Der schreckliche Preis der kapitalistischen Restauration

Etwa eine halbe Million Kinder und Jugendliche, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion (den heutigen GUS-Staaten) zwischen fünf und 14 Jahre alt waren, leben heute nicht mehr.

Zu diesem schrecklichen Ergebnis kommt das Innocenti Research Centre, Florenz, Italien, das im Auftrag des UN-Kinderhilfswerks Unicef eine Studie über Junge Leute in sich verändernden Gesellschaften erstellt hat. Die Untersuchung konzentriert sich auf die Situation der 65 Millionen jungen Leute im Alter zwischen 15 und 24 Jahren, der sogenannten „Übergangsgeneration“, in den 27 Ländern Osteuropas und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (den Ländern, die früher Bestandteil der Sowjetunion waren) seit 1992.

Fronarbeit und Sexhandel

1989 lebten 67 Millionen Kinder im Alter zwischen 5 und 14 Jahren in der untersuchten Region. Etwa eine Million von ihnen hatte diese Region bis 1999 verlassen. Nur wenige von ihnen haben es geschafft, bessere Verhältnisse in anderen Teilen der Welt zu finden. Andere wurden aufgrund völliger Mittellosigkeit und bitterer Not in Fronarbeit und den Sexhandel gezwungen. Es gab auch größere Wanderungsbewegungen innerhalb der Region, meistens verursacht durch wirtschaftliche Härten, ethnische Konflikte oder Krieg. In den meisten Ländern sind mehr junge Leute fortgegangen als wiedergekommen.

Es wird geschätzen, dass etwa eine halbe Million Kinder und Jugendliche aus dieser Generation zwischen 1989 und 1999 gestorben sind, fast die Hälfte davon allein in Russland. 1998 starben 85.000 junge Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren, 30 Prozent mehr als 1989. Die Sterberate unter Jugendlichen stieg in 11 Staaten, besonders innerhalb der GUS; sie fiel in 16 Ländern, einschließlich der Baltischen Staaten und den Staaten Osteuropas. Die Unterschiede zwischen den Ländern sind größer geworden. So war die Gefahr ums Leben zu kommen für Jugendliche in Russland und Kasachstan 1998 drei Mal höher als in der Slowakei, oder der Tschechischen Republik. Die meisten Todesfälle von Jugendlichen wurden durch Unfälle, Gewalt, Totschlag, Selbstmord, Infektionskrankheiten, Unter- und Mangelernährung sowie Probleme bei Schwangerschaft und Geburt verursacht. Das heißt, sie hatten alle vorrangig gesellschaftliche Ursachen und wären unter anderen gesellschaftlichen Bedingungen zum größten Teil vermeidbar gewesen.

Die Zunahme der Selbstmordrate unter Jugendlichen ist der extremste Ausdruck von weit verbreiteter Hoffnungslosigkeit und Stress. In Litauen, Weißrussland, Russland und Turkmenistan hat sich die Selbstmordrate mehr als verdoppelt. Besonders hoch (mit steigender Tendenz) ist sie auch in Slowenien, Estland, Litauen, der Ukraine und Kasachstan. In der gesamten Region nehmen sich pro Jahr10.000 männliche und 2.000 weibliche junge Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren das Leben. Weitere 5.000 junge Männer und 1.500 junge Frauen fallen Morden zum Opfer.

Drogen

Erschreckende Zahlen weist die Studie auch beim Drogenmissbrauch auf. So ergab eine Untersuchung von 1999, dass 25 Prozent aller 16jährigen in Ungarn bereits Drogen unterschiedlicher Art benutzt haben. In der Ukraine wurde bei 1.000 von 13.000 Drogenabhängigen, die in den ersten drei Monaten 1999 untersucht wurden, festgestellt, dass sie HIV-positiv sind, d. h., sie haben sich höchstwahrscheinlich über die Drogenspritzen mit Aids infiziert.

