10 Jahre AGM

Anfang September 1994 wurde im südlichen Niederösterreich die Arbeitsgruppe Marxismus (AGM) gegründet. In den vergangenen zehn Jahren konnte sich die AGM nicht nur vergrößern, sondern auch ein spezifisches politisches Profil entwickeln und sich zumindest in Österreich einen Platz in der (radikalen) Linken erobern. Wir können nach diesem Jahrzehnt eine doch zu weit überwiegenden Teilen positive Bilanz ziehen.

Ausgegangen war die Formierung der AGM von einer Handvoll Kader, die zuvor in der Gruppe ArbeiterInnenstandpunkt (ASt) organisiert gewesen waren. Sie waren dort bereits seit einiger Zeit vergeblich für einen Realismus in der Weltlageeinschätzung, der Organisationsaufbauperspektive und dem Selbstverständnis eingetreten und hatten sich schließlich für den Bruch mit dem ASt und seiner internationalen Strömung LRKI (heute LFI) entschieden. Es gelang ihnen die Mehrheit der damaligen ASt-Jugendgruppe für den Aufbau einer politischen Alternative zu gewinnen.

Es war uns von Anfang an klar, dass unsere Ausgangssituation nicht die einfachste war. Die gesamtgesellschaftliche Situation in Österreich war 1994 generell nicht sehr vorteilhaft für die Linke. Unsere Gruppe war klein und etliche der jungen Genoss/inn/en politisch nicht sehr gefestigt. Wir verfügten über keinerlei Infrastruktur. Es stellte sich auch die Frage, ob in der radikalen Linken in Wien der Platz war für die Entwicklung einer neuen Organisation. Wir versuchten jedenfalls, der Beschränktheit unserer Möglichkeiten mit einem bescheidenen Selbstverständnis Rechnung zu tragen.

Als unsere Aufgaben für die kommenden Jahre definierten wir die Aneignung, die Verbreitung und in Ansätzen die Weiterentwicklung von marxistischer Theorie, die Kaderisierung von uns und anderen, die Propagierung von marxistischen Grundpositionen in Fragen wie Staat, Partei und Revolution. Interventionen wurden nicht als systematische Bereichsarbeit angelegt, sondern sollten nur dann gestartet werden, wenn sich reale Bewegungen entwickelten, zu denen wir auch einen tatsächlichen Zugang finden konnten. Die neue Organisation lehnte sowohl ein Theoriezirkelkonzept als auch das bei vielen Gruppen verbreitete autoproklamatorische Auftreten ab.

Zähe Anfangsphase
Die ersten drei Jahre der AGM, die Zeit bis Herbst 1997, war davon geprägt, dass die neue Organisation noch instabil war; vieles musste sich erst langsam einspielen. Nicht alle der jungen Mitglieder konnten dauerhaft gehalten werden, einige tragende Kader gingen vorübergehend ins Ausland; das waren alles Faktoren, die bei kleinen Organisationen rasch ins Gewicht fallen können. Neue Genoss/inn/en konnten wir in den ersten ein bis zwei Jahren kaum gewinnen, sodass die Gruppengröße insgesamt in etwa stagnierte.

Gleichzeitig gelang es uns, die ersten Publikationsprojekte erfolgreich abzuschließen. Mit den Büchern zum Österreich-Nationalismus, zum Zweiten Weltkrieg, zur Entwicklung des österreichischen Kapitalismus, zur Imperialismustheorie bei den „Klassikern“ und zur Geschichte des österreichischen Trotzkismus konnten wir uns in der Wiener Linken und ansatzweise darüber hinaus zunehmend einen Namen machen. Diese Arbeiten waren schließlich auch die Grundlage für spätere Erfolge im Organisationsaufbau, das, wodurch wir für Außenstehende von anderen Organisationen unterscheidbar und damit für manche eine attraktive Alternative wurden.

