Berlin: –„Arm und sexy? Teuer und öde!–“

Diese Überschrift zu einem in „Spiegel online“ erschienen Artikel greift eine Atmosphäre auf, die sich mehr und mehr in den Berliner Straßen ausbreitet.

Die Aussage von Klaus Wowereit, Berlin sei „arm aber sexy“, hat für viele nichts mehr mit der Realität zu tun. Das ist der Grund, warum selbst bürgerliche Medien mittlerweile über den Prozess der „Gentrifizierung“ und dessen Folgen berichten.

Gentrifizierung

Zu allererst siedeln sich in einem Gebiet mit niedrigem Mieteniveau vor allem Mittellose an, wodurch eine bunte Mischung aus freischaffenden KünstlerInnen, StudentInnen, MigrantInnen, schlechtbezahlten ArbeiterInnen und Anderen entsteht. Diese schaffen durch ihre verschiedenen Lebensrealitäten und ihren teils alternativen Erfindungsreichtum ein besonderes Flair, was zunehmend auch von Leuten aus anderen Bezirken geschätzt und genossen wird. 

Dies wiederum ruft InvestorInnen und EigentümerInnen auf den Plan; sie riechen die Möglichkeit daraus Profit zu schlagen. Neue Cafés und Bars sprießen überall, die mehr und mehr auf den Geldbeutel der zuziehenden wohlhabenderen Klientel ausgerichtet sind, wodurch immer mehr Leute auf das heitere Straßentreiben aufmerksam werden. Die Folge: der Prozess beschleunigt sich. Bald können die VermieterInnen sich vor Anfragen kaum noch retten und setzen dementsprechend die Mieten hoch. Jetzt beginnt die Verdrängung; viele Leute können sich die erhöhten Wohn- und Lebenskosten nicht mehr leisten und müssen sich wo anders nach einer Bleibe umschauen.

Im Zuge dieses Prozesses mussten in den letzten Jahren viele BerlinerInnen aus Bezirken wie Kreuzberg-Friedrichshain  wegziehen, obwohl sie dem Bezirk erst den Charme verliehen hatten, der nun vor allem auch GroßinvestorInnen und Ketten wie Starbucks oder MC Donalds anzieht.

Widerstand regt sich

Seit längerem zeigt sich schon, dass manche der Verdrängten nicht einfach klein beigeben wollen. Und in Teilen können sie bei ihrem Widerstand auch mit der Sympathie der Zugezogenen rechnen. Am 10. Juli 2010 hat man diesen Widerstand, während der Megaspree-Demo, vereinigt auf der Straße gesehen. Absolut verständlich fordern sie einen sofortigen Mieten-Stopp und die Stadtumstrukturierung zugunsten aller Menschen, um vor allem auch den weniger verdienenden eine bestmögliche soziale Einbindung in den gesellschaftlichen Alltag der Großstadt Berlin zu ermöglichen.

Kurzfristige Erfolge lassen sich bereits abzeichnen. So wurde zum Beispiel der Investor Kauka bei seinem Projekt, in der Reichenberger Straße eine noble Wohnanlage zu etablieren, in der die Luxus-MieterInnen mit ihren Karossen bis ins Wohnzimmer fahren können, empfindlich durch wiederholte militante „Farbbeutel-Aktionen“ getroffen. Seine Wohnungen bekommt er nun nicht verkauft und wird voraussichtlich Verluste einstreichen. 

Jedoch können Phrasen wie „Spreeufer für alle“ oder „Wir bleiben alle“ den Herrschenden leider nicht wirklich den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Denn der Prozess der Gentrifizierung ist ein Symptom des Kapitalismus und wird so lange wieder auftreten bis man diese Krankheit an sich heilt und überwindet.

Das Profitinteresse hinter großangelegten Projekten wie „Mediaspree“ ist so groß, dass es sich nicht durch einen appellartigen Protest beeindrucken lassen wird, und auch ein militanter Widerstand kann das Grundproblem von Gentrifizierung nicht lösen.

Gezielter Widerstand heißt Klassenkampf 

Es ist an der Zeit, das entstandene Bewusstsein zu nutzen, um über konkrete Widerstandsformen nachzudenken.

Konzepte, die Besetzungen am Rande von Großdemonstrationen vorsehen, formen durchaus konkreten Widerstand, berücksichtigen jedoch kaum die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen Gentrifizierung stattfindet. Solche Besetzungen von beispielsweise Lofts oder Bürogebäuden können Symbolwirkung entfachen, aber keine langfristig System-überwindende Perspektive hervorbringen. Früher oder später werden die BesetzerInnen durch ihre materiellen Bedürfnisse zurück in ihren Arbeits-/Studien-/Schul-Alltag gezwungen.

Deshalb kann nur die ArbeiterInnenklasse, deren materielle Bedürfnisse direkt mit der kapitalistischen Ausbeutung in den Betrieben verbunden sind, die Rahmenbedingungen ändern, in denen Gentrifizierung entsteht. Es ist richtig gegen Mieterhöhungen und Verdrängung aus den angestammten Kiezen auf die Straße zu gehen! Aber nur der Druck durch, die Produktion störende, ausgeweitete solidarische Streiks der ArbeiterInnenklasse wird die Bonzen dieses ausbeuterischen Systems das Fürchten lehren und alle anderen einer klassenlosen Gesellschaft ein Stück näher bringen.

 

Zum Weiterlesen:

Kapitalistisches Elend und sozialistische Antworten 

 

 

 

 

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