Den Unisumpf trocken legen!

Wir, die Mitglieder der Uni-Gruppe der RSO  in Österreich, sind StudentInnen und politische AktivistInnen. Wir sind Teil einer revolutionär-marxistischen Organisation, die für die Überwindung des Kapitalismus und die Zerschlagung des bürgerlichen Staats kämpft. Wir glauben daher, dass politische Aktivität auf der Uni nicht auf diese beschränkt sein darf, sondern diese letztlich in einen größeren Kampf für die Veränderung der gesamten Gesellschaft eingebettet sein muss. Deshalb sind wir auch nicht als unabhängige Gruppe auf der Uni organisiert, sondern als Teil einer revolutionären Organisation. Dennoch sind wir bei unserer politischen Aktivität auch auf der Uni aktiv. Im Folgenden soll es nun darum gehen, kurz unsere grundlegenden Positionen, sowohl zu wissenschaftlichem Betrieb und Unipolitik als auch zu revolutionärer Theorie und Praxis und der Verbindung der beiden Bereiche, darzulegen.

I. Wissenschaftsbetrieb und Kapitalismus

Die angebliche „Objektivität“ und „Unabhängigkeit“ der Wissenschaft ist Teil einer Illusion, die unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, … als voneinander unabhängig sieht. Damit wird letztlich eine bürgerliche Staats- und Gesellschaftsauffassung reproduziert, laut der der Staat neutral über der Gesellschaft steht und sich die Gesellschaft aus lauter vereinzelten Individuen zusammensetzt. Gesellschaftliche Strukturen und Zwänge, denen die/der Einzelne (wie auch die/der WissenschaftlerIn) unterworfen sind, geraten dabei nicht ins Blickfeld. Wissenschaft und Bildung müssen aber immer in Bezug zu diesen Strukturen und Widersprüchen gesehen werden. Daher war die Uni noch nie ein Ort „freier Bildung“, sondern nur Ausdruck der im Kapitalismus vorherrschenden Verhältnisse. Wissen und Bildung stellen kein „Ideal“ an sich dar. Wissen entsteht und existiert nicht im luftleeren Raum, sondern nur in einem Spannungsverhältnis zu den gesellschaftlichen Widersprüchen und Ungleichheiten. Im Kapitalismus wird nicht nach Bedürfnissen bzw. objektiven Notwendigkeiten, sondern nach Kriterien der Verwertbarkeit und Rentabilität geforscht und produziert, Forschung und Bildung werden also zwangsläufig der dem Kapitalismus inhärenten Profitlogik unterworfen.

Der bürgerliche Wissenschaftsbetrieb erfüllt dabei vor allem zwei Funktionen: 1) die Produktion von Wissen und Fachleuten, die für die Kapitalakkumulation benötigt werden; 2) die „Produktion“ von Ideologien und Vorstellungen, die die herrschenden Verhältnisse verschleiern bzw. legitimieren. Einerseits werden Theorien aufgestellt und ausgearbeitet, die bestehende gesellschaftliche Konfliktlinien und Verhältnisse verneinen, verdrehen und verschleiern und daher letztlich den Status Quo bzw. die kapitalistisch-bürgerliche Gesellschaft legitimieren. Andererseits werden implizit und explizit die angebliche Unabhängigkeit der Wissenschaft und des akademischen Betriebs (und damit eine weitere Verschleierung realer Verhältnisse) (re)produziert. Solche Ideologien finden ihre Grundlage auch in der Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit, die durch den bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb geschaffen und reproduziert wird. Es werden „SpezialistInnen“ ausgebildet, die keinerlei Bezug zur Lebensrealität des Großteils der Menschen und zur gesamtgesellschaftlichen Realität insgesamt haben. Aber auch Naturwissenschaften sind nicht „ideologiefrei“. Medizin, Biologie und Psychologie versorgen uns mit „Beweisen“ für die unveränderbare, egoistische „Natur“ des Menschen, die „Natürlichkeit“ der Geschlechterverhältnisse und die unbeeinflussbare „Triebgesteuerheit“ des Menschen. Sie verlegen die Gründe für menschliches Verhalten damit ausschließlich in das Individuum hinein und ignorieren die Einflüsse von gesellschaftlichen Mechanismen (materielle und soziale Zwänge, Wertvorstellungen, …).

