China: Der tägliche Streik

Vor einigen Monaten sorgte eine spannende Meldung für Aufsehen unter linken BeobachterInnen der politischen Situation in China. Denn allein im Perlflussdelta, wo 40 Millionen Menschen leben, soll es jeden Tag einen Streik mit mindestens 1000 beteiligten ArbeiterInnen geben…

Laut Han Dongfang, dem Gründer der in Hong Kong ansässigen NGO "China Labour Bulletin", die sich für ArbeiterInnenrechte in China einsetzt, gibt es allein im südchinesischen Perlflussdelta jeden Tag einen Streik mit mindestens 1000 beteiligten ArbeiterInnen. Ganz zu schweigen von dutzenden "kleineren" Arbeitsniederlegungen.

Das Perlflussdelta liegt in der südchinesischen Küstenprovinz Guangdong. Die wichtigsten Städte sind Shenzhen, Dongguan und die Provinzhauptstadt Guangzhou. In der Region leben laut Volkszählung von 2001 etwa 40,7 Mio. Menschen (inklusive temporär ansässiger ArbeitsmigrantInnen aus dem chinesischen Hinterland). Sie ist also einwohnerInnenmäßig etwa halb so groß wie Deutschland. Zum "Greater Pearl River Delta" zählen außerdem noch die beiden Sonderverwaltungszonen Hong Kong und Macao – die zusammen noch einmal etwa 7 Millionen ausmachen. Dass die Schätzung von Han nicht auf Phantasie oder Wunschträumen basiert, wird dadurch offensichtlich, dass allein Shenzhen im Jahr 2004 – laut offiziellen Angaben – Arbeitskämpfe mit 300.000 Beteiligten verzeichnete. Das wären durchschnittlich 822 kämpfende ArbeiterInnen pro Tag. Und das in einem Land, indem Streiks seit 1982 eigentlich verboten sind…

Das Perlflussdelta

Heute ist das Perlflussdelta eines der industriellen Zentren Chinas. Doch das war nicht immer so. Zu Zeiten Mao Zedongs blieb der Süden Chinas gegenüber dem Nordosten in der industriellen Entwicklung zurück. Doch mit den Marktreformen ab 1978, die häufig mit dem Namen der damals unumstrittenen Führungsfigur Deng Xiaoping assoziiert werden, sollte sich dies rasch ändern.

1980 entschied die chinesische Regierung, den verschlafenen Grenzort Shenzhen zur ersten Sonderwirtschaftszone des Landes zu machen. Hier sollte, unter Ausschaltung fast aller ArbeiterInnenschutzgesetze sowie de facto Zoll und Steuerfreiheit, ausländisches Kapital angezogen werden um Chinas wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. Shenzhen hatte damals 30.000 EinwohnerInnen. Heute zählt es 8,5 Millionen. 76%, also über drei Viertel davon, sind ArbeitsmigrantInnen aus ländlichen Regionen. Die Urbanisierungsrate im Perlflussdelta beträgt heute 73% und liegt damit auf europäischem Niveau (Gesamtchina hat nur 43% Stadtbevölkerung).

Gemeinsam mit anderen chinesischen Küstenstädten wurde Shenzhen zur verlängerten Werkbank internationaler Konzerne für deren Weltmarktproduktion. Zu erst kamen die Firmen aus Hong Kong oder Taiwan, später aus Japan, Südkorea oder den USA und heute sind auch unzählige europäische Unternehmen in China aktiv. Diese Entwicklung machte das Perlflussdelta zu einer der wichtigsten Industrieregionen der Welt. 2001 wurden hier 5% aller (!) weltweiten Güter erzeugt. Der Schwerpunkt liegt auf der Leichtindustrie, vor allem im Schuh-, Textil- oder Elektroniksektor. Doch die Betriebe sind teilweise riesig: So ist etwa die "Foxconn-City" mit 130.000 Beschäftigte der größte zusammenhängende Elektronikbetrieb der Welt.

