Rassismus in den USA: Die Geschichte der Schwarzen in den USA

In den letzten Monaten haben Polizeiübergriffe in den USA die Frage des Rassismus wieder in einer breiteren amerikanischen Öffentlichkeit zum Thema gemacht. Diese Übergriffe, bei denen Schwarze von Polizisten brutal verprügelt wurden, konnten nur deshalb bekannt werden, weil sie zufällig gefilmt wurden. In dieser Ausgabe wollen wir aus diesem Anlass einen allgemeinen Überblick zur Problematik geben, in der nächsten Ausgabe den Kampf gegen den Rassismus am exemplarischen Beispiel der Black Panther Party festmachen.

Am 9. April 1865 ging der sogenannte "Sezessionskrieg", der Bürger-Innenkrieg zwischen den Nord- und den Südstaaten der USA, mit einem Sieg des Nordens zu Ende. Der eigentliche Kriegsgrund waren die völlig unterschiedlichen Produktions- und damit Lebensweisen im Norden und im Süden, die zu unterschiedlichen Interessen führten.

Der Norden war auf europäischen Niveau (und darüber hinaus) industrialisiert, der Süden rückständig, kaum industrialisiert und vor allem von der Landwirtschaft abhängig. Die Baumwollbosse hatten eher den Charakter europäischer Adliger als moderner Industrieller. Im Zuge des Konflikts begann der Norden (zuerst sehr zögerlich), das Ziel des Endes der Sklaverei zu propagieren. Damit verfolgte die politische Führung im Norden mehrere Ziele. Zum einen wurde damit ein leicht fassliches und verständliches Kriegsziel geschaffen, zum zweiten konnten damit die Schwarzen des Nordens mobilisiert werden und zum dritten wurde damit die gesellschaftliche Struktur des Südens untergraben (viele Schwarze flüchteten in den Norden, die meisten sympathisierten mit ihm). Dabei hatten beide Seiten ihre politische Vertretung: im Süden war es die Demokratische Partei (die "Grand Old Party"), die traditionelle Partei der SklavenhalterInnen, im Norden waren es die Republikaner.

Heute hat sich dieses Verhältnis ja interessanterweise verkehrt, die Demokraten stehen eher für die liberaleren Fraktionen des Kapitals während die Republikaner streng reaktionär sind (vielleicht am ehesten vergleichbar mit ÖVP und FPÖ). Allerdings sind – vor allem im Süden – die Unterscheidungen oft kaum möglich.

Terror gegen Schwarze

Als der Norden gewonnen hatte, war das angebliche Ziel schnell wieder vergessen. Die SklavInnen waren nun zwar befreit, doch ab 1877 wurde den Schwarzen das Wahlrecht de facto wieder entzogen, die Rassentrennung setzte sich durch, im Süden war die Demokratische Partei wieder an der Macht. Begleitet wurde diese Veränderung von einem Anwachsen des Terrors gegen Schwarze, aber auch gegen alle Andersdenkenden, ausgeführt vor allem vom von ehemaligen Südstaaten-Soldaten gegründeten Ku-Klux-Klan (und gedeckt von den örtlichen Machthabern und der lokalen Polizei). Insgesamt wurden zwischen 1866 und 1875 3.500 vom Klan ermordete Schwarze gezählt, allein 1871 wurden in Louisiana in weniger als einem Monat 297 Schwarze gelyncht.

Diese Einschüchterungstaktiken hatten Erfolg, real waren die Zustände vor dem Ende des Krieges weitgehend wieder hergestellt. Gleichzeitig wurden der paramilitärische und faschistische Verband der alten SklavenhalterInnen, der Klan, immer stärker. 1925 erreichte er mit fünf Millionen (!) Mitgliedern seinen Höhepunkt, zerbrach aber in Folge an internen Streitereien und fehlender programmatischer Klarheit. So verbot er am Höhepunkt der großen Krise von 1929 seinen Mitgliedern, das Gesetz zu missachten oder gar an Demonstrationen, zusammen mit "Negern, Nichtsnutzen, Mestizen und dem Abschaum aus Europa" teilzunehmen, ohne aber – wie zur gleichen Zeit die FaschistInnen in Europa – Alternativen anzubieten.

BürgerInnenrechtsbewegung

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die schwarze Minderheit selbstbewusster. Einerseits hatten sie gemeinsam mit ihren weißen Kameraden in Europa und Übersee angeblich für Demokratie und Gleichberechtigung gekämpft, während für sie – vor allem im Süden – die Rassentrennung weiterhin galt und sie kaum politische Rechte hatten. Andererseits wurden die schwarzen ArbeiterInnen im Zuge des einsetzenden Wirtschaftsaufschwung, der auf ihre Arbeitskraft nicht verzichten konnte, selbstbewusster. Aktiv war anfänglich vor allem die NAACP, die Nationale Assoziation für den Fortschritt farbiger Menschen. Ein erster großer Erfolg war die Aufhebung der Rassentrennung an Schulen. Weitere folgen, vor allem der Kampf um die Aufhebung der Rassentrennung in öffentlichen Bussen.

