Die Holocaust-Industrie!? Zur Finkelstein-Debatte

Kaum ein Buch hat in den letzten Monaten so viel Aufsehen erregt, wie Norman Finkelsteins „Die Holocaust-Industrie“. Seine Thesen von der Ausbeutung der jüdischen Opfer durch eine von ihm so genannte jüdische Holocaust-Industrie entzweite auch die Linke. Dementsprechend hat die Redaktion zwei unterschiedliche Stellungnahmen eingeholt. Stefan K., Manuela T. und Michael B. rezensieren Finkelsteins Buch mit unterschiedlichen Schlußfolgerungen.

Pro: Beweis für die Schwäche der Linken

Den Rechten ist Finkelsteins Buch klarerweise willkommen. Er darf – als Jude – aussprechen, “was sie immer schon gewußt haben”. Die Linken machen ihn bestenfalls als “nützlichen Idiot” nieder.

Gerade für die linke Diskussion wäre aber Finkelsteins Beitrag von Bedeutung: Zum Beispiel die Privatisierung des kollektiven Leidens der Juden in privaten Organisationen und Eliten hätte schon längst eine linke Behandlung verdient. Ebenso die Isolation von Auschwitz als einzigartiges geschichtliches Ereignis. Natürlich war der Massenmord an den Juden beispiellos. Das rechtfertigt jedoch nicht die ausschließlich auf die jüdischen Opfer des Faschismus zentrierte Sichtweise. Indem Auschwitz aus den geschichtlichen Zusammenhängen herausgenommen wird, wird die eigentliche Bedeutung des Hitler-Faschismus, nämlich als Antwort des deutschen Imperialismus auf die revolutionäre Krise, aus den Geschichtsbüchern gelöscht. Dann wird gerne von Nationalsozialismus gesprochen, weil darin Sozialismus schon enthalten ist und damit das Gegenstück zum “demokratischen” Kapitalismus.

Indem sich die Linke aber auf die Aufnahme des Buches durch die Rechten konzentriert und diese penibel erforscht, bleibt ihr keine Zeit, das Buch als das zu begreifen was es ist: ein Angriff auf die politische Korrektheit, die verlogene Moral des Kapitalismus neoliberaler Prägung, die sich in halbherzigen Entschädigungszahlungen manifestiert.

Dabei gäbe es gerade aus linker Sicht viel zu kritisieren: Zum Beispiel könnte man Finkelstein ebenso Geschäftemacherei vorwerfen. Man könnte ihm vorwerfen, dass er ein polemisches Buch geschrieben hat, das sich an die Massen richtet und nicht innerhalb der marxistischen Diktion und damit des marxistischen Diskurses bleibt. Wesentlich sinnvoller hingegen als – auf der abgehobenen Ebene des marxistischen Diskurses – Wortklauberei zu betreiben, ist es Finkelsteins Entlastung der Industrie zu kritisieren. Durch seine Thesen gegen die schleppende Abwicklung der Entschädigungszahlungen durch jüdische Organisationen entlastet er nämlich auch die deutsche und österreichische Industrie. Diese aber hat nicht zuviel bezahlt, sondern viel zu wenig. Die einzig wirklich angemessene Wiedergutmachung wäre nämlich ihre entschädigungslose Enteignung gewesen.

Die Linke aber, die gerade in Österreich so oft als Gutmenschen und Kerzerlmarschie-rer beschimpft wurde, dass sie es mittlerweile selbst glaubt, hat jeglichen Sinn für materialistische Geschichtsauffassung abseits des Mainstreams verloren. Die Linke, die sich offensichtlich bereits vollständig in die Gefangenschaft der bürgerlichen “political correctness” begeben hat, überläßt den Linken Finkelstein lieber den Rechten, die so zu Widerstandskämpfern gegen die verlogene bürgerliche Moral werden.

Contra: Ein nützlicher Idiot

Eines ist klar: die meisten, die über Finkelstein reden, haben Finkelstein nicht gelesen. Und das ist schade. Denn zweifellos hat er einige interessante Denkansätze, durchaus wert, weiter verfolgt zu werden.

