Che und Mao in den Bergen: Guerillabewegung in Kolumbien

Ende März wurde die entmilitarisierte Zone im Süden Kolumbiens, die von der Guerillaorganisation FARC-EP kontrolliert wird und in der seit Jänner 1999 Verhandlungen zwischen Guerillaorganisationen und der Regierung geführt wurden, wieder von der Armee besetzt. Damit ist die militärische Auseinandersetzung zwischen Guerilla, paramilitärischen Gruppen und Streitkräften der Regierung, die seit mehr als 38 Jahren in Kolumbien herrscht, wieder neu aufgeflammt.

Zwischen 1948 und 1953 herrschte in Kolumbien BürgerInnenkrieg, die sogenannte "Violencia", in der die Landbevölkerung eine Agrarreform einforderte. Die Bauern/Bäuerinnen gründeten zur Verteidigung sogenannte "Republiken" und Bauern/Bäuerinnengruppen, die bereits die ersten Keimzellen für die in den 60er Jahren gebildeten Guerillaorganisationen waren. Gleichzeitig war dies auch ein Krieg zwischen den zwei Parteien des Landes, den Konservativen und Liberalen, die sich nach dem Krieg in den 50er Jahren zur "Frente Nacional" zusammenschlossen. Dieses Abkommen besagte, dass sich die Parteien mit der Präsidentschaft und den Ministerien im Vier-Jahresturnus abwechselten.

In den 60er Jahren bildete sich, unter der Führung des kommunistischen Pfarrers Camilo Torres, eine Gegenbewegung zu diesem undemokratischen Zwei-Parteien-Regime. Die Frente Unido del Pueblo (FUP) entwickelte sich zu einer Massenbewegung, welcher sich ArbeiterInnen, StudentInnen, SlumbewohnerInnen und Bauern/Bäuerinnen anschlossen. Die Regierung antwortete auf diese Entwicklung mit Repression. Camilo Torres musste nach Morddrohungen in die Berge flüchten, wo sich wieder Bauern/Bäuerinnenrepubliken gebildet hatten. Als 1964 die Bauern/Bäuerinnenrepublik Marquetalia von der Armee faktisch ausgelöscht wurde, bildeten sich die ersten der Guerillaorganisationen, die teilweise bis heute existieren.

Guerillaorganisationen

Die "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens-Volksheer" (FARC-EP) wurden als direkte Antwort auf das Massaker in Marquetalia von verschiedenen, von der stalinistischen "Kommunistischen Partei" beeinflussten, Bauern/Bäuerinnengruppen gegründet. Die Mitgliederzahl der FARC-EP wird auf 20.000-30.000 geschätzt, 15.000 Menschen sollen ausschließlich als KämpferInnen eingesetzt sein. Damit stellt die grösste Guerillaorganisation Kolumbiens gleichzeitig die größte der Welt dar. Beachtlich ist der Frauenanteil der FARC-EP. 40% sollen es sein, die, glaubt mensch den Berichten mancher BesucherInnen der Trainingslager, gleichberechtigt mit ihren männlichen Genossen den Kampf gegen Armee und paramilitärische Gruppen führen.

Die zweite Organisation, die "Nationale Befreiungsarmee" (ELN), entsprang der Inspiration durch die kubanische Revolution. Sie bezogen und beziehen sich auf die Taktik Che Guevaras (mehr dazu in Morgenrot Nummer 17) und gewannen mit dem Eintritt von Camilo Torres Sympathie und Zulauf. Nach der FARC-EP ist die ELN heute die zweitgrößte noch aktive Guerillaorganisation Kolumbiens.

Das maoistische "Volksbefreiungsheer" (EPL) entstand erst 1967 im Zuge der internationalen Spaltung der StalinistInnen in eine pro-sowjetische und eine pro-chinesische Fraktion.

In den 70er Jahren wurden weitere Guerillaorganisationen gegründet. Die wichtigste Organisation ist hierbei die "Bewegung 19. April" (M-19). Diese Guerillaorganisation war teilweise in Städten verankert und wurde unter anderem dadurch berühmt, dass sie 1980 die dominikanische Botschaft in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, besetzten.

1977 erlebte in Kolumbien die soziale Bewegung einen Aufschwung, der in einem Generalstreik gipfelte. Gleichzeitig wurde die Guerillabewegung zu einer realen Bedrohung für die Regierung. Der damalige amtierende Präsident Turbay Ayala (1978-1982) reagierte mit Repression. In Folge verschwanden Oppositionelle, die Folter wurde gängige Praxis und es wurden "Anti-Terror-Gesetze" verabschiedet. Die Repression bewirkte allerdings Gegenteiliges und die Guerillaorganisationen bekamen vermehrt Zulauf. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass es kaum Möglichkeiten gab, sich legal politisch zu betätigen.

