Rebellion in Griechenland

Drei Tage dauern nun die Proteste nach der Ermordung des Schülers Alexandros Grigoropoulos durch einen Polizisten. In der letzten Nacht hat die Polizei die Lage im Zentrum von Athen außer Kontrolle verloren. Für morgen ist ein Generalstreik angekündigt. Ein Kommentar zur aktuellen Situation und zu den Hintergründen…

Die deutschsprachigen Medien sprechen von 4000 so genannten „Autonomen“, die angeblich alles niederbrennen, was ihnen unterkommt. Das ist natürlich lächerlich, denn in Athen gibt es keineswegs so viele AnarchistInnen, ganz zu schweigen von den anderen Städten. Außerdem waren an den Auseinandersetzungen viel mehr Menschen beteiligt, vor allem (oftmals sehr junge) Jugendliche.

An den Demonstrationen haben sich Zehntausende beteiligt, teilweise wurde auch von den linksreformistischen Organisationen KKE und SYRIZA und von Organisationen der radikalen Linken dazu aufgerufen. Und auch viele ArbeiterInnen haben keine Illusionen in die griechischen Polizist(inn)en. Oft genug haben sie bei Streiks ihre Brutalität in Dienste von Regierung und herrschender Klasse bewiesen. Zu bekannt sind die folterartigen Zustände auf griechischen Polizeistationen, die oftmaligen gewalttätigen Übergriffe von Uniformierten gegen MigrantInnen, Jugendliche, Frauen, DemonstrantInnen etc. (zur Repressionstradition des griechischen Staates siehe auch unseren Artikel „Straßenkämpfe in Athen“ ).

Die BürokratInnen an der Spitze des Gewerkschaftsdachverbandes GSEE und der sozialdemokratischen PASOK spielen freilich die Rolle, die sie immer für das herrschende System einnehmen. PASOK will zwar die Gunst der Stunde nutzen (und fordert Neuwahlen), sorgt sich aber ganz staatstragend um Ruhe und Ordnung. Die Führung der GSEE hat die im Rahmen des morgigen Generalstreiks geplante Demonstration abgesagt, weil sie eine „Eskalation“ befürchtet. Die reformistischen Funktionäre arbeiten also wieder mal im Interesse des Establishments an der Befriedung der Situation.

In der Folge ist erstmal unklar, wie sich die Auseinandersetzungen weiter entwickeln werden, wie viel Atem die Protestbewegung der Jugendlichen hat. Nach Tage langen Demonstrationen und Kämpfen treten irgendwann auch Erschöpfung ein. Die Regierung und die Repressionsorgane stellen sich auf die Situation, von der sie zuerst überrascht wurden, ein und drohen bereits mit „größerer Härte“ (noch mehr Tote?).

Die entscheidende Frage wird sein, ob es gelingt, den Protesten eine weitergehende und breitere Perspektive zu geben, ob es gelingt, die Rebellion der Jugendlichen mit dem Streikkampf der „schweren Bataillone“ der ArbeiterInnenklasse in Produktion und Transport zu verbinden. Genau das versuchen die reformistischen BürokratInnen zu verhindern. Genau das wäre die Aufgabe von revolutionären/sozialistischen Organisationen. Die LinksreformistInnen von KKE und SYRIZA sind dazu nicht bereit. Ob radikalere Organisationen und Kräfte der Linken die nötige Stärke haben und zu einem gemeinsamen Vorgehen kommen können, ist gegenwärtig nicht absehbar. 

Dass in Griechenland das Potential für eine soziale Explosion vorhanden ist, ist offensichtlich und hat vor allem zwei Gründe: Erstens war die ökonomische und soziale Situation in Griechenland für große Teile der Bevölkerung ohnehin schon schlecht. Viele Jugendliche haben nur miserabel bezahlte Teilzeitjobs ohne soziale Absicherung. Durch Inflation und Finanzkrise hat sich die Lage zuletzt noch verschlechtert. Dazu kommt eine Krise der ebenso korrupten wie arroganten Rechtsregierung von Kostas Karamanlis.

Zweitens gibt es in Griechenland eine lange Tradition von Rebellion und Widerstand, eine Tradition einer kämpferischen ArbeiterInnenbewegung und Linken, die bis heute fortwirkt. Das zeigte sich in den letzten Jahren in einer Reihe von Generalstreiks, StudentInnenprotesten etc. (über die die RSO immer wieder berichtet hat ) .

Wer über die Kampftradition der griechischen Linken mehr wissen will, dem/r empfehlen wir – eventuell auch als Weihnachtsgeschenk – unser Buch (von der linken Tageszeitung jungeWelt als „Standardwerk zur Geschichte der griechischen Arbeiterbewegung“ bezeichnet):

 

 

 Revolution und Konterrevolution in Griechenland

Entwicklung von Klassengesellschaft und Arbeiter/innen/bewegung in den letzten 100 Jahren

Griechische Linke zwischen Repression, Revolte und europäischer „Normalisierung“

 

Marxismus Nr. 25
Juli 2005, 590 Seiten A5, 18 Euro
ISBN 3-901831-21-5

Bestellungen über unseren Webshop

 

 

