Und sie bewegt sich doch. Die Geschichte der US-amerikanischen Arbeiter/innen/bewegung

Oft wird behauptet, dass die patriotische Verblendung der rückständigen und kulturlosen Amis dafür verantwortlich sei, dass ihre korrupten Regierungen die ganze Welt in eine nicht enden wollende Anzahl von Kriegen stürzen. Der folgende Artikel soll zeigen, dass die US-Arbeiter/innen/klasse oft radikale Kämpfe gegen den amerikanischen Staat führte und ein wichtiger Verbündeter für die internationale Linke ist.

Der Formierungsprozess der amerikanischen Arbeiter/innen/bewegung setzte in den 1840er Jahren ein. Er wurde sehr stark von deutschen Einwanderern, nach 1848 besonders von flüchtigen Revolutionären, geprägt. Bedingt durch die rasch voranschreitende Industrialisierung entstand eine große Arbeiter/innen/klasse, die für eine Verbesserung ihrer unzumutbaren Lebensbedingungen kämpfte.

1877 kam es zur ersten großen Rebellion des US-Proletariats, dem so genannten "großen Aufstand". Massenstreiks in vielen Teilen des Landes führten zu schweren Zusammenstößen mit Polizei und Regierungstruppen. In etlichen Gemeinden übernahmen die Streikenden vorübergehend die politische Macht. Obwohl die spontane, oft unkoordi-nierte Rebellion militärisch niedergeschlagen wurde, stellte sie für den Bewusstwerdungsprozess der amerikanischen Arbeiter/innen/klasse einen wichtigen Bezugspunkt dar.

Die darauf folgenden Jahre waren von einem deutlichen Anwachsen der organisierten Arbeiter/innen/bewegung geprägt. Durch die 1886 erfolgte Gründung der "American Federation of Labor" (AFL) wurde der bisherigen Konzentration auf die deutschen Einwanderer auf einer gewerkschaftlichen Ebene entgegengewirkt.

Am 1. Mai 1886 fand ein Generalstreik zur Einführung des 8-Stunden-Tag statt. Um sich gegen Polizei und Privatarmeen ("Pinkertons") zu schützen, hatten ArbeiterInnen schon vorbereitend bewaffnete Gruppen gebildet. Es kam zu zahlreichen Auseinandersetzungen, die vom Staatsapparat eskaliert wurden. Eine bis dahin bespiellose Repressionswelle setzte ein, die die Arbeiter/innen/bewegung für einige Zeit in die Defensive brachte. Bestrebungen, sich eine Verankerung unter englischsprachigen Arbeitern aufzubauen, stießen auf zunehmenden Erfolg. Gleichzeitig schlug die AFL eine zunehmend berufständisch orientierte Richtung ein – von der Diskriminierung von Frauen und Schwarzen ganz zu schweigen.

Erster Weltkrieg

1901 wurde die "Socialist Party of America" (SPA) um Eugen Debs gegründet. Die SPA war die erste "amerikanische" Arbeiter/innen-Partei, die nicht mehr so eindeutig von deutschstämmigen Arbeitern dominiert war. Vier Jahre später kam es zur Formierung der "Industrial Workers of the World" (IWW), einer nicht berufständischen gewerkschaftlichen Organisation.

Während die AFL im 1. Weltkrieg offen die imperialistische Kriegspolitik unterstützte, stellten sich SPA und IWW gegen den Krieg. Während des Krieges und danach kam es zu großen Streikwellen. Allein im Jahr 1919 fanden 3.630 Streiks statt, an denen sich 4,2 Millionen Arbeiter/innen beteiligten. Eine starke Solidarisierungsbewegung mit der russischen Revolution entstand und in Seattle übernahmen sogar Arbeiter/innen/räte kurzfristig die Macht. Massive Gegenschläge des Staates und die berufständische und konservative Haltung der AFL waren dafür verantwortlich, dass diese gigantische Streikbewegung gebrochen werden konnte.

