–„Wir brauchen Druck von der Straߟe!–“

Die Zustände in Österreichs Kindergärten werden für die PädagogInnen immer unerträglicher. Doch es regt sich Widerstand. Ein Interview mit Tina Botka vom Kollektiv Kindergartenaufstand.

Tina, kannst Du uns zu Beginn etwas über die Arbeitssituation im Kindergarten erzählen?

Gern! In Wien haben wir derzeit eine gesetzlich erlaubte Höchstzahl von 25 Kindern pro Gruppe. In der Gruppe sind jeweils eine ausgebildete Pädagogin und eine nicht ausgebildete Betreuerin. Diese Betreuerin ist allerdings teilweise auch noch für die Zubereitung des Essens, des Geschirrs und zum Reinigen der Gruppe zuständig, ist also nicht die ganze Zeit in der Gruppe. Das bedeutet, dass Du oft allein mit 25 Kindern bist. Bei einem Bewerbungsgespräch bei den SPÖ-nahen Kinderfreunden wurde mir gesagt, dass sie nicht garantieren können, dass immer zwei Personen in der Gruppe sind. Ich habe den Job dort nicht angetreten, denn das ist echt untragbar! Dass dieser Zustand aber in vielen Kindergärten so ist, war mir da noch nicht klar.

Diese riesigen Gruppen bedeuten, dass Kinder nicht in ihrer Individualität gefördert werden können, dass es irgendwann nur mehr ums maßregeln und still sitzen geht. Es gibt also, zusammengefasst, zu wenig Personal und zu große Gruppen. Sinnvoll wäre ein ganz anderer Schlüssel – ich würde sagen, 2 Pädagoginnen und eine Betreuerin auf 12 Kinder.

Des Weiteren gibt es viel zu wenig Vorbereitungszeit. Bei einer 40-Stunden-Woche gibt es gerade mal vier Stunden Vorbereitung, die restlichen 36 müssen in der Gruppe gearbeitet werden. Das ist wirklich lächerlich, ich kenne genug KollegInnen, die bis zum dreifachen dessen an Vorbereitungen in ihrer Freizeit erledigen.

Kannst Du ein paar Beispiele für diese Vorbereitungszeit geben?

Wir sind dazu angehalten – und es macht ja auch Sinn – dass es permanent neue Bildungsangebote für die Kinder gibt. Das bedeutet Angebote vom englischen Bilderbuch bis zum Besuch eines Theaters, von physikalischen Experimenten bis zur Wahrnehmungsförderung. Dafür musst du dich aber entsprechend vorbereiten, um die Angebote für drei- bis sechsjährige schmackhaft zu machen. Es gibt auch Aufträge „von oben“: so mussten wir gerade für die Stadt Wien ein „Screening“ machen, um zu sehen, ob die heute fünfjährigen nächstes Jahr für die Schule geeignet sind. Das bedeutet wiederum Einarbeitung.

Wir sind auch zu einer recht genauen Dokumentation verpflichtet, so sollten wir der Leiterin einen schriftlichen Monatsplan vorlegen und am Monatsende eine schriftliche Reflexion.

Daneben gibt es die Entwicklungsgespräche mit den Eltern, die jederzeit das Recht haben, über die Fortschritte ihres Kindes informiert zu werden. Das bedeutet wiederum Vorbereitung und spezielle Beobachtung des Kindes – solche Gespräche finden dann oft zwangsläufig neben der Gruppe statt.

Und abschließend wollen die Eltern auch über die Schwerpunkte im Kindergarten informiert werden. Das bedeutet Elternaushänge, Briefe, Zeitungen, usw., die erklären, warum wann was gemacht wird.

Alles in allem: das kann niemals in vier Stunden in der Woche gehen.

Wie ist denn die Entlohnung?

Für 40 Stunden bekommt jemand ohne viele Vordienstjahre ca. 1200 € netto. Und wenn Du von einem privaten Kindergarten-Verein zum anderen oder von der Stadt Wien zu einem Verein oder umgekehrt wechselst, werden die Dienstjahre nicht einmal voll angerechnet. Es ist also wirklich schlecht bezahlt.

Und wie ist die Ausbildung?