Wenn Finkelstein davon schreibt, daß jüdische Organisationen den tatsächlichen Opfern aus Eigeninteresse Gelder vorenthalten oder Prozesse möglichst lange hinziehen, um so die Anzahl der Opfer zu minimieren, muß dies tatsächlich – so es den Tatsachen entspricht – dringend aufgezeigt werden. Auch andere Ansätze von Fin-kelstein sind durchaus diskussionswürdig. Wenn Finkelstein nachweist, daß etwa der Völkermord an Sinti und Roma bewußt unterschlagen wird, um die Einzigartigkeit des Holocaust an den Juden/Jüdinnen hervorzuheben, ist ihm zu folgen. Wenn er fortfährt, daß es doch ein wenig seltsam sei, daß in den USA überall Holocaust-Gedenkstätten zu finden sind, jedoch kaum eine Auseinandersetzung mit dem Völkermord an den „IndianerInnen“ oder der Versklavung der Schwarzen, ist ihm zuzustimmen.

Tatsächlich ist es interessant, daß die USA offensichtlich, anstatt die eigene Geschichte aufzuarbeiten, lieber die Geschichte anderer Länder in den Vordergrund rücken, was zweifelsfrei nicht nur bequemer ist, sondern auch im Hinblick auf mögliche Entschädigungszahlungen weitaus billiger kommt. Und auch die Frage, ob der Holocaust tatsächlich ein singuläres Ereignis war, oder ob er nicht – etwa im Völkermord der Türkei an den ArmenierInnen – eine Entsprechung findet, würde durchaus eine Diskussion verdienen.

Anderes, wie seine Darstellung der geldgierigen, reichen, jüdischen Minderheit in den USA (Finkelstein, S. 41), bedient, ob bewußt oder unbewußt, antisemitische Stereotype. Vollends absurd wird es, wenn sich der Sohn von Holocaust-Überlebenden zum Verteidiger der Schweizer Banken in ihrem Kampf gegen Entschädigungszahlungen aufschwingt oder wenn er jüdische Organisationen, die er als „Krämer und Schwindler“ bezeichnet, für den Antisemitismus verantwortlich macht (Standard, 7.2.2001).

Doch all dies ist nicht der Punkt. Die wirklich entscheidende Frage ist nicht, was Finkelstein tatsächlich mit seinem Buch ausführen wollte, sondern was er damit erreicht hat (und dies mußte ihm bewußt sein). Kaum eine führende rechtsextreme oder faschistische Zeitung, die ihn nicht positiv rezensiert hat. Von der deutschen „Jungen Freiheit“, die Finkelstein als „Tabubrecher“ bezeichnet, über den „Eckartboten“, Ochensbergers „Top-Secret“ (hier darf der deutsche Neonazi Horst Mahler zur Feder greifen), die „Aula“ und die „Kommentare zum Zeitgeschehen“ der Arbeitsgemeinschaft für Politik bis hin zur rechtsextrem-regierungsnahen „Zur Zeit“ – alle jubeln sie Finkelstein zu.

Einhelliger Kommentar: was wir nicht schreiben dürfen, Finkelstein spricht es aus: „die Juden“ sind geldgierig, sind „die erfolgreichste ethnische Gruppe der Vereinigten Staaten“ (Finkelstein, S.9) und überhaupt besteht „die edelste Geste gegenüber jenen, die umgekommen sind, (…) darin, (…) sie endlich in Frieden ruhen zu lassen.“ (Finkelstein, S. 153). Am deutlichsten formuliert es – wie so oft – der Krone-Hausdichter Wolf Martin: „Was unsereiner nie fiel ein, tat jetzt der Jude Finkelstein. Er legt in seinem Buche dar, was Deutschen nie gestattet war, zu schreiben – nicht einmal zu denken, wir wollen ihm Beachtung schenken …“ Wie gesagt, ein nützlicher Idiot.

 

 

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