Die Kämpfe der WanderarbeiterInnen

"Auf der unteren Mittelschule haben wir einiges über marxistische Theorie gelesen. Als die Lehrer uns den Widerspruch zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen in der kapitalistischen Gesellschaft erläuterten, erwähnten sie auch die unmenschliche Ausbeutung der Arbeiter und Arbeiterinnen. Damals haben wir das nicht begriffen. Aber seit ich nach Shenzhen gekommen bin, um zu arbeiten, kapiere ich allmählich, wie Kapitalisten die Arbeiter und Arbeiterinnen unterdrücken und ausbeuten." (Chinesische Arbeiterin, zit. n. Wildcat: Unruhen in China, Beilage der Wildcat Nr. 80, Dezember 2007)

In den Schwitzbuden des Perlflussdeltas arbeiten zum Großteil junge Menschen vom Land, deren Eltern noch Bauern/Bäuerinnen sind. In vielen Unternehmen stellen Frauen die Mehrheit der Belegschaft. Oft müssen sie unter unvorstellbaren Bedingungen arbeiten. Nicht selten, wird die gesetzlich vorgeschriebene Arbeitszeit von acht Stunden pro Tag missachtet. Unabhängige Gewerkschaften sind verboten und die offiziellen Gewerkschaften sind Büttel des Systems. Die jungen ArbeitsmigrantInnen haben nicht viel Erfahrung mit Organisierung. Doch sie lernen im Kampf. Und sie sehen, dass Streiks Erfolge bringen können.

Seit Jahren steigen in Chinas Industrie die Löhne kontinuierlich an – trotz des großen Angebots an Arbeitskräften. Ungelernte ArbeiterInnen in der Schuhindustrie etwa bekommen inzwischen um die 1200 Yuan pro Monat – vor zwei Jahren waren es noch 800 Yuan. Wie die Asia Times vom 5.2.2008 berichtet, führt dies sogar schon dazu, dass Fabriken China wieder verlassen. 2007 haben ca. 250 Schuhfabriken im Perlflussdelta zugesperrt, um in andern Ländern (Vietnam, Burma, Indien etc.) wieder aufzumachen. Im Juli 2008 wird der Mindestlohn in Shenzhen um 20% erhöht werden. Das ist eine Reaktion auf die Klassenkämpfe und auf die Tatsache, dass immer mehr WanderarbeiterInnen lieber nach Beijing oder Shanghai gehen und das Perlflussdelta meiden, da es bereits einen sehr schlechten Ruf als riesiger Sweatshop hat.

Übrigens: Während westliche Medien um den olympischen Fackellauf auf den Mount Everest wegen Chinas Tibet-Politik eine riesige Hysterie entfachen wollten, wurde über ein anderes Ereignis kaum berichtet: Beim Fackellauf durch Shenzhen gelang es zwei protestierenden Arbeitern, das olympische Feuer zu löschen. Anscheinend wurden sie abgeführt, was mit ihnen passierte, ist unklar.

Die Entwicklungen in China sind also beeindruckend. Und gleichzeitig sind sie ein Appell an die europäische Linke, die sehr stark auf die Politik in Europa und Lateinamerika konzentriert ist und den Klassenkämpfen in Ostasien oft nur wenig Aufmerksamkeit schenkt. Während in Europa und den USA heutzutage in der Regel Abwehrkämpfe gegen Sozialabbau oder Standortverlagerungen geführt werden, führen Chinas ArbeiterInnen auch offensive Klassenkämpfe. Doch sie tun dies unter den Bedingungen strenger Repression. Nicht nur deshalb muss ihnen unsere volle Solidarität gelten!

 

Zum Weiterlesen:

China unter Mao
Von der Entstehung zum Niedergang der Volksrepublik
Marxismus Nr. 17, August 2000, 232 Seiten A5, 10 Euro

China auf dem Weg zur Weltmacht?

Historische Hintergründe
Restauration des Kapitalismus
Chinesischer Imperialismus?
Soziale Lage und Klassenkämpfe

Marxismus Sondernummer 26, Jänner 2008
96 Seiten A5, 3,5 Euro
Bestellungen an: bestellungen@sozialismus.net

 

 

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