Argentinien: Arbeitskampf bei Kraft Foods

Ob von Milka Schokolade oder Jacobs Kaffee – das Logo von Kraft Foods ist im Supermarktregal weit verbreitet. Doch seit September dieses Jahres steht der Firmenname Kraft auch für einen Kampf der ArbeiterInnen im Norden von Buenos Aires.

Kraft Foods ist der weltweit zweitgrößte Lebensmittelproduzent. Seit September dieses Jahres kämpfen ArbeiterInnen in einer Keks- und Süßigkeitenfabrik von Kraft in Argentinien gegen die unsicheren Arbeitsbedingungen und Entlassungen. Weil sie Maßnahmen zur Eindämmung der Schweinegrippe in dieser Fabrik forderten, wurden 160 ArbeiterInnen kurzerhand ungesetzesmäßig entlassen. Der Kampf der Belegschaft gegen die Praktiken des Keks-Multis dauert nach wie vor an.

Etwa 1,5 Mrd. US $ Gewinn machte Kraft im letzten Geschäftsjahr – fast 11% mehr als 2009. Die Forderungen der ArbeiterInnen nach Lohnerhöhungen werden dabei schon seit Jahren abgewiesen: In Argentinien zahlt der zweitgrößte Lebensmittelproduzent der Welt Löhne, die zu den niedrigsten des Landes gehören: 9 bis 10 pesos (weniger als 2 €) die Stunde: "Niemand kann so viel Geld mit (Keks)Teig machen, ohne andere zu Mehl zu zermahlen."

Neben diesen niedrigen Löhnen sind Entlassungen das Mittel der Wahl dieses Konzerns, wenn es darum geht, Profite in die Höhe zu treiben: Schon 2004 wurde ein  Entwicklungskonzept beschlossen, demzufolge über 20 Fabriken geschlossen und zehntausende ArbeiterInnen entlassen werden sollen. Dabei werden gezielt jene ArbeiterInnen abserviert, denen das jeweilige Management am ehesten zutraut, dass sie sich womöglich für ihre eigenen und die Rechte ihrer KollegInnen einsetzen könnten: Jene, die in Gewerkschaften organisiert sind, die nicht nach der Pfeife der Konzernleitung tanzen, jene, die unter Verdacht stehen "Linke" zu sein, jene, die den steigenden Anteil von LeiharbeiterInnen statt fester Beschäftigungsverhältnisse kritisieren, jene, die sich weigern, Erklärungen zu unterschreiben, in denen sie versprechen sollen, keinen Widerstand gegen ihren Arbeitgeber zu leisten.

Nun wurden im Juli im Norden von Buenos Aires 160 ArbeiterInnen entlassen, weil sie angesichts der in Argentinien grassierenden Schweinegrippe Schutzmaßnahmen in der Fabrik gefordert hatten. Unter den Entlassenen waren auch GewerkschaftsvertreterInnen, denen eigentlich ein Kündigungsschutz zusteht. Der Protest der ArbeiterInnen war entfacht: Während zunächst knapp 100 von ihnen ihre Fabrik besetzten, organisierte der Rest der Belegschaft Demonstrationen und Straßenblockaden, um auf das Vorgehen des milliardenschweren Unternehmens aufmerksam zu machen. Dadurch ernteten die ArbeiterInnen auch schnell die Solidarität von vielen anderen Gruppen in Argentinien: Sie erfuhren die Unterstützung von Gewerkschaften, von Tausenden von StudentInnen, von MenschenrechtsaktivistInnen und vielen anderen Menschen.

Das Vorgehen der Konzernleitung traf die ArbeiterInnen nicht gänzlich unvorbereitet – die Pläne des USA-basierten Konzerns zur so genannten "Umstrukturierung", d.h. vor allem zu Personalkürzungen, um immer höhere Profite erzielen zu können, waren seit 2004 bekannt. In vielen anderen Ländern Lateinamerikas – zuletzt insbesondere in Kolumbien – hatte Kraft schon eindrücklich gezeigt, mit welcher Wucht an Repression der Konzern gegen seine MitarbeiterInnen vorzugehen bereit war. Am 22. September ordnete der zuständige Gouverneur die Räumung der seit etwa einem Monat besetzen Fabrik an. Als die argentinische Polizei mit brutaler Härte, unter Einsatz von Gummigeschossen und Tränengas, gegen die BesetzerInnen der Fabrik und ihre Familienangehörigen vorging, wurden viele ArgentinierInnen vor dem Fernseher ZeugInnen dieses Angriffs von staatlicher Seite – im ganzen Land entstanden daraufhin Solidaritätsbewegungen mit den ArbeiterInnen bei Kraft.

Es war mehr als nur ein bitterer Beigeschmack, den der Konzern seinen Süßwaren gegeben hatte. Als Reaktion folgte am 25. September das hoch offiziell vor dem argentinischen Ministerium für Arbeit gemachte Versprechen, keine weiteren Entlassungen vorzunehmen. 70 entlassene ArbeiterInnen würden wieder eingestellt werden, sicherte Kraft ferner zu, die GewerkschaftsvertreterInnen dürften ihre Arbeit wieder aufnehmen. Der Konzern beschwor ein Bild sozialen Friedens herauf, das den realen Bedingungen in der Fabrik aber überhaupt nicht entsprach: Die ArbeiterInnen standen unter polizeilicher Überwachung, die GewerkschaftsvertreterInnen wurden regelmäßig am Zugang zum Betriebsgelände gehindert und auch das Versprechen, keine weiteren Entlassungen vorzunehmen, wurde nicht eingehalten.

Acht ArbeiterInnen wurden entlassen. Zur Sitzung der internen Kommission der ArbeiterInnen bei Kraft am 7. November kamen Hunderte. Sie ließen verlautbaren, dass sie den Kampf gegen die unrechtmäßigen Entlassungen weiterführen werden. Während dieser Sitzung wurde auch entschieden, individuelle Abfindungen der entlassenen ArbeiterInnen auf gar keinen Fall hin zu nehmen, stattdessen sei es anzustreben, dass alle jenen, die arbeiten wollen, ihre Arbeitsplätze zurückbekämen.
Der Kampf der ArbeiterInnen bei Kraft in Argentinien ist der Kampf um sichere Arbeitsbedingungen und gesicherte Arbeitsplätze aber er ist zugleich auch der Kampf gegen die Repression, die nicht nur in diesem Unternehmen, sondern in ganz Argentinien gegen gewerkschaftliche Arbeit ausgeübt wird. In nahezu 90% der privaten Unternehmen gibt es keine gewerkschaftlichen Strukturen, die geduldeten Gewerkschaften arbeiten häufig im Schulterschluss mit der Konzernleitung statt sich für die Interessen der ArbeiterInnen einzusetzen.

Von diesen gewerkschaftlichen Missständen, die auch in Österreich nicht unbekannt sind, und vom Kampf der ArbeiterInnen bei Kraft wird in Wien am 29. November Juan Chingo von der argentinischen Partido de los Trabajadores Socialistas (PTS) im Rahmen der Sozialismus-Tage der RSO berichten.

 

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