–“Toor, Tooor, Tooooor–”. Die Wirtschaft und der Sport

Die Wintersaison geht vorbei, die (österreichische) Skiwelt ist in Ordnung, haben doch zumindest “die Herren” fast alles an Medaillen geholt, was es zu holen gab. Nun dürfen sich der “Herminator” und seine KollegInnen wieder ein wenig ausruhen und Gott Fußball hat uns wieder. Dabei nimmt die Kommerzialisierung des Spitzensports immer groteskere Züge an. Ein Blick über den Tellerrand links-intellektueller Sportfeindlichkeit.

Sport ist schon lange nicht mehr Vergnügen – Sport ist Geschäft. Eine Hochglanzbroschüre, in der sich die europäische Champions League zu Beginn der Saison 1999/2000 den deutschen Fußballfans vorstellte, bemerkt dazu mit dankenswerter Offenheit: “Was das alles mit Sport zu tun hat? Gar nichts, natürlich. Genauso wenig wie Profifußball. Er liefert Jahr für Jahr die Show mit den höchsten Einschaltquoten. Ein glänzendes Geschäft mit Nebenwirkung. Für moralische Bedenkenträger sind die Räume eng geworden.”

Und diese Nebenwirkungen sind nicht zu verachten. Da ist einerseits das Geschäft mit den Vereinsartikeln, deren Gewinnspannen beträchtlich sind (nicht umsonst unterhalten Spitzenclubs eigene Boutiquen für das Fan-Allerlei). Von T-Shirts über Unterhosen bis zu Bierkrügen gibt es alles, was das jeweilige Herz begehrt, mit Gewinnspannen selten unter 1000%.

Doch die wirklich große Kohle bringen die SponsorInnen und die TV-Übertragungsrechte. Und hier geht die Entwicklung klar in eine Richtung: weg vom Free-TV (ORF, die meisten deutschen Sender) hin zum Pay-TV á la Premiere, wo entweder für jedes Event extra bezahlt wird oder eine Monatsgebühr entrichtet werden muß. Daneben muß noch der Decoder gemietet oder gekauft werden. Nachdem aber die hohen Kosten für die Übertragungsrechte auch wieder herein gebracht und die AktionärInnen befriedigt werden wollen, sind diese Gebühren etwa für einen Spielfilm oft höher als die Leihkosten der Videothek (und als Folge davon kursieren im Internet die Anleitungen zum Knacken der Decoder).

Besonders brisant wird diese Entwicklung, weil die großen Medienmultis in den letzten Jahren immer stärker versuchen, sportliche Großveranstaltungen komplett aus dem Free-TV zu lösen und nur mehr gegen Gebühr auszustrahlen. So gab es Anfang des Jahres in Deutschland einen Streit um die Übertragungsrechte für die Fußball-Weltmeisterschaften 2002 und 2006. Der rechtskonservative Medienmulti Leo Kirch wollte die Ausstrahlungen nur mehr über sein privates Pay-Programm Premiere anbieten, um den Absatz anzukurbeln. Es bleibt abzuwarten, wie dieser Streit ausgeht, er ist aber jedenfalls symptomatisch.

Eine ähnliche Entwicklung nimmt ein zweiter großer Umsatzbringer – die Formel 1. Hier hat sich Kirch kürzlich ebenfalls eingekauft und wird nun versuchen, das Event Formel 1 für sich gewinnbringend zu nützen (was bisher Bernie Ecclestone auch recht erfolgreich getan hat). Und die Richtung stimmt: beim diesjährigen Auftakt-Grand-Prix in Melbourne wurde ein Streckenposten bei einem Unfall getötet, mehrere ZuschauerInnen wurden verletzt. Kein Grund, abzubrechen, the show must go on.

Skifahren – bringt nichts

Ähnlich kommerzialisiert verhält sich die Sache beim österreichischen Nationalsport, dem Skifahren. Doch der hat ein Problem: er ist für internationale SponsorInnen schlicht nicht interessant. Wen zum Teufel interessiert Skifahren, außer den paar Alpendodeln aus Österreich, der Schweiz, Norditalien und Süddeutschland? Und tatsächlich sind die Einschaltquoten (die die Gelder, die in eine Sportart fließen, bestimmen), vor allem seit den Seriengewinnen der ÖsterreicherInnen in Europa fast überall im Keller, woanders nimmt sowieso niemand Notiz davon.