Der darauffolgende Präsident Belisario Betancur (1982-1986) versuchte, die Gefahr anders einzudämmen. Es wurde eine Generalamnestie für politische Gefangene, darunter auch viele Guerilleros/as, erlassen und versucht, die bewaffneten Organisationen zu Verhandlungen zu bewegen. Damit spaltete sich die Guerilla in zwei Richtungen. Auf der einen Seite standen FARC-EP, M-19 und EPL, welche in einen Waffenstillstand und Verhandlungen eintraten, auf der anderen ELN und zwei weitere Organisationen, welche diesen Regierungsvorschlag ablehnten und ihn als Ruhigstellung der Opposition enttarnten. Die Verhandlungen scheiterten 1985.

Gleichzeitig konnten sich aber durch die veränderte Politik der Regierung legale politische Organisationen bilden. Von SozialistInnen, KommunistInnen und ehemaligen FARC-EP-Mitgliedern wurde die Unión Patriótica (UP) gegründet. SympatisantInnen der EPL traten bei Kommunalwahlen als Frente Popular an.

Zu dieser Zeit suchte die Regierung zum einen den Dialog und Verhandlungen mit den Guerillaorganisationen, andererseits wurde der Aufbau von paramilitärischen Gruppen toleriert und teilweise gefördert.

Die Paramilitärs

Mitte der 80er wurden hunderte von paramilitärischen Gruppen von ViehzüchterInnen, Geheimdienst, Drogenkartellen und Teilen des Militärs aufgestellt. Die Paramilitärs beschränkten sich nicht darauf, politische Oppositionelle und deren SympathisantInnen zu ermorden, es wurden auch Homosexuelle, Prostituierte und Straßenkinder getötet. Insgesamt wird geschätzt, dass mindestens 30.000 Morde auf das Konto der paramilitärischen Gruppen gehen. Menschenrechtsorganisationen, sowie die kolumbianische Justiz selbst, belasteten ehemalige Generäle der Armee, die paramilitärischen Gruppen zu unterstützen und ihnen sogar teilweise Befehle gegeben zu haben. Von Seite der Guerilla wird immer wieder bestätigt, dass nach Kämpfen Armeeausweise bei getöteten KämpferInnen der Paramilitärs gefunden wurden.

1985 wurde, infolge der eskalierenden Gewalt, die "Nationale Guerillakoordination" gegründet, die aus M-19, EPL und ELN bestand. Als sich FARC-EP und eine weitere Organisation, die CNG, anschlossen, wurde sie in "Guerillakoordination Simón Bolívar" umbenannt.

Die Kämpfe breiteten sich fast auf das gesamte Land aus. So hatte die ELN beispielsweise Anfang der 80er an vier Fronten gekämpft, 1990 an dreissig.

Bedingt durch den Zusammenbruch der stalinistischen Länder kam es innerhalb der Guerillaorganisationen zu einer massiven Demobilisierung. Die M-19 kehrte, nachdem sie zwischen 1985 und 1989 durch Attentate auf ihre Kader und Verhaftungen ihrer FührerInnen stark geschwächt wurde, dem politischen Kampf den Rücken und trat den Schritt in die Legalität an. Im Zuge dessen gründete sich dann eine politische Partei, die bei ihrem ersten Antreten zu Wahlen mehr als 10% der Stimmen bekam.

1991 traten die Guerillaorganisationen FARC-EP und ELN trotz militärischer Aktivität wieder in Verhandlungen mit der Regierung ein. Seit damals gibt es immer wieder Verhandlungen, welche regelmäßig Kämpfe unterbrochen werden. Die letzte längere Waffenruhe gab es von Jänner 1999 bis März 2002. Für die Verhandlungen wurde eine entmilitarisierte Zone von der Größe der Schweiz eingerichtet. Die Verhandlungen wurden allerdings von der Regierung Pastrana am 20.3.2002 einseitig wieder beendet und der Armee wurde befohlen, die entmilitarisierte Zone wieder zu besetzen, nachdem ein Flugzeug mit Senator Jorge Eduardo Gechem Turbay an Bord angeblich von einem FARC-EP Kommando entführt wurde.

Die FARC-EP selbst hat zur Wiederaufnahme der Gespräche aufgerufen und möchte die Verhandlungen weiterführen, auch die ELN ist an Gesprächen und an einer nichtmilitärischen Lösung des Konfliktes interessiert. Gleichzeitig mit dem Wunsch, den Konflikt durch Verhandlungen zu lösen, ruft die FARC-EP allerdings auf ihrer Homepage dazu auf, weiter zu kämpfen, solange nicht die Forderungen erfüllt werden und sieht keine Zukunft in den Verhandlungen, da ihre VerhandlungspartnerInnen selbst unter massivem Druck der US-Regierung und des Internationalen Währungsfonds stehen. Die USA üben insofern Druck auf die Regierung aus, als sie teilweise die finanzielle Zuwendung an militärische Erfolge koppeln.