Abgesehen von einer Flugschrift zu den österreichischen Nationalratswahlen 1995 war die Beteiligung an der Streikbewegung an der Universität Wien 1996 die erste größere Intervention für die AGM. Wir brachten zwei Flugschriften heraus, die breit vertrieben wurden, und beteiligten uns an den Streikversammlungen und den üblichen Streikaktivitäten. Wir konnten erstmals exemplarisch unser Herangehen an Intervention zeigen und wurden in einem etwas breiteren Milieu bekannt.

Die meisten Kontakte, die wir dabei gemacht haben, konnten wir aber nicht dauerhaft einbinden. Wir haben dabei auch zu stark auf unsere theoretisch-wissenschaftliche Kompetenz gesetzt und die Interessierten zu wenig über zentrale politische Positionierungen gewonnen. Teilweise haben wir uns aber auch auf Leute konzentriert, von denen selbst kaum ernsthafte Motivation kam und die nicht stabil in politische Aktivität zu integrieren waren.

Bei verschiedenen Arbeitskreisen, die sich mit theoretischen Fragen beschäftigten, machten wir die Erfahrung, dass sie zwar teilweise zur Kaderisierung beitrugen, dass sich das ganze ohne Ausrichtung auf eine Publikation oder ein anderes konkretes Ziel leicht verlaufen kann. In einigen Bereichen mussten wir auch zur Kenntnis nehmen, dass unsere Fortschritte deutlich langsamer waren, als wir uns das zu Beginn erhofft hatten. Gerade was ökonomische Theorie betrifft, traten eher neue, noch kompliziertere Fragen auf, die ohne Genoss/inn/en, die sich als Hauptamtliche oder im Job damit umfassend beschäftigen können, kaum zu bewältigen waren. Einige Projekte mussten so mehrmals verschoben werden.

Die erste Phase der AGM war also gekennzeichnet von personeller Stagnation und dem Zurückstecken bei einigen theoretischen Projekten einerseits und von einigen guten publizistischen Resultaten und einer ersten größeren erfolgeichen Intervention andererseits. Die Gruppe hatte zunehmend ein eigenes Profil entwickelt und war im Herbst 1997 als politisches Kollektiv konsolidiert.

Stärkung
Die Phase von Herbst 1997 bis Ende 1999 war von einer Festigung und Stärkung der AGM geprägt. Einige Kader kehrten aus dem Ausland zurück und es wurden einige Genoss/inn/en für die Organisation gewonnen, die teilweise früher in anderen Strömungen organisiert gewesen waren und die nun zunehmend eine tragende Rolle für die AGM spielen sollten. Was den Organisationsaufbau betrifft, legten wir bewusst und richtigerweise den Schwerpunkt auf die Entwicklung und Erweiterung des Kaderkerns.

Bedeutend in dieser Phase war auch die Arbeit an den beiden Büchern zur Globalisierungsdebatte einerseits und zu den Revolutionen nach 1945 andererseits. Anders als einige der Bände davor, die zu erheblichen Teilen Einzelarbeiten waren, waren diese beiden Marxismus-Nummern Ausdruck eines kollektiven Arbeitsprozesses. Beide Bücher verkauften sich sehr gut. Der Hauptartikel aus Marxismus Nr. 13, marxistische Revolutionstheorie, wurde zu einem wesentlichen theoretischen Fundament der AGM, da wir uns damit – auch mit einigen Kritikpunkten – in der Tradition der marxistisch-kommunistischen Arbeiter/innen/bewegung der letzten 150 Jahre einordneten.

Gleichzeitig kamen wir aber erneut mit einigen Projekten nicht so schnell voran wie geplant, etwa was einen zweiten Band zu Imperialismustheorie betrifft. Andere Publikationen haben wir rückblickend kritisch bilanziert, beispielsweise die sehr speziellen Bände zum französischen Trotzkismus oder zur Regulationsschule bzw. der Band zur Asienkrise, bei dem uns deutlich wurde, dass wir umfangreiche theoretische Vertiefungen zu aktuellen Ereignissen erst mit einem zeitlichen Abstand realisieren können, wo das Thema schon wieder an Interesse verloren hat. Anfang 1999 beschlossen wir auch unsere Grundsätze als neue politische Grundlage der AGM. Sie lösten in dieser Funktion die bisherige, eher thesenhafte Politische Plattform ab.

