Streik bei Boeing: ArbeiterInnen zeigen dem Flugzeughersteller, wo der Hammer hängt

Anfang September sind 27.000 MechanikerInnen des US-Flugszeugbauers Boeing in einen unbefristeten Streik getreten. Sie legten ihre Arbeit nieder, nachdem die Tarifverhandlungen zwischen ihrer Gewerkschaft – der Internationalen Mechanikergewerkschaft (IAM) – und Boeing zu keinem zufrieden stellenden Ergebnis geführt hatten. Der Arbeitsausstand kostet Boeing jeden Tag rund 100 Millionen Dollar Umsatz. Die ArbeiterInnen wollen weiterstreiken, bis ihre Forderungen erfüllt werden.

Boeing ist der weltweit zweitgrößte Hersteller von Zivilflugzeugen (Boeing 747, 767, 777); weiters zählt das US-amerikanische Unternehmen auch zu den wichtigsten Entwicklern und Produzenten von Militär- und Weltraumtechnologie. Das Pentagon und die amerikanische Luft- und Raumfahrtbehörde NASA gehören zum erlauchten Kundenkreis des Konzerns, was auch erklärt, weshalb das Unternehmen in hohem Maße von US-Regierungsstellen subventioniert wird. Allein seit dem Jahr 1992 erhielt Boeing direkte und indirekte Subventionen in der Höhe von 29 Milliarden Dollar.

Der Flugzeughersteller ist der größte private Arbeitgeber im Bundesstaat Washington und das größte Exportunternehmen der Vereinigten Staaten von Amerika. Sich dem eigenen ökonomischen Gewicht voll bewusst, erpresste das Unternehmen im Jahr 2003 den Bundesstaat Washington. Der Hersteller drohte damit die Produktion der Boeing 787 „Dreamliner“ in einen anderen Staat zu verlegen, falls der vom Konzern geforderten Steuersenkung in der Höhe von 3,2 Milliarden Dollar nicht nachgekommen werden sollte. Der „Dreamliner“ ist ein Treibstoff sparendes Großraumflugzeug, das noch in diesem Jahr an diverse Fluglinien ausgeliefert werden soll. Die Regierung stimmte der Steuersenkung zu und auch ansonsten hatte der Konzern große Erfolge zu verbuchen. Boeings Gewinne belaufen sich seit dem Jahr 2002 auf 13 Milliarden Dollar, wovon 4,1 Milliarden im Jahr 2007 und 2 Milliarden Dollar in der ersten Hälfte des Jahres 2008 „erwirtschaftet“ wurden. Weiters verzeichnen die Auftragsbücher ein Rekordhoch; Boeing muss einen Lieferrückstand in der Höhe von 346 Milliarden Dollar erfüllen.

Rauf mit den Löhnen!

Trotzdem das Unternehmen floriert, gab sich der Konzern bei den geplatzten Tarifverhandlungen äußerst knausrig. Die letzte Lohnerhöhung, die die in der Internationalen Mechanikergewerkschaft organisierten Angestellten erhielten, liegt mehr als vier Jahre zurück. In der Zwischenzeit stiegen allerdings die Kosten für Lebensmittel, medizinische Versorgung und Benzin drastisch an. Während die Gewerkschaft eine – über drei Jahre verteilte – Lohnerhöhung von 13% einforderte, war das Unternehmen nur zu einer Lohnerhöhung in der Höhe von 11% bereit; ein Betrag, der nicht einmal die Inflation der vergangenen Jahre ausgleichen würde. Weitere Verhandlungspunkte stellten die Anhebung der Pensionszahlungen und die von Boeing betriebene Auslagerung der Produktion (Outsourcing) in andere Länder bzw. zu amerikanischen Unternehmen, die über keine gewerkschaftlich organisierte ArbeiterInnenschaft verfügen, dar. Die Tatsache, dass die IAM-Bürokratie ein Mitspracherecht bei Entscheidungen über die Auslagerung der Boeing-Produktion forderte, war einer der Knackpunkte bei den Tarifverhandlungen.

Erste Spannungen bezüglich des Outsourcing kamen bereits in den 1990er Jahren auf, als das Unternehmen begann im Rahmen einer Modernisierungswelle Angestellte zu feuern und immer größere Teile der Produktion nach Übersee zu verlegen. Wurden vor einigen Jahrzehnten noch alle Boeing Flugzeuge in den USA hergestellt, so ist es heutzutage so, dass knapp 70% der Arbeiten ausgelagert sind. Dies wirkte sich auch auf die Mitgliedszahlen der IAM aus. Innerhalb von zehn Jahren sank die Zahl ihrer Mitglieder von 50.000 auf 27.000. Insofern ist die Gewerkschaftsführung sehr stark an einem Mitspracherecht in Outsourcingfragen interessiert, was ihnen allerdings durch Boeing verwehrt wird.

