Sterben fürs Vaterland? – Das Schwarze Kreuz

All jene unter uns, die hin und wieder auf einem Friedhof ihrer Verstorbenen gedenken, sind wohl schon mit SoldatInnen und/oder ZivilistInnen konfrontiert worden, die am Eingang stehen und für eine ganz bestimmte Organisation Geld sammeln: das ÖSK. Das "Österreichische Schwarze Kreuz" führt laut Selbstdefinition "zum Gedenken an die Opfer der Kriege ethisch und kulturell hochwertige Aufgaben im Sinne der Republik Österreich durch".(1) Wer weiß, was alles im Sinn dieser Republik ist, schöpft Verdacht und liegt richtig …

Zweifellos ist die Arbeit des ÖSK beeindruckend. Neben der großen Zahl an Kriegsgräbern allein in Österreich, die sich alle in bestem Zustand befinden, betreut es Kriegsgräber in allen Teilen Europas und im Nahen Osten, spürt vergessene und verfallene Gräberanlagen auf, organisiert deren Instandsetzung und veranstaltet Gedenkfeiern.

Die Erfolgsbilanz des 86 Jahre alten ÖSK beruht zu einem Gutteil auf der freiwilligen und unentgeltlichen Arbeit zahlreicher idealistisch gesinnter Menschen, die zum einen von der tausende Jahre alten Ehrfurcht vor den Toten geleitet sind, zum anderen von dem Gedanken, mit der Pflege von Kriegsgräbern einen Beitrag zum Frieden zu leisten.

Diesen Beitrag zum Frieden hebt das ÖSK in seinen Zeitungen immer wieder hervor: "Kriegsgräberanlagen sollen an die Gefallenen und Toten der Kriege erinnern, …. und für die Zukunft sollen sie auch Mahnmale für den Frieden darstellen." "Der Blick geht von diesen Gedenkstätten nicht nur zurück, sondern auch nach vorne. Die Erinnerung an die leidvolle Vergangenheit bedingt die Verpflichtung und zugleich Mahnung, dass sich die Ereignisse von damals nicht mehr wiederholen sollten."(2)

In Anbetracht der 60-jährigen Abwesenheit von Krieg in Österreich und weiten Teilen Europas wähnt sich das ÖSK im Recht. Hinzu kommen gemeinsame Gedenkfeiern einst verfeindeter und nun befreundeter Staaten, die für das ÖSK ein Beweis für die Sinnhaftigkeit seiner Arbeit sind. Dazu noch einmal das ÖSK: "Über Gräber und Grenzen hinweg sind das Österreichische Schwarze Kreuz und seine Schwesterorganisation, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (…) die mit Abstand erfolgreichsten Organisationen auf vereinsrechtlicher Grundlage zur Völkerversöhnung und Friedenssicherung. Längst schon hat es sich erwiesen, dass sie durch ihre weltumspannende Arbeit auf moralischer und christlicher Grundlage, die – oft sehr einseitig und zweckorientiert agierenden – sogenannten Friedensbewegungen, im Erfolg weit hinter sich gelassen haben und zu verlässlichen Partnern offizieller, staatlicher Bemühungen geworden sind!"(3)

Das bedeutet also aus der Sicht des ÖSK, das der Umstand, dass Österreich und Deutschland seit 60 Jahren keinen Krieg mehr geführt haben, auch auf der unermüdlichen, oben skizzierten Arbeit dieser beiden Organisationen beruht. Ferner ist es dem ÖSK zu verdanken, dass Österreich zu den in den beiden Weltkriegen verfeindeten Ländern nunmehr freundschaftliche Beziehungen unterhält. Ebenfalls auffällig ist der Seitenhieb auf die "sogenannten Friedensbewegungen", die ausschließlich "einseitig und zweckorientiert" agieren würden. Kein Wunder, dass die großteils links dominierte Friedensbewegung schlecht gemacht wird, beruht sie doch nicht auf "christlicher Grundlage" (Sprechen wir nicht davon, dass auf eben jener Grundlage viele Kriege der letzten hundert Jahre ausgetragen wurde).

Um es kurz zu sagen, das Ganze ist Dummheit und Arroganz und spiegelt eine in der österreichischen Bevölkerung weit verbreitete Überzeugung wieder, dass "von uns" nichts Böses in die Welt getragen wird. Es negiert die Tatsache einer völlig veränderten politischen Lage, die mit den Interessen einzelner europäischer Staaten vor 50 oder gar vor 90 Jahren nichts zu tun hat. Was sich in den letzten Jahrzehnten und verstärkt mit dem Fall der stalinistischen Staaten in Europa ereignet, also die Bildung der EU bzw. ihres Vorläufers EG, ist vergleichbar mit dem Zusammenschluss aller deutschen Fürstentümer zum 2. deutschen Kaiserreich im Jahr 1871 mit dem Hintergedanken der Bündelung der militärischen und ökonomischen Kräfte.

