Roter Stier im Rinderwahn: Wie Red Bull den SV Austria Salzburg zerstört

Den Stieren wird ja landläufig nachgesagt sie seien recht aggressive Tiere, die, wenn einmal in Rage gebracht, alles niedertrampeln, was ihnen im Weg steht. Auch das österreichische Unternehmen Red Bull trägt anscheinend solche Züge. Nicht anders ist es sonst zu erklären, warum ausgerechnet violette Trikots zum Roten Tuch für den Bullen aus Fuschl mutierten.

Im April 2005 übernahmen Dietrich Mateschitz und seine Firma Red Bull den Fußballklub SV Austria Salzbug, einen der traditionsreichsten Vereine der österreichischen Bundesliga. Die Stimmung unter den Fans war gespalten. Viele freuten sich über den bevor stehenden Geldregen und erhofften sich dadurch neue Höheflüge für das Salzburger Team. Andere jedoch warnten bereits von Anfang an, schließlich wären einem Marketing-Profi wie Mateschitz die Tradition des Vereins im Allgemeinen, und die Anliegen der Fans im Besonderen in etwa so viel wert wie ein Kuhfladen.

Und so kam es dann auch. Der Rote Stier wurde zum Ochsen, der den Salzburger Acker gehörig umpflügen sollte – kein Stein durfte auf dem anderen bleiben. Nahezu die komplette Mannschaft wurde ausgetauscht, mit Kurt Jara ein neuer Trainer engagiert und der millionenschwere ehemalige deutsche Fußballweltmeister Franz "Kaiser" Beckenbauer als Berater eingesetzt. Schließlich will der Verein ja laut Mateschitz zukünftig in der Champions League ganz oben mitspielen. Etwas völlig neues sollte, ja musste, in Salzburg entstehen. Zur Präsentation der Mannschaft für die Saison 2005/06 im Hangar 7 am Salzburger Flughafen wurden JournalistInnen mit der Originalmaschine des jugoslawischen Partisanenführers Marschall Tito eingeflogen und sogar extra ein sündteurer Kunstrasen (!) verlegt.

Nun haben sich Fußballfans bereits daran gewöhnt, dass Vereine ihre Trainer wechseln wie andere ihre Unterhosen, dass Spieler oft nur ein, zwei Jahre bleiben und dass auch FunktionärInnen kommen und gehen. Was bleibt da noch als Konstante, mit der sich der treue Fan identifizieren kann? Der Vereinsname, das Emblem und – was besonders wichtig ist – die Farben. Doch auch die hatten im neuen Marketing-Konzept von "Red Bull Salzburg" – so der offizielle Klubname – keinen Platz mehr. Seit 1933 spielte die Salzburger Austria in violett-weiß, seit 2005 spielt sie nun bei Heimspielen in rot-weiß und bei Auswärtsspielen in blau und ist damit der einzige Verein Europas, dessen offizielle Klubfarben weder im Trikot noch im Logo enthalten sind.

Dosen-Könige und Flaschen …

In einem Interview mit dem "Standard" vom 30.05. zeigte Mateschitz Fingerspitzengefühl wie ein von einer Hornisse gestochener Stier: "Ich möchte jetzt nicht traditionelle Werte in Frage stellen, aber für mich ist gestern die Vergangenheit, morgen die Zukunft und heute bestenfalls die Gegenwart. Für mich ist jetzt, mit Red Bull Salzburg, die Stunde Null einer neuen Ära. (…) Und der rote Bulle kann heute nicht violett sein, sonst dürfte es nicht Red Bull heißen. (…) Wir reden hier über Kindergartendinge. Ich glaube, wenn wir versuchen, guten Sport zu machen, dass selbst die eingefleischten Violett-Fans umdenken werden."

