Workingman’s death?

"Arbeit kann viel sein. Oft ist sie kaum sichtbar, manchmal schwer erklärbar, und in vielen Fällen nicht darstellbar. Schwere körperliche Arbeit ist sichtbar, erklärbar, darstellbar. Daher denke ich oft: sie ist die einzig wirkliche Arbeit." So spricht der österreichische Regisseur Michael Glawogger über seinen neuen Film "Workingman's Death", der seit einiger Zeit in den heimischen Kinos läuft. WIr haben ihn gesehen und ein paar Anmerkungen gemacht.

Glawogger teilt den Film in fünf verschiedene Kapitel, von denen jedes eine neue Geschichte erzählt. Es sind Geschichten über Menschen, die schwere körperliche Arbeit unter hierzulande unvorstellbaren Bedingungen verrichten. Unpathetisch, aber mit tollen, teils bizarren und ab und zu sogar schockierenden Bildern. Der Regisseur fragt nicht nach. Er lässt seine DarstellerInnen sprechen. Über ihre Arbeit, über Gott oder Bon Jovi. Konflikte zeigt er dabei kaum – im Gegenteil, über weite Strecken des Films wirkt alles sehr harmonisch. Wer sich einen kritischen, oder gar antikapitalistischen Film erwartet hat, wird möglicherweise enttäuscht den Kinosaal verlassen. Glawogger bezieht nicht Stellung. Und der Film ist auch kein typische "Globalisierungs-Doku".

Im ukrainischen Donetsk-Becken halten Bergarbeiter ehemals staatliche, längst aufgelassene Kohlegruben am Leben, indem sie eigenständig Kohle für den Eigengebrauch oder den Tausch abbauen. "Erzittere Grube, der besoffene Bergmann kommt", scherzt Wolodja, bevor er in die Mausefalle kriecht. Mausefalle, so hat sein Großvater den nicht mehr als 40 Centimeter (!) hohen Stollen getauft. Die Kumpel liegen den ganzen Tag da drinnen und bauen mit mittelalterlich anmutendem Werkzeug Kohle ab, welche sie anschließend auf einer Blechwanne mit einem Gummiseil ans Tageslicht ziehen.

Doch auch die Arbeit am Kawa Ijen, einem Vulkan in Indonesien, wirkt nicht besonders attraktiv. Dort bauen Männer inmitten von beißenden Dämpfen Schwefelsteine ab, packen diese in Körbe und tragen sie kilometerweit ins Tal hinunter. Bis zu 120 Kilogramm stemmt sich ein Arbeiter auf die Schulter. Technische Hilfsmittel? Fehlanzeige!

Die nächsten Stationen sind ein Schlachthof, oder besser: ein "Schlachtfeld", in Nigeria, bei dessen Anblick einem schon mal der Gusto auf Fleisch vergehen kann und ein Ort an der pakistanischen Küste, wo Arbeiter riesige ausgemusterte Schiffe zerlegen, bis nur mehr kleine Stahlplatten übrig bleiben. Nach einem kurzen Abstecher nach China, wo unter dem Motto "Zukunft", der industrielle Aufschwung des Landes in einige Bilder und Worte gefasst wird, folgt ein eher schwacher Epilog: Im ehemaligen Stahlwerk Duisburg-Meiderich brennen schon lange keine Hochöfen mehr. Das Industriegelände ist mittlerweile zum Freizeitpark umfunktioniert worden, wo sich bei Nacht jugendliche Paare zum ersten Kuss zusammenfinden. Was will uns der Regisseur damit sagen? Dass Nigeria oder Indonesien auch bald einmal so entwickelt sein werden, wie das kapitalistische Kernland Deutschland?

Möglicherweise, aber sicher nicht unter den ökonomischen Bedingungen des Imperialismus. Seit 1960 hat sich der Abstand zwischen dem reichsten und dem ärmsten Fünftel aller Länder verdoppelt – eine Bankrotterklärung für die sogenannte "Entwicklungshilfe". Die Schulden der Entwicklungsländer betrugen 1996 1,94 Billionen Dollar, und waren damit beinahe doppelt so hoch wie 10 Jahre davor. Nein, der Kapitalismus hat kein Interesse daran, die unterentwickelten Länder dieser Erde auf ein höheres Niveau zu hieven.

"Verschwindet körperliche Schwerstarbeit, oder wird sie nur unsichtbar? Wo ist sie im 21. Jahrhundert noch zu finden?" fragt der Regisseur. Sie verschwindet natürlich nicht, gerade das zeigt der Film ja schließlich sehr gut. Entgegen allen Theorien diverser verwirrter SoziologInnen, die uns immerzu mit schwachsinnigen Begriffen wie "Postindustrialismus" beglücken, stirbt die Arbeit keineswegs aus, auch nicht ihre schwere körperliche Form. Und für die Bezeichnung von weiten Teilen der Welt ist der Begriff noch nicht einmal ohne die unsägliche Vorsilbe "Post-" sinnvoll.

Eine vollständige Ablösung menschlicher Arbeitskraft, ob nun "körperlich" oder "geistig", durch Maschinen, Computer oder Cyborgs (Roboter, die Menschen ersetzen sollen) ist nichts als Sience Fiction und obendrein nicht vereinbar mit den Grundgesetzen der kapitalistischen Akkumulation. Denn die KapitalistInnen sind weiterhin an der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft interessiert, da nur diese mehrwertschaffend ist. Und einhergehend mit der zunehmenden Automatisierung und Entwicklung von High-Tech-Industrien werden Produktionsstandorte in Niedriglohngebiete verlegt, wird darüber diskutiert, ob die Wochenarbeitszeit wieder verlängert werden soll und wird der Arbeitsdruck immer mehr erhöht. Denn nur diese Faktoren wirken dem vom Marx entwickelten Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate entgegen, welches durch die fortschreitende Ersetzung von menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen wirksam wird.

"Workingman's Death", der Tod des/der Arbeiters/Arbeiterin oder der ArbeiterInnenklasse (abgesehen davon, dass wir darunter nicht nur IndustriearbeiterInnen verstehen) bleibt also weiterhin nur der Titel eines tollen Films, nicht aber ein Faktum des Kapitalismus, der gerade sein hoffentlich letztes Jahrhundert beschritten hat.

 

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