Noch im selben Jahr stieg der Einfluss des linken, an den russischen Bolschewiki, orientierten Flügels in der SPA. Der Ausschluss zahlreicher Mitglieder dieses Flügels führte 1920 zu Gründung der "United Communist Party" (später CPUS), an der auch John Reed beteiligt war. Um führende Kader wie etwa James P. Cannon, die im Zuge der Stalinisierung aus der CPUS entfernt wurden, entstand 1929 die trotzkistische Bewegung, die schließlich die "Socialist Workers Party" formierte.

Zwischenkriegszeit

Allgemein waren die 1920er Jahre eine Phase der Expansion für den US-Kapitalismus, und eine Flaute für die Gewerkschaftsbewegung. Ab 1929 änderte sich die soziale und politische Situation allerdings grundlegend. Der Börsenkrach führte zu einer Halbierung der Produktion, die Reallöhne sanken auf 45%, die Zahl der Arbeitslosen stieg von 3 auf 15 Millionen.

Es kam zur Herausbildung einer starken Arbeitslosenbewegung und zu einer erneuten Welle von militanten Streiks wie etwa von Transportarbeitern in Minneapolis unter trotzkistischer Führung. Wei-ters erfolgte eine zunehmende Organisierung von ungelernten Arbeitskräften in der Großindustrie. Ausdruck dieser Organisierung, vor allem aber auch der zunehmenden Kampfbereitschaft der Arbeiter/innen/bewegung, besonders aus der Automobil- und Stahlindustrie, war 1938 die Gründung eines neuen Gewerkschaftsdachverbandes, des "Congress of Industrial Organisation" (CIO).

Bedingt durch die Kriegskonjunktur während des Zweiten Weltkrieges (die Profite stiegen um 250%) ging die Arbeitslosigkeit zurück. AFL, CIO, die Sozialdemokratie und die CPUS unterstützten die Kriegskampagne der Regierung. Die Gegner des imperialistischen Krieges, unter ihnen auch die SWP, sahen sich erneut mit staatlichen Repressalien konfrontiert.

Noch im Verlauf des Krieges wurde das "National Labor Relations Board" geschaffen, in dem Gewerkschaftsvertreter/inn/en, Unternehmen und die Regierung arbeitsrechtliche Fragen aushandelten. Das brachte viele Gewerkschaften in die Abhängigkeit der Regierung. Die Folge waren disziplinierende Maßnahmen gegenüber den Gewerkschaftsmitgliedern. In der Folge spielten sich viele Arbeitskämpfe jenseits des "offiziellen" gewerkschaftlichen Rahmens ab. In heftigen Streiks wehrten sich bedeutende Teile der Arbeiter/inn/enschaft gegen die ihnen aufgelasteten Bürden. Oft versuchten die Gewerkschaftsführungen, die auf die Streiks kaum Einfluss hatten, die von der Basis geführten Kämpfe zu unterbinden.

1944 ging als das Jahr mit den meisten Streiks in die Geschichte der USA ein. An den insgesamt 15.000 Streiks beteiligten sich 6,8 Millionen Menschen. Unternehmen forderten von den Gewerkschaften Garantien gegen wilde Streiks. Trotz der gewerkschaftlichen Stillhaltepolitik wurde das Land auch nach dem Kriegsende massiv bestreikt.

Nach 1945

Mithilfe der obrigkeitshörigen Gewerkschaftsbürokratien gelang es der Regierung in weiten Bereichen Lösungen zu diktieren. Dort, wo der Ausstand nicht beendet werden konnte, wurde das Militär als Streikbrecher eingesetzt. 1947 wurde im Senat ein Gesetz verabschiedet, dass das Recht auf Organisierung und Streiks hart eindämmte. Eine der Spitzen des "Taft-Hartly Act" war, dass Streiks 60 Tage zuvor angekündigt werden mussten und per Gerichtsbeschluss für 80 Tage ausgesetzt werden konnten.