Klar ist natürlich, dass es nicht so etwas wie einen „ideologischen Masterplan“ der herrschenden Klasse gibt bzw. „die“ KapitalistInnen Aufträge zur Ausarbeitung dieser oder jener Theorie vergeben. Das Nicht-Infragestellen der angeblichen wissenschaftlichen „Objektivität“ und „Unabhängigkeit“ schreibt eine zentrale Ideologie des Kapitalismus fort und erkennt damit ein wesentliches Herrschaftsinstrument nicht. Im Gegensatz zum akademischen Betrieb sprechen wir offen aus, dass Wissen letztlich immer gewissen Interessen dient und sehen (marxistische) Theorie nicht als neutral oder Selbstzweck, sondern als Anleitung zur Praxis und der Veränderung der Gesellschaft.

Linke ProfessorInnen und „kritische“ Theorien

Jetzt gibt es im akademischen Betrieb natürlich auch ProfessorInnen, AssistentInnen, … die (zumindest) einige dieser Kritikpunkte teilen (würden) und sich selber „kritisch“, nicht nur gegenüber dem Kapitalismus und verschiedenen Formen der sozialen Unterdrückung, sondern auch zum und im wissenschaftlichen Betrieb, sehen. Zum Teil ist man/frau sogar mit der paradoxen Situation konfrontiert, dass manche Lehrende gar kritischer und radikaler als der Großteil der Studierenden sind. Und als StudentInnen finden wir es persönlich natürlich angenehmer, Lehrveranstaltungen mit kritischen und linken Inhalten zu besuchen als lauter konservativen ProfessorInnen gegenüber zu sitzen. Durch ihren Anspruch als WissenschaftlerInnen wird jedoch gerade wieder die vermeintliche „Objektivität“ und „Unabhängigkeit“ der Wissenschaft beschworen. Durch die Fetischisierung der „reinen“ Theorie folgt häufig eine Absage an jegliche politische Praxis (oder diese wird als individuelle Freizeitbeschäftigung getrennt von der Theorie gesehen). Durch ihre Verpflichtung gegenüber „der“ Wissenschaft geben sie auch deren Exklusivität vor. Alles, was nicht den „wissenschaftlichen“ Kriterien entspricht (und real ist das oftmals nur ein bekannter Name), wird ausgeschlossen und Wissen und theoretische Auseinandersetzung werden auf einen kleinen Kreis gebildeter Menschen reduziert. Der oftmalig vorhandene (formale) Anspruch, in gesellschaftliche Prozesse einzugreifen, verkommt damit zur Lächerlichkeit, weil dadurch einerseits eine Absonderung vom und ein Ausschluss des Großteils der Unterdrückten bewirkt wird und ihnen andererseits die „gebildeten Intellektuellen“ sagen, wie sich nun eigentlich verhalten und befreien soll(t)en. Durch alle diese Faktoren spielen sie letztlich als linkes Feigenblatt des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebes eine herrschaftsstabilisierende Rolle, da sie Kritik und Widerstand in diesen Bahnen kanalisieren. Viele (potentielle) Linke bleiben in dieser universitären Logik stecken, in der Theorie als endloser Selbstzweck existiert und Praxis auf unbestimmte Zeit verschoben ist.

