Ghandi: Die Entzauberung eines Symbols

Millionen von Menschen haben den Film "Gandhi" gesehen, Millionen von Menschen sehen Gandhi seit den sechziger Jahren als eine Leitfigur für Frieden und gewaltlosen Widerstand. Doch was steckt hinter diesem Mythos?

Mit dem wahren Gandhi hat der Film wenig zu tun. Als Hindu lehnte Gandhi Gewalt sogar gegen Tiere ab und war darum Vegetarier. Gewaltlosigkeit war für ihn dennoch nur Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck. "Wenn nur die Wahl zwischen Feigheit und Gewalt besteht, dann bin ich für Gewalt". Diesen Grundsatz verfolgte er ein Leben lang. Er kämpfte auf Seite der Briten in Südafrika und befehligte eine Sanitäter-Kolonne im Kampf gegen sogenannte aufständische Zulustämme.

Während des ersten Weltkriegs führte er eine Kampagne für den Eintritt von Indern in die Kolonialarmee. So zogen 1,2 Millionen Inder, größtenteils unfreiwillig, in den Krieg. Über einhunderttausend Inder starben in diesem imperialistischen Krieg für die Kolonialherren. Ein Kämpfer gegen Gewalt war Gandhi damals also gewiss nicht. Auch später, 1931, forderte Gandhi für das unabhängige Indien eine eigene Armee, denn "nationale Verteidigung ist für ein Volk das Wesen seines Bestehens".

Gandhis Kampf

Gandhi, der eine Zeitlang als Rechtsanwalt in Südafrika gearbeitet hatte, wurde als Kämpfer für die zahlreichen dort lebenden Inder äußerst populär und ein wichtiger Führer der Congress-Party (Kongress), einer bürgerlich-nationalistischen Bewegung, als er 1915 in die Heimat zurückkehrte.

1919 begannen Großdemonstrationen und Unruhen in ganz Indien. Millionen ArbeiterInnen in ganz Indien streikten und boykottierten Gesetzgebung, Gerichte, Schulen und Waren der Kolonialherren. Die Kampagne dauerte drei Jahre, in denen 30.000 Menschen in Gefängnissen saßen und in Lagern landeten. Bei einem von vielen Zwischenfällen, wo bewaffnete Polizisten in die unbewaffnete Menge schossen, wehrte sich die Menge ausnahmsweise. Eine Polizeistation wurde gestürmt, 22 Polizisten starben. Für Gandhi war dieser isolierte Vorfall der Grund, alle Aktionen in ganz Indien abzubrechen. Die Bewegung wurde durch das autoritäre Auftreten Gandhis zerstört, da ihm die breite Masse der InderInnen blind gehorchte. Als dann Gandhi von den Kolonialherren verhaftet wurde, blieb allerdings alles ruhig, das Volk war enttäuscht.

Nach sechs Jahren Kerker kam Gandhi wieder frei und brach auf zu seinem legendären "Salzmarsch". Nicht zuletzt aus Mangel an Alternativen schlossen sich ihm wiederum die Massen an, tausende folgten ihm auf seinem Marsch. Als im Rahmen der Kampagne Hindu-Soldaten sich weigerten, in eine moslemische Menge zu schiessen, kritisierte dies Gandhi: "Ein Soldat, der dem Feuerbefehl nicht gehorcht, bricht einen Eid." 1931 brach Gandhi, nach einigen vagen Versprechen der Kolonialmacht, den Kampf wiederum ab. Gandhi ging noch weiter: den Jüdinnen/Juden riet er 1938 zum kollektiven Selbstmord, um so die Welt gegen Hitler aufzurütteln, eine Haltung, die er auch nach dem Holocaust weiter verteidigte. Die Idee, zum Widerstand aufzurufen, kam ihm augenscheinlich nicht.

Unabhängigkeit

Auch nach dem Weltkrieg wollten die Briten die Unabhängigkeit Indiens nicht akzeptieren, so entwickelte sich wiederum eine breite Massenbewegung. Millionen von Leuten streikten, wieder entstand eine vorrevolutionäre Stimmung. Am 21. Februar 1946 hißten indische Matrosen in Bombay die rote Fahne und kämpften unter der Losung "Inquilab Zindabad" (Lang lebe die Revolution). ArbeiterInnen traten in Generalstreik, indische Truppen weigerten sich gegen ArbeiterInnen und Matrosen vorzugehen. In vielen Städten meuterten Soldaten und Polizisten. Die britische Machtbasis wurde erschüttert. Gandhis Kongress unterstützte die Unterdrückung der Streiks und kritisierte die Meuterei. In Folge übergab das durch den 2. Weltkrieg geschwächte England die Regierung den "verantwortungsbewußten Kräften" von Gandhis Kongresspartei und sicherte sich so einen Teil der wirtschaftlichen Macht.

Gandhi war ein indischer Nationalist der nie die geringste Beziehung zur ArbeiterInnenbewegung oder internationaler Solidarität fand. Seine Arbeit in Südafrika galt über zwei Jahrzehnte ausschließlich der indischen Minderheit. Um die Schwarzen kümmerte er sich nur im Zuluaufstand als Sanitäter der Gegenseite. Seine Bedürfnislosigkeit war religiös motiviert und nicht als Leitlinie für alle gedacht. "Je mehr wir besitzen, desto mehr sind wir an diese Erde gefesselt" war seine Devise. Doch von den Reichen verlangte er nur Opfer um ihres Seelenfriedens willen. Die Stellung der Frau in der Gesellschaft zu kritisieren, wäre ihm nie eingefallen.

Die große Masse der InderInnen haßten die Kolonialherren und der gewaltfreie Widerstand gab vielen die Chance, ihren Protest auszudrücken. Es ist der geschichtliche Verdienst Gandhis, diesen ausgelöst zu haben. Doch nicht Gandhis Gewaltlosigkeit erreichte die Freiheit, die Kampfbereitschaft der Millionen Indiens, der ArbeiterInnen, der Bauern und Bäuerinnen und der Soldaten erzwang sie.

 

 

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