Atom-Katastrophe in Japan: Schuld und Widerstand

Die Atom-Katastrophe in Japan bewegt derzeit die meisten von uns. Doch wie konnte es dazu kommen? Wer ist dafür verantwortlich? Und stimmen unsere Bilder von den Menschen in Japan als permanent fleißigen „Arbeitsbienen“ eigentlich?

Japan wurde von drei Katastrophen heimgesucht, dem Tsunami, dem Erdbeben und nun der Gefahr atomarer Verstrahlung. Zwei davon sind natürlich, die dritte vom Menschen gemacht. Doch hätte die dritte Gefahr verhindert werden können?

Dass es Probleme in den AKW´s gibt, ist seit Jahren klar. 2002 kam ans Licht, dass Tepco, Betreiber des betroffenen AKW Fukushima, 16 Jahre lang Unfälle, Reparaturen etc. verschleppt bzw. nicht gemeldet hatte. Bereits 2008 warnte die Internationale Atomenergie-Behörde, dass die Atomkraftwerke nicht sicher genug gebaut seien, um starken Beben standzuhalten. Die japanische Regierung hatte sich sogar einem Gerichtsbeschluss über die Schließung eines nicht erdbebensicheren Reaktors widersetzt.

„Wegwerfarbeiter“

Vom Betreiberkonzern Tepco wurden seit Jahren Obdachlose und ArbeiterInnen aus anderen Ländern eingesetzt. Laut Bericht des deutschen TV-Senders WDR sind sogar Minderjährige dabei. Wenn diese Menschen dann eine Zeitlang gearbeitet hatten und verstrahlt waren, wurden sie gefeuert. Die Firma nannte sie „Wegwerfarbeiter“.

Auch diejenigen, die derzeit im AKW versuchen zu retten, was zu retten ist, sind wohl zum Tode verurteilt. Interessanterweise ist über diese Menschen nichts bekannt. Offenbar will Tepco auch jetzt nicht klar legen, wer denn gerade sein Leben riskiert. Im Gegenteil: als bekannt wurde, dass drei Arbeiter verstrahlt seien, erklärte Tepco, dass sie selbst schuld seien. Vielleicht sollte besser das Management von Tepco selbst das Schlamassel ausbaden?

Private Strom-Konzerne

Wer ist Tepco eigentlich? Die „Tokyo Electric Power Company“ ist der viertgrößte Energiekonzern der Welt. Größer sind nur die deutsche E.ON, die französische ÉdF sowie die ebenfalls deutsche RWE (wo Ex-ÖVP-Bundeskanzler Schüssel als Lobbyist hundertausende Euro abcasht). Das Energiesystem in Japan wurde bereits Anfang der 1950er privatisiert. Tepco ist also ein privater Konzern – und somit auf möglichst große Gewinne ausgerichtet. Die Vertuschungen und nicht durchgeführten Reparaturen sind kein Unfall, sondern logische Folge davon, wenn Daseinsvorsorge privatisiert wird. Tepco hat übrigens keine Versicherung für den Ernstfall, bezahlen werden also letztlich die japanischen Lohnabhängigen.

Erschwerend sind die Folgen der Privatisierungen auch aktuell. Denn dass es immer wieder zu Stromausfällen kommt, liegt vor allem daran, dass es kein landesweites Stromnetz gibt, sondern verschiedene regionale Stromnetzbetreiber. Und die verschiedenen Netze sind überdies kaum miteinander verbunden, die Stromversorger können daher kaum Strom austauschen. Zu allem Überfluss gibt es keine einheitliche Stromqualität in den Netzen.

Arbeitsbienen …

Wir lesen immer wieder in den Medien, dass die Menschen in Japan ja ach so geduldig seien und sich irgendwie auch gerne zu Tode schinden würden. Oft werden sie hierzulande von der Wirtschaft sogar als Vorbild dargestellt. Doch ist das die Wirklichkeit?

Es stimmt, viele Menschen in Japan arbeiten sehr viel. Aber warum? Es gibt in Japan de facto kein funktionierendes Sozialsystem. Nur 20% der Arbeitslosen bekommen eine – zeitlich begrenzte – Arbeitslosenunterstützung, der Rest hat keinerlei Unterstützung. Immer mehr Menschen schlafen in Bars oder Internet-Cafes, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können. 30.000 Menschen begehen jährlich Selbstmord, auch, weil sie diese Situation nicht mehr ertragen. Bei Männern zwischen 25 und 45 ist Selbstmord Todesursache Nummer eins.

… oder Menschen, die genug haben?

Der Widerstand gegen diese Verhältnisse ist schwierig. KollegInnen, die sich wehren, werden oft sofort entlassen – oder die Gruppen werden zerschlagen, indem KollegInnen versetzt werden. Der Vorsitzende der linken Studierenden-Gewerkschaft Zengakuren und zahlreiche weitere KollegInnen und StudentInnen sitzen sogar im Gefängnis.

Doch sogar unter diesen Verhältnissen gibt es genug KollegInnen, die aktiv sind. Für diese KollegInnen und AktivistInnen ist vor allem der Begriff „Danketsu“ wichtig. Danketsu lässt sich mit „Einheit“ und „Solidarität“ übersetzen, etwas freier auch als „rote Treue“. Und die KollegInnen kämpfen: Die BauarbeiterInnen haben letztes Jahr einen mehrmonatigen Streik geführt. Die EisenbahnerInnengewerkschaft Doro Chiba kämpft gegen Privatisierungen und versucht, KollegInnen verschiedener Branchen zu organisieren.

Und den KollegInnen von Doro Chiba soll auch das letzte Wort über die aktuelle Situation gehören: „Nicht nur die Katastrophengebiete, sondern große Teile von Ost-Japan sind mit massiven Entlassungen und Arbeitslosigkeit konfrontiert. Wir sehen [gleichzeitig], dass jetzt der Kurs des Yen steigt. Die KapitalistInnen wollen jetzt durch finanzielle Operationen Gewinne machen und einen Vorteil aus der Katastrophe ziehen wie Hyänen. Das ist es, was die kapitalistische herrschende Klasse macht. Etwas ist fundamental falsch mit dieser Gesellschaft.“

 

 

 

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