Rozznjogd und Sauschlachten

Er provoziert, er kritisiert, er attackiert die "Großen". Das sind wohl die Hauptgründe, warum sich Peter Turrini den Hass der Kronen-Zeitung und vieler selbsternannter KunstexpertInnen zugezogen hat.

Bekannt wurde Turrini vor allem durch seine provokanten Volksstücke, die unter Einbezug von Dialektelementen Grausamkeit und Korruption der modernen Gesellschaft aufdeckten.

Turrini wurde am 26. September 1944 in Sankt Margarethen (Kärnten) geboren, besuchte die Handelsschule und übersiedelte 1963 nach Klagenfurt. Zwischen 1963 und 1971 arbeitete er u. a. als Holzfäller, Stahlarbeiter, Handelsvertreter, Werbetexter und Hotelsekretär. Inzwischen lebt er als freier Schriftsteller in Wien und Retz (Weinviertel).

Provokation…

In seinen oft provozierenden Theaterstücken versucht Turrini eine am volksnahen Theater orientierte Gesellschaftskritik. So wird etwa in seinem Dramenerstling "Rozznjogd" (Uraufführung 1971) ein junges Paar, das seine Kleider weggeworfen hat, um sich vom Zivilisationsmüll zu befreien, von Rattenjägern erschossen. Als schockierende Parabel übt auch "Sauschlachten" (1973), in dem ein Bauernjunge, weil er nicht sprechen will, wie ein Schwein geschlachtet wird, Kritik an den repressiven Moralvorstellungen einer bäuerlichen bzw. kleinbürgerlichen Welt.

Nach zwei Klassikerbearbeitungen von 1973 ("Der tollste Tag" nach Pierre Augustin Caron de Beaumarchais und "Die Wirtin" nach Carlo Goldoni) wandte sich Turrini dem Fernsehen zu. "Alpensaga" (Erstausstrahlung 1976-1980) schildert die "Geschichte des österreichischen Bauernstandes" von 1900 bis 1945. Besonders die Kirche versuchte damals alles, um den Dreh und die Ausstrahlung dieser Serie zu verhindern. Die vom Autor als Reportage politischer und sozialer Konflikte verstandene Serie wurde von vielen Seiten als "kommunistisch" gebrandmarkt, machte ihren Autor aber auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Ebenso umstritten war Turrinis vierteilige "Arbeitersaga", die "Geschichten aus der österreichischen Arbeiterbewegung" behandelt (Erstausstrahlung 1988-1990).

Der Vorwurf, Turrini sei Kommunist, war nicht ganz unbegründet. In den 80er Jahren bekundete er mehrmals seine Verbundenheit mit der KPÖ und hielt auch Vorlesungen auf dem Volksstimmefest. Turrini ging schließlich auf Distanz zur KPÖ, was ihm teils wüste Beschimpfungen in der Zeitung "Volksstimme" brachte.

…zur Aufklärung

Weitere Werke Turrinis sind die Dramen "Kindsmord" (1973), "Die Minderleister" (1988), "Tod und Teufel" (1990), "Alpenglühen" (1992) und "Grillparzer im Pornoladen" (1993), der Gedichtband "Im Namen der Liebe" (1993) sowie die Essays "Es ist ein gutes Land" (1986) und "Mein Österreich. Reden, Polemiken, Aufsätze" (1988). 1995 kam "Die Schlacht um Wien" in einer Inszenierung Claus Peymanns ans Wiener Burgtheater. Zu seinem 60. Geburtstag gab der Regisseur ein Theaterstück bei Turrini in Auftrag: "Endlich Schluss", der tragikomische Monolog eines erfolgreichen Managers, der Selbstmord begehen will, wurde 1997 in Wien mit Gert Voss uraufgeführt. "In diesem Stück erzähle ich davon, wie Menschen nach außen funktionieren und im Inneren immer mehr zerfallen", beschrieb Turrini seine Intention.

1998 hatte Turrinis "Die Liebe in Madagaskar" mit Otto Schenk und Kirsten Dene in der Inszenierung des deutschen Regisseurs Matthias Hartmann im Akademietheater in Wien Premiere. Es folgten die Stücke "Die Eröffnung" (2001), welches thematische Elemente von "Endlich Schluss" wieder aufnimmt, am Bochumer Schauspielhaus unter der Regie von Matthias Hartmann und "Ich liebe dieses Land" (2001) im Berliner Ensemble, inszeniert von Philip Tiedemann. Für Friedrich Cerhas Außenseiteroper "Der Riese vom Steinfeld" (2002) schrieb Turrini das Libretto (Textbuch, Anm.).

Die Krone

Ein gefundenes Fressen sind Turrinis Werke für die "Kronen Zeitung", die ihn, zusammen mit KünstlerInnen wie Hrdlicka, Jelinek, Peymann als "subventionierte Österreichbeschimpfer, Ostküstensympathisanten, Linkslinke und stalinistische Auftragskünstler" bezeichnet. Eine Auseinandersetzung mit ihren Werken und ihren Argumenten findet allerdings nicht statt.

Turrini selbst meinte einmal zur "Krone": "Ich denke, das hat Methode: Man ächtet verschiedene Menschen und Menschengruppen und wirft sie den eigenen Lesern zum Fraße vor. Die Arbeiter, die Kleinbürger, die Mittelständler sind die Verlierer der rapiden Veränderungen. Sie sind real bedroht und sollen sich doch keineswegs gegen ihre Bedroher richten. Sie verlieren ihre Arbeit, ihre Identität, ihre gewohnte Umgebung und suchen einen Schuldigen. Sie brauchen jemanden, an dem sie ihren Frust, ihre Verzweiflung dingfest machen können. Die Kronen Zeitung bietet ihnen etwas: Ausländer, Juden, Sozialschmarotzer, Künstler. Man braucht nicht nachzudenken, sondern nur zuzugreifen."

 

 

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