Marxismus und Gewalt

Karl Marx bezeichnete Gewalt als die „Lokomotive der Geschichte“ oder die „Geburtshelferin einer neuen Gesellschaft“. Viele Menschen verbinden Marxismus heute mit Gewalt oder terroristischen Methoden wie von RAF oder den Roten Brigaden. Dieser Artikel analysiert die Frage der Anwendung von Gewalt und arbeitet die Positionen von MarxistInnen zu verschiedenen Mitteln der Gewaltanwendung heraus.

Gewalt wird oftmals als Brutalität zwischen Einzelpersonen oder kleinen Gruppen von Personen betrachtet. Aus dem gesamtgesellschaftlichen Kontext wird Gewalt zumeist ausgegliedert. Aber genau dort ist die Gewalt zu suchen. Die Gesellschaft ist in zwei Klassen gespalten: in Besitzende und Nichtbesitzende – Herrschende und Unterdrückte. Die herrschende Klasse sichert ihre Herrschaft mit Hilfe des Staatsapparates und damit der Staatsgewalt. Das äußert sich auch darin, dass der Staat das Gewaltmonopol für sich beansprucht. Wird die Anwendung von Gewalt durch den Staat in Diktaturen oft kritisiert, wird das Gewaltmonopol des Staats und die gewaltsame Durchsetzung der bürgerlichen Ordnung in bürgerlichen Demokratien in der Regel als legitim angesehen.

Klassen und Staat

Der Staat entwickelte sich auf einer gewissen Stufe der ökonomischen Entwicklung, die mit dem Entstehen der Klassen verbunden war. Tatsächlich gab es während eines größeren Teils der Menschheitsgeschichte keine Klassen, kein Privateigentum, keine Armeen und keine Polizei. Es konnte solange keine Klassenaufteilung geben, wie die Menge an Lebensmitteln, die von einer Person erarbeitet wurde, gerade ausreichte, diese Person am Leben zu erhalten.

Von einem bestimmten Punkt an wurde die Klassenteilung nicht nur möglich, sondern für die Entwicklung der Gesellschaft sogar notwendig. Es wurde nun genügend Nahrung hergestellt, dass ein Überschuss übrig blieb, nachdem die unmittelbaren ProduzentInnen den Teil für sich abgezogen hatten, den sie zum Leben brauchten. Zuerst war es für alle von großem Vorteil, wenn eine Gruppe von Menschen unter anderem die Verantwortung für die Überschüsse übernahm.

Doch bald gab es Konflikte um die Verteilung des Überschusses und die Klassengegensätze wurden offensichtlich. Um in solchen Klassenauseinandersetzungen siegreich zu bleiben, brauchte die herrschende Klasse staatliche Strukturen. Die privilegierte Gruppe konnte nur dann überleben, wenn sie in ihren Händen den Erlass und Vollzug von Strafen und Gesetzen, die Organisation von Armeen, die Produktion von Waffen monopolisierte. So war die Klassenteilung begleitet vom Anwachsen einer Vielzahl von Richtern, Polizisten, Generälen und Bürokraten. Sie alle bekamen einen Teil des Reichtums dafür ab, dass sie die Herrschenden beschützten.

Der Staat ist also ein Instrument der herrschenden Klasse, das mit der Entstehung der Klassen einhergegangen ist und nur durch das Absterben der Klassen wieder verschwinden kann. Deshalb können MarxistInnen das Gewaltmonopol des Staates nicht anerkennen, denn das würde das Akzeptieren der Unterdrückung einer Klasse durch eine andere bedeuten.