Die EU ist im Begriff, eine gesamteuropäische (die EU betreffend) Streitmacht aufzustellen, die in allen Teilen der Welt zum Einsatz kommen soll. Die Mitgliedsländer der EU verpflichten sich zu ständiger Aufrüstung. Gemeinsame Manöver verschiedener EU-Länder (einst verfeindet) werden verstärkt stattfinden.

Vor diesem Hintergrund von Völkerversöhnung und Friedenssicherung zu sprechen, die laut ÖSK in Europa erreicht wurde, ist fatal und freut die Mächtigen in der EU aus Politik, Wirtschaft und Finanzwesen, können doch auf einer solchen gedanklichen Basis militärische Auslandseinsätze leicht als Frieden stiftende Missionen dargestellt werden.

Die EU-Länder, die einander seit 60 Jahren nicht mehr bekämpften, haben in dieser Zeit den Nimbus friedliebender und hoch zivilisierter Staaten erfolgreich aufgebaut und die Überzeugung davon in der Bevölkerung verankert. Deshalb ist es dermaßen schwierig, klar zu machen, in welch großem Ausmaß EU-Länder an Kriegen, Hunger, Elend, Ausbeutung und Umweltzerstörung auf der ganzen Welt beteiligt sind. Das ÖSK hilft mit, dass es so bleibt und kann mit Recht von sich behaupten, "ein verlässlicher Partner offizieller, staatlicher Bemühungen geworden zu sein".

Pflicht und Ehre?

Diesen Bemühungen entspricht auch die Darstellung der Soldaten durch das ÖSK. Grundsätzlich ist jeder im Krieg gefallene Soldat ein Held. Gedenksteine mit Aufschriften wie: "Den Helden des 1. Weltkrieges" finden wir vom Bodensee bis zum Neusiedlersee. Das "Vaterland" mit der Waffe zu verteidigen oder für das "Vaterland" zu kämpfen (aus welchem Grund auch immer) gilt als Pflichterfüllung. Die Gefallenen haben "in opfervoller Weise ihr Leben gelassen"(4) und waren "treu bis in den Tod".(5)

Bei so viel Anteilnahme können einem leicht die Tränen kommen, doch ist Sentimentalität hier nicht am Platz. Diese übersteigerte Wertschätzung Gefallener, die zugleich Überlebende herabsetzt, impliziert ein "Vaterlandsverständnis", in dem der Begriff Heimat zu einem unantastbaren, von unzähligen Geistlichen gesegneten Gut hochstilisiert wird. Da das nun für jedes Land gilt, existiert die kuriose Situation, dass es in Europa eine Vielzahl von Staaten gibt, für die zu sterben eine Ehre ist. Dieses Potential an Pflichtbewussten und bis in den Tod Treuen zu bündeln, ist Ziel der EU, das ÖSK ist dabei ein williger Helfer. Ungeniert formuliert es, dass Sterben im Krieg nicht sinnlos ist, denn die Toten sind "Teil jener Saat, aus der Frieden und Freiheit in einem gemeinsamen Europa erwächst!"(6)

Hintergründe von Kriegen sind für das ÖSK kein Thema. Im Mittelpunkt der Berichterstattung steht die heldenhafte Leistung eines Regiments oder auch eines einzelnen Soldaten, der die Goldene Tapferkeitsmedaille erhielt. Deserteure, WiderstandskämpferInnen, in KZs umgekommene und bei Verhören zu Tode gefolterte sind kein Thema, diese Leute haben ihr "Vaterland" nicht verteidigt.

Das ÖSK ist zu einer Reihe kritikloser, staatlich anerkannter Hilfsorganisationen zu zählen, deren Funktion darin liegt, Kriegen eine humane Note zu verleihen. Seine massive Hinwendung zu den im Krieg Gefallenen und deren Glorifizierung, fördert das ÖSK die Bereitschaft zum Dienst mit der Waffe und kann somit als Wegbereiter für Krieg bezeichnet werden.

Fußnoten:

1 Zeitung des ÖSK, 120. Folge, Nr.1/2005
2 ebd.
3 ebd.
4 ebd.
5 ebd.
6 Zeitung des ÖSK, 119. Folge, Nr. 2/2004
7 Oberösterreich aktuell (ÖSK, Landesgeschäftsstelle OÖ), Ausgabe 2005

 

 

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