Flora Tristan, Sozialistin und Feministin

Schon 5 Jahre bevor Karl Marx und Friedrich Engels 1848 das "Manifest der Kommunistischen Partei" veröffentlichten, publizierte Flora Tristan in Paris eine Schrift, die für die ArbeiterInnenbewegung sehr zentral war. Flora Tristans "Union Ouvrière" (Arbeiterunion) erreichte damals eine viermal höhere Auflage als das Manifest. Sie richtete sich an alle ArbeiterInnen und propagierte einen Gegenentwurf zum damaligen bestehenden Funktionieren der Gesellschaft. Als eine der Ersten verband sie dabei sozialistische und feministische Gedanken.

Flora Tristan, Frühsozialistin, Feministin und vor allem Praktikerin wurde 1803 als Tochter eines spanisch – peruanischen Oberst und einer Französin geboren. Sie erlebte ihre Kindheit in Frankreich unter größter Armut. Sie heiratete 1821 ihren ehemaligen Lehrer. Vier Jahre später, kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes, verließ Tristan ihren äußerst gewalttätigen Ehemann, ließ ihre Kinder bei ihrer Mutter und arbeitete, um unabhängig von ihrem Ehemann zu sein, als Hausangestellte in verschiedenen Ländern. 1838 verübte Tristans ehemaliger Ehemann ein Attentat auf sie aus, das sie schwer verletzte. Die Gewalt, die sie zu bekämpfen versuchte, erlebte sie am eigenen Leibe.

Tristan nahm an den Protestmärschen während der Juli-Revolution 1830 teil und machte in dieser Zeit erste Bekanntschaft mit dem Saint-Simonismus (Kasten auf Seite 20). In den folgenden Jahren machte sich Tristan mit den sozialphilosophischen Lehren der Zeit vertraut, in den Pariser Litera-tursalons traf sie sich mit bedeutenden Feministinnen der Zeit. Sie lernte den Frühsozialisten Charles Fourier (1772 – 1837) kennen und wurde dem englischen Sozialismustheoretiker Robert Owen vorgestellt. Sie beschreibt und untersucht die systematische Unterdrückung der Frauen in der modernen europäischen sowie der lateinamerikanischen Gesellschaft.

Kapitalismuskritik

Verschiedene Male reiste sie nach England, als Ergebnis dieser Englandreisen veröffentlichte sie 1840 "Promenades dans Londres" (Spaziergänge in London). Es sind dies sorgfältige Reportagen und sozialphilosophische Analysen über ihre Exkursionen in Londoner Slums, Fabriken, Gefängnissen und Lokalen. Dieses Werk war Tristans erste, sorgfältige sozialkritische und analytische Schrift. Darin sind bereits zahlreiche Überlegungen und Analysen zu finden, die später in der marxistischen Theorie vertieft und ausgefeilt wurden (Klassenfrage, Entfremdung aufgrund der Arbeitsteilung, Institution Familie, Privateigentum). Innerhalb von wenigen Wochen war das Buch ausverkauft.

Dieses Werk markierte einen Wechsel in Tristans Schaffen. Darin überwiegen eine materialistisch fundierte Denkweise sowie die Analyse der sozialen Zustände in der frühkapitalistischen Gesellschaft. Die wissenschaftlichen Methoden der FrühsozialistInnen, auch diejenigen Tristans, waren dennoch oft unpräzise. Ihr Denken und Handeln galt nicht primär der Theorieproduktion, sondern vor allem dem Beitrag zu aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen.

Die Arbeiterunion

Ab 1840 arbeitete Tristan dann vor allem intensiv an ihrem Hauptwerk, der "Union Ouvrière" (Arbeiterunion). Dort findet sich ihre Denkweise mit utopischen Elementen wieder. Das Buch, welches Vorschläge für ein glückliches und gerechtes Dasein aller Arbeitenden präsentierte, war ein Erfolg. Am 1. Juni 1843 wurde die erste Auflage in 4000 Exemplaren gedruckt: eine hohe Anzahl für die damalige Zeit.

In ihrem Werk "Union Ouvrière" zielte Tristan nicht auf die Veränderung der politischen Struktur, sondern auf die (internationale) Organisierung der ArbeiterInnen ab: "Die Einheit schafft Stärke!" Das Proletariat definierte sie als eine soziale Klasse mit Interessen, die denjenigen der Bourgeoisie entgegengesetzt waren.

Keine Verbesserung ohne Emanzipation

Bevor Tristan in der "Union Ouvrière" auf das von ihr vorgeschlagene, konkrete Vorgehen einging, richtete sie einen Appell an die Arbeiter. Sie überzeugte die Männer, daß ihr Kampf nicht fruchtbar sei, wenn sie nicht mithelfen würden, die Situation der Frauen zu verbessern. Tristan glaubte, wie der Frühsozialist Fourier, daß nur eine Gesellschaft, in der die Frauen befreit wären, eine freie Gesellschaft sei. In "Promenades dans Londres" betrachtete Tristan die elende Situation der Frauen als Folge des Kapitalismus. In der "Union Ouvrière" brachte sie die Unterdrückung der Frauen zusätzlich in einen historischen Zusammenhang und beschrieb die männliche Logik als Herrschaftsprinzip.

Tristan erkannte eine Parallele zwischen der Situation der Arbeitenden und derjenigen der Frauen. Beide waren der kapitalistischen Ausbeutung ausgesetzt. Für beide bedeuteten die Arbeit bzw. die Arbeitsbedingungen einen zentraler Aspekt der Unterdrückung. Während Tristan die ökonomischen Bedingungen der Arbeit nicht genauer analysierte, untersuchte sie auch das eventuelle gemeinsame Interesse der herrschenden Klasse an der Unterdrückung der Frauen und der Arbeiter nicht. Neben den Gemeinsamkeiten der Lebensumstände von Frauen und Arbeitern war sich Tristan auch der Unterschiede bewußt. So wies sie darauf hin, daß Frauen um die Hälfte geringer entlohnt wurden als Männer.

Ebenso klar war ihr, daß die physische, sexuelle und psychische Gewalt gegen Frauen nicht ökonomisch zu lösen war. Ihre Utopie einer friedlichen, wohlhabenden Gesellschaft, die frei ist von Herrschaft, beinhaltete als zentrales Charakteristikum die Ideen eines emanzipierten Verhältnisses zwischen Frauen und Männern.

1843 und 1844 reiste Tristan durch Frankreich und propagierte ihre Ideen der universellen Arbeiterunion. Schwerkrank kam sie 1844 nach Bordeaux, wo sie fortwährend von einer Freundin gepflegt wurde. Von einer schweren Typhuserkrankung erholte sie sich nicht mehr. Flora Tristan starb im November 1844 im Alter von 41 Jahren.

 

 

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