Semperit vor dem Ende, erfolgreicher Widerstand gegen Conti in den USA

Dass Arbeiter/innen gegen einen Multi wie Continental nicht wehrlos sein müssen, haben 1998/99 die Arbeiter im Conti-Werk von Charlotte, North Carolina, in einem hart geführten einjährigen Streik bewiesen.

Die Südstaaten der USA, in denen die Gewerkschaften einer besonders aggressiven Bourgeoisie gegenüberstehen, sind ein traditionell harter Boden für den Kampf um die elementarsten Forderungen der Arbeiter/innen/schaft. Die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung war seit 1989 ein Quell permanenter Konflikte zwischen der Werksleitung und dem USWA (United Steelworkers of America)-Local 850. Während zehn Jahren schmetterte das Management alle Forderungen der Arbeiter/innen konsequent ab.

Am 20. September 1998 legten die 1.450 Arbeiter/innen in Charlotte dann die Arbeit nieder. Bereits auf der ersten Versammlung kam die Wut der Arbeiter/innen klar heraus: "Wir haben 1989, 1992 und 1995 keinen Cent herausholen können. Jetzt reicht's, wenn wir alle zusammenhalten, werden wir es jetzt endlich schaffen".

Schon in den ersten 60 Tagen rekrutierte die Geschäftsführung 700 Streikbrecher/innen, die den Betrieb in der Reifenfabrik notdürftig aufrecht erhielten. Während des ganzen einjährigen Arbeitskampfes schlossen sich ihnen nur 14 der gewerkschaftlich organisierten Continental-Tire Arbeiter/innen an…

Die USWA-Bürokratie verfolgte eine ausgesprochen zahme Streikstrategie – so gab es trotz permanenter Streikposten vor dem Werk und wachsender Unterstützung in der Bevölkerung keine Versuche, die Streikbrecher/innen am Betreten des Werksgeländes zu hindern. Sieben Tage in der Woche standen die Mitglieder von Local 850 Streikposten – ihr Kampf wurde wegen der Dauer des Ausstandes und der provokativen Erklärungen der Conti-Geschäftsführung (Continental-Vorstandsvorsitzender für die USA, Frangenberg: "Es wird eine heftige Sache, aber die dauerhafte Ersetzung der Streikenden durch die neuen Leute [ = Streikbrecher] bleibt aufrecht") aber USA- und schließlich weltweit bekannt.

Aus anderen Continental-Werken – jenen in Mayfield, Kentucky, und Bryan, Ohio, kamen Kolleg/inn/en zu den Veranstaltungen der Streikenden. Mitglieder von Local 850 wiederum beteiligten sich an Solidaritätskundgebungen mit anderen kämpfenden Arbeiter/inn/en in der US-Industrie.

Der internationale Metallgewerkschaftsbund ICEM rief zur Solidarität mit den Kolleg/inn/en in Charlotte auf. Daraufhin kam es im südafrikanischen Werk von Conti zu einem zweistündigen Solidaritätsstreik; in Belgien demonstrierten die Gewerkschaften vor der dortigen Conti-Zentrale; auch in Frankreich kam es in mehreren Städten zu Demonstrationen, in Europa und Australien fanden Protestkundgebungen vor deutschen Konsulaten und Conti-Niederlassungen statt. Erstmals wurde von ICEM eine elektronische Protestseite im Internet eingerichtet – daraufhin trudelten beim Conti-Vorstand in Hannover tausende Protest-Mails ein.

Im Juli 1999 verteilten Mitglieder von Local 850, unterstützt von Gewerkschaftskolleg/inn/en aus aller Welt, beim Formel-I-Grand-Prix am Nürburgring, der von Continental gesponsert wird, Flugblätter, in denen sie auf die unhaltbaren Arbeitsbedingungen hinwiesen und zur Solidarität aufriefen. Ein besonderer Knalleffekt war das Auftauchen eines Flugzeuges mit einem Werbebanner, das zur Unterstützung der Streikenden in Charlotte aufforderte. Parallel zur Conti-Generalversammlung in Hannover Mitte 1999 hielten Vertreter von Local 850 eine Pressekonferenz ab.

Unter dem immer stärker werdenden Druck an anderen Standorten gab Conti schließlich im September 1999 nach. Sie einigte sich mit der USWA-Führung auf einen Kompromiss, der weitgehend den Forderungen der Streikenden entsprach, allerdings auch einige wesentliche Grundpositionen des Managements berücksichtigte.

Die betroffenen Arbeitnehmer erhielten nach Angaben des stellvertretenden Vorsitzenden der USWA, John Sellers, ihre erste Grundlohnerhöhung seit 1989 und volle Inflationsausgleichszahlungen. Weiters sicherte ihnen der Tarifvertrag verbesserte Rentenansprüche, die hundertprozentige Übernahme der Kosten für die Familienkrankenversicherung und die volle Bezahlung von Urlaubs- und Feiertagen zu. Allein die Lohnerhöhung belief sich auf rund drei Dollar pro Stunde.

Der Streik von 1.450 Arbeiterinnen eroberte sogar die Titelseiten der nationalen bürgerlichen Presse. Am 16. September 1999 machte das "Wall Street Journal", das Zentralorgan des amerikanischen Großkapitals, mit der Schlagzeile "Gewerkschaften schaffen Durchbruch in den Südstaaten" auf. Die Kolleg/inn/en in Charlotte hatten einerseits die seit Jahrzehnten bedeutendste Lohnerhöhung in der Geschichte der amerikanischen Reifenindustrie durchgesetzt. Außerdem erhielten alle Streikenden, die dies wünschen, ihren Arbeitsplatz zurück – ein klarer moralischer Sieg über die Streikbrecher. Andererseits konnte Continetal durchsetzen, dass die Streikbrecher sechs weitere Monate im Werk beschäftigt blieben; weiters wurden 12-Stunden-Schichten genehmigt (die Arbeiter/innen hatten während des Streiks auf den 8-Stunden-Tag gepocht).

Innerhalb der Arbeiter/innenschaft von Continental Tires Charlotte gingen die Diskussionen aber weiter. 876 Kolleg/inn/en hatten für den Kompromiss gestimmt, der den Streik beendete, 289 dagegen. Die Arbeiter/innen bei Continental Tires Charlotte eine wichtige Lektion gelernt: Wie wichtig die Solidarität des Proletariats ist – über alle Ländergrenzen hinweg.

 

 

 

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