Die bislang größte Intervention für die AGM war die Teilnahme an der Bewegung gegen den NATO-Krieg gegen Jugoslawien im Frühjahr 1999. In Wien war diese Bewegung zum überwiegenden Teil von der sehr großen Gruppe der serbischen Arbeitsmigrant/inn/en getragen. In den Massendemonstrationen konnte die Minderheit der serbischen Nationalist/inn/en nur deshalb dominieren, weil es kaum eine linke Teilnahme gab. Da wir Mitglieder jugoslawischer Herkunft in unseren Reihen haben, hatten wir sicherlich einen gewissen Startvorteil gegenüber anderen Gruppen. Wir haben – vor allem in Wien, aber auch in einigen deutschen Städten –  20.000 Flugschriften und Flugblätter verteilt und hunderte Broschüren verkauft, einen beträchtlichen Teil davon in serbokroatischer Sprache.

Dabei war uns von Anfang an klar, dass es für uns schwer sein würde, viele Personen aus dieser Bewegung für unsere Organisation zu gewinnen. Wir schätzten den NATO-Angriff auf Jugoslawien aber als bedeutendes politisches Ereignis ein (erstmals NATO-Krieg ohne UN-Mandat, erstmals wieder deutsche Truppen am Balkan) und sahen im Engagement dagegen nicht nur eine Verpflichtung für Revolutionäre, sondern die Möglichkeit einer wichtigen politischen Erfahrung in einer antiimperialistischen Bewegung von Migrant/inn/en.

Wir haben diesen politischen Test unseres Erachtens auch sehr gut bestanden – im Unterschied zu den meisten anderen  linken Organisationen, die teilweise eine UN-Lösung propagierten, die sich teilweise an den serbischen Nationalismus anpassten, die teilweise die proimperialistische UCK unterstützten oder die sich weitgehend raushielten, weil sie mit den serbischen Nationalist/inn/en nicht anstreifen wollten, und damit den Kampf um die Köpfe und Herzen der serbischen Migrant/inn/en von Anfang an verloren gaben. Wir haben demgegenüber die Propaganda gegen die imperialistische Aggression in den Vordergrund gestellt, gleichzeitig aber auch (und auch in serbokroatischer Sprache) scharfe Kritik am serbischen Nationalismus geübt. Wir wurden damit zwar immer wieder von serbischen Nationalisten bedroht, konnten aber unsere Propagandafreiheit, vor allem auch aufgrund des Interesses von der Mehrheit der einfachen serbischen Arbeiter/innen, weitgehend durchsetzen.

Im Zuge dieser Intervention haben wir auch unser Verständnis systematisiert, dass konkrete Taktiken immer von der Stärke des Subjekts, also der revolutionären Organisation, abhängig sind. Das bedeutet, dass wir uns dort, wo wir keinen tatsächlichen Zugriff haben und womöglich auch gar keine Organisation mit revolutionärem kommunistischen Anspruch besteht, wir uns in der Propaganda weitgehend auf Grundlinien zurückziehen müssen, und dass in den anderen Fällen die konkrete Ausformung dieser Linien davon abhängt, was die revolutionäre Organisation durchsetzen kann (Propagandafreiheit), welchen Einfluss sie hat etc.

In diesen Jahren bis Ende 1999 konnten wir jedenfalls in der österreichischen und partiell auch in der deutschen Linken unser Profil als theoretisch fundierte, orthodoxe, aber gleichzeitig unsektiererische Marxist/inn/en bzw. Trotzkist/inn/en entwickeln; das Profil einer Organisation, die ihren Schwerpunkt auf theoretische Beschäftigung und Kaderausbildung legt, aber in gesellschaftlich bedeutenden Konflikten auch rasch ihren Rhythmus umschalten und ordentliche Interventionen hinlegen kann.

