Die Vogelgrippe … und andere Anlässe zu kranken Geschäften

Wie wohl an keiner und keinem von uns vorüber ging, steht uns – medienwirksam – demnächst eine Grippe-Pandemie "ins Haus": die Vogelgrippe ist im Anmarsch.

Die tatsächliche Wahrscheinlichkeit einer Pandemie, also einer weltweiten Grippewelle, wie sie im letzten Jahrhundert dreimal vorkam, vorherzusagen, ist auch für ExpertInnen schwierig, da ein derartiger Ausbruch von verschiedenen Faktoren abhängt: die Ausbreitung des für Vögel krankmachenden Virus, die Möglichkeit zu einer Mutation, die für Menschen gefährlich werden kann und äußere soziale Umstände.

Statistisch wäre es zwar an der Zeit für eine neue Pandemie, doch das Erbgut von Viren kümmert sich nur mäßig um die Statistik – und selbst wenn es zur "Kreuzung" eines neuen Virenstammes käme, ist noch nicht gesagt, wie schwer krankmachend dieser neue Krankheitserreger wäre. Auch die üblichen "Wald & Wiesen"-Grippeerreger verändern sich ständig – deshalb muss jährlich für die Influenza-Impfung im vorhinein ein Erreger beziehungsweise dessen Antigen-Profil erraten werden.

Abgesehen von der Pathogenität (krankmachenden Eigenschaft) des Erregers selbst, ist – worauf gerne vergessen wird – die Entstehung von Seuchen auch von Faktoren wie den sozialen Umständen, vor allem dem Hygiene- und Ernährungsstatus einer Bevölkerung abhängig. Und diese Faktoren sind heute eindeutig anders gelagert, als beispielsweise nach dem ersten Weltkrieg, als die "spanische Grippe" (je nach Quelle) 20 bis 50 Millionen Menschen dahinraffte, darunter auch junge und zuvor Gesunde. Damals war mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung mit dem Grippevirus infiziert. Ob dies heute genauso wäre, kann nicht seriös vorausgesagt werden.

Über unerwünschte Nebenwirkungen …

Faktum ist: Wir leben, wie in anderen Bereichen auch, mit einem nicht exakt einschätzbaren Risiko – was bei Vielen Angst und große Unsicherheit schafft. Da scheint es nur vernünftig, für den Ernstfall vorbereitet zu sein. Wie gut, dass die Pharmafirma Roche seit einigen Jahren ein Medikament auf dem Markt hat, das den Verlauf einer derartigen Grippe abmildern, bzw. vorbeugend eingenommen, erst gar nicht zum Ausbruch kommen lassen soll.

In Japan, wo das Produkt "Tamiflu" aggressiv beworben und ähnlich wie bei uns Aspro und ähnliches angewendet wurde, gibt es bereits die ersten Resistenzen dagegen (d.h. dass es gegen einige Virenstämme bereits unwirksam ist). Weiters häufen sich Vorfälle, die in engem zeitlichem Zusammenhang mit der Einnahme des Mittels stehen, wie plötzliche Todesfälle und Selbstmordversuche (um nur die schwerwiegendsten zu nennen), die Nebenwirkungen des Medikaments sein könnten. Ein Zusammenhang wird von den ProduzentInnen natürlich bestritten, solange keine eindeutigen Studien vorliegen (die wohl kaum von der betroffenen Firma finanziert werden würden).

Bei uns fristete dieses "Wundermittel" bisher, trotz seiner enormen kommerziellen Möglichkeiten eher ein Schattendasein – dachte sich auch Norbert Bischofberger, Erfinder von Tamiflu, und klagte den Vertreiber Roche wegen "ungenügender Vermarktung" seines Medikaments.(1) Nun, was Tamiflu betrifft, haben dies nun ganz billig die Medien mit ihrem Vogelgrippe-Hype erledigt. Nicht nur Bund oder Länder kaufen massenweise Tamiflu, sondern auch Einzelpersonen – aus Angst vor Engpässen im Ernstfall.

Profitwarnung

Einer der ersten PolitikerInnen, die dringend vor der Vogelgrippe gewarnt haben, war übrigens US-Präsident George Bush. Interessanterweise war sein Verteidigungsminister und enger Vertrauter Donald Rumsfeld vor seiner Bestellung ins Außenministerium Aufsichtsratsvorsitzender von Gilead Sciences, der Firma, die die Patentrechte an Tamiflu hält, und besitzt bis heute relevante Aktienpakete.(2) Rumsfeld wäre also unmittelbarer Nutznießer der 7,1 Milliarden Dollar, die US-Präsident Bush im November 2005 vom Kongress gefordert hat, um die Vogelgrippe zu bekämpfen.(3) Rumsfeld wird also Bush´s Appell sicher nicht ungern gesehen haben …

Pharmakonzerne sind ein Industriezweig, der, wie alle anderen auch, dem Wettbewerb des kapitalistischen Systems unterliegt. Dementsprechend sind das Angebot beziehungsweise die Verteilung (und die – stark von der Werbung abhängige – Nachfrage) weniger am tatsächlichen Bedarf aus gesundheitlichen Aspekten orientiert, sondern an den Interessen der einzelnen Konzerne. Vor allem durch Werbung wird der Absatz einzelner Präparate beeinflusst, wobei in den meisten Fällen die Werbung bei ÄrztInnen, die entscheiden, welches von mehreren vergleichbaren Präparaten sie verschreiben, mindestens genauso wichtig ist wie die Werbung bei den EndabnehmerInnen, den PatientInnen.