Bei den treuesten und eingefleischtesten Salzburg-Fans machte sich Mateschitz allerdings keine Freunde. Nicht nur, dass er, der wahrscheinlich vorher noch nie ein Fußballstadion von innen gesehen hat, die Dressen der Mannschaft umfärben ließ, fährt er den Fans mit oben zitierten Aussagen auch noch mit dem Hinterteil ins Gesicht und bezeichnet ihre Anliegen als "Kindergartendinge". Doch der Red Bull-Chef schaltet nicht bloß auf stur, er provoziert die Fans auch noch. Beim ersten Heimspiel der Saison gegen Mattersburg ließ er im ganzen Stadion violette Brillen austeilen. Devise: "Schaut da durch, dann habt ihr eure blöden violetten Dressen".

Widerstand

Die treuen Salzburger Fans aber wollen sich dieses seltsame Schauspiel nicht gefallen lassen. Schließlich waren sie es, die den Verein in den vergangenen mageren Jahren lautstark unterstützt haben, viel Freizeit und Geld geopfert haben um, "ihre Austria" zu Auswärtsspielen zu begleiten und mit ihrem Einsatz für ein neues Stadion in Salzburg den späteren Einstieg von Red Bull erst ermöglicht hatten. Sofort wurden Protestmaßnahmen ergriffen, mit Spruchbändern und Transparenten auf das weiß-violette Anliegen aufmerksam gemacht, ein Testspiel in Mondsee musste sogar wegen eines friedlichen Platzsturmes der Fans unterbrochen werden. Bereits in der abgelaufenen Saison hatten die Fans 9000 Unterschriften für den Erhalt violett-weißer Dressen gesammelt.

Eine Fan-Initiative "Violett-weiß" (www.violett-weiss.at) wurde ins Leben gerufen, mit dem Ziel durch "konstruktive Zusammenarbeit" mit Red Bull die Wiedereinführung violetter Trikots zu erreichen. Ob dies mit einem Dietrich Mateschitz möglich ist, ist mehr als fragwürdig. Im "Sportmagazin" diffamierte er die "Violetten" als "eine sehr, sehr kleine Anzahl von Fans, denen es wahrscheinlich nicht einmal so sehr um den Sport geht, für die Sport ein Mittel zum Zweck ist, um randalieren zu können." Nun dreht Red Bull anscheinend völlig durch und erteilte rund 60 Fans, die ihr Abo über "pro-violette" Fanklubs wie die "Union `99 Ultrà Salzburg" oder die "Tough Guys" bezogen hatten, ein Hausverbot im Salzburger Stadion.

Red Bull im Rinderwahn

Munter faselte Mateschitz weiter: "Ich kann ja nicht mit einem lila Bullen spielen, wenn die Marke Red Bull heißt." Franz Beckenbauer glaubte zu wissen, dass es egal sei "ob man in lila, blau, grün, gelb oder was auch immer spielt, das einzig Wichtige ist, dass die Mannschaft erfolgreich spielt." Ein Glück für die beiden, dass sie bei Salzburg eingestiegen sind, und nicht beim AC Mailand. Denn dort würden die Fans den roten Stier vor sich herjagen wie eine Kuh beim Almabtrieb.

Während also die Konfrontation zwischen Vereinsführung und Fanklubs eher einer Auseinandersetzung zwischen David und Goliath, als einem Stierkampf in Pamplona gleicht, erreichte die Salzburger "Fanszene" Solidaritätsbekundungen aus ganz Österreich und Europa. AnhängerInnen von Sturm Graz, dem GAK, der Wiener Austria und sogar die mit den SalzburgerInnen klar rivalisierenden "Ultras Rapid" und die (übrigens deutlich links positionierten) "Verrückten Köpfe Innsbruck" erklärten sich solidarisch und werden Proteste durchführen, bzw. haben dies bereits getan.

Auch in der internationalen Fanszene sorgte das Beispiel Salzburg für Unmut – von Valladolid (Spanien) über Zürich bis München zeigten die Fans Verständnis und Unterstützung. Einmal mehr sehen wir also, dass Fußballfans nicht die dummen, gewaltgeilen, stets besoffenen Rowdies sind, als welche sie in den bürgerlichen Boulevard-Blättchen oft dargestellt werden, sondern durchaus dazu im Stande sind, gemeinsam für ihre Interessen einzutreten.

Was steckt dahinter?