Vor allem der 1. Dezember 1955 in Montgomery/Alabama wurde und wird als der Geburtstag der ersten Widerstandsbewegung, der ersten Schlacht und des ersten Sieges der Schwarzen angesehen. Zu diesem Zeitpunkt herrschte in amerikanischen Verkehrsbussen noch das Rassentrennungsgesetz. Schwarze MitfahrerInnen mussten im hinteren Teil des Busses Platz nehmen und durften auch nicht den vorderen Einstieg benutzen. An diesem 1. Dezember 1955 hatte eine Person, mit Namen Rosa Parks, jedoch diese Regel brechen wollen und setzte sich auf einen der vorderen Sitze. Mit dieser Aktion war Rosa Parks die fünfte Person, welche eine solche Art des Widerstands aufzeigte. Daraufhin begann ein 12 Monate langer Busboykott, der schließlich mit einem Sieg endete.

Eine wesentliche Kampagne der Bewegung war auch die WählerInnenregistrierung, vor allem im Süden. In den USA müssen sich – wie auch in einigen europäischen Ländern – WählerInnen extra registrieren lassen, niemand ist automatisch wahlberechtigt. Die örtlichen Beamten und Eliten waren in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich dabei gewesen, die Registrierung schwarzer WählerInnen zu verhindern. Teilweise war es durch den Terror des Klans, der in der Polizei eine feste Verankerung hatte, schlicht lebensgefährlich, sich registrieren zu lassen.

Neue Widerstandsformen

Es wurden neue Widerstandsformen durchgeführt, welche gewaltlos und direkt – aber noch nicht bewaffnet, wie später die Black Panther Party – waren. Neue Widerstandsformen waren etwa Boykotte, Sit-ins und auch bewusste und kollektive Verletzungen der Rassentrennungsordnung. Aber auch traditionelle Formen des Widerstandes wie Demonstrationen wurden geprobt, auf einer Bürgerrechtsdemonstration beteiligten sich 1963 etwa 300.000 Menschen, hauptsächlich Schwarze, aber auch einige Weiße, die sich als liberal bezeichneten und sich für Bürgerrechte einsetzten. Die Fortschritte, die mit diesen Demonstrationen erreicht wurden, waren die Erlangung einiger politischer Rechte. Auch ungerechte Prozesse und der alltägliche Terror, vor allem die Polizeibrutalität (die von der Polizei als "soziale Kontrolle" in den Ghettos bezeichnet wurde), wurden seltener. Neues Bewusstsein wurde erlangt und mit dem Leitsatz: Schwarz ist nicht mehr hässlich, im Gegenteil, "Black is beautiful!" repräsentiert.

Die Black Power-Bewegung sollte ein Aufruf an die Schwarzen sein, um sich zu vereinen, ihr Erbe anzuerkennen, eine Art Gemeinschafts(sinn) zu entwickeln, eine Organisation zu leiten und zu unterstützen und rassistische Institutionen und Wertbegriffe zu verabschieden. In den 60ern entstand ein immer größer werdendes Distanzgefühl zur "weißen Bevölkerung", gleichzeitig zogen immer mehr Schwarze aus dem Süden in den Norden und Westen Nordamerikas wo sie sich wiederum in Ghettos zusammenfanden. Und wieder kam es zu Demonstrationen, welche die Wut der Schwarzen repräsentierten.

Die Arbeitslosenrate der Schwarzen in den USA machte 1966 9,3% aus. Die größten Probleme lagen jedoch in den Ghettos, wo 32,7% der BewohnerInnen arbeitslos waren. Es waren vor allem Jugendliche (ab 14 Jahren), welche die am schlechtesten bezahlten Berufe ausübten. Folglich fiel das monatliche Einkommen einer "nicht-weißen" Familie auf nur 58% des Einkommens einer weißen Familie. Wichtig und ausschlaggebend war wie auch heute, die schulische Ausbildung. Kinder einer weißen Familie besuchten durchschnittlich etwa drei Jahre länger die Schule.

Die schwarze Mittelschicht, welche eine längere und höhere Schulausbildung genossen hatte und in der Öffentlichkeit allgemein ein "sauberes" Auftreten hatte, wendete sich langsam, aber doch vom "eigenen Kreis" ab. Nach außen hin veränderte sich einiges, soziale Verhältnisse hatten sich aber nicht geändert. Somit reagierte die Unterschicht der Schwarzen gegenüber der "Mittelschicht" mit lautstarken Rebellionen in den Ghettos. Da sich die Mittelschicht nicht anders zu helfen wusste, wandte sich Teile der Mittelschichten an die Polizei, welche "Ruhe und Ordnung" wieder einführen sollte.