Gewalt und Moral

Die Bewertung von Gewalt erfolgt oft auf einer moralischen Basis. Diese Moral ist aber weder unabhängig von geschichtlichen Epochen noch steht sie über den Klassen. So ist es beispielsweise in Friedenszeiten etwas Verwerfliches, Menschen zu töten, in Zeiten des Krieges jedoch wird es von den jeweiligen Staaten zur Tugend erhoben und diejenigen, die besonders erfolgreich andere töten, öffentlich geehrt. Die Moral beziehungsweise deren Veränderung dient einem bestimmten Interesse und ist keine natürliche oder "gottgegebene" Konstante. Sie wird je nach Bedarf von der jeweils herrschenden Klasse über deren Organe (Medien, Justiz…) geschaffen und ist durch ihren verbindlichen Charakter ein wichtiger Aspekt von Macht und Machterhalt.

MarxistInnen unterwerfen sich nicht der bürgerlichen Moral, sondern betrachten Phänomene von einem Klassenstandpunkt. So stellt sich die Frage der Gewalt und ihrer Anwendung für MarxistInnen anders. Gewalt ist an sich wertneutral und immer danach zu bewerten, wer gegen wen Gewalt ausübt. Die Gewalt eines KZ-Wächters ist eine andere als die eines Häftlings in diesem KZ, der sich gegen diese Gewalt wehrt. Das alles, obwohl die Gewalt an sich möglicherweise in beiden Fällen das gleiche Ergebnis, nämlich den Tod eines Menschen, zur Folge haben kann. Anwendung von Gewalt durch Unterdrückte, die sich gegen ihre Unterdrücker wehren, muss als legitim betrachtet werden.

Auch wenn MarxistInnen Gewalt für die Durchsetzung ihrer Ziele nicht ablehnen, heißt das nicht, dass sie die Anwendung von Gewalt in allen Fällen und Formen befürworten. Der Marxismus hat das Ziel einer klassenlosen und gewaltfreien Gesellschaft. Trotzdem ist der Marxismus nicht gegen Gewalt als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele. Die Notwendigkeit der Gewalt zur Überwindung des Kapitalismus ergibt sich aus der obigen Analyse der Gesellschaft und des Staats. Wenn MarxistInnen Gewalt anwenden, um das Unter-drückungssystem Kapitalismus zu beenden, so nur weil sie wissen, dass die herrschende Klasse die Macht nicht friedlich aus der Hand geben wird.

Individueller Terror

Im zaristischen Russland vertraten die Narodniki-Gruppen ein Konzept des individuellen Terrors, der als geeignetes Mittel zum Umsturz der Gesellschaft bzw. zum "herbeibomben" von revolutionärem Bewusstsein betrachtet wurde. Dabei wurden einzelne Vertreter des Staates, meist Minister oder Zaren, durch (Bomben-) Anschläge getötet, um da-durch die Hilflosigkeit des Staates aufzudecken und damit das Bewusstsein der Massen zu wecken. Ein ähnliches Konzept vertraten die Rote Armee Fraktion (RAF) in Deutschland und die Roten Brigaden in Italien in den 70er und 80er Jahren, um die Gesellschaft aufzurütteln. MarxistInnen lehnen den individuellen Terror ab, und zwar aus politischen Gründen. Er schmälert die Rolle der Massen und verringert ihr Interesse an Selbstorganisation, stattdessen richtet er die Hoffnung auf die terroristischen "BefreierInnen".

Der Kapitalismus beruht aber nicht auf einzelnen ZarInnen, MinisterInnen, GenerälInnen oder UnternehmerInnen. Getötete Herrschende können ersetzt werden, ihr Tod ändert nichts am Bestand der sozialen Ordnung. Allerdings wird der Staat, wenn er mit dem individuellen Terror konfrontiert wird, diesen als Legitimation für die Verstärkung der Repression verwenden. Diese Repression richtet sich nicht nur gegen die TerroristInnen, sondern gegen die gesamte revolutionäre Bewegung. Dadurch werden die RevolutionärInnen von den Massen isoliert. Am Beispiel der RAF zeigte sich gut, dass sie sich durch ihre Aktionen von den Massen isolierte und statt einer revolutionären Stimmung eher ein Schulterschluss mit den staatlichen Repressionsorganen herbeigeführt wurde.