Bis vor wenigen Jahren erteilte Red Bull dem Fußball-Sponsoring noch ein klare Absage. "Zu traditionell" hieß es damals. Stattdessen konzentrierte sich die Firma auf "hippe" Trend- oder Extremsportarten wie Mountainbiking oder "Base-Jumping" und veranstaltete dümmliche Wettbewerbe auf der Donauinsel, bei denen sich HeimwerkerInnen zur Belustigung des Publikums mit selbst gebastelten "Fluggeräten" ins Wasser stürzen konnten. Was war also ausschlaggebend für das Umdenken im Stier- bzw. Sturschädel von Red Bull? Die Gründe sind wohl zum Gutteil in den Veränderungen, die der Fußballsport in den letzten Jahren und Jahrzehnten erfahren hat, zu suchen.

Der Fußball – traditionell ein Sport der ArbeiterInnenklasse – wird immer mehr zum perfekt inszenierten Werbe-Spektakel nach US-amerikanischem Vorbild. Auf seiner mitunter verzweifelten Suche nach immer neuen Märkten und Verwertungsmöglichkeiten macht das Kapital auch vor den Fußballstadien Europas und der restlichen Welt nicht Halt. Werbebanner ersetzen selbstgemalte Fan-Transparente, Knapp bekleidete Cheerleaderinnen, hysterische Moderatoren und lächerliche Maskottchen sollen die Stimmung auf den Tribünen anheizen (dabei können das die Fans doch selbst am besten) und Stehplatzsektoren werden durch Sitzplatztribünen ersetzt.

Gerechtfertigt wird das alles mit dem Argument der "Sicherheit" und der "Familienfreundlichkeit". Aber wie "familienfreundlich" sind Saisonkartenpreise von 1500 Euro oder mehr, wie in England üblich? Es bedarf keiner groß angelegten soziologischen Forschungsprojekte, um sich ausmalen zu können, dass sich dort (und in anderen Ländern auch) bereits eine eklatante Veränderung der sozialen Zusammensetzung in den Stadien ergeben hat. Aufsässige, oftmals kritische Fans aus den Unterschichten der ArbeiterInnenklasse werden immer mehr von zahlungskräftigeren unkritischeren ZuschauerInnen aus den Mittel- und Oberschichten abgelöst für die – wie im "richtigen" Leben – nur der kurzfristige (sportliche) Erfolg zählt, und nicht die Tradition oder der Zusammenhalt, die "Community", auf den Tribünen. Die Fans sollen gefälligst die oftmals beeindruckend hässlichen Produkte aus dem glitzernden Fanshop kaufen und nicht auf die Idee kommen, sich eigene Schals oder T-Shirts zu produzieren.

Den Stier bei den Hörnern packen!

Auf diesen Zug, oder besser: diese Walze, ist nun auch Red Bull aufgesprungen. Dabei dürfen die Fans (egal welchen Vereines) aber nicht den Fehler machen, die negativen Veränderungen in ihrem Lieblingsstadion isoliert von den restlichen gesellschaftlichen Ereignissen zu betachten. In der Konfrontation zwischen Fans und Management ist es also essentiell zu begreifen, dass es um mehr geht, also um die Umfärbung von Dressen oder dergleichen. Es geht um die Zerstörung von sozialen Freiräumen zur profitbringenden Umgestaltung der Gesellschaft, die in letzter Instanz mit repressiven Mitteln durchgesetzt wird.

Um diesem Prozess etwas entgegensetzen zu können, wird es notwendig sein, die vereinsfarbene Brille abzunehmen und über den Tellerrand des eigenen Fansektors zu blicken. Die Fans werden auch nicht darum herumkommen, noch immer grassierende rassistische, sexistische oder homophobe Umtriebe in den Stadien zu bekämpfen. Der Kampf gegen die zunehmende Kommerzialisierung des Fußballsports über die Vereinsgrenzen hinweg ist jedenfalls ein bedeutender Schritt in die richtige Richtung. Und wer weiß, wie dieser Kampf ausgeht – schließlich war der Stier am Ende immer noch der Verlierer …

 

 

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