–„Für gleiche Rechte, Liebe und Sozialismus!–“

 In diesen Wochen fanden in ganz Europa die Feiern anlässlich des Christopher-Street-Day, des Feiertags der schwul-lesbisch-trans Bewegung, statt. In Wien wurde heuer zum fünfzehnten Mal die Regenbogenparade durchgeführt. Michael Mlady führte dazu ein Interview mit Sophie, einem der beiden „Pride-Girls“ des heurigen Jahres.

Sophie, kannst Du uns zu Beginn ein wenig mehr über die Geschichte des Christopher-Street-Day erzählen?

Natürlich! Der CSD markiert so etwas wie das politische Erwachen der Homosexuellen-Bewegung. Benannt ist der Tag nach der Christopher Street in New York, wo die Bar „Stonewall Inn" beheimatet war.

Es gab in dieser Zeit laufend gewaltsame Übergriffe und Razzien durch die Polizei gegen Schwule, Lesben und Transgender. In der Nacht von  27. Juni auf 28. Juni 1969 schließlich wehrten sich die BesucherInnen des Stonewall Inn gegen die Polizei, was in mehrtägigen Straßenkämpfen gipfelte.

Seit dieser Zeit gibt es, ausgehend von New York und San Franciso, weltweit Feiern anlässlich dieses Ereignisses, in Deutschland die CSD´s, in Wien die Regenbogenparade. Der CSD ist also ein sehr politischer Feiertag, weil er an den Kampf gegen Polizeirepression und Behördenwillkür erinnert.

In Wien werden jährlich zwei Pride-Girls und zwei Pride-Boys ausgewählt, die die Parade anführen. Warum hast Du Dich heuer dazu entschlossen, ein Pride-Girl zu werden?

Es ist für mich ganz einfach. Ich setze damit ein Statement gegen Ungleichbehandlung und für gleiche Rechte für alle Menschen – egal, wie sie leben und lieben.

Es gibt in Österreich immer noch eine ganze Reihe von Ungleichbehandlungen. Kannst Du uns dazu mehr sagen?

Sehr viele gesetzliche Erfolge sind ja noch sehr jung. So wurde das Verbot der „Werbung für Unzucht mit Personen des gleichen Geschlechts“ (§ 220 StGB) sowie der „Verbindungen zur Begünstigung gleichgeschlechtlicher Unzucht“ (§ 221 StGB), also von Vereinen von Schwulen und Lesben, erst 1997 aufgehoben.

Lange Jahre war es auch so, dass das Mindestalter für sexuelle Beziehungen für Heterosexuelle und Lesben bei 14 Jahren lag, für Schwule bei 18. Das war der berüchtigte § 209 StGB. Als das nicht mehr zu halten war, wurde als Ersatz der § 207b eingeführt. Nun gilt offiziell für alle Menschen ein Schutzalter von 14 Jahren. Der § 207b stellt aber fest, dass das Schutzalter doch erst 16 ist, wenn die Person noch nicht „reif genug“ ist – wobei sich die Frage stellt, wie das erkannt werden soll. Das ist ganz klar ein diskriminierendes Sonderrecht, das real auch nur gegen Schwule angewandt wird.

Für Lesben besonders schwierig ist, dass es gesetzlich untersagt ist, sich künstlich befruchten zu lassen. Lesben dürfen also offenbar keinen erfüllten Kinderwunsch haben.

Auch die neue eingetragene Partnerschaft weist immer noch zumindest 45 Unterschiede zum Eherecht auf, bis hin zu Absurditäten wie einer eigenen Schreibweise für Doppelnamen, die nicht durch Bindestrich getrennt sind, also z.B. Öztürk-Müller, sondern neben einander stehen, also Jankovic Meier. So kann jede/r sofort erkennen, dass es sich hier um Schwule oder Lesben handelt.

Wie siehst Du denn den CSD in Wien, also die Regenbogenparade?