Aufschwung
Diese Fähigkeit sollte Anfang 2000 auch schnell wieder gefragt sein. In Österreich wurde die Rechtsregierung aus ÖVP und FPÖ gebildet. Es entstand spontan eine Bewegung, die sich vor allem gegen die Regierungsbeteiligung der rechtsextremen FPÖ richtete, in der auch liberale Mittelschichten erheblich vertreten waren, in der aber vor allem in der Anfangsphase auch die radikale Linke eine bedeutende Rolle spielen konnte. Es kam zu täglichen Demonstrationen gegen FPÖVP. Bevor die Apparate der Grünen, der KPÖ und der sozialdemokratischen Jugendorganisationen auf Touren kamen und die liberalen „Prominenten“ ihre Medienkontakte systematisch ins Spiel bringen konnten, wurden die Demonstrationsabläufe weitgehend von den Gruppen mit trotzkistischem Anspruch organisiert.

Die AGM beteiligte sich von Anfang an mit einer breiten Intervention an der Bewegung, erstmals auch – gemeinsam mit anderen Gruppen – in organisierender Weise. Wir produzierten einige Flugschriften, von denen tausende verteilt wurden, und wir versuchten beizutragen, einen Streik auf den Universitäten zu initiieren. Als jedoch klar geworden war, dass die Führung der Bewegung in eine „zivilgesellschaftliche“ Union aus KPÖ, Grünen und liberalen bzw. sozialdemokratischen Intellektuellen übergegangen war, dass der Versuch zur Ausweitung der Bewegung auf Streiks bis auf weiteres gescheitert war (bzw. vom ÖGB blockiert wurde), dass die Dynamik der Demonstrationen zurück ging, haben wir bewusst und rechtzeitig wieder einen Gang zurück geschaltet. Dahinter stand auch das Verständnis, dass wir heute zu schwach sind, um gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zu drehen. Wir haben in der Folge den zahlreichen Kontakten vertiefende Diskussionen angeboten und auf Konsolidierung gesetzt. Und tatsächlich konnten wir uns in den Jahren 2000 bis 2002 personell deutlich verstärken und eine ganze Reihe von Genoss/inn/en gewinnen, die heute in der AGM tragende Rollen spielen.

Auch nach der Hochphase der Antiregierungsbewegung intervenierten wir häufiger als früher: bei der Großdemonstration ein Jahr nach Bildung der FPÖVP-Regierung, in die politische Auseinandersetzung vor den Wiener Kommunalwahlen, im Sommer 2001 bei den Demonstrationen in Salzburg, gegen die Repression in Genua, bei der ÖGB-Demonstration und schließlich bei den Mobilisierungen gegen den US-Krieg in Afghanistan. Da wir in einigen Fällen (etwa zu den Wiener Wahlen) unsere Interventionen rückblickend kritisch sahen, systematisierten wir die Kriterien für Interventionen: Was ist die objektive Bedeutung des Konfliktes? Können wir einen realen Zugang finden? Was wollen wir konkret erreichen? In welchem Verhältnis stehen Aufwand und Nutzen einer Flugschrift?

In dieser Phase führten wir auch regelmäßiger öffentliche Veranstaltungen durch, die uns zeigten, dass auch unser Umfeld deutlich angewachsen war. In der Antiregierungsbewegung waren außerdem viele Übereinstimmungen mit der Antifaschistischen Linken (AL) ersichtlich geworden, die ihren Ausdruck dann in einer gemeinsamen Flugschrift und schließlich in einer systematischen Diskussion der beiden Gruppen fand. Diese potentielle Fusionsdiskussion wurde aber wieder abgebrochen, denn trotz sehr großer inhaltlicher Übereinstimmung waren die Unterschiede im Herangehen an den Organisationsaufbau zu groß als dass das in einer Struktur gut gegangen wäre.

