Bürger Otto Habsburg verzichtet endgültig auf die Kaiserkrone

Es gibt die Tradition, über Tote nur Gutes zu sagen. Wir brechen mit dieser Tradition

In manchen Ländern wurde mit der Monarchie recht radikal Schluss gemacht. Im revolutionären Frankreich etwa wirkte die Habsburgerin Marie-sollen-sie-doch-Kuchen-essen-Antoinette am Ende ihres Lebens doch etwas kopflos. In Österreich hingegen wurden die Habsburger nach dem Ersten Weltkrieg nur aus dem Lande gejagt.

Gott kennt keine Gnade

Nachdem die Habsburger, die die „Kronländer“ jahrhundertelang absolut beherrscht und unterdrückt hatten, Österreich-Ungarn auch noch in einen Weltkrieg führten, war dann 1918 endgültig Schluss. Unter dem Druck der Gefahr einer sozialistischen Revolution verzichtete Kaiser Karl „auf jeden Anteil an den Regierungsgeschäften“ – nicht aber auf den Thronanspruch.

In Folge mussten all diejenigen Habsburger, die wie Karl nicht auf den Thronanspruch verzichteten, das Land verlassen. Der Verzicht war natürlich für die ehemaligen Herrscher nicht möglich, glaubten sie doch an das „Gottesgnadentum“, also dass ihnen die Herrschaft über Österreich-Ungarn quasi übernatürlich zustünde.

Krampfadern-Karli

Weit davon entfernt, diesen Rausschmiss zu akzeptieren, versuchte sich Karl 1921 an einem Putsch in Ungarn, der fehlschlug. Ironischerweise versuchte er dabei, gegen den „Reichsverweser“ Horthy zu putschen, der sich stramm monarchistisch gab … aber letztlich doch lieber selbst als Diktator regierte, als die Herrschaft an Karl zu übergeben.

Karl wurde übrigens 2004 vom Papst selig gesprochen – eine Nonne in Brasilien war von ihren Krampfadern geheilt worden, als sie zum einem Bild von ihm gebetet hatte. So einfach geht das eben bis heute, wenn sich der Hochadel etwas von der Kirche wünscht. (Und wer will, kann in der Wiener Peterskirche, der informellen Zentrale des Österreich-Ablegers des rechtsextremen katholischen Opus Dei, zu Krampfadern-Karli beten.)

Habsburg und die Austrofaschisten

Den selben Irrtum wie Karl, die Macht betreffend, machte einige Jahre später sein Sprössling Otto, nach dem Tod von Karl im Jahr 1922 Chef des „Hauses Habsburg“. Als die AustrofaschistInnen die österreichische ArbeiterInnenbewegung zusammengeschossen hatten, war Otto natürlich sofort zur Stelle, um ihnen vorzuschlagen, ihn doch wieder zum Kaiser (oder wenigstens Bundeskanzler) zu machen … doch auch Ottos Liebesdienerei bei den FaschistInnen stieß nicht auf Gegenliebe.

Doch auch gegen Ende seines Lebens zeigte Habsburg klar, wo seine Sympathien lagen: Im November 2007 verteidigte Habsburg den austrofaschistischen Putsch von 1934. Er habe Dollfuss „unendlich respektiert. Der Mann war tapfer, bereit, sich bis zur letzten Konsequenz für Österreich einzusetzen. Damals habe ich ja alles aus dieser Perspektive gesehen: Wir müssen Österreich erhalten.“ Auch mit der Parlamentsauflösung und dem Verbot von Parteien und Gewerkschaften habe er „überhaupt kein“ Problem gehabt: „Wenn es ums Land geht, bin ich zu jeglicher Sache bereit.“

