Historisches Dokument –– Arbeitermacht-Reprint Band 2 (1936) erschienen

In der „kleinen Schriftenreihe zur österreichischen Arbeiter/innen/geschichte“ hat die RSO eine neue Nummer herausgebracht: einen Reprint der „Arbeitermacht“, der illegalen Zeitschrift des trotzkistischen „Kampfbundes zur Befreiung der Arbeiterklasse“, aus dem Jahr 1936. Der erste Band zu den Jahren 1934 und 1935 ist bereits im Januar 2011 erschienen. Vorangestellt ist eine Einleitung von Manfred Scharinger.

Arbeitermacht

Illegale Zeitschrift des „Kampfbundes zur Befreiung der Arbeiterklasse“

Band 2 (1936)

Kleine Schriftenreihe zur österreichischen Arbeiter/innen/geschichte, Nr. 18

136 Seiten A5, Preis: 10 € / 15 CHF

 

 

Einleitung

von Manfred Scharinger

Die Arbeitermacht war die wichtigste linksoppositionelle Zeitschrift in der österreichischen Illegalität ab 1934. Ihr Herausgeber war der Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse, die Nachfolgeorganisation der 1933 verbotenen KPÖ (O), der Kommunistischen Partei Österreichs (Opposition). In der Zeit des Austrofaschismus gelang es dem Kampfbund, einen Kaderstamm nicht nur zu erhalten, sondern auch zu schulen und weiterzuentwickeln.

Dies war nicht zuletzt das Verdienst von Josef Frey, der zentralen Persönlichkeit der österreichischen linksoppositionellen Bewegung. 1882 in der heutigen Tschechischen Republik geboren, studierte er Rechtswissenschaft und arbeitete bis 1914 als Redakteur der Arbeiter-Zeitung. 1918 Vorsitzender des Wiener Soldatenrates, brach er 1920 mit der Sozialdemokratie und trat 1921 zur KPÖ über. 1927 aus dieser ausgeschlossen, war er maßgeblich an der Gründung der KPÖ (Opposition) und 1934 an der des Kampfbundes beteiligt. 1938 musste er in die Schweiz emigrieren, wo er bis zu seinem Tod 1957 lebte.

Auch heute noch beeindruckt die Publikationstätigkeit des Kampfbundes in der Illegalität. Neben der über weite Strecken monatlich publizierten Arbeitermacht wurden vom Kampfbund eine Reihe von Broschüren herausgegeben, daneben der Kurs, die breit angelegte Schulungsreihe unter dem Namen Marxistisch-leninistische Grundsätze des proletarischrevolutionären Kampfes, und von 1935 bis 1937 auch die (von uns 2010 neu aufgelegte) Schutzbundzeitung für die Arbeit innerhalb des autonomen Schutzbundes. Mit dem von uns publizierten zweiten Band der Arbeitermacht-Dokumentation, die das Jahr 1936 umfasst, liegen damit nun bereits die ersten drei Jahrgänge (1934 bis 1936) gesammelt vor.

Die Neuherausgabe der Arbeitermacht heißt natürlich nicht unbedingt, dass wir uns mit jeder Zeile und allen Positionen des Kampfbundes identifizieren. Vor allem sind es vier Bereiche, in denen wir gravierende Differenzen zu den politischen Grundlagen des Kampfbundes haben.

Allen voran ist es die Frage der kombinierten Kriegstaktik, die von Josef Frey 1937 entwickelt wurde und die letztlich zum Zerfall des Kampfbundes wesentlich beitrug. Bis Herbst 1937 ging der gesamte Kampfbund davon aus, dass die Taktik der Revolutionär/inn/e/n im kommenden imperialistischen Weltkrieg die des revolutionären Defaitismus sein müsse. Die Sowjetunion müsse als – wenn auch degenerierter – proletarischer Staat verteidigt werden, in imperialistischen Ländern müssten, getreu Liebknecht Parole, dass der Hauptfeind im eigenen Land stehe, die Revolutionäre für die Niederlage der eigenen Bourgeoisie eintreten. In der 1935 herausgegebenen Broschüre Gegen den imperialistischen Krieg fasste Frey für den Kampfbund die Aufgabe proletarischer Revolutionäre noch einmal zusammen:

„In keinem Fall darf das Zusammenarbeiten, das Bündnis der Sowjetmacht mit imperialistischen Staaten, Mächtegruppen – nicht im Frieden und erst recht nicht im Krieg – daran gebunden sein, dass die Kommunistische Partei in dem mit der Sowjetunion verbündeten kapitalistischen Staat auch nur für eine Stunde den proletarisch-revolutionären Kampf gegen die Bourgeoisie des verbündeten Staates bremst oder gar einstellt. (…) Die proletarischen Revolutionäre werden in allen Ländern – auch in jenen, die etwa ein Bündnis mit Sowjetrussland schließen! – mit ihrem revolutionären Kampf gegen die Bourgeoisie nicht eine Sekunde aufhören, der überall ausgerichtet sein muss auf den Sturz der kapitalistischen Herrschaft, auf die Errichtung der Diktatur des Proletariats.“

Im Herbst 1937 entwickelte Frey jedoch die kombinierte Kriegstaktik: Im drohenden Krieg sollte in allen mit der Sowjetunion verbündeten imperialistischen Ländern der revolutionäre Defaitismus modifiziert und mit der Waffe in der Hand gegen die imperialistischen Feinde der Sowjetunion gekämpft werden. Das Ziel sollte nach wie vor die Umwandlung des Krieges in einen Bürger/innen/krieg sein, auch die politische Kritik an der heimischen Bourgeoisie sollte nicht aufgegeben werden. Aber trotzdem sollten die Proletarier/innen bewusst mit der Waffe in der Hand gegen die Feinde der UdSSR kämpfen.

Frey legte die trotzkistische Taktik aus dem spanischen Bürgerkrieg – Kritik an der Volksfront, aber Kampf in den Reihen der republikanischen Truppen – auf den imperialistischen Zweiten Weltkrieg um. Freys KKT geriet damit in Widerspruch zur Linie der Vierten Internationale, die analog zu Lenin im Ersten Weltkrieg in allen imperialistischen Ländern für revolutionären Defaitismus eintrat. Mit der kombinierten Kriegstaktik hatte der Kampfbund diese Linie in der Kriegsfrage verlassen.

Zweitens ist die grundsätzliche Ablehnung jeglicher Form des Entrismus, also des Eintritts trotzkistischer Organisationen in reformistische Massenorganisationen, sicher in dieser Form nicht aufrechtzuerhalten. In der Haltung des Kampfbundes zur Entrismus-Frage lässt sich eine sektiererische und starre Tendenz festmachen: nämlich das schematische Anklammern am „Prinzip“ der zeitlosen Notwendigkeit einer auch formal organisatorisch unabhängigen revolutionären Partei.

Die Frage des Entrismus wurde in der Arbeitermacht erstmals im November 1934 thematisiert. Die gesamte Nummer war dem „Purzelbaum“ der französischen Ligue Communiste (Kommunistische Liga) gewidmet: Als von der Bewegung für die Vierte Internationale 1934 die Entrismus-Taktik beschlossen wurde, trat die Liga die französische Sozialdemokratie ein, da sich in dieser ein Teil der Parteijugend zu revolutionären Positionen hin bewegte. Der Eintritt sollte die Möglichkeiten der Trotzkist/inn/en, bei breiteren Massen Gehör zu finden, vergrößern. Trotzki entwickelte den Entrismus als kurz- bis mittelfristiges taktisches Manöver, das darauf abzielte, Revolutionär/inn/e/n mit nach links drängenden proletarischen Strömungen zu vereinigen, wenn diese noch nicht bereit waren, mit den reformistischen Massenorganisationen zu brechen. Jedenfalls war der Entrismus in eine reformistische Partei nicht als langfristige Perspektive gedacht, sondern sollte unter bestimmten Bedingungen und nur für eine bestimmte Zeit angewendet werden.

