Als die Bilder laufen lernten. Zum Verhältnis von Comics und Politik

Vor 50 Jahren, im August 1951, erschien das erste Micky-Maus-Heft in deutscher Sprache. Der Erfolg ist unübertroffen, jede Woche werden in Österreich rund 200.000 Exemplare verkauft. Ein guter Anlaß, sich politisch mit dem Phänomen Comics auseinanderzusetzen.

Comics haben eigentlich eine sehr alte Tradition, im Grunde sind sie nichts anderes als die Fortentwicklung altertümlicher Bilderschriften. Nachdem, auch nach der Entwicklung der Schrift, die übergroße Mehrheit der Menschheit nicht lesen konnte, waren Bilder eine sehr wichtige Methode, Wissen weiterzugeben. Diese Verwendung kennen wir bis in die Neuzeit. Etwa in der russischen Revolution oder in den Befreiungsbewegungen Mittel- und Südamerikas wurde das Mittel des Bildes auch zur gesellschaftlichen Aufklärung verwendet, nachdem ein großer Teil der Bevölkerung AnalphabetInnen waren. Und schon früh verwendeten in politischen Auseinandersetzungen alle Parteien Bilder oder Bildfolgen, entweder um ihr Anliegen zu unterstreichen (der Mensch nimmt wesentlich mehr Informationen über das Auge als über die Sprache auf) oder um sie einem leseunkundigen Publikum überhaupt erst zu vermitteln.

Neben diesen klar und deklariert politischen Bildgeschichten gab es aber immer auch eine zweite Kategorie, nämlich diejenigen, die – obwohl oft formell unpolitisch – politische Ideologien verbreiteten. Dies passierte auf mehreren Ebenen. Da gab es jene Comics, die offen Stellung bezogen, etwa die "Ahnherren" des Comic-Hefts, "Tim und Struppi", die in ihren antikommunistischen Streifzügen unübertroffen sind. Bei "Tim und Struppi" übrigens kein Wunder, war doch dessen belgischer Zeichner Hergé während des zweiten Weltkriegs ein deklarierter Faschist und Freund des belgischen Faschistenführers Léon Degrelle. Tim wurde übrigens, ideologisch durchaus stimmig, anfänglich als Pfadfinder dargestellt, die Zeichnungen erschienen in der Zeitung der belgischen Pfadfinder. Journalist wurde Tim erst im Lauf der Zeit.

Superhelden

Aber auch die meisten Superhelden spielten in ihrem Kampf gegen den "Kommunismus" (oder was sie darunter verstanden) eine sehr aktive Rolle. Nachdem sie aber meist aus den USA stammten, kritisierten sie – im Gegensatz zu Hergé – sozusagen von der richtigen Seite aus. Vorreiter war hier zweifellos "Superman", jene Serie, die 1938 den Durchbruch des Comic-Hefts in den USA bedeutete.

Superman bot neben seinem Kampf gegen alles "Unamerikanische" noch einige spannende psychologische Möglichkeiten. Im Durchschnittstypen Clark Kent fanden und finden sich viele LeserInnen wieder, die dann davon träumen können, sich wie Clark ab und zu in Super-man zu verwandeln und die Welt zu retten. Nach diesem Strickmuster funktionieren auch die meisten anderen Superhelden-Comics. Batman, ebenso wie Spiderman und andere sind sozusagen Freizeit-Weltretter, daneben gehen sie einem mehr oder weniger normalen Beruf nach, Journalismus etwa scheint bei Superhelden recht beliebt. Batman, der den Millionär gibt, macht die Identifikation schon etwas schwerer, vermittelt aber immerhin, daß Reichtum und Menschlichkeit durchaus keine Widersprüche sein müssen.

Hatten Superman und Batman durchaus noch gewisse Nuancen zu bieten, wurde die Sache bei einem der erfolgreichsten Comics, "Captain America", eindeutig. Der Name war Programm, das Stars-and-Stripes-Trikot logische Draufgabe. Schlug er zu Beginn noch Hitler mit gezielten Kinnhacken zu Boden, waren später, vor allem seit Beginn des Koreakriegs in den frühen 50ern, die "Sowjets" das Ziel seiner Attacken.

Frauen kommen in den meisten dieser Comics eigentlich nur als die Helden anhimmelnde Statistinnen vor. Später wurden dann auch einige weibliche Superheldinnen kreiert, etwa Supergirl oder Batgirl, die allerdings sehr oft auf die Hilfe ihrer männlichen Kollegen angewiesen sind und in der Zwischenzeit in möglichst kurzen Röcken oder hautengen Kostümen durch die Weltgeschichte laufen oder fliegen. Der Erfolg dieser Frauen reichte allerdings nie auch nur annähernd an den ihrer männlichen Pendants heran.

Die Guten

Aber natürlich gibt es auch Comics anderer politischer Ausrichtung – sie sind nur (bis auf wenige Ausnahmen) nicht so bekannt und von ihrem Stil her eher auf Erwachsene ausgerichtet. Grundsätzlich aber ist vor allem der Cartoon in der Linken ein sehr beliebtes Mittel der politischen Auseinandersetzung. Ebenfalls sehr beliebt ist das "Umschreiben" bekannter Comics, also das Unterlegen der Bilder mit neuen Texten. Das häufigste "Opfer" ist hier wahrscheinlich Asterix, kein Wunder, finden sich doch viele Linke im Kampf des kleinen gallischen Dorfes gegen die übermächtige römische Armee wieder. Bekannte Untergrund-Comics wie "Asterix und das Atomkraftwerk", das die Auseinandersetzungen um die deutschen AKW´s zum Thema hat, haben dementsprechend bereits Kultstatus erlangt.

Aber auch in den Original-Texten von Asterix finden sich durchaus Sätze, die ob ihrer Skurilität das linke Herz höher schlagen lassen. Wenn der alte Methusalix meint: "ich habe nichts gegen Fremde, einige meiner besten Freunde sind Fremde, aber diese Fremden sind nicht von hier", dann sehen wir deutlich die Realität Österreichs im Jahr 2001 vor uns. Und letztlich gilt Ähnliches für die meisten Comics. In mehr oder weniger verzerrter Form sind sie nur ein weiterer Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen und Tendenzen.

 

 

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