Dementsprechend hörbar das Aufatmen des internationalen Skiverbandes FIS nach der jüngsten WM in St. Anton. Stolz wurde verkündet, daß die Einschaltquoten in den USA nach dem Gewinn einer Goldmedaille durch einen US-Amerikaner sprunghaft in die Höhe gegangen wären. Und das ist der Punkt. Nicht ob Hermann Maier noch einen Sieg einfährt, ist spannend, sondern wieviele Leute die überdimensionale Milka-Kuh am Hang wahrnehmen ist wichtig. Und da Österreich mit gerade mal 8 Millionen EinwohnerInnen nun mal kein interessanter Markt ist, muß was geschehen, wie aus FIS Kreisen verlautet wird. Mensch darf gespannt sein.

Doch insgesamt ist der Skisport auf der Verliererstraße, die wirklichen Events laufen woanders ab und über Hermann Maiers paar Millionen Schilling Preisgelder in der abgelaufenen Saison können Fußball- oder Formel 1 Stars nur lachen (wobei sich Maier natürlich sein Bankkonto mit Werbung, etwa für Raiffeisen, gehörig aufbessert).

Vor allem die großen Fußballklubs ähneln immer mehr gigantischen Firmenkomplexen und immer weniger klassischen Fußballklubs. Über zwanzig Vereine der beiden höchsten englischen Ligen werden an der Börse gehandelt, in Italien sind es Großvereine wie Lazio und AS Rom, in den Niederlanden Ajax Amsterdam. Der reichste Klub der Welt, Manchester United hat einen eigenen Fernsehsender (die Wiener Austria versucht es statt dessen mit “Viola TV” im Internet). Immer stärken versuchen Medienunternehmen aber auch, direkt Einfluß auf die Klubs zu nehmen. So hatte im Dezember 1998 der Sender des Medienmultis Rupert Murdoch, BskyB, angeboten, die Aktien von Manchester United aufzukaufen (was den Wert des Klubs schlagartig um 40 Prozent erhöhte).

Wir wollen auch!

Im kleinen wird diese Entwicklung hin zu (teilweise börsennotierten) Firmen auch in Österreich nachvollzogen. Der 1. Wiener Arbeiter Fußball-Klub, ein Jahr nach seiner Gründung wegen Behördenschwierig-keiten in SK Rapid Wien umbenannt, versuchte vor einigen Jahren sein Glück in der Ausgabe von Aktien. Der FPÖ-nahe Sturm Graz Präsident Kartnig gibt mit Zigarre im Mund den klassischen Kapitalisten, Austrias Frank Stronach, ein US-Multimillionär, gibt ihn nicht, er ist es. Kräftig unterstützt von ehemaligen SPÖ-Gran-den wie Franz Vranit-zky oder Andreas Ru-das kämpft er an der Sportfront um Erfolge und an der Wirt-schaftsfront gegen die BetriebsrätInnen und die Gewerkschaft in seinen Magna-Werken (was zu mehreren Prozessen führte). In der Logik des Kapitals arbeitet der neue Austria-Trainer, Arie Hann laut Stronach dann auch nicht etwa für die Austria, sondern für “die Nummer eins in der Automobilzulieferbranche”, Magna.

Was zählt, ist der Gewinn. Stronach, der auch massiv in den Pferdesport investiert, meint: “Wer das meiste Preisgeld verdient, ist der Beste. Und das bin ich.” Und die Belohnung für seine Investitionen in Österreich folgt auf den Fuß. Da wird schon mal ein Naturschutzgebiet im Wiener Becken zu Bauland umgewidmet, weil Stronach dort einen Vergnügungspark hinstellen will.

Das alles, obwohl gerade der Fußball (ähnlich wie in den Alpenländern der Skisport) eine sehr volkstümliche Sportart ist. Gerade mal ein Ball wird benötigt, weder eine teure Ausrüstung noch ein spezieller Platz ist von Nöten. Dementsprechend war und ist Fußball auch eine sehr proletarische Sportart (was sich in der Geschichte von Vereinen wie Rapid, Vorwärts Steyr oder der ehemaligen VOEST Linz manifestiert), im Gegensatz etwa zu Tennis, Golf oder Reiten. Obwohl nun Fußball, anders als etwa Radfahren oder Turnen, ein Spiel ist, daß einen Gegner benötigt, ist es trotzdem ein Mannschaftsspiel, daß auch durchaus solidaritätsfördernd sein kann (eine Mannschaft aus lauter EgoistInnen wird kaum gewinnen können).