In dieser Phase verstärkten sich auch international Kontakte zu anderen Organisationen. Es handelte sich um Organisationen, mit denen wir durchaus auch erhebliche Differenzen haben, mit denen wir aber einen sinnvollen Erfahrungs- und Meinungsaustausch etablierten. Das half uns, zum (für uns vorläufig notwendigen) Übel der nationalen Isolation, dem Nicht-Eingebundensein in eine internationale Strömung, zumindest partiell entgegenzuwirken. Wir strebten aber bis auf weiteres auch international keine Fusionsprojekte oder ähnliches an, weil wir dafür, um das auf einer seriösen Grundlage aufzubauen, nicht die Ressourcen hatten.

Die graduell geänderte objektive Situation in Österreich und die deutliche Stärkung unserer Kräfte führte schließlich dazu, dass wir uns entschieden, in Wien Unterstrukturen für verschiedene Bereiche einzurichten. Den Anfang machte die AGM-Jugend ab Frühjahr 2001; nach einigen Anfangsschwierigkeiten konnten wir schließlich sehr erfolgreich das einführen, was von Anfang an geplant war, nämlich eine Struktur, in der junge Kader die Verantwortung haben und sich eigenständig entwickeln, eine etwas offenere Struktur, deren Diskussionen etc. die Einbindung von jungen Kontakten erleichtern.

Im September wurde dann, auch aufgrund der erreichten Gruppengröße, AGM-Betrieb gebildet, eine Unterstruktur aus berufstätigen Genoss/inn/en, die sich vorerst einmal vorrangig mit betrieblichen und gewerkschaftlichen Themen beschäftigen sollte. Geplant waren keine punktuellen Interventionen, die ohnehin verpuffen, sondern die Erarbeitung einer Grundlage für etwaige zukünftige Projekte. Gleichzeitig mit der Einrichtung der Unterstrukturen achteten wir aber auch bewusst darauf, dass relevante Kaderressourcen für zentrale politische Diskussionen, für theoretische Projekte und Publikationen und für die Unterstützung des AGM-Aufbaus in Deutschland frei blieben.

Seit 2002 versuchten wir auf geplante Weise, auch in Deutschland verstärkt tätig zu werden. Der Hintergrund war, dass wir zumindest ansatzweise die Beschränktheit in Österreich überwinden wollten, dass das aus sprachlichen Gründen natürlich in diese Richtung vergleichsweise am einfachsten war und dass revolutionäre Politik in Deutschland „historisch gesehen“ weit relevanter ist als im Kleinstaat Österreich. Schon vor 2002 hatten wir einen immer größeren Teil unserer Publikationen nach Deutschland verkauft und bereits seit 1999 verfügten wir dort über einzelne Genoss/inn/en und Kontakte. Jetzt konnten wir uns in Deutschland personell etwas verstärken und in der Folge generell in einzelnen deutschen Städten eine etwas größere politische Präsenz entwickeln. Von einer richtiggehenden AGM-Organisation in Deutschland konnte aber weiterhin – auch aufgrund der geographischen Verstreutheit der Mitglieder – nicht wirklich die Rede sein.

 In dieser Zeit von Anfang 2000 bis Sommer 2002, in der das Wachstum der Organisation im Vordergrund stand, haben wir theoretische Projekte teilweise bewusst zurückgestellt. Die in dieser Phase publizierten Bücher zu China unter Mao und zum Konzept der Balkanföderation in der Arbeiter/innen/bewegung waren im wesentlichen Einzelarbeiten. Das gilt nicht in dem Ausmaß für den zweiten Teil zu den Imperialismustheorien, der allerdings deutlich verkürzt herausgegeben wurde, weil die Ergebnisse zu weiteren Aspekten nicht absehbar waren.

In der gleichen Phase hatten wir zur Unterstützung von Interventionen zunehmend Broschüren herausgebracht (u.a. zur „Zivilgesellschaft“ und zum Themenfeld „Neue Weltordnung“/Afghanistan). Diese Erweiterung unseres Publikationskonzeptes entwickelte sich zu einem sinnvollen Zwischending zwischen Büchern und Flugschriften, mit dem wir auf eine aktuelle Diskussion rasch vertiefend reagieren konnten. Die Broschüren waren in vielen Fällen auch Ausdruck einer kollektiven Diskussion in der Organisation.