Dieser Fokus von linken und kritischen Universitätsangestellten auf den akademischen Betrieb und seine Regeln kommt jedoch nicht rein durch theoretische Fehleinschätzungen zustande. Diese müssen in Zusammenhang und Wechselwirkung mit der Notwendigkeit für sie, innerhalb der bürgerlichen Wissenschaft zu existieren, gesehen werden. Ohne Anerkennung innerhalb der Wissenschaft kein Job, ohne Job kein Überleben. Und bevor man/frau seinen Job verliert, wird man/frau doch wohl (vorerst) ein paar „kleine“ Zugeständnisse machen, oder? In der Institutionalisierung der Frauenbewegung (aber nicht nur dort) kommen die Beschränkungen die mit dem Fokus auf den akademischen Bereich einhergehen, wohl am Deutlichsten zum Ausdruck. Es ist natürlich nicht schlecht, dass dieses Thema auf den Universitäten stärker verbreitet und präsent ist und in den letzten Jahrzehnten/Jahren konnte insgesamt eine höhere Sensibilität gegenüber dem Thema (nicht nur auf der Uni) erreicht werden. Mit der zunehmenden Professionalisierung und Verwissenschaftlichung ist jedoch jegliche Nähe zur politischen Praxis und zu den eigentlichen Adressantinnen verloren gegangen.

Für uns sind linke Lehrende und „kritische“ universitäre Theorien daher kein Ersatz für politische Aktivität und Organisierung außerhalb des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs. Deswegen stehen wir allerdings Theorie(arbeit) nicht feindlich oder indifferent gegenüber – im Gegenteil: wir sehen Theorie und Praxis nicht als getrennt voneinander, sondern in unmittelbarem Zusammenhang. Nur eine fundierte theoretische Grundlage (für dessen Erarbeitung die Auseinandersetzung mit universitären Theorien auch sinnvoll sein kann) kann das Fundament für eine sinnvolle politische Praxis liefern. Für uns ist Marxismus deswegen nicht eine unter vielen „interessanten“ und „spannenden“ Theorien, ein verstaubtes Relikt entwickelt von alten Männer aus fast schon prähistorischen Zeiten oder dogmatische Lehrsätze für die Ewigkeit. Marxismus ist sowohl Methode zum Verständnis der Welt und ihrer Widersprüche als auch eine Anleitung für eine revolutionäre Umgestaltung derselben.

II. Neoliberale Angriffe und Widerstand

Die Universitäten waren in den letzten Jahren massiven Angriffen ausgesetzt. Schwarz-Blau/Orange (ÖVP-FPÖ/BZÖ) haben einen Generalangriff auf das Bildungssystem gestartet: Einführung von Studiengebühren, überfüllte Lehrveranstaltungen, verschärfte Aufnahmeprüfungen und Eignungstests, … Die massive Zunahme von Fachhochschulen (FHs) und die Schaffung der Elite-Uni in Klosterneuburg/Gugging sind Ausdruck eines noch direkteren Zugriffs der Wirtschaft auf Forschung und Lehre mit dem Ziel, Fach- und Führungskräfte für die unmittelbaren Bedürfnisse des Kapitals auszubilden. Mit den Angriffen auf Errungenschaften der Studierenden (Familienbeihilfe, Uniautonomie, Einführung von Studiengebühren und Bachelor/Mastersystem, …) wurde verstärkt ein Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken in die Unis getragen. Dieses soll sowohl das Solidaritätsgefühl unter den StudentInnen weiter zurückdrängen als auch diese auf die zukünftigen Bedingungen am Arbeitsmarkt vorbereiten. In diesem Zusammenhang ist die Einführung der Studiengebühren auch ein Disziplinierungsmittel, das die Studierenden dazu anhalten soll, sich um nichts anderes als ihren Studienfortschritt zu kümmern und somit ein weiterer Schritt in der totalen Unterordnung aller Bereiche des öffentlichen Lebens unter die Gesetze des „freien Marktes“.