Proleten raus

Doch dieser proletarische Charakter (der Fans und auch oft der SpielerInnen) soll dem Spiel ausgetrieben werden. SpielerInnen werden für ihren Dialekt kritisiert, gleichzeitig sollen die Stadien auch ein anderes Zielpublikum (möglichst ein zahlungskräftigeres) anziehen. Dazu werden etwa die Stadien in reine Sitzplatz-stadien umgewandelt, was naturgemäß die Eintrittspreise deutlich erhöhen wird, gleichzeitig sollen die Stadien zu modernen Freizeitzentren umgebaut werden.

Dem stehen aber teilweise auch widersprüchliche Interessen entgegen. So sollen in Deut-schland die Beginnzei-ten der Spiele fernsehfreundlich immer weiter in den Abend hinein verschoben werden, was für SpielbesucherInnen (vor allem bei Auswärtsspielen) naturgemäß Probleme bringt. Postwendend hat sich ein bundesweiter Zusammenschluß von Fan-Initiativen gegründet, der diese Entwicklung bekämpft. An vorderer Front stehen dabei auch deklariert antirassistische und linke Initiativen wie die Fangruppen des Hamburger “Zeckenvereins” FC St. Pauli.

Solche linken Initiativen gibt es teilweise auch in Österreich, die bestorganisierten waren wahrscheinlich die Fans des Wiener Sportclub (“Schwarz auf weiß”), allerdings wurde der Sportclub vor einigen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen de facto liquidiert. Auch bei Rapid, FC Linz und anderen Vereinen gab es immer wieder Versuche in diese Richtung. Doch an die Organisierung der linken Fans etwa bei Schalke 04, St.Pauli oder Celtic Glasgow, die teilweise auch Einfluß auf die Klubpolitik nehmen können, kommen sie (leider) nicht heran.

Diese Zusammenschlüsse spielen auch in einer anderen Hinsicht eine wichtige Rolle, nämlich in der Zurückdrängung des Rassismus in den Stadien. Allzuoft kommt es vor, daß schwarze SpielerInnen mit “Uh, Uh” Rufen empfangen werden, immer noch ist in Österreich Rapid der “FC Jugo” und die Austria der “Judenclub”.

Rot-weiß-rot bis in den Tod?

Der Nationalismus im Sport ist natürlich nur eine Widerspiegelung der allgemeinen gesellschaftlichen Empfindlichkeit und sportliche Veranstaltungen sind (vor allem in Länderwettbewerben) für viele eine gute Möglichkeit, einmal die nationalistische Sau rauszulassen. Bei der letzten Ski-WM kräftig unterstützt von fast der gesamten österreichischen Regierung und natürlich – wie bei jedem sportlichen Event – von den jeweiligen SportreporterInnen, die schon fast peinlich bemüht waren, jeden “ausländischen” Sieg in einen österreichischen umzuwandeln (“die angeheiratete Tante der Großmutter von XY war einmal 2 Wochen mit einem Österreicher liiert, den Sieg können wir also getrost für uns verbuchen”). Dieser Nationalismus im Sport ist nichts Neues, schon in den 20ern formulierte Friedrich Torberg über den Vorläufer heutiger europäischer Wettbewerbe, den Mitropacup: “Was ein richtiges Mitropacup-Match ist, muss auf der Botschaft zu Ende gespielt werden”.

Wir setzen diesem nationalistischen Mief unsere Lust an der sportlichen Betätigung und an der Freude am Zusehen entgegen, ohne dabei rot-weiß-rote Fahnen zu schwenken oder in die Herabwürdigung anderer zu verfallen.

Das letzte Wort gehört dem Komitee “Aktion Dritte Welt” aus dem deutschen Freiburg. Dieses schrieb im Juli 1974, daß “noch nicht alle Genossen einen hinreichend gefestigten Standpunkt gegenüber diesem imperialistischen Mammutfestival (die Fußball-Weltmeisterschaft – d. Red.) einnehmen”, weswegen vorgeschlagen wurde, das nächste Treffen erst nach dem WM-Finale abzuhalten. Das Komitee räumte seinerzeit allerdings die Möglichkeit ein, “entsprechend später” anzufangen, “im Falle, daß die Imperialisten unseren Termin durch eine Verlängerung zusätzlich sabotieren”.

 

 

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