“Propaganda der Tat”. Zum Problem des individuellen Terrors

Die Ermordung des niederländischen Rechtsextremisten Pim Fortuyn ist nur eines von vielen Beispielen in einer historisch langen Reihe von Anschlägen auf einzelne Personen als Mittel des politischen Kampfes. Doch inwiefern erreicht individueller Terror sein Ziel und welche Ziele kann er sich überhaupt stecken?

Das wohl Wichtigste in dieser gesamten Frage ist, die einzelnen Taten in ihrem historischen Kontext bzw. in der Wahl ihrer Ziele unterschiedlich zu betrachten und zu werten. So ist z.B. unsere Kritik an dem Anschlag auf Fortuyn nicht, wie die aus den bürgerlichen Reihen kommende, moralischer Natur: Wir empfinden kein Mitleid für die ermordeten RepräsentantInnen dieses Systems, auf deren Schultern die Schuld an den herrschenden sozialen Bedingungen lastet.

Sehr wohl aber ist ein Unterschied zu machen zwischen Anschlägen auf Führungspersönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik und/oder militärische Ziele einerseits, und Attentaten, bei denen ZivilistInnen zu Schaden kommen auf der anderen Seite. Letztere, wie sie z.B. von der ETA und vielen der SelbstmordattentäterInnen in Israel verübt werden, sind wiederum (nicht nur) aus politischen Gründen zu verurteilen.

Unterschiedliche Ziele und Situationen

Ein anderes Beispiel stellt hingegen die RAF dar, deren Bestreben es war, durch einzelne Attentate auf führende RepräsentantInnen von Staat und Wirtschaft die bis dato inaktive, unorganisierte Bevölkerung in Deutschland quasi wachzurütteln. Ein linkes Bewußtsein sollte entstehen und "der Faschismus im System ans Tageslicht gekitzelt werden." Doch die Folgen waren andere. Die Aktionen der RAF fanden nicht den erwarteten Zuspruch in der Bevölkerung, ganz im Gegenteil – statt einer Radikalisierung nach links erfolgte nun eine radikale Verschärfung der Strafgesetze sowie der "anti-linken" Stimmung.

Repression

Kein Ausnahmefall: Immer wieder nimmt der Staat individuelle Terrorakte zum Anlass, Repressionen gegen systemkritische Stimmen zu verschärfen, die Rechte der Polizei auszuweiten, die Propagandamaschinerie anzuwerfen und massiv gegen jede Form des Widerstandes vorzugehen.

Individuelle Terrorakte wirken darüber hinaus auch noch wie Gift auf eine Bewegung: Um so lähmender, je effektiver die einzelne Tat ist. Wozu noch Zeit aufwenden für die mühsame Organisation von Streiks, Demonstrationen, wozu die oft anstrengende Überzeugungsarbeit, wenn es so einfach ist und der gleiche Effekt durch einen einzigen gezielten Schuss erreicht werden kann?

Gesellschaftsveränderung?

Individueller Terror unterscheidet sich nicht nur in der Ausdrucksform grundlegend von einer großen revolutionären Bewegung. Diese entwickelt ihre Mittel und Wege nämlich immer aus der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung heraus, während der individuelle Terrorakt auch davon unabhängig, quasi "von außen" durchgeführt werden kann. So kann zum Beispiel ein StudentInnen-Streik nur von Studierenden ausgetragen werden, während praktisch jeder Mensch dazu in der Lage ist, eine Waffe auf jemand anderes Kopf zu richten.

Doch der kapitalistische Staat stützt sich nicht auf Einzelpersonen, und kann nicht mit ihnen beseitigt werden. Ihre Positionen werden nahtlos ersetzt, am System selbst ändert sich nichts, soziale Ungerechtigkeiten bleiben bestehen – nur die polizeiliche Repression gegen alle "AufrührerInnen" wird stärker. Und trotzdem können einzelne Attentate in manchen Situationen wirkungsvoll und ein richtiges Kampfmittel sein, wenn sie von einer Massenbewegung getragen werden und ein Mittel dieser Bewegung darstellen, z.B. Attentate auf Nazigrössen in den besetzten Gebieten während des Weltkriegs.

Insgesamt aber erweist sich wieder einmal die Organisation in einer revolutionären Bewegung und der soziale Kampf als einzig effektives Mittel, um die Gesellschaft zu verändern. Denn: "Wenn wir uns terroristischen Akten widersetzen, so nur deshalb, weil individuelle Rache uns nicht zufriedenstellt. Die Rechnung, die wir mit dem kapitalistischen System zu begleichen haben, ist zu umfangreich, um sie einigen Beamten, genannt Minister, zu überreichen." (Trotzki, Über den Terror, 1911).

 

 

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