Teile des Kapitals sehen, dass durch die momentane Situation im Bildungssektor (PISA-Studie!) und die niedrige AkademikerInnenquote der „Wirtschaftsstandort“ gefährdet ist. Hier haken auch „alternative“ und „oppositionelle“ Vorschläge, z.B. von den Grünen, mit ihrer Kritik ein, die somit mit den Interessen des Kapitals letztlich sehr gut kompatibel sind. Deshalb wird auch eine Neuorganisierung des Bildungssektors keineswegs eine neue Qualität der Ausbildung bringen, sondern eine (strikt leistungsbezogene) Stärkung jener Studien, die für das Kapital gut verwertbar sind. So wurde z.B. auch die „Erhöhung“ von Stipendien und der Studienbeihilfe genau an solche Kriterien gekoppelt. Auch die „Abschaffung“ der Studiengebühren im Vorfeld der Nationalratswahl im September 2008 ist äußerst lückenhaft und an bestimmte Leistungserbringungen gebunden. Doch auch vor der Einführung der Studiengebühren (und nach deren jetziger „Abschaffung“) und sonstiger Verschlechterungen war der „freie Bildungszugang“ nichts anderes als eine Illusion – die Möglichkeiten für Personen aus sozial „schwächeren“ Schichten waren immer schon schlechter und der Anteil der Studierenden aus Familien von Fach- oder gar HilfsarbeiterInnen war schon immer sehr gering. Diese Verschlechterungen sind natürlich abzulehnen und zu bekämpfen. Warum der Widerstand dagegen nicht erfolgreich war, gilt es nun zu analysieren.

ÖH

Die neoliberalen Umstrukturierungsmaßnahmen auf den Unis gingen nicht gänzlich ohne Proteste über die Bühne. Es stellt sich also einerseits die Frage, wieso die letzten größeren Proteste (1996, 2000, 2001, 2007) nicht erfolgreich waren und andererseits, wieso im Moment politische Friedhofsruhe auf den Unis herrscht? Zunächst gilt es die Probleme dieser Protestbewegungen aufzuzeigen und danach auf die jetzige Situation einzugehen.

In diesen Protestbewegungen hat die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) eine äußerst unrühmliche Rolle gespielt. Warum das so war und welche Rolle die ÖH in möglichen zukünftigen Protesten voraussichtlich spielen wird, hängt mit ihrem prinzipiellen Charakter zusammen. Die ÖH hat den Status einer „Körperschaft öffentlichen Rechts“, somit also eines Staatsorgans. So ist dem Hochschülerschaftsgesetz zu entnehmen, dass sich die Aufgabe der ÖH hauptsächlich darauf beschränke, dem/der BildungsministerIn konstruktive Vorschläge zu unterbreiten. Die Regierung hat tatsächlich weitreichende Durchgriffsmöglichkeiten; so änderte z.B. Schwarz-Blau/Orange kurzerhand das Wahlrecht (im Sinne der ÖVP-nahen Aktionsgemeinschaft). Von einer Kampforganisation der Studierenden ist die ÖH mit ihrer Struktur grundsätzlich weit entfernt. Alle zwei Jahre gewählt und dann mit einem „Blankoscheck“ ausgestattet, ist sie dem Charakter des bürgerlich-repräsentativen System sehr ähnlich. Gleich den parlamentarischen Parteien sind die ÖH-Fraktionen ihren WählerInnen keine direkte Rechenschaft schuldig. Die enge Beziehung zu den Mutterparteien ist für ihre Existenz ebenso entscheidend wie die Zustimmung der WählerInnenschaft. Für diese sind die ÖH-Fraktionen vor allem für zwei Dinge wichtig: als Kaderschmiede für zukünftige ParteifunktionärInnen und zur Bindung von studentischen WählerInnen. Ein wesentlicher Auftrag der ÖH ist das Serviceangebot für die StudentInnen. Nun ist natürlich gegen billige Mensa-Besuche und gute Vorlesungsverzeichnisse wenig einzuwenden, doch dies darf die politische Arbeit nicht einschränken oder gar ersetzen (was in den meisten Fällen allein aufgrund der zeitlichen Möglichkeiten und der Logik der StellvertreterInnenpolitik jedoch der Fall ist).