Ein Problem ist etwa, dass fast die Hälfte aller Schulen immer noch konfessionell sind, also von der Kirche unterhalten werden. Und gerade im ländlichen Raum gibt es oft einfach keine Alternative, das habe ich selbst so erlebt. Vom Religionsunterricht kannst Du Dich dort natürlich nicht abmelden und der nimmt einen enorm großen Platz ein. Teils sind es genauso viele Stunden wie für Geschichte und politische Bildung zusammen. Kein Wort über emanzipatorische Bewegungen, kein Wort über ein kritisches Geschichtsbild und –verständnis. Doch wäre es wichtig, darüber mehr zu lernen. Denn wir prägen die Erwachsenen von morgen mit, es wäre wichtig, die Kinder zum Hinterfragen zu erziehen.

Ebenfalls absurd, dass es im konfessionellen Bereich immer noch reine Mädchenschulen gibt. Einige haben sich zwar geöffnet, aber es gibt keinerlei staatlichen Druck dahin. Somit werden Rollenbilder wunderbar reproduziert, die Frauen auf die Rolle als Erziehungspersonal festgelegt und das Ganze wird noch dazu mit Steuergeldern finanziert. Entsprechend dann auch die Zusammensetzung der PädagogInnen: auf 99 Pädagoginnen kommt heute ein Pädagoge.

Ihr habt nun das „Kollektiv Kindergartenaufstand“ gegründet. Erzähl uns bitte davon.

Die meisten KollegInnen sind fertig, ausgepowert, frustriert und demotiviert, viele haben gesundheitliche Schäden. Ich habe mir gedacht, da muss sich was ändern und sehr schnell Verbündete gefunden. Nun reicht es uns. Was wir brauchen, ist Druck von der Straße.

Innerhalb von zwei Wochen hatten wir als erste Aktion für einen Kindergärtnerinnen-Block auf der „Wir zahlen nicht für eure Krise“-Demo mobilisiert, es kamen rund 60 KollegInnen, die meisten von ihnen kannten wir gar nicht. Das war ein großer Erfolg. Mitte Mai haben wir dann ein Vernetzungstreffen gehabt, da waren dann rund 70 KollegInnen. Die KollegInnen sind wirklich wütend. Die Vorschläge reichten von einer Demo am Rathausplatz über Straßenblockaden bis hin zu Streiks. Wir bekommen auch extrem viele Mails von KollegInnen, die auch was tun wollen.

Gleichzeitig setzt auch die Repression ein. Ein großer Wiener Kindergartenträgerverein reagiert mit Kündigungsdrohungen, ein anderer hat den Kolleginnen verboten, mit der Presse zu reden. Manche Kolleginnen haben schon gefragt, ob sie zu Aktionen verkleidet kommen können, weil sie Angst haben, erkannt zu werden.

Am 25.06. wird die nächste Aktion stattfinden, um 19h wird es einen Flashmob im Museumsquartier geben, wo wir auf unsere Situation aufmerksam machen werden. Und für Herbst ist eine Demonstration geplant.

Das ist auch höchste Zeit, denn mit dem angekündigten verpflichtenden Kindergartenjahr und dem Gratiskindergarten wird sich die Situation noch verschlechtern. Es gibt dafür keine Räume und kein Personal, niemand kann uns sagen, wie das umgesetzt werden soll.

Und wie reagiert die Gewerkschaft auf euren Protest?

Nun, für uns sind eigentlich zwei Gewerkschaften zuständig, die Gewerkschaft der Gemeindebediensteten (GdG) und die Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA). In der GPA war es sehr schwierig, überhaupt herauszufinden, wer für uns zuständig ist, die GdG stellt sich gegen uns. GdG-Vorsitzender Meidlinger hat klar in einer Stellungnahme für die Zeitung „Österreich“ gesagt, dass er uns nicht unterstützt. Uns schmerzt das aber nicht sehr, denn wir haben da ohnehin nicht mit viel Unterstützung gerechnet. Uns geht es um die Selbstorganisation der Basis.

Zum Abschluss: wie würdest Du Dich selbst politisch definieren?

Ich bin Marxistin und Feministin.

Wir danken Dir für das Gespräch und wünschen euch viel Erfolg!

 

Kontakt: kindergartenaufstand@gmx.at

 

 

 

 

 

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