Den Unisumpf trocken legen!

Über Bildungspolitik unter Schwarz/Blau/Orange und den bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb

Die Universitäten waren in den letzten Jahren massiven Angriffen ausgesetzt. Schwarz-Blau-Orange haben einen Generalangriff auf das Bildungssystem gestartet. Doch bereits in den alten Zeiten sozialdemokratischer Bildungsminister war keineswegs alles rosig. Der Widerstand hingegen blieb zumeist in den Ansätzen stecken.

Die ÖVP, die in den letzten 6 Jahren massive Angriffe gegen die lohnabhängige Bevölkerung betrieben hat, ist auch im Bildungsbereich für zahlreiche Verschlechterungen verantwortlich: Einführungen von Studiengebühren, überfüllte Lehrveranstaltungen, verschärfte Aufnahmeprüfungen und Eignungstests, ...

Die Politik der ÖVP im Bildungsbereich lag damit mit ihren Maßnahmen in allen anderen Bereichen auf einer Linie. Der Wifo-Chef Karl Aiginger, der der schwarzblau- orangen KapitalistInnenregierung insgesamt ein recht gutes Zeugnis ausstellte, ist jedoch der Ansicht, dass ihre Bildungspolitik „zu wenig radikal“ war: Wer in Europa eine führende Position einnehmen wolle, müsse eine solche auch auf Bildungsebene haben. Er fordert dementsprechend einerseits mehr Geld, andererseits aber auch eine massive Umstrukturierung hin zu einer Förderung der Eliten. Dies entspricht den Ideen der intelligenteren Teile des Kapitals, die sehen, dass durch die momentane Situation im Bildungssektor und die niedrige AkademikerInnenquote der Wirtschaftsstandort gefährdet ist (und genau hier haken auch SPÖ und Grüne mit ihrer Kritik ein, die somit mit den Interessen des Kapitals sehr gut kompatibel ist). Denn auch die Sozialdemokratie steht für Eliteunis und private Bildungsträger, dementsprechend wird eine Neuorganisierung des Bildungssektor keineswegs eine neue Qualität der Ausbildung bringen, sondern eine (strikt leistungsbezogene) Stärkung jener Studien, die für das Kapital gut verwertbar sind.

Universitäten und der bürgerliche Bildungsapparat können nicht unabhängig von der Gesellschaft und ihren Widersprüchen und Strukturen betrachtet werden. Im kapitalistischen Bildungsapparat und in der bürgerlichen Wissenschaft wird nicht nach Bedürfnissen bzw. objektiven Notwendigkeiten, sondern nach Kriterien der Rentabilität geforscht und produziert. In diesem Zusammenhang ist die Einführung der Studiengebühren auch ein Disziplinierungsmittel, das die Studierenden dazu anhalten soll, sich um nichts anderes als ihren Studienfortschritt zu kümmern und somit ein weiterer Schritt in der totalen Unterordnung aller Bereiche des öffentlichen Lebens unter die Gesetze des „freien Marktes“ ist. Die Schaffung der Elite-Uni in Klosterneuburg/Gugging und die massive Zunahme von Fachhochschulen (FH) bedeutet einen noch direkteren Zugriff der Wirtschaft auf Forschung und Lehre, um eine Schicht von Fach- und Führungskräften für die unmittelbaren Bedürfnisse des Kapitals auszubilden.

Mit den Angriffen auf die Errungenschaften der Studierenden (Studiengebüh- ren, Familienbeihilfe, Freifahrt, Uniautonomie, neuer Studienplan, ...) wurde verstärkt ein Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken in die Unis getragen. Dieses soll sowohl das Solidaritätsgefühl unter den StudentInnen weiter zurückdrängen als auch diese auf die zukünftigen Bedingungen am Arbeitsmarkt