Inhaltsverzeichnis
 

Vorwort
 
I. Kommunismus in Griechenland vor dem Zweiten Weltkrieg

1. Die griechischen Kommunist/inn/en bis zur Stalinisierung

2. Die KKE bis zum Beginn der Besatzungszeit

3. Linksopposition und Trotzkismus vor dem Zweiten Weltkrieg

II. Die griechische Widerstandsbewegung

1. Die Formierung von EAM und ELAS

2. Der Aufstieg zur Massenbewegung

3. Verhandlungen und Konflikte in Ägypten

4. Der Beginn des Bürgerkrieges 5. Die Rebellion in Ägypten

6. Der Libanonvertrag

Exkurs 1: Deutsche bei der ELAS

Der antifaschistische Widerstand von Wehrmachtssoldaten in Griechenland

III. Die verratene Revolution
 
1. Britische Landung und Moskauer Abkommen

2. Der gescheiterte „friedliche Weg“

3. Der Kampf um Athen

4. Der Varkiza-Vertrag und die Folgen

5. Griechischer Trotzkismus 1941-1946

IV. Der Bürgerkrieg 1946-1949

1. Die langsame Neuausrichtung der KKE

2. Der Beginn des Bürgerkrieges und die Truman-Doktrin

3. Höhepunkt und Entscheidung im Bürgerkrieg

4. Zachariadis versus Vafeiadis

5. Die Niederlage

Exkurs 2: Das jugoslawische Beispiel
 
Die Kommunistische Partei Jugoslawiens zwischen multinationalem „Volksbefreiungskrieg“, sozialer Revolution und alliierter Einflussnahme

V. Zwischen CIA-Diktatur und Liberalisierung

1. Fortgesetzte Repression

2. Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft

3. Exkurs: Das Zypernproblem

4. Liberalisierung und Massenbewegung

 

VI. Die Militärjunta 1967-1974

1. Die Obristendiktatur

2. Die Junta und die Bourgeoisie

3. Die Linke während der Junta

4. Die Zypernkrise und der Sturz der Militärdiktatur

 

VII. Metapolitefsi und die PASOK-Ära

1. Der kontrollierte Übergang zur bürgerlichen Demokratie

2. Die Etablierung der PASOK

3. PASOK an der Macht

4. Desillusionierung in der Wirtschafts- und Sozialpolitik

5. Niedergang und Ende der PASOK-Regierung

6. KKE, KKE-es und die reformistischen Frauenorganisationen

7. Die griechische radikale Linke 1974-1989

 

VIII. Kapitalistische Modernisierung

1. Die rechte Wende und der Konflikt um Mazedonien

2. Kurswechsel in der Außenpolitik

3. Europäische „Normalisierung“

4. Die griechische Linke seit 1989

 

Anhang

Karl-Liebknecht-Bund (Internationale Kommunisten): Zur Lage – Der Kampf in Griechenland (Auszug), 1944

Loukas Karliaftis: Zu Krieg und Revolution, Rede in der Athener Debatte, 1946

Dimitris Koufontinas: Schlusserklärung im Prozess gegen die „Revolutionäre Organisation 17. November“ vor dem Athener Sondergericht, 2003
 

Zitierte Literatur

Personenverzeichnis

 

 

Vorwort 

Im Herbst 1944, nach dem Abzug der deutschen Wehrmacht, befand sich Griechenland weitgehend in der Hand der Partisan/inn/enarmee ELAS. Nirgendwo sonst in Europa war das Proletariat am Ende des Zweiten Weltkrieges so nah an einer Machtergreifung wie in Griechenland. Eine solche Machtübernahme in diesem, dem britischen Imperialismus zugedachten Land hätte für die gesamte europäische Nachkriegsentwicklung unabsehbare Folgen gehabt und die Klassenkämpfe in Ländern wie Italien und Frankreich ungeheuer angefacht. Die griechische stalinistische Partei KKE, die die ELAS dominierte, hat die Macht freilich schrittweise der britischen Interventionsarmee und der griechischen Bourgeoisie übergeben – getreu dem Moskauer Abkommen zwischen Churchill und Stalin. Mehr noch als Spanien 1936/37 ist Griechenland 1944/45 ein geradezu lehrbuchhaftes Beispiel dafür, wie das stalinistische Volksfront-Konzept die Arbeiter/innen/klasse in die Niederlage führt.

Als Dank für die freundliche Hilfe trieben zuerst britische Landungstruppen in wochenlangen Kämpfen im Dezember 1944 die ELAS aus Athen und begannen dann rechtsextreme Verbände eine systematische Terrorkampagne gegen die Linke, die in einen dreijährigen Bürgerkrieg 1946-49 mündete. Die repressive kapitalistische Herrschaft in Griechenland wurde durch eine CIA-gestützte Halbdiktatur und schließlich durch die Militärjunta 1967-74 fortgesetzt.

Der griechische Sonderweg bis nach dem Sturz der Junta wird in der vorliegenden Arbeit ebenso analysiert wie das Reform-Experiment der PASOK in den 1980er Jahren. Es wird die europäische „Normalisierung“ Griechenlands in den letzten 15 Jahren, seine Verwandlung zu einer kleinen Regionalmacht und einem Einwanderungsland, ebenso nachgezeichnet wie die Entwicklung der starken radikalen Linken bis heute.

Die vorliegende Arbeit liefert eine umfassende Untersuchung der Geschichte der griechischen Arbeiter/innen/bewegung und Linken in den letzten 100 Jahren vor dem Hintergrund der Entwicklung der griechischen Klassengesellschaft. Wir können damit eine detaillierte Aufarbeitung zum Thema präsentieren, wie sie jedenfalls in der deutschsprachigen Literatur bisher nicht annähernd vorhanden war.

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.