In den Bewegungen 1996, 2000 und 2001 setzten sich nicht unbedeutende Teile der darin aktiven StudentInnen für Streiks und demokratische, von der Basis gewählte und jederzeit abwählbare Komitees ein. Die ÖH versuchte jedoch die Proteste und die kämpferische Stimmung in „kreative Protestformen“ umzulenken und darin zu kanalisieren. Dem nicht genug, ging sie mit diversen bürokratischen Mitteln gegen die radikaleren Teile vor. An Beschlüsse des Studierendenplenums wollte sich die ÖH-Bürokratie auch nicht halten und ebenso war sie oftmals nicht bereit, der Studierendenbasis ihre Ressourcen (für die eigenständige Organisierung der Proteste) zur Verfügung zu stellen. Sie wollte also auf alle Fälle die Kontrolle über die Proteste behalten und zeigen, dass sie ein zu respektierender und „verantwortungsbewusster“ Verhandlungspartner ist. Damit trägt die Politik der ÖH eine gehörige Mitschuld an der jetzigen Situation auf den Unis!

Die Antwort, wie erfolgreicher Protest aussehen kann, ist sich mit anderen, vom Sozialabbau betroffenen, Gruppen zusammenzuschließen, die ökonomisch größeren Druck erzeugen können, weil sie im Produktionsprozess stehen und ihre Streiks somit das Kapital unmittelbar treffen. Dieser oft angesprochene Schulterschluss wurde allerdings nie ernsthaft umgesetzt (hier wäre gerade der sozialdemokratische VSSTÖ durch seine Verbindungen zur SPÖ und zum ÖGB gefordert!). Damit blieben die Unikämpfe weiter isoliert und waren zum Scheitern verurteilt. Mit dieser zurückweichenden Politik vertritt die ÖH alles in allem die Interessen der herrschenden Klasse. Anstelle der ÖH, die einer „StudentInnenkammer“ ähnlich der Arbeiterkammer ähnelt, sollte eine unabhängige, kämpferische Studierendengewerkschaft treten. So eine Studierendengewerkschaft wird aber vermutlich nicht im luftleeren Raum, sondern in sozialen Kämpfen gebildet werden. Solange werden wir die Institution ÖH trotz aller Kritik gegenüber Angriffen von Regierungsseite verteidigen.

Kreative Protestformen und Gegen-Hegemonie

Vor allem seit der Niederlage in diesen halbherzig geführten Protesten setzen weite Teil der politisch aktiven StudentInnen auf „kreative Protestformen“ wie Straßentheater, Hörsaalläufe oder ein symbolisches Kehren der Wiener Ringstraße (vor der Hauptuni). Hinter diesen Aktionen stehen von postmodernen Theorien beeinflusste Überlegungen, dass heutzutage die Unterdrückungs- und Herrschaftsformen soo unglaublich vielfältig geworden sind, dass Widerstand dagegen in „traditioneller“ Art und Weise einerseits zu kurz greift und andererseits Menschen ausschließt. Jede/r muss ihren/seinen speziellen Platz als Individuum finden und Widerstand mit Selbstverwirklichung verbinden können. Dadurch wird allerdings letztlich eine Not als Tugend verkauft. Die Überwindung der verstärkten sozialen und politischen Vereinzelung der Menschen im neoliberalen Kapitalismus wird nicht an sich schon als notwendige Vorbedingung und Ziel von Kämpfen gesehen, sondern soll gerade aufrechterhalten und zelebriert werden. Die politische Friedhofsruhe auf den Unis erklärt sich aber gerade dadurch, dass die StudentInnen einer verstärkten ideologischen und realen Vereinzelung ausgesetzt sind und keine Perspektive eines gemeinsamen Kampfes gegen diese und andere Zustände haben.