Die Guerilla ist trotz diverser Schwächungen noch immer sehr stark. So ist sie, laut Regierungsangaben vom Juli 2001, in 500 der 1.000 kolumbianischen Gemeinden präsent. Andere Angaben sprechen davon, dass sie 450 Landkreise kontrolliert. In einigen Gemeinden übt die Guerilla auch Regierungsfunktionen aus, indem sie Budgets verwaltet und den/die BürgermeisterIn stellt.

Der Vorwurf, die Gewalttaten gingen großteils auf das Konto der Guerillaorganisationen, ist nicht haltbar. Objektive Schätzungen gehen davon aus, dass die meisten Opfer den Militärs und den paramilitärischen Gruppen zuzurechnen sind. Nach Angaben der Menschenrechtsgruppe "Zentrum für Forschung und Volksbildung und Interkonfessionelle Kommission für Recht und Frieden" gehen 73% der Opfer aufs Konto der Paramilitärs, 17% sind auf die Guerilla zurückzuführen und 10% auf Armee und Polizei.

Eine der großen Fragen des Konfliktes, das Verhältnis der verschiedenen Guerillaorganisationen zum Drogenhandel, ist aufgrund fehlender Informationen nicht einschätzbar. Die USA und die kolumbianische Regierung haben ein offensichtliches Interesse daran, die Guerilla als unpolitische Drogenhandelsorganisationen darzustellen und gleichzeitig von der massiven Beteiligung der paramilitärischen Gruppen am Drogenhandel abzulenken.

Andererseits dürfte es stimmen, dass die Guerillaorganisationen in verschiedenem Ausmaß vom Drogengeschäft profitieren. Teilweise werden Steuern (die wohl eher den Charakter von Schutzgeldern haben) auf den Drogenhandel eingehoben, in offiziellen Stellungnahmen sprechen die Guerillaorganisationen allerdings von ihrem Ziel der Bekämpfung des Drogenanbaus. Gleichzeitig erklärt die Guerilla, nicht völlig unplausibel, dass es für große Teile der Landbevölkerung keine andere Möglichkeit gibt, als Drogen anzubauen. So machte die ELN 1995 der EU den Vorschlag, in den von ihnen kontrollierten Gebieten den Kokaanbau zu unterbinden, wenn die EU als Gegenleistung den Bauern/Bäuerinnen Subventionen zukommen ließe, da es für viele LandarbeiterInnen anders nicht möglich wäre, zu überleben. Laut einer Aussendung der ELN selbst habe die EU trotz vorheriger Zusage auf dieses Angebot nicht mehr reagiert.

Rolle der USA

In ihrem angeblichen Kampf gegen Drogen – und dem tatsächlichen gegen die Guerilla – unterstützen die USA die kolumbianische Regierung, gebündelt wird diese Hilfe durch den sogenannten "Plan Colombia". Nach Israel und Ägypten war Kolumbien das Land, das von den USA im Jahr 1999 die größte finanzielle Unterstützung für Waffenhilfe erhalten hatte. Die Beträge, welche für die Erhaltung und den Ankauf neuer Waffen zur Verfügung gestellt werden, sind inzwischen noch gestiegen. Waren es 1996 noch 65 Mio. US-Dollar, so sind im Plan Colombia 1,3 Mrd. US-Dollar vorgesehen. So schlägt die USA zwei Fliegen mit einer Klappe. Einerseits kann die US-Regierung durch ihre finanzielle Hilfe ihre Einflusssphäre in Südamerika stärken, andererseits werden unbequeme Oppositionelle bekämpft.

Der Plan Colombia ist ein Kriegsplan, der von der US-Regierung gestaltet wurde (die 1,3 Mrd. US-Dollar hauptsächlich als Militärhilfe investiert), um die kolumbianische ländliche Bevölkerung durch den, militärisch unterstützten, Sprüheinsatz des hochgiftigen Round-Up Ultra, eines Produkts von Monsanto, zu vertreiben. Im Plan enthalten sind die Zusammenstellung und Schulung von militärischen Spezialeinheiten durch die US Armee, etwa in der berüchtigten "School of Americas". Offiziell soll dieser Plan den illegalen Kokaanbau und den Kokainhandel beenden, der Guerilla ein Ende setzen und die "älteste Demokratie" Lateinamerikas stabilisieren.

Tatsächlich sollen bis 2005 die beiden amerikanischen Kontinente, mit Ausnahme Kubas, unter der Regie der USA in eine gemeinsame Freihandelszone umgewandelt werden. Es geht also um Zugang zu Rohstoffen, die Kontrolle einer geopolitisch und strategisch wichtigen Region und die Festschreibung einer neoliberalen Entwicklung.

 

 

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