Für den Kampfbund hingegen war dieser Schritt „mit den proletarisch-revolutionären Prinzipien absolut unvereinbar“, ein „opportunistischer Purzelbaum“ und eine „Preisgabe der proletarisch-revolutionären Prinzipien“ (Arbeitermacht, Mitte November 1934).

Sicher wurden die Differenzen auch aufgebauscht und kam es zu Missverständnissen, die aufgrund der internationalen Isolierung und durch die Schwierigkeiten der Beschaffung präziser Informationen in der Illegalität begründet waren. Aber diese Differenz beim Entrismus führte zur Vertiefung des Bruches zwischen österreichischer und internationaler trotzkistischer Bewegung. Für den Kampfbund war die Konsequenzen des Eintritts ein „linkssozialdemokratischer“ Opportunismus, die Trotzkist/inn/en, die eine entristische Politik betrieben, mutierten nun zu „Linkszentristen“, die „die Rolle einer linkssozialdemokratischen Opposition“ einnehmen würden, als „Agenten“ der Sozialdemokratie „in den Reihen der ehrlich revolutionär gestimmten“ Mitglieder. Daraus wurde die Notwendigkeit abgeleitet, die entstehende Vierte Internationale vom „trotzkistischen Opportunismus“ zu reinigen. Damit hatte der Bruch mit der internationalen Bewegung nun auch eine politisch-programmatische Note bekommen und wurde damit verfestigt. Mit seinem starren Standpunkt erschwerte der Kampfbund letztlich auch eine durchaus sinnvolle Diskussion über die realen Möglichkeiten, aber auch die Gefahren und Grenzen des Entrismus.

Drittens ist der Komplex der Analyse des Reformismus zu kritisieren. Für den Kampfbund waren Sozialdemokratie und Stalinismus, die „Verratsparteien“, nicht bürgerliche Arbeiter/innen/parteien, also Parteien, die sich essenziell auf sich als Klasse organisierende Teile der Arbeiter/innen/klasse stützten, sondern kleinbürgerliche Parteien. Es fehlte hier einerseits an Verständnis von Formationen, die zwar bürgerliche Politik betrieben, aber trotzdem (bürgerliche) Arbeiter/innen/parteien waren, und andererseits wurde die Frage der sozialen Basis mit dem politischen Charakter der Parteien vermischt, was zu dem eigentümlichen Konstrukt einer „kleinbürgerlichen Partei“ führte. Insgesamt gab es für den Kampfbund gab also nur die Alternative, proletarische Parteien mit proletarischer Politik oder kleinbürgerliche Parteien mit linksbürgerlicher, linkskapitalistischer Politik.

Damit tendierte der Kampfbund dazu, in reformistischen Parteien „normale“ (klein-) bürgerliche Formationen und eben keine besonderen bürgerlichen Parteien, eben bürgerliche Arbeiter/innen/parteien, zu sehen. Parallel dazu unterschätzte der Kampfbund die Besonderheiten des stalinistischen Reformismus, seine spezielle Bindung an die sowjetische Bürokratie, die Bürokratie eines degenerierten Arbeiter/innen/staates. Das verhinderte im internationalen Maßstab ein völliges Aufgehen des Stalinismus im sozialdemokratischen Reformismus, während der Kampfbund eine baldige Verschmelzung beider prognostizierte.