Die Bewegung war an einem Scheideweg angelangt. Einerseits die vor allem von den schwarzen Mittelschichten getragene BürgerInnenrechtsbewegung unter ihrem Führer, dem später ermordeten Baptistenprediger Martin Luther King, die pazifistische Widerstandsformen probte und "we shall overcome" sang, andererseits die jungen Schwarzen, die mit dieser Politik nicht mehr einverstanden waren, aus dem "we shall overcome" ein "we shall overrun" machen wollten. Malcom X und die Nation of Islam

Diese waren aber nicht nur von "links" beeinflusst, auch die nationalistische schwarze "Nation of Islam" (besser bekannt als "Black Muslims") steigerte ihren Einfluss. Verantwortlich dafür war vor allem ihr sehr talentierter Hauptagitator, Malcolm Little, der sich Malcolm X nannte. Die Nation, deren bekanntestes Mitglied der Boxer Cassius Clay alias Muhammad Ali war, vertrat ein Rassentrennungsprogramm und bezeichnete alle Weißen als "weiße Teufel". Es ist also kein Zufall, dass sie auch Gespräche mit dem Ku-Klux-Klan führte.

Malcolm X entfernte sich allerdings zunehmend von diesem Kurs und gründete eine eigene Organisation, die sich immer stärker sozialistischen Ideen (und hier vor allem den amerikanischen TrotzkistInnen) zuwandte. Wohin dieser Weg geführt hätte, bleibt unklar, da X nicht einmal ein Jahr nach seinem Ausstieg aus der Nation of Islam erschossen wurde, ob von Anhängern der Nation oder vom FBI (oder ihrem Zusammenwirken) ist nicht geklärt. (Die Nation existiert übrigens auch heute noch, 1995 konnte sie zu ihrem "One Million Men March" mehrere hunderttausend Menschen nach Washington mobilisieren.)

Malcolm X vertrat, ebenso wie die Black Panther Party, die sich unter anderem auf ihn bezog, ein Konzept der bewaffneten schwarzen Selbstverteidigung. Dieses Konzept war mehr als verständlich, gleichzeitig führte es aber in eine militärische Konfrontation, die nicht zu gewinnen war. Auf der anderen Seite wurde einer wesentliche Frage, nämlich der Organisierung der Schwarzen am Arbeitsplatz, der Kampf in den Gewerkschaften, kaum Beachtung geschenkt. Die Panthers versuchten dies zwar halbherzig, doch stand diese Frage nie im Vordergrund.

In den späten 60ern trat vor allem der Kampf gegen den Vietnam-Krieg in den Vordergrund. Schwarze waren von diesem Krieg sehr direkt betroffen, wurden sie doch besonders gern einberufen und dann meist in Kompanien mit einer sehr hohen Todesrate eingesetzt. Unter dem Motto "No Vietnamese ever called me a Nigger" (Kein Vietnamese nannte mich jemals Nigger) setzten sie sich gegen die Einberufung und den Krieg zur Wehr. In Vietnam selbst gab es unter den Soldaten zahlreiche Untergrundzeitungen. Einer der Hauptgründe für das Scheitern des Krieges war die völlige Zersetzung der Armee inklusive dem Töten von Offizieren (dem sogenannten "Fragging"), der Befehlsverweigerung, der offenen Sympathie mit dem "Feind" (Soldaten trugen rote Halstücher und zeigten so ihre Solidarität mit dem Viet-Cong) oder sogar dem direkten Überlaufen, vor allem von schwarzen Soldaten. Diese Bewegung strahlte natürlich in die Heimat zurück, unterstützt von Soldaten, deren Wehrdienst abgelaufen war und die in der Black Panther Party auch eine wichtige militärische Rolle spielten.

Abflauen der Bewegung

Doch mit dem verlorenen Krieg, dem Niedergang der Black Panther Party und dem allgemeinen Abflauen der revolutionären Welle in den 70er Jahren verlor auch die schwarze Bewegung ihre Kampfkraft. Die Bewegung hatte wesentliche politische Rechte erreicht, die AktivistInnen waren müde, der allgemeine Bewusstseinsrückgang machte sich bemerkbar und so blieb vor allem die wichtigste, die soziale Frage, ungelöst. Einige AktivistInnen der Bewegung sitzen bis heute im Gefängnis, bekannt ist vor allem Mumia Abu-Jamal, ein Panther, der später mit der "Move"-Sekte sympathisierte und wegen eines Mordes, den er nicht begangen hat, bis heute in der Todeszelle sitzt (mehr dazu hier aus Morgenrot 16).

Doch immer wieder kommt es zu Ausbrüchen des Zorns. 1992 hielten Polizisten den schwarzen Rodney King bei einer Polizeikontrolle an, schlugen ihn zusammen und verletzten ihn schwer. Was sie nicht wussten, war, dass ein Amateurfilmer die Szene zufällig sah und mit seiner Kamera mitfilmte. Dem Skandal folgte ein zweiter. Die Täter wurden freigesprochen. Die Begründung: der am Boden liegende King sei "Herr der Situation gewesen", der "jederzeit die gegen ihn gerichtete Gewalt hätte beenden können". Im Anschluss an den Freispruch begannen Unruhen mit allein in Los Angeles rund 60 Toten. Doch diese Unruhen waren keine organisierten Aktionen, sondern spontane Wut. Diese Wut zu kanalisieren, ihr einen politischen Ausdruck zu geben, wird die Aufgabe der amerikanischen revolutionären Linken sein.

 

 

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