Kritisch bilanziert an dieser Phase haben wir später, dass wir auf die sogenannte „Antiglobalisierungsbewegung“, die sich gerade in dieser Zeit entwickelte, verspätet reagiert haben. Wir hatten uns zwar bereits 1997 intensiv mit der Globalisierungsdebatte beschäftigt, aber uns zu der Entwicklung nach Seattle erst mit einer Verspätung von gut einem Jahr positioniert. Das war sicherlich Ausdruck davon, dass damals in Österreich der Kampf gegen die FPÖVP-Regierung im Vordergrund stand und dass die Post-Seattle-Bewegung hierzulande extrem schwach entwickelt war, damit aber letztlich auch in gewisser Weise Ausdruck unserer nationalen Isolation. Wir haben diese inhaltliche Auseinandersetzung schließlich ab Sommer 2001 nachgeholt und dabei eine kritischere Position entwickelt als manche andere Organisationen.

Insgesamt aber war die Phase von Anfang 2000 bis Sommer 2002 eine für die AGM sehr erfolgreiche Zeit. Es konnte eine ganze Schicht neuer Genoss/inn/en gewonnen und als tragende Kader in die Organisation integriert werden. In der österreichischen Linken sind wir noch ein bisschen mehr ein Faktor geworden, unser Bekanntheitsgrad ist deutlich gestiegen, Richtung Deutschland konnte der Aufbau erstmals systematisiert werden.

Festigung

Ab Sommer 2002 überlegten wir, inwieweit wir – angesichts der personellen Stärkung – unseren Aufbau durch eine regelmäßigere und breitere Publikation unterstützen könnten. Wegen massiver Schulungsbedürfnisse von jungen Genoss/inn/en und wegen der bevorstehenden Übersiedlung von Mitgliedern zur Unterstützung des Aufbaus in Deutschland haben wir diese Pläne vorerst zurückgestellt und im Winter 2002/03 eine Reihe von internen Seminaren abgehalten.

Im September 2002 kam auch eine kleine Gruppe von Genoss/inn/en, die früher dem ASt angehört und sich mittlerweile als „Initiative für eine revolutionäre Organisation“ (IRO) organisiert hatten, mit dem Angebot einer Fusionsdiskussion auf uns zu. Trotz Bedenken der AGM-Gründungsmitglieder haben wir das Angebot schließlich angenommen und nach einer Reihe von positiven Diskussionen und nach einer Phase einer guten Zusammenarbeit dann im Frühjahr 2003 die Vereinigung vollzogen, die IRO-Mitglieder wurden Teil der AGM und arbeiteten mehrheitlich in AGM-Betrieb mit.

Nur wenige Monate später zeigte sich aber immer klarer, dass die Vereinigung mit der Mehrheit der ehemaligen IRO-Mitglieder, anders als wir gedacht hatten, nicht ausreichend politisch ausgewiesen war. Es entwickelten sich zunehmend Konflikte um die Perspektive von AGM-Betrieb und den Aufbau der Organisation zwischen einem Teil von AGM-Betrieb (darunter die Mehrheit der ehemaligen IRO-Mitglieder) einerseits und der großen Mehrheit der AGM andererseits. Die Minderheit hatte begonnen, dass zuvor entwickelte AGM-Verständnis, dass nämlich kurzfristige einmalige Flugblattaktionen im Fall von medial bekannt gewordenen innerbetrieblichen Konflikten kaum etwas bringen und dass Gewerkschaftsarbeit ohne betriebliche Verankerung in der Luft hängen bleiben muss, immer mehr in Frage zu stellen. Die Differenzen hatten sich im Umfeld unserer Intervention in die Mobilisierungen gegen die reaktionäre Pensionsreform in Österreich im Mai 2003 bereits angedeutet und wurden dann in der Herangehensweise an die Gewerkschaftsstruktur work@flex und den Eisenbahnerstreik immer klarer.