Auf´s falsche Pferd gesetzt

Nachdem Otto im Vorfeld also auf die falschen – weil letztlich den deutschen KonkurrenzfaschistInnen unterlegenen – AustrofaschistInnen gesetzt hatte fand er sich im Widerspruch zu Hitler wieder (im Gegensatz übrigens zum deutschen Hohenzollernprinz August Wilhelm, der ein Nazi war). Doch war das nicht unbedingt eine prinzipielle Frage. Neben der engen Verbindung zu den Austrofaschisten hatte Habsburg stets auch ein sehr gutes Verhältnis zu den faschistischen Führern Mussolini in Italien, Franco in Spanien und Salazar in Portugal. Es war sogar im Gespräch, dass Habsburg nach einem Ableben Francos die Krone im faschistischen Spanien übernehmen sollte.

Konsequenterweise waren dann natürlich auch nur die deutschen Nazis verantwortlich für den Nationalsozialismus, noch 2008 wies Habsburg bei einem Festakt der ÖVP jede Verantwortung von ÖsterreicherInnen für den Nationalsozialismus zurück. Der „eigentliche Skandal“ sei die Diskussion darüber, ob Österreich mitschuldig an den Verbrechen des NS-Regimes oder dessen Opfer gewesen sei … denn natürlich sei „Österreich“ ausschließlich Opfer.

Wien, Heldenplatz, 1938: nur ein großer Rummel

Auch die Begrüßung Hitlers durch die Massen beim Antrittsbesuch Hitlers auf dem Wiener Heldenplatz im März 1938 sei eine „Selbstverständlichkeit“ und so harmlos wie bei einem Fußballspiel gewesen, da schließlich bei jedem „großen Rummel“ viele Leute zusammenkämen, um zu applaudieren.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde klar, dass Habsburg auf absehbare Zeit keine Möglichkeit mehr haben würde, in Österreich den Thron zurückzubekommen – obwohl er mittlerweile auch bei den Westalliierten auf Betteltour gegangen war. 1945 etwa hatte er auf Briefpapier mit der Habsburgerkrone einen Brief als „Otto von Österreich“ geschrieben, in dem er von den USA forderte, die provisorische Regierung des Rechtsaußen-Sozialdemokraten Renner in Wien nicht anzuerkennen, da sie das Land „in die Anarchie führen“ würde.

Lasst mich rein!

Habsburg versuchte in Folge, Druck auf eine Einreise nach Österreich und die Rückgabe von Vermögenswerten zu machen. Im Mai 1961 verzichtete er in einer Erklärung auf seine Thronansprüche (wobei es unterschiedliche Meinungen darüber gab, ob diese Erklärung ausreichend sei). Ernst gemeint war sie jedenfalls kaum: Sein Sohn Karl wurde nach seiner Geburt im Jänner 1961 im bayrischen Standesamt als „Karl von Habsburg, Erzherzog zu Österreich, königlicher Prinz von Ungarn“ eingetragen. In Folge versuchte die SPÖ einige Jahre lang, die Einreise von Habsburg zu verhindern.

Nachdem die ÖVP 1966 schließlich (zum ersten und einzigen Mal in der Zweiten Republik) bei den Wahlen die absolute Mehrheit erreicht hatte, durfte Habsburg einreisen. Dies führte zu großen Protesten in der ArbeiterInnenbewegung, 250.000 KollegInnen folgten dem Streikaufruf des ÖGB und es gab Demonstrationen.

Doch wie das oft so ist mit der Sozialdemokratie, versöhnte sie sich immer gern mit ihren historischen Feinden … 1972 also schüttelte der Rechts-Sozialdemokrat Kreisky dem Rechts-Konservativen Habsburg die Hand und alle hatten sich irgendwie auch ein wenig lieb.

Rechts von uns gibt es nichts

Nachdem das aber mit dem Thron dennoch nicht mehr so recht werden wollte, engagierte sich Habsburg anderwärtig. Und so wurde er in der schwer rechten bayrischen CSU aktiv und war von 1979 bis 1999 Abgeordneter des Europa-Parlaments (und pflegte dort beste Kontakte vor allem zu den italienischen NeofaschistInnen). Die CSU selbst spielte und spielt bis heute eine Rolle, die der einer Einheitspartei von ÖVP und FPÖ mit weit nach rechts offenen Flanken gleicht.