Während es 1995 nur 12.000 bekannte Fälle von HIV-Infektionen in allen Altersgruppen in dieser Region gab, waren es Ende 1998 bereits über 50.000 bekannte Fälle. Die UN-Organisation Unaids schätzt, dass sich bis Ende 1999 über 360.000 Menschen mit Aids infiziert haben. Auch in diesem Bereich sind junge Leute die Hauptleidtragenden. So sind in Litauen und der Tschechischen Republik ein Drittel aller bekannten HIV-Fälle junge Leute im Alter von 15 bis 24 Jahren. In Weißrussland beträgt ihr Anteil sogar zwei Drittel.

Schule und Ausbildung

Ein erschreckendes Bild zeichnet die Studie auch beim Schulbesuch und dem Zugang zu weiterführenden Schulen. Die Anzahl der Jugendlichen im Alter von 15 bis 18 Jahren, die die Schule verließen, stieg von sechs Millionen 1989 auf neun Millionen 1998 an. In Tadschikistan fiel der Schulbesuch von 61 Prozent 1989 auf 24 Prozent im Jahr 1998; in Turkmenistan fiel er im gleichen Zeitraum von 68 Prozent auf 30 Prozent.

Insgesamt vollenden immer weniger Kinder auch nur die Hauptschule und gehen mit 15 Jahren oder noch früher von der Schule ab. Während 1989 fast alle Kinder zumindest einen Hauptschulabschluss hatten, ging deren Anzahl in den GUS-Staaten bis 1997 um 10 bis 20 Prozent zurück. In einigen Teilen Osteuropas gab es einen noch stärkeren Rückgang. Am schlimmsten betroffen sind Albanien, Bulgarien und Rumänien, wo der Anteil der Kinder, die ihre Hauptschulausbildung beendeten, 1997 um 80 Prozent gegenüber 1989 gefallen war.

Wie schon in Bezug auf die Gesundheitsversorgung weist der Bericht darauf hin, dass junge Leute aus armen Familien, ländlichen Gegenden, ethnischen Minderheiten und junge Leute mit Behinderungen überdurchschnittlich betroffen sind. Sie stellen den Hauptteil derjenigen, die die Schule vorzeitig verlassen und erst gar keine Chance haben, eine weiterführende Schule zu besuchen, von einem Studium gar nicht zu reden.

Gründe dafür sind nicht nur, dass arme Kinder und deren Eltern Schulgeld, Geld für Bücher, Studiengebühren und andere Kosten für den Unterhalt von Kindern in Ausbildung nicht aufbringen können. Die Kinder und Jugendlichen müssen oftmals selbst arbeiten, um zum Lebensunterhalt der Familien beizutragen. Auch die schlechten Bedingungen, insbesondere die Bezahlung, der Lehrer in den meisten Ländern der untersuchten Region verschärfen das Problem. So ist es in Moldawien üblich, dass Eltern Hunderte von US-Dollars an Gebühren und Bestechung zahlen müssen, damit ihre Kinder Unterricht in Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften erhalten.

Arbeitslosigkeit

In fast allen Ländern der untersuchten Region ist die Jugendarbeitslosigkeit etwa doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosigkeit. Ein Problem, das vor 1989 nahezu unbekannt war. 1998 betrug die durchschnittliche Jugendarbeitslosigkeit in den 18 Übergangsländern, für die Daten zugänglich waren, 30 Prozent. Viele der arbeitslosen Jugendlichen, insgesamt 40 Prozent, waren bereits länger als ein Jahr arbeitslos.

Aber selbst diese offiziellen Zahlen, so erschreckend sie sind, sind nur ein Teil des Bildes. Von 18 Millionen jungen Leuten, die 1998 weder eine Schule besuchten noch eine Arbeit hatten, galten schätzungsweise 8 Millionen als arbeitslos, das heißt als arbeitsfähig und arbeitssuchend. Dies lässt 10 Millionen junge Menschen außerhalb der Arbeitslosenstatistik, obwohl sie weder Arbeit haben, noch sich in Ausbildung befinden.