Eine weitere Folge der Profitorientierung bekommen weniger zahlungskräftige Länder zu spüren. Medikamente gegen aktuelle Seuchen wie beispielsweise HIV, Malaria oder Tuberkulose (Tbc) können in den Entwicklungsländern nicht ausreichend zur Verfügung gestellt werden, weil es an den finanziellen Mitteln scheitert. Da werden lieber viele Millionen Euro in die Entwicklung des x-ten Blutfettsenkers oder Blutzuckermedikaments investiert, denn typische "Wohlstands-Erkrankte" bezahlen schließlich auch dafür.

Insgesamt geht durch den Konkurrenzdruck enormes Potential verloren: Mehrere der weltweit operierenden Pharmamultis (siehe Kasten) betreiben gleichzeitig gigantische Forschungs- und Entwicklungsabteilungen auf der Suche nach neuen gewinnbringenden Medikamenten beziehungsweise deren Verbesserung. Dabei werden in den jeweiligen Labors ähnliche Forschungen vorgenommen, manchmal manövrieren sich die ForscherInnen in gleiche Sackgassen oder lassen vergleichbare Versuchsreihen ablaufen. Anstatt – wie es in einer planenden Wirtschaft möglich wäre – an einem Strang zu ziehen, und damit bestmögliche Erfolge für die PatientInnen zu erzielen, produzieren die Konzerne für den Profit der AktionärInnen. Die Absurdität des kapitalistischen Konkurrenzkampfes wird in diesem Bereich überdeutlich.

Der Gesundheitsbereich ist jedenfalls einer, wo die Frage privater Profite besonders deutlich hervorsticht. Konzerne oder Einzelne verdienen an der Krankheit anderer oder der Angst davor, anstatt dass alle notwendigen Leistungen für die Betroffenen kostenlos zur Verfügung gestellt werden und die notwendigen Kosten durch Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums eingebracht werden. Doch wenn es um ein derart elementares Gut wie Gesundheit und medizinische Versorgung geht, wird die Ungerechtigkeit der ach so freien Marktwirtschaft besonders grausam offensichtlich.

Fußnoten:

1) Interview in Profil 49/2005
2) http://www.saar-echo.de/de/art.php? a=28522, Stand 01/06
3) http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,382971,00.html, 01/06

Pharmakonzerne im Fusionsfieber

Die Pharmaindustrie hat in den letzten Jahren gigantische Fusionsprozesse durchgemacht, neue Multis wie Novartis und Aventis sind entstanden. Die Fusion von Sandoz und CibaGeigy zu Novartis war 1996 die bis dahin größte Firmenfusion der Welt, seit Jahren zeigt Novartis neben kleineren Zukäufen (zuletzt die deutsche Hexal um 5,6 Mrd. Euro) großes Interesse an einer Fusion mit Roche, einem weiteren Pharmariesen. Aventis, selbst 1999 aus einer Fusion der deutschen Hoechst AG mit der französischen Rhone-Poulenc entstanden, hat sich kürzlich mit dem französischen Sanofi-Konzern fusioniert, Sanofi hat dafür 54 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt. Heute sind drei Pharmakonzerne unter den sechs größten Unternehmen der Eurozone: Novartis ist nach dem französischen Ölkonzern Total am zweiten Platz, Roche belegt Platz vier, Sanofi-Aventis ist an sechster Stelle. Novartis steigerte übrigens im ersten Halbjahr 2005 seinen Reingewinn um 12% auf 3,1 Milliarden USD.

Erwünschte Folgen dieser Fusionsprozesse sind sich daraus ergebende Personaleinsparungen sowie die Reduktion der immens hohen Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Unter dem gigantischen Druck der mit diesen Fusionen verbundenen Erwartungen vor allem der institutionellen AnlegerInnen (v.a. Fonds) ist es für diese Konzerne natürlich wesentlich, ihre AktionärInnen mit permanent steigenden Gewinnen zufrieden zustellen, da gerade institutionelle AnlegerInnen bei sinkenden Gewinnerwartungen ihre Anteile sehr schnell verkaufen, was den Wert des Gesamtunternehmens mindern kann.

In diesem Sinne sind die Pharmakonzerne nicht nur an der Erforschung neuer Medikamente interessiert, sondern auch am Absatz ihrer bestehenden Produkte und somit an der Schaffung eines Marktes für diese. Medienberichte mit Katastrophenszenarien kommen da gerade recht. Also: Schön, wenn Medikamente helfen, primär muß jedoch der Profit stimmen.

 

 

 

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