Natürlich können solche Aktionen in begrenztem Ausmaß auch sinnvoll sein, um Aufmerksamkeit für bestimmte Probleme zu erregen und potentielle MitstreiterInnen zu finden und zu mobilisieren. Als Kampfmittel selber taugen sie allerdings nicht, weil sie letztlich nur individuelle Aktionen Einzelner darstellen und die Herrschenden nicht dort treffen, wo es ihnen weh tut. Vielfach kann man/frau sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass es bei den kreativen Protestformen oft gar nicht wirklich darum geht, etwas zu erreichen, sondern vielmehr darum zu zeigen, dass man/frau dagegen ist, auch wenn das nur ein, vielleicht sogar heimliches, „Trommeln und Schreien gegen Neoliberalismus“ bedeutet. Die Aktionen dieser „Spaßguerilla“ sind deshalb gerade auch Ausdruck der Defensive und der Schwäche der StudentInnenbewegung. Sie sind Aktionen Einzelner anstatt die Betroffenen selber anzusprechen und zum gemeinsamen Kampf zu aktivieren. So eine Überzeugung und Aktivierung passiert natürlich nicht von heute auf morgen und lässt daher auch kreative Protestformen als unmittelbare, konkrete Aktionen als sinnvoll erscheinen. Sie ist aber trotzdem der einzige Weg, effektiv etwas gegen neoliberale Angriffe und Kapitalismus insgesamt zu unternehmen.

Gerade hier haken (universitäre) Konzepte einer Gegen-Hegemonie ein. Freilich können nicht alle Vorstellungen und Konzepte, die sich selber als gegenhegemonial bezeichnen würden oder darunter subsumiert werden können, über einen Kamm geschoren werden. Die Bandbreite reicht von sehr stark kulturell geprägten Modellen (mit einem gehörigen Anteil kreativer Protestformen) bis zur (formellen) Ausrichtung auf Bündnisse mit anderen gesellschaftlichen Kräften. Unser Anspruch ist es hier nicht eine finale Kritik an jedem einzelnen Konzept zu liefern (was allein aufgrund der meist diffusen und unklaren Vorstellungen dahinter schon schwierig wäre). Es soll darum gehen auf einer grundlegenden Ebene Kritik an gemeinsamen Grundannahmen dieser Konzepte und der daraus abgeleiteten Praxis zu formulieren. Gemeinsam ist diesen Projekten, dass sie die Hegemonie von herrschenden, meist neoliberalen Vorstellungen und Ideologien in Frage stellen und an deren Stelle linke und kritische Ideen verankern wollen. Damit knüpfen sie richtigerweise daran an, dass der Großteil der StudentInnen (wie der große Rest der Gesellschaft) heutzutage unpolitisch, desillusioniert und nicht kampfbereit ist und versuchen diesen Zustand zu überwinden. Es muss allerdings die Frage gestellt werden, mit welcher Ausrichtung das passiert und innerhalb welchen Rahmens das überhaupt möglich ist. Wir denken, dass die Veränderung des Bewusstseins kein linearer, gradueller Prozess ist, sondern wesentlich mit praktischen Erfahrungen in (Klassen-)Kämpfen zu tun hat. Deshalb reicht es auch nicht, theoretische Überzeugungsarbeit zu leisten, sondern ist es auch notwendig, eine politische Praxis zu entwickeln. Für uns kann es auch nicht darum gehen, innerhalb von bestehenden bürokratischen Institutionen (wie Uni, ÖH, Gewerkschaftsapparat, NGOs…) möglichst breit, (diffus-)linke Ideen zu verbreiten. Natürlich gibt es innerhalb dieser Institutionen einen gewissen Spielraum; in Zeiten zugespitzter (Klassen-)Konflikte und (Klassen-)Kämpfe ist allerdings ziemlich klar, wo die bezahlten FunktionärInnen (die von ihren Jobs materielle abhängig sind) trotz linker Ideen stehen werden. Deshalb bedarf es auch der politischen Organisierung auf Grundlage eines klaren theoretischen Fundaments außerhalb dieser Organisationen. Das heißt nun allerdings nicht, dass man/frau sich dadurch von potentiellen Linken und InteresentInnen absondert. Wir verstehen diesen Text gerade auch als eine Intervention in diesen Bereich und einen Versuch, Leute für unsere Ideen zu gewinnen. Letztlich kann jedoch das Infragestellen und Aufbrechen der Hegemonie von neoliberalen, bürgerlichen Ideen nicht schon das Ziel an sich sein, sondern es ist nur Vorbedingungen zur revolutionären Überwindung des Kapitalismus.