Die folgenden Jahrzehnte waren von einem institutionalisierten Klassenkompromiss zwischen Unternehmen und Gewerkschaftsführung geprägt. Die Facharbeiter/innen/schaft erhielt verbesserte Lebensbedingungen. Die Gewerkschaften hatten sich in der Nachkriegsordnung etabliert und eine starke Bindung der Gewerkschaften an die Demokratische Partei entstand.

1955 fusionierten AFL und CIO zur AFL-CIO, die seither die größte zentrale Gewerkschaftsorganisation in den USA darstellt und zu den wichtigsten Geldgebern für Wahlkämpfe der "Demokraten" zählt. Obwohl die AFL-CIO-Statuten die Gleichstellung aller Arbeiter/innen vorsahen, lehnten einige Gewerkschaften die Aufnahme von "Farbigen" ab. Letztlich war es diese Frage, die 1968 zur Abspaltung der United Automobile Workers von der AFL-CIO führte. Zwischen 1953 und 1973 ging der gewerkschaftliche Organisationsgrad (der Anteil der Gewerkschaftsmitglieder an den Lohnabhängigen) von 34% auf 25% zurück. Gewerkschaften waren zu einer jener untergeordneten Interessensgruppen im politischen System der Vereinigten Staaten verkommen. Sie betrieben Service und Lobbying für ihre Mitglieder, was bedingte, dass sich ein zweispuriges Lohnsystem etablierte. Auf der einen Seite waren jene Industriearbeiter/innen, die von den Gewerkschaftserrungenschaften profitierten, auf der anderen Seite all jene, die von der Welle der Organisierung nicht erfasst worden waren. Als Folge schufen Vertreter/inn/en ethnischer Minderheiten eigene Organisationen (z.B. die Black Panther Party).

Nach 1973 setzte eine Wirtschaftskrise ein, die die relativ lange Phase des ökonomischen Wachstums und der Produktivitätssteigerung beendete. Unter Präsident Reagan, der 1981 von einer Koalition von recht(sextrem)en Kräften an die Macht gebracht wurde, begann eine Offensive gegen die Arbeiter/innen/klasse. Der Streik der Fluglots/inn/engewerkschaft PATCO führte zur Entlassung der gesamten Belegschaft (über 10.000 Menschen), die durch neue Arbeitskräfte und Militär ersetzt wurden. Die Entlassenen wurden mit einem 10-jährigen Anstellungsverbot belegt. Seit den 70er Jahren war ein Zurückgehen von wilden Streiks bemerkbar. Das Vertrauen in militante Kämpfe sank nicht zuletzt aufgrund der mangelnden Rückendeckung seitens der Gewerkschaftsführung. In den 80er Jahren trugen die Arbeitskämpfe einen weitgehend defensiven Charakter.

Bedingt durch den 90er-Jahre-Boom gelang es, das Lohnniveau weitgehend zu halten. Allerdings mussten Kürzungen im Bereich von Pensionen, Kranken- und Sozialversicherung hingenommen werden. Herausragend war der erfolgreiche Streik von 185.000 Arbeiter/innen des Zustelldienstes UPS, der 20.000 neue Vollzeitarbeitsplätze durchsetzte.

Resümee

Trotz einer langen Tradition militanter Kämpfe hat es das US-Proletariat nie zu einer großen politischen Interessensvertretung, einer spezifischen Arbeiter/innen/partei gebracht. Der größere ökonomische Spielraum des US-Kapitalismus und die scharfe Repression gegen die Arbeiter/innen/bewegung und Sozialist/inn/en spielten hierfür eine wichtige Rolle. Das weitgehende Fehlen einer proletarischen Klassenpartei bewirkte, dass die US-Gewerkschaften über ein überproportionales Gewicht in der Arbeiter/innen/bewegung verfügten. Ihre staatstragende Rolle führte dazu, dass viele wichtige Klassenkämpfe auch neben den Gewerkschaftsstrukturen entstanden und in der Regel schnell wieder in sich zusammenbrachen, da es an einer beständigen politischen Perspektive meist fehlte

 

 

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