Wir gedenken anders! 40 Jahre Tod von Ernst Kirchweger

Während dem offiziellen Österreich im "Jubeljahr 05" vor lauter Freude über Staatsvertrag oder EU-Beitritt noch ganz schwindelig wird, gedenken AntifaschistInnen anders. Vor 40 Jahren wurde der Kommunist und aktive Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger bei einer Demonstration von einem Faschisten erschlagen.

1897 als Kind einer Wiener ArbeiterInnenfamilie geboren, nahm Kirchweger ab 1916 als Matrose am ersten Weltkrieg teil und beteiligte sich 1918 am revolutionären Matrosenaufstand von Cattaro/Kotor. Bis 1934 war er Mitglied der Sozialdemokratie, nach dem Verrat der SP-Führung im Zuge der Februarkämpfe schloss er sich – wie viele SozialdemokratInnen in dieser Zeit – der illegalen KPÖ an. Nach seinem Engagement gegen die austrofaschistische Diktatur war Kirchweger auch im Widerstand gegen den Nationalsozialismus – und landete schließlich im KZ, welches er aber überlebte.

Am 31.3. 1965 nahm der damals 67-jährige Kirchweger an einer Demonstration gegen den rechtextremen Uni-Professor Taras Borodajkewycz teil. Borodajkewycz, ein ehemaliger einflussreicher und aktiver Nationalsozialist, der an der Hochschule für Welthandel (der heutigen Wirtschaftsuniversität Wien) lehrte, war bereits mehrmals durch antisemitische und NS-verharmlosende Äußerungen aufgefallen. Auf einer Pressekonferenz meinte dieser Möchtegern-Übermensch mit kroatischem Vor- und Nachnamen damals: "Ich habe niemals meine Mitgliedschaft bei der NSDAP verleugnet, ich bin auch freiwillig beigetreten, zum Unterschied von manchen Zeitgenossen, die dann behaupteten, sie sind gezwungen worden. Ich bin freiwillig beigetreten. Ich müsste mich ja schämen, wenn ich mich nicht zu der Vergangenheit bekenne".

Borodajkewycz war zu dieser Zeit übrigens Mitglied im, seit jeher ÖVP-dominierten, Cartellverband, dem Dachverband der katholischen Studentenverbindungen. Seine Rolle ist beispielhaft für viele Karrieren in MKV (Mittelschülerkartellverband) und CV, die zwischenzeitlich via NSDAP verliefen.

"Notwehrähnliche Situation"

An besagter Demo nahmen tausende AntifaschistInnen teil. Nachdem die Demonstration von Anhängern Borodajkewycz' – vor allem Burschenschaftern und Mitgliedern des Rings freiheitlicher Studenten (RFS) – mit Rufen wie „Hoch Auschitz“ angegriffen wurde, kam es zu Ausschreitungen. Kirchweger, der in seiner Vergangenheit bereits mehrmals um sein Leben bangen musste, sah sich gezwungen, sich gegen die Angriffe der Rechtsextremen mit einem Regenschirm zu verteidigen. Daraufhin wurde er von einem jungen Nazi und RFS-Mitglied, Günther Kümel, ins Gesicht geschlagen. Kirchweger stürzte zu Boden, verletzte sich schwer und erlag 3 Tage später seinen Verletzungen. An seinem Begräbnis nahmen 25.000 Menschen teil, es mutierte somit zur antifaschistischen Manifestation.

Der bereits vorbestrafte Kümel wurde schließlich zu 10 Monaten (!) Haft wegen "Überschreitung einer notwehrähnlichen Situation" verurteilt – ein Skandal. Welch Wunder, eine Läuterung fand danach nicht statt, auch nach seiner Entlassung engagierte sich Kümel weiterhin in der rechtsextremen Szene. Borodajkewycz hingegen wurde – nach langem Widerstand des zuständigen Unterrichts-Ministers Piffl-Percevic – zwangsweise pensioniert. In den folgenden Jahren veröffentlichte er noch einige einschlägige Texte, z.B. in den "Eckartschriften".

Ernst Kirchweger Haus

An den Widerstandskämpfer Kirchweger wird noch heute erinnert: Die 1990 besetzte Wielandschule, bedauerlicherweise vor kurzem von der KPÖ-Führung an einen Rechtsextremen verkauft, wurde nach ihm benannt, und ist heute als Ernst Kirchweger Haus (EKH) bekannt.

Wie das ganze Ereignis im rechtsextremen Milieu wahrgenommen wird, können wir in "Zur Zeit", der Postille von EU-Abgeordnetem, Ex-FPÖ Mitglied und Pornoautor Andreas Mölzer nachlesen. Dort lesen wir über Ernst Kirchweger, dieser sei "bei einer wütenden sozialistischen Demonstration gegen einen Universitätsprofessor in den fünfziger Jahren gestolpert und so unglücklich auf den Randstein gefallen, dass er verstarb". (Zur Zeit 5-6/2005, S. 6). Einmal mehr sei erwähnt, dass dieses Blatt einige Zeit auch recht üppige Presseförderung durch die schwarz-blaue Bundesregierung erhalten hat …

 

 

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