III. Unsere Antworten

Wir treten perspektivisch für die Schaffung einer kämpferischen StudentInnengewerkschaft an Stelle der ÖH ein. Im Vordergrund müsste die Selbstorganisierung der StudentInnen stehen. Erfolgreicher Widerstand gegen weitere drohende Verschlechterungen darf nicht isoliert nur auf den Unis selbst stattfinden. Nur die Ausweitung auf andere unterdrückte und von den Angriffen der herrschenden Klasse betroffenen gesellschaftlichen Gruppen kann einen Erfolg ermöglichen. Erfahrungen älterer Uniproteste zeigen, dass politischer Widerstand auf der Uni nicht immer auf die derzeitig vorherrschenden Formen beschränkt war. Zentral bleibt dabei für uns, dass die Betroffenen ihren Widerstand selbst organisieren müssen und nicht auf die Vertretungspolitik der ÖH oder sonstiger Institutionen zählen dürfen. Dazu bedarf es der Organisierung der StudentInnen auf Basis einer kämpferischen, radikalen und anti-kapitalistischen Ausrichtung die sich jedoch nicht nur auf Unipolitik beschränkt.

Die bereits stattgefundenen und die kommenden Angriffe sind nicht Ausdruck falscher Regierungspolitik, sondern Ausdruck der Widersprüche im Kapitalismus und dessen Profitlogik. Beim Widerstand dagegen darf es nicht darum gehen, „unsere“ Bildung oder „unsere“ Uni zu verteidigen. (Aus)Bildung steht im Kapitalismus immer in Bezug zu den Interessen und Bedürfnissen der KapitalistInnen und ist nie neutral. Vielmehr muss auf die Zusammenhänge zwischen diesen Angriffen und der Funktionsweise des Kapitalismus insgesamt hingewiesen werden. Letztlich muss es darum gehen, diesen und seine Profitlogik prinzipiell in Frage zu stellen. Anti-Kapitalismus ist für uns keine abstrakte Phrase, sondern beinhaltet notwendigerweise einen Kampf gegen alle anderen Formen der Unterdrückung wie Sexismus, Rassismus, Nationalismus… Das Ziel ist eine nach-kapitalistische, sozialistische Gesellschaft. Eine solche hat für uns allerdings nichts mit dem so genannten „real existierenden Sozialismus“ in Russland, Osteuropa oder China zu tun. Wir sehen uns selber in trotzkistischer Tradition, d.h. genau jener Strömung in der ArbeiterInnenbewegung, die bereits in den 1920ern praktisch und theoretisch einen Kampf gegen den Stalinismus geführt hat. Eine Überwindung des Kapitalismus kann nicht auf der Uni oder durch theoretische Proklamationen, sondern nur durch eine Umwälzung der herrschenden Produktionsverhältnisse und der Zerschlagung des Staats der herrschenden Klasse erreicht werden. Dazu bedarf es einerseits einer Ausrichtung auf die ArbeiterInnenklasse, da nur sie, bedingt durch ihre Stellung im Produktionsprozess, das Potential zur revolutionären Überwindung des Kapitalismus hat und andererseits der Organisierung aller Unterdrückten, da nur so (Klassen-)Kämpfen eine weiterführende Perspektive gegeben und die Verbindung von konkreten Einzelkämpfen und der Überwindung des Systems erreicht werden kann. Wenn du bei uns aktiv werden willst und uns beim Aufbau einer revolutionären Organisation unterstützen willst, melde dich bei uns!

 

Kontakt:

rso@sozialismus.net

oder

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