Franz Josef Strauss, langjähriger CSU-Boss, erklärte einmal: „rechts von uns darf es keine demokratische Partei geben.“ Mit der Demokratie hatte es Otto zwar nicht so, aber das mit „nichts rechts von uns“ gefiel ihm wohl ganz gut.

Habsburg und die Neonazis

Politisch war Habsburg Zeit seines Lebens ein strammer Rechter, ein überzeugter Antikommunist und natürlich auch sonst ein Kind einer ganz bestimmten Gesinnung. So unterstützte er die rechtsextreme deutsche Zeitschrift „Junge Freiheit“ , gab ihr mehrmals Interviews und unterschrieb Petitionen für sie.

In einem Interview mit der Jungen Freiheit erklärte er 2002, dass die US-Innenpolitik in zwei Hälften gespalten sei, nämlich in ein in den Schlüsselpositionen „mit Juden besetztes“ Verteidigungsministerium, „heute eine jüdische Institution“, einerseits und ein von „Schwarzen, zum Beispiel Colin Powell und Condoleezza Rice besetztes“ State Departement andererseits. „Kaum eine Rolle“ spielten laut Habsburg die „Angelsachsen, also die weißen Amerikaner“.

Schwulenfeindlich

Auch zu Schwulen und Lesben hatte Habsburg seine eigenen Ansichten, so unterzeichnete er 2009 die Erklärung „Für Freiheit und Selbstbestimmung – gegen totalitäre Bestrebungen der Lesben- und Schwulenverbände“, die im Frühjahr lanciert wurde, als schwulenfeindliche WissenschafterInnen auf Druck (unter anderem von) Schwulen- und Lebenverbänden von einer Tagung ausgeladen worden waren.

Habsburg erklärte: „Für mich ist dies eine Frage des Prinzips und des Mutes, sich zu Werten zu bekennen und für sie einzutreten. Es fehlt zu oft am Mut zum Bekenntnis. Wenn man den Mut aufbringt, sich einem Despoten wie Hitler entgegenzustellen, braucht man keinen Mut, um sich auch heute dem Zeitgeist zu widersetzen.“

Doch jetzt ist Bürger Otto Habsburg tot. Wir werden ihm keine Träne nachweinen … sondern empfehlen statt dessen „Gemma schau´n“, eines der wunderbaren Lied von André Heller und Helmut Qualtinger: "Gemma schau´n, gemma schau´n, ob da Kaiser wirklich tot is, ob sei Hemmad bluatich rot is oder ob er tachiniert …" *

 

*(Gehen wir schauen, ob der Kaiser wirklich tot ist, ob sein Hemd blutig rot ist oder ob er nur so tut, als ob)

 

P.S.: Ist Inzest das Problem?

Neuer Boss des Hauses Habsburg ist nun Ottos Sohn Karl. Er gilt nicht unbedingt als intellektueller Kapazunder. Fakt ist jedenfalls, dass Otto seinen Wahlkampf als Kurzzeit-EU-Abgeordneter für die ÖVP mit gestohlenen Spendengeldern der katholischen (Habsburger?-)Hilfsorganisation World Vision bestritt.

Davor hatte er sich bereits im ORF als Quizmaster lächerlich gemacht. 1998 wurde er vor Gericht verurteilt, weil er versucht hatte, ein wertvolles Diadem am Zoll vorbei nach Österreich einzuschmuggeln.

Böse Zungen behaupten, Karl wäre ein gutes Beispiel dafür, dass jahrhundertelanger Inzest im Hochadel seine Spuren hinterließ. Doch das würden wir im Sinne des Presserechts natürlich weit von uns weisen…

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.