Die Studie hat auch herausgefunden, dass, ähnlich wie in den westlichen Industriestaaten, Wirtschaftswachstum nicht automatisch zu mehr Arbeitsplätzen führt. Trotz wirtschaftlichen Wachstums gab es einen Rückgang bei der Beschäftigung junger Menschen. Russland, dass zwischen 1995 und 1998 einen Rückgang des Bruttosozialprodukts um 7 Prozent hinnehmen musste, verzeichnete im gleichen Zeitraum einen Rückgang bei der allgemeinen Beschäftigung um 4 Prozent, bei jungen Leuten fiel die Beschäftigung sogar um 23 Prozent. Angesichts dieser Zahlen ist es nichtverwunderlich, dass es für viele junge Menschen in Osteuropa und den GUS-Staaten kaum möglich ist, ein unabhängiges Leben zu führen oder eine eigene Familie zu gründen. So vermerkt der Bericht, dass der Anteil der jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 24 Jahren, die noch bei ihren Eltern leben, auf fast zwei Drittel gestiegen ist.

Die Geburtenrate ist zwischen 1989 und 1998 in den meisten Ländern der Region um ein Drittel oder mehr gesunken; in Armenien und Litauen sogar um die Hälfte. Sollte dieser Trend anhalten, würde die Anzahl der jungen Leute im Alter zwischen 15 und 24 Jahren in Osteuropa in den nächsten 20 Jahren um ein Drittel sinken.

Ein weiterer Teil des Berichts befasst sich mit der Zunahme von Kriminalität von Kindern und Jugendlichen, was teilweise Bestandteil ihres Überlebenskampfs ist. Er weist auf den besorgniserregenden Umgang mit jugendlichen Straftätern hin, die in einigen Ländern wie Schwerverbrecher behandelt werden. So werden Jungen zum Beispiel in Kirgisien für kleine Diebstähle wegen „schwerwiegender“ Verbrechen angeklagt und oftmals allein dafür für sechs Monate eingesperrt. Die barbarischen Haftbedingungen sehen keinen Zugang zu Schulbildung und kein Recht auf Besuche von Familienangehörigen vor.

In Albanien können Jugendliche noch vor einem Gerichtsprozess über acht Monateeingesperrt werden. Mangels Einrichtungen für jugendliche Straftäter werden sie zusammen mit angeklagten Erwachsenen eingesperrt.

Die Autoren der Studie weisen auf viele Missstände hin und fordern mehr öffentliche Aufmerksamkeit und Ausgaben, um in die Zukunft von jungen Menschen zu investieren. Sie fordern auch eine größere Beteiligung der Jugendlichen an der Gestaltung ihrer eigenen Zukunft. All dies ist nicht verkehrt. Es ist jedoch illusorisch, diese Veränderungen von den politischen Parteien und Kräften zu erwarten, die für den jetzigen Zustand verantwortlich sind und sich zum großen Teil daran bereichert haben.

Kein Vertrauen in den Staat

Interessanterweise berichten die Autoren, dass der größte Teil der von ihnen befragten Jugendlichen kein Vertrauen in die sogenannten neuen demokratischen Institutionen (eine mehr als beschönigende Bezeichnung) haben. Eine Umfrage in Litauen 1998 fand heraus, dass 89 Prozent der zwischen 18 und 25jährigen denken, dass die Aktivitäten der politischen Parteien für sie keine Bedeutung haben. Eine ähnliche Umfrage in Russland stellte fest, dass zwei Drittel der jungen Leute zwischen 18 und 29 Jahren eine stark negative Einstellung zu den staatlichen Institutionen hatten.

Dies ist aber offensichtlich nicht gleichzusetzen mit einer Ablehnung von demokratischen Rechten. Die Umfrage in Litauen fand ebenfalls heraus, dass 85 Prozent der jungen Leute am politischen Leben ihres Landes interessiert sind. Die russische Umfrage fand heraus, dass es zwei Drittel der befragten jungen Leute für „unzulässig“ hielten, Präsidentschaftswahlen auszusetzen oder Versammlungen oder Demonstrationen zu verbieten.

übernommen aus www.wsws.org

 

 

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