Dazu kommt viertens der ganze Komplex des Organisationsverständnisses. Der Kampfbund und seine Nachfolgeorganisationen waren äußerst straff, oft sogar pedantisch organisiert und strukturiert. So gut wie nichts wurde dem Zufall überlassen. Das half sicher bedeutend dabei, dass der österreichische Trotzkismus die Zeit des Faschismus mit vergleichsweise geringen Opfern überstand. Aber dieses Organisationsverständnis war auch nicht frei von hierarchischen Zügen, die sicher zum Teil durch die Konspiration erforderlich waren (oder zumindest durch diese verstärkt wurden) und manchmal auch autoritäre Elemente beinhalteten. Die Dominanz von Josef Frey sollte sich spätestens 1938 als nachteilig erweisen: Nachdem dieser in die Schweiz flüchten musste, entstand eine Art politisches Vakuum, das sowohl während des Krieges als auch danach Probleme schaffen sollte.

Trotz aller Mängel aber sind der Kampfbund und die Arbeitermacht ein Teil des Erbes der proletarisch-revolutionären Geschichte der österreichischen Arbeiter/innen/bewegung. Der Kampfbund hatte aus der Niederlage in Deutschland 1933 und aus der Niederlage der österreichischen Arbeiter/innen/bewegung im Februar 1934 die richtigen Schlüsse gezogen, sich ohne jedes Zögern gegen die Volksfront-Politik ausgesprochen, in der UdSSR klar gegen die Stalinisierung gewandt und war ohne Zögern für die Gründung einer neuen revolutionären, einer Vierten Internationale eingetreten. Damit hatte der Kampfbund in den entscheidenden Fragen, die sich der revolutionären Arbeiter/innen/bewegung stellten, die grundlegend richtigen Konsequenzen gezogen. Das betraf auch die Analyse der Sowjetunion und der ab 1936 besonders wichtigen spanischen Revolution.

In der Kleinen Schriftenreihe haben wir bereits eine Reihe von Texten von Frey und Kampfbund wieder veröffentlicht. Dazu gehören: Josef Frey: Wie kämpfen gegen die Arbeitslosigkeit? (1927); Ernst Schmied (= Josef Frey): Integraler Sozialismus – ein neuer Weg? Antwort an Otto Bauer (1937); Josef Frey: Frühe Schriften (1911/19); T.J. Melt (= Josef Frey): Zur nationalen und kolonialen Frage, die Schutzbundzeitung (1935-1937) und schließlich den ersten Band der Arbeitermacht-Dokumentation.

Mit der Neuherausgabe des dritten Jahrgangs der Arbeitermacht haben wir ein ambitioniertes Projekt weitergeführt, mit dem wir die wichtigste österreichische Zeitschrift mit proletarisch-revolutionärer Richtung in der Illegalität der 1930er Jahre neu aufgelegt haben.

Insgesamt liegen fast 600 Seiten der Arbeitermacht vor, die von 1934 bis 1941 erschienen sind. Mit diesem Teil 2 der Dokumentation haben wir die uns vorliegenden Nummern des Jahres 1936 zusammengefasst. Es handelt sich dabei um 12 Nummern mit 123 Seiten. Weitere Publikationen mit den Jahren 1937 (Teil 3) und 1938 bis 1941 (Teil 4) sind in Vorbereitung beziehungsweise geplant.

Wie schon im ersten Band der Dokumentation sind die meisten Nummern – bedingt durch die illegale Erscheinungsweise – in einem schlechten Zustand. Viele Seiten waren nur schwer leserlich, sodass für die Herausgabe eine aufwändige digitale Aufbereitung nötig war. Wir denken, mit der Neuherausgabe und der dafür gewählten Form sowohl dem Bedürfnis nach quellenmäßiger Genauigkeit als auch dem der Lesbarkeit Rechnung getragen zu haben.

In diesem Zusammenhang gilt unser besonderer Dank wie im Falle der Publikation der Schutzbundzeitung und des ersten Bandes der Arbeitermacht-Dokumentation einmal mehr Genossen Günter Schneider. Die Überlassung eines Teiles des Archivs des ehemaligen Kampfbundes zur Befreiung der Arbeiterklasse hat diese Publikation maßgeblich erleichtert, ja überhaupt erst ermöglicht.

Wien, im August 2011

 

 

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