Boeing argumentierte seine Unnachgiebigkeit in den Tarifverhandlungen damit, dass das Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben muss. Eine lächerliche Behauptung, angesichts der Tatsache, dass der Konzern nur einen anderen großen Konkurrenten im Bereich der Flugzeughersteller hat, nämlich das europäische Unternehmen Airbus, welches über eine gewerkschaftlich organisierte und gut bezahlte ArbeiterInnenschaft verfügt. Die Pläne von Boeing sind leicht zu durchschauen. Durch ein Auspressen der Arbeitskräfte sollen die Profite weiterhin gesteigert werden.

Auf Anraten der IAM-Bürokraten wurde Boeings letztes und endgültiges Tarifverhandlungsangebot abgelehnt. Bei einer Urabstimmung stimmten 80% der Gewerkschaftsmitglieder gegen den vom Konzern angebotenen Vertrag. 87% stimmten für einen sofortigen Streik.

Micky Maus will nicht kämpfen …

Der Streik hätte am 4.September beginnen sollen. Einige Stunden vor Streikbeginn geriet die Führung der IAM allerdings von staatlicher Seite unter Druck. Chris Gregoire, Demokratin und Gouverneurin des Bundesstaates Washington, forderte die Gewerkschaftsführung und die Vertreter des Boeing-Konzerns dazu auf, sich noch einmal gemeinsam an den Verhandlungstisch zu setzen. Die IAM-Verhandler Tom Wroblewski und Mark Blondin gaben dem Druck nach und entschieden sich dazu den Streik – zwecks der Durchführung erneuten Verhandlungen – um 48 Stunden nach hinten zu verschieben, was in der Gewerkschaft für Unverständnis und Zorn sorgte. Schnell wurden Stimmen laut, die über Lüge und Verrat sprachen. Als Wroblewski und Blondin im Gewerkschaftshauptquartier auf die Verschiebung des Streiks zu sprechen kamen, wurden sie ausgebuht und beschimpft. Sie mussten die RednerInnenbühne unter Personenschutz verlassen. Gewerkschaftsmitglieder begannen, Emails in Umlauf zu bringen, in denen Wroblewskis Rücktritt gefordert wurde.

Als bekannt wurde, dass die Verhandlungen in einem Disney Hotel in Orlando, Florida stattfinden würden, verschickten wütende ArbeiterInnen Emails, in denen Wroblewski und Blondi als Micky Maus dargestellt wurden. Während der Verhandlungen erschien die Hälfte der MechanikerInnen nicht zu ihrem Schichtdienst. Andere ArbeiterInnen zerstörten – die sich auf dem Betriebsgelände befindenden – Geldautomaten und Toiletteneinrichtungen.

… die ArbeiterInnen schon!

Am 5. September gab Tom Wrobleswski, der für Seattle zuständige Gewerkschaftschef, bekannt, dass die Verhandlungen in Florida gescheitert waren. Seit dem 6. September befinden sich 27.000 Boeing MachinistInnen in den Bundesstaaten Washington, Oregon und Kansas im Streik. Wie lange der Streik dauern wird, ist noch nicht abzusehen. Die momentane Arbeitsniederlegung stellt den vierten Streik der IAM in den vergangenen 20 Jahren da. 2005 streikten die MaschinistInnen 4 Wochen lang, was das Unternehmen 1,5 Milliarden Dollar kostete, da Boeing die Zustellung von 30 Jets verschieben musste.

Die Streikenden sind in einer guten Position den momentanen Arbeitskonflikt zu gewinnen. Der Auftragsstand des Unternehmens war seit Jahren nicht mehr so hoch und die Werke sollten eigentlich auf Hochtouren arbeiten. Vor der Arbeitsniederlegung produzierte Boeing gut 40 Flieger pro Monat. ExpertInnen gehen davon aus, dass der momentane Streik das Unternehmen $100 Millionen Dollar am Tag bzw. 2,8 Milliarden Dollar pro Monat kostet. Wesentlich kostspieliger wird die ganze Angelegenheit, wenn sich die Produktion des Dreamliner noch weiter verzögert.

Die Arbeitsniederlegung bei Boeing beginnt sich bereits international bemerkbar zu machen. Die irische Fluggesellschaft Ryanair musste vor kurzem wegen des Streiks die Eröffnung von elf neuen Routen verschieben, da neue Boeing- Maschinen fehlten. Der Druck auf das Unternehmen steigt immens. Welche Resultate der Streik nach sich ziehen wird, hängt nicht zuletzt auch davon ab, wie stark es den ArbeiterInnen gelingen wird, sich von der Führung der IAM zu emanzipieren, um sie so von halbfaulen Kompromissen abzuhalten.

 

 

 

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