Guerilla

Nach dem Sieg der kubanischen Revolution unter Fidel Castro und "Che" Guevara erlebte die Guerillataktik als Mittel zum Sturz der Gesellschaftsordnung einen starken Aufschwung. Bei der Guerilla erfolgt der bewaffnete Kampf von größtenteils schlecht zugänglichen und wenig besiedelten Gebieten aus. Dabei wird versucht, Städte vom Land aus einzukreisen und so zu erobern. Die Guerilla stützt sich dabei hauptsächlich auf Rückhalt in der armen Landbevölkerung und Bauernschaft.

"Che" Guevara versuchte die Taktik von Kuba in andere Länder und Kontinente (z.B. Kongo) zu "exportieren". Bei der Guerilla soll ähnlich wie beim individuellen Terror revolutionäres Bewusstsein herbeigeführt und damit die Bedingungen für eine Revolution geschaffen werden.

Durch die Guerillataktik soll die Organisation der Massen durch eine kleine Gruppe bewaffneter KämpferInnen ersetzt werden. Diese Ansicht resultiert aus einer falschen Analyse der Klassenverhältnisse und damit einer Überschätzung der Bauernschaft, die zumeist selbst nur an einer Umverteilung des Landes, nicht aber an Kollektivierungen interessiert ist. Aufgrund ihrer Stellung im Produktionsprozess kann nur die ArbeiterInnenklasse durch ihre Organisation und Massenbewegungen eine erfolgreiche Revolution durchführen. Auch in Kuba hat letztendlich ein Generalstreik der städtischen ArbeiterInnen das Regime gestürzt. Die Organisationsform der Bewegung sagt auch schon einiges über die politische Organisation der zukünftigen Gesellschaft aus. So ist es nicht verwunderlich, dass aus einer Guerillabewegung, die auf demokratische Strukturen verzichtete und sich auf militärische Hierarchien stützte und die Entwicklung von Kollektivbewusstsein der Massen überspringen wollte, keine demokratische organisierte Gesellschaft folgte, sondern eine unter der autoritären Führung der großen Kämpfer.

Guerillakämpfe und Terrormaßnahmen dürfen aus oben genannten Gründen nie als Hauptkampfmittel betrachtet werden. In ganz bestimmten Situationen können solche Kampfmittel den revolutionären Klassenkampf ergänzen.

Unsere Methoden

Das revolutionäre Subjekt ist für MarxistInnen immer die ArbeiterInnenklasse, weil sie durch ihre Stellung im Produktionsprozess die Schlüsselposition im Kapitalismus einnimmt und potenziell die Möglichkeit hat, die wirtschaftliche Organisation zu übernehmen. Auch wenn Bauern/Bäuerinnen in wirtschaftlich rückständigen Ländern eine wichtige Rolle einnehmen können, muss auch dort die organisierte ArbeiterInnenklasse die führende Rolle in der revolutionären Bewegung einnehmen.

Die MarxistInnen bevorzugen Demonstrationen, Streiks und Blockaden, also kollektive Aktionen, als Mittel des Klassenkampfs. Dadurch werden die Massen einbezogen und selbst aktiv, was zur Stärkung des Selbstvertrauens und zur Schulung der ArbeiterInnen führt und wodurch sie selbst zu AkteurInnen werden. Durch die Beteiligung der ArbeiterInnen an den Kämpfen bildet sich kollektives Bewusstsein heraus und die Massen erkennen ihre Macht. Mit der Zuspitzung von Klassenkämpfen und revolutionären Entwicklungen werden für die ArbeiterInnenbewegung auch kollektive Bewaffnung in Milizen und schließlich ein bewaffneter Aufstand notwendig sein. Das Ziel der Bewegung ist immer die sozialistische Revolution und die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft.

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