscharführer, aber auch Figuren wie der österreichische Rechtsextremist Jörg Haider oder Miguel Serrano, Führer der "Nationalsozialistischen Partei Chiles" und Vordenker des sogenannten "Esoterischen Hitlerismus". Nationalistische Bewegungen wie die NPD haben ihn als Inspiration entdeckt, zu ansprechend und verlockend sind rassisch-elitäre Parolen a lá „Tibet den Tibetern“. Ebenfalls zu Gyatsus Freunden zählen Terroristensekten wie „AUM“ (Ōmu Shinrikyō), deren Anführer Shoko Asahara, durch buddhistische Ideen vorgeprägt, mit einigen Zusammentreffen mit dem Dalai Lama aufzuwarten hat.5 „AUM“ ist für 13 Tote und über 6.200 Verletzte im Zuge eines Giftgasmordanschlags in der Tokioter U-Bahn verantwortlich. Über Shoko Asahara weiß Gyatsu wohlwollend als „Freund, wenngleich nicht unbedingt einen vollkommenen“3 zu sprechen. Wie „gütig“.

Doch auch auf anderen Ebenen hat der „Dalai Lama“ einiges zu bieten. Sein Verhältnis etwa zu Homosexualität und zur Frauenunterdrückung ist hoch problematisch und reaktionär (mehr dazu in Kindesmissbrauch und Giftgas: Die wirkliche Welt des Dalai Lama: http://www.sozialismus.net/content/view/84/138/)

Um nicht missverstanden zu werden: es gibt auch durchaus Gründe für die Popularität, die Gyatsu als Frontmann des tibetischen Buddhismus in Tibet genießt, nämlich die Unterdrückung der TibeterInnen durch die chinesische Diktatur (die viele die Diktatur der Lamas davor vergessen macht). Und selbstverständlich verteidigen wir das Recht der TibeterInnen auf ein selbstbestimmtes Leben … doch lässt uns das nicht übersehen, dass für tatsächliche Selbstbestimmung eben sowohl eine Überwindung der chinesischen Diktatur wie des religiösen Wahns der Lamas notwendig ist.

Religiöses Seelenheil?

Aber interessiert die, ausschließlich um ihr eigenes „Seelenheil“ engagierten, Fans des lamaistischen Buddhismus diese Vergangenheit und Realität überhaupt? Wohl kaum. Karma, Erleuchtung und Reinkarnation stehen für sie auf der Tagesordnung, der Kampf um Freiheit und Emanzipation in der sozialen und materiellen Existenz, unserer einzigen Realität, nicht. Für sie regiert Fatalismus und Irrationalismus, letztlich: Antihumanismus, Ungleichheit, Unterdrückung.

Die eigenen Privilegien sollen darüber hinaus nicht angetastet werden. Denn wie alle esoterischen und religiösen Ideologien ist der Lamaismus gegen universelle Solidarität und Selbstbestimmung gepolt. Das Schicksal – in welcher Form auch immer – aus der eigenen Hand zu geben heißt, die herrschende Ordnung, ein „Oben“ und ein „Unten“, das heißt im Kern den Kapitalismus, zu verewigen. Und was Karl Marx und Friedrich Engels 1845 schrieben, mag für Tibet und Esoterik-Berauschte auch heute noch Berechtigung haben: Noch hat der „reale Humanismus (…) keinen gefährlicheren Feind als den Spiritualismus“6 gefunden.

Die Weltwirtschaftskrise geht in die nächste Runde und der Dalai Lama steht zur Stelle. Selbstverliebt schwärmt er: „Die Lehre Buddhas ist 2.500 Jahre alt und überall auf dem Planeten wächst das Interesse am Buddhismus. Der Marxismus ist kaum 200 Jahre alt, aber dieses System verschwindet schon.“1 Das ist nun in der Tat historischer Irrationalismus. Der Dalai Lama irrt weiter.

Fußnoten:

1 Kronen Zeitung , gef. am 17.05.2012

2 Jutta Ditfurth, „Entspannt in die Barbarei. Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrimus“, 1996 (Konkret Verlag)

3 Colin Goldner, Dalai Lama – Fall eines Gottkönigs, 1999/2008

4 WSWS , gef. am 20.05.2012

5 Focus , gef. am 17.05.2012

6 Karl Marx, Friedrich Engels „Die heilige Familie, oder Kritik der kritischen Kritik. Gegen Bruno Bauer & Consorten“, 1845

Zum Weiterlesen:

50 Jahre Aufruhr in Tibet:

Kindesmissbrauch und Giftgas: Die wirkliche Welt des Dalai Lama:

Gesammelte Artikel der RSO zu China:

 

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