Ich halte sie natürlich für ein sehr wichtiges Zeichen. Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transgender und ihre FreundInnen und Familien können hier in die Öffentlichkeit gehen und ein Zeichen setzen. Die Regenbogenparade ist wichtig und notwendig.

Gleichzeitig sehe ich doch einige kritische Elemente. Mir scheint mir etwa eine gewisse Entpolitisierung da zu sein. Wenn unmittelbar nach dem ersten Truck, dem Wagen der Homosexuellen Initiative Wien, gleich mehrere Wagen von Jägermeister unterwegs sind, wenn es einen eigenen Block von IBM gibt und andere Konzerne diverse Trucks sponsern, dann läuft wohl einiges falsch. Es geht mir um ein politisches Statement, nicht um eine Werbeplattform für Konzerne.

In Berlin hat diese Kommerzialisierung ja sogar zu einem eigenen linken „transgenialen CSD“ geführt. 1997 hatte ein Block gegen die Kommerzialisierung des CSD protestiert und sich geweigert, Gebühren an den "CSD e. V." zu bezahlen. Daraufhin ließ der Veranstalter die linken Queers durch die Polizei aus der Demo drängen. Seitdem gibt es nun einen eigenen CSD der linken Kräfte.

In Wien fand ich heuer auch die starke Präsenz der SPÖ, die im Jahr des Wiener Gemeinderatswahlkampfs gleich mit drei Wagen und ganz vorn dabei war, problematisch. Die SPÖ stellt immerhin mit der Ausnahme von sechs Jahren durchgehend seit 1970 den Bundeskanzler – wirklich genug Zeit, diskriminierende Bestimmungen zu beseitigen bzw. öffentlich um Mehrheiten zu kämpfen.

Ist es für Dich eigentlich automatisch „links“, schwul-les-bi-trans zu sein?

Nein, das ist ja so ein Schwachsinn, den viele immer glauben. Bis zu zehn Prozent der Bevölkerung sind schwul oder lesbisch, das zieht sich quer durch alle Schichten und alle politischen Ausrichtungen.

Das beste Beispiel ist wohl Jörg Haider, der als Rechtsextremer und Rassist jahrelang unbehelligt in Teilen der Schwulen-Szene verkehren konnte – was ich für fatal halte. Wenn jemand in einem Feld diskriminierend ist, konkret gegen MigrantInnen, dann sollten wir ihn auch aus schwul-les-bi-trans Zusammenhängen rauswerfen. Doch die politische Bewegung von Schwulen, Lesben und Transgender war sicher immer eher links.

Was siehst Du für eine gesamtgesellschaftliche Perspektive für die Gleichstellung von Schwulen, Lesben und Transgender?

Wir brauchen natürlich die volle gesetzliche Gleichstellung. Aber darüber hinaus gibt es ja noch viel mehr Diskriminierungen: am Arbeitsplatz, beim Wohnen, im Alltag, … Homophobie gibt es natürlich nicht erst im Kapitalismus, aber der Kapitalismus lebt sehr gut mit den unterschiedlichen Spaltungsmustern: Männer und Frauen, MigrantInnen und „InländerInnen“, Homosexuelle und Heterosexuelle.

Wir brauchen also eine Repolitisierung der Bewegung, ein neues Stonewall. Und diese Bewegung sollte nicht nur für die Rechte von Homosexuellen eintreten, sondern eine allgemein antikapitalistische Ausrichtung haben.

Und wo stehst Du selbst politisch?

Für mich besteht ganz klar die Notwendigkeit einer Systemüberwindung, einer sozialistischen Revolution. Der Kampf gegen Homophobie muss mit dem Kampf gegen den Kapitalismus als ganzes verbunden werden. Daher arbeite ich auch in der RSO mit und unterstütze sie – für gleiche Rechte, Liebe und Sozialismus!

Wir danken Dir für das Gespräch!

 

 

 

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