Fans sagen: –„Scheiߟ EM 2008″

3.380 Helme, 1.000 Körperschlagschutze, 1.500 Schutzschilde, 1.000 Atemschutzmasken, 180 Kleintransporter, Aufrüstung der bestehenden Einsatzfahrzeuge… Man/Frau könnte fast glauben, die Wiener Polizei rüstet für einen Krieg.

Die Berufung auf die Europameisterschaft im Jahr 2008 bietet für den bürgerlichen Staat eine hervorragende Möglichkeit, den Polizeiapparat aufzustocken und repressive Gesetze durchzusetzen. Wie auch schon bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland werden voraussichtlich auch hierzulande Stadien sowie deren Umfelder, „Fanmeilen" und öffentliche Plätze mit Videokameras überzogen werden – die dann selbstverständlich auch nach der EM bestehen bleiben. Und schon jetzt nützt die Polizei jede Gelegenheit, um kleine Konflikte in den Kurven zu eskalieren und schon mal ordentlich für die EM zu üben.

Außerdem wird die Männerfußball-EM die Möglichkeit bieten, unliebsamen Sozialabbau im Trubel der allgemeinen Fußballbegeisterung und des aufflammenden Nationalismus relativ einfach durchzusetzen. Die Ladenöffnungszeiten in Wien wurden für die Zeit der EM schon mal verlängert.

Dabei wird versucht, jene, die sich gegen die Verkommerzialisierung des Fußballs zur Wehr setzen und versuchen, Fansektoren als soziale Freiräume zu erhalten, pauschal als „Hooligans" zu diffamieren. Das entspricht jener Logik, nach der die immer intensivere Vermarktung der Ware Fußball stets mit Argumenten der „Sicherheit" gerechtfertigt wird. Zum Beispiel werden Stehplatzsektoren durch angeblich sichere Sitzplatztribünen ersetzt, die dadurch entstandenen Kosten durch eine eklatante Erhöhung der Eintrittspreise finanziert. Nicht gerade unerwünscht dürfte der dadurch bedingte Austausch des Publikums sein. Singende, oftmals aufsässige StehplatzbesucherInnen müssen so zahlungskräftigeren, unkritischen und brav konsumierenden SitzplatzbesucherInnen weichen. Werbebanner ersetzen zusehends selbstgemachte Transparente der Fans, Lasershows, sexistisches Cheerleader-Gehopse und Musikeinspielungen sollen Fangesänge verdrängen.

Widerstand

Immerhin gibt es in Österreich auch Widerstand gegen die Entwicklungen rund um die EM 2008. Ende Mai überschatteten Proteste der Rapid-Fans das Fußballländerspiel gegen Schottland. Das über den ganzen Sektor gezogenen Transparent mit der Aufschrift „Kommerz und Repression für ein Event, das uns nicht interessiert und bei dem Österreich jedes Spiel verliert" sorgten für Empörung der Fußball- Oberen und zu einem nationalistischen Aufschrei der Medien. Seit dem gab es kaum ein Match, wo die Rapid-Fans nicht ihr Transparent „Scheiß EM 2008" dabei hatten. Beim einem Heimspiel gegen den LASK im Oktober hatten die Fans der Gäste Anti-Polizei- Spruchbänder aufgezogen: „Mit Schlagstöcken den Ausgang blockiert, mit Tränengas die Massen attackiert, an Familien mit Wasserwerfern experimentiert, an Unschuldigen für die EM trainiert!" Die Rapid- Fans antworteten mit Applaus und dem Sprechchor „A-C-A-B, All Cops Are Bastards!"

Wir wollen hier nichts idealisieren: Unter den LASK-Fans gibt es mehr rechte Idioten als in anderen Vereinen. Und die Solidarisierung dauerte auch nicht lange – nach einem derben Foul eines LASK- Spielers wandelte sich der Applaus blitzschnell in den Slogan „Linzer Schweine!". Dennoch finden wir Widerstand gegen Kommerzialisierung, Repression und den ganzen patriotischen Zirkus rund um die EM wichtig. Notwendig wäre dabei, dass sektiererische Feindseligkeiten zwischen den Fans der verschiedenen Vereine abgebaut werden, dass positive Schritte von Fanklubs, die es etwa im Bereich des Antirassismus gibt, intensiviert und ausgeweitet werden. Zum Beispiel in Bezug auf Sexismus/Homophobie in den Kurven ist da noch viel zu tun.

Auch allen, die mit Fußball nichts am Hut haben, muss klar sein, dass Repression und Angriffe auf soziale Freiräume, zum Zwecke der Profit bringenden Umgestaltung der Gesellschaft, letztendlich uns alle treffen können. In Hinblick auf die EM kann immerhin darauf vertraut werden, dass das österreichische Nationalteam dem Fußballestablishment um ÖFB-Präsident Friedrich Stickler auf sportliche Weise eine sehr unangenehme EM bereiten wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.