Da AGM-Betrieb durch diese Auseinandersetzung zunehmend paralysiert wurden und die beiden Aufbaukonzepte offensichtlich nicht produktiv vereinbar waren, schlugen einige Genoss/inn/en schließlich im Herbst 2003 vor, einen Schritt zurück zu machen zu zwei befreundeten Organisationen, die in den Bereichen, wo das für beide Seiten Sinn macht, zu kooperieren. Die Minderheit ist auf diesen Vorschlag nicht eingegangen und hat im Dezember 2003 die AGM verlassen. Wir haben für eine mit der Mehrheit der ehemaligen IRO-Mitglieder nicht genügend politisch abgesicherte Vereinigung mit dem Verlust einzelner Genossen bezahlt, die wir sonst vermutlich weiter in unseren Reihen sähen. Auch wenn die Minderheit der ehemaligen IRO-Mitglieder in der AGM geblieben ist, so war die Vereinigung mit der IRO-Mehrheit dennoch ein Fehler, aus dem wir gelernt haben, dass (an sich natürlich wünschenswerte) Vereinigungen mit anderen Gruppen eine noch tiefere politische Grundlage und eine noch stärkere Überprüfung in der Praxis bedürfen, besonders wenn es sich um Genoss/inn/en handelt, die sehr lange in anderen Traditionen und mit anderen Konzepten tätig waren.

Trotz der Austritte war auch die Zeit zwischen Sommer 2002 und Sommer 2004 insgesamt eine Phase des personellen Wachstums für die AGM. Den Verlusten standen deutlich mehr Neueintritte entgegen, wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß wie in den Jahren zuvor. Einige der neuen Genoss/inn/en kamen auch von anderen Organisationen, insbesondere von der Linkswende (IST). Ebenso wichtig wie das Wachstum war für uns auch die sehr erfolgreich realisierte Erweiterung des Kaderkerns. Dazu kam – teilweise auch in Zusammenhang mit den internen Auseinandersetzungen – eine verstärkte politische Vereinheitlichung, die beispielsweise in unseren Thesen zu revolutionärer Betriebs- und Gewerkschaftsarbeit ihren Ausdruck fand.

Besonders gut entwickelte sich die Konkretisierung unseres Aufbaukonzeptes auf ein bestimmtes Milieu durch die Arbeit der AGM-Jugend. Nicht durch jugendspezifische Fragen, sondern durch die auf ein jugendliches Milieu zugeschnittene Propaganda von grundsätzlichen marxistischen Positionierungen konnten immer neue Genoss/inn/en in diese Unterstruktur eingebunden werden. Auch AGM-Betrieb konnte durch Zugänge von mittlerweile berufstätigen Genossen von der Jugend und durch neue Genossinnen im ersten Halbjahr 2004 wieder in der früheren Größe konsolidiert werden.

Durch verstärkte Anstrengungen in Richtung Deutschland gelang es uns ab Frühjahr 2003 erstmals eine zweite Ortsgruppe zu formieren, nämlich in Berlin. So wichtig dieser Schritt für uns ist, so wurde uns doch auch deutlich, dass die Rahmenbedingungen für den Aufbau dort ungünstiger sind als in Wien, unter anderem deshalb weil die Linke dort viel unübersichtlicher und zerklüfteter ist und es deshalb deutlich schwieriger ist, sich überhaupt mal als Faktor zu etablieren.

Die wichtigste Intervention der AGM in den letzten zwei Jahren war sicherlich die Teilnahme an der Bewegung gegen den Irak-Krieg. Wir stellten natürlich den Kampf gegen die imperialistische Aggression der USA in den Vordergrund, übten aber auch scharfe Kritik an antiamerikanischen Tendenzen in der europäischen Antikriegsbewegung. Wir produzierten zwei Propagandaflugschriften, die wir in Wien, Berlin, Nordrhein-Westfalen und Bern zu tausenden verteilten. Von der Broschüre „Der Irak – im Fadenkreuz des Imperialismus“, die im November 2002 herauskam, verkauften wir an die tausend Stück. Die Broschüre „US-Arbeiter/innen gegen den Krieg“ war ein wichtiger Versuch in der Antikriegsbewegung gegenüber antiamerikanischen Ressentiments vertiefend auf Klassenwidersprüche und -kämpfe in den USA einzugehen; der darin enthaltene grundsätzliche Artikel zur UNO war angesichts der verbreiteten Illusion in ein UN-Lösung politisch bedeutend.

Auf der publizistischen Ebene gelang es uns in der letzten Phase außerdem, eine neue Schicht von Autor/inn/en herauszubilden, was sich vorerst vor allem in Flugschriften und Broschüren ausdrückte. Bücher haben wir in den letzten beiden Jahren zwei herausgebracht, die unseren kollektiven Arbeitsschwerpunkt zur nationalen Frage widerspiegelten: einen Band zur Kolonialen Frage in der Arbeiter/innen/bewegung und einen Band zur Theorieentwicklung der marxistischen „Klassiker“ zur nationalen Frage. Weitere Publikationsprojekte sind in Vorbereitung und mit zahlreichen wichtigen Diskussionen verbunden, sodass zuletzt und gegenwärtige die kollektive Theoriearbeit in der AGM über weite Strecken ausgesprochen erfolgreich läuft.

Insgesamt machten wir seit Sommer 2002 trotz der internen Auseinandersetzung weitere Fortschritte im Organisationsaufbau und der Theoriearbeit. Die Organisation wurde politisch vereinheitlicht, der Kaderkern erweitert und gefestigt.

Gesamtbilanz
Der Aufbau und die Entwicklung unserer Organisation verlief anfangs recht zäh, dann aber langsam immer besser. Insgesamt haben wir uns in den zehn Jahren verdreifacht. Die AGM wurde von einer instabilen Ansammlung von Individuen zu einem politischen Kollektiv, das zunehmend ein eigenes Verständnis und ein ganz spezifisches Profil herausbildete. In der österreichischen Linken haben wir uns einen festen Platz erobert, in der deutschen zarte Ansätze dazu.

Der anfängliche Anspruch der AGM, realistisch zu sein im Funktionieren der Gruppe, bei den jeweiligen nächsten Schritten und bei Interventionen, konnte sehr gut verwirklicht werden. In der Theoriearbeit konnten nicht alle anvisierten Ziele in vollem Ausmaß, aber doch ein beachtliches Niveau erreicht werden, das sich von den meisten anderen Organisationen deutlich abhebt.

Trotz aller Erfolge der letzten 10 Jahre bleibt die AGM natürlich noch immer eine sehr kleine Organisation, die in der Klasse, die das einzig mögliche Subjekt zur Überwindung des Kapitalismus darstellt, in der Arbeiter/inn/enklasse, keine reale Kraft darstellt. Auch in der österreichischen Linken organisieren wir nur eine kleine Minderheit, von der internationalen Linken ganz zu schweigen. Mit allen uns bekannten internationalen Strömungen mit revolutionärem Anspruch haben wir doch so relevante Differenzen, dass wir uns nicht auf einer seriösen politischen Grundlage anschließen könnten. Wir haben aber freilich auch nicht den ebenso größenwahnsinnigen wie lächerlichen Anspruch mancher Gruppierungen, dass alle anderen Revisionist/inn/en, Zentrist/inn/en oder ähnliches seien. Wir sehen uns vielmehr als Teil des Spektrums von subjektiven Revolutionär/inn/en, die nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, eine revolutionäre Organisation zum Sturz der kapitalistischen Klassenherrschaft aufzubauen. Wir sind überzeugt, dass eine neue revolutionäre Internationale nur durch einen Umgruppierungsprozess in diesem Spektrum in Wechselwirkung mit verschärften Klassenkämpfen entstehen kann. In diesen zukünftigen Prozess wollen wir mit einer politisch und numerisch möglichst starken Organisation eintreten.

Wien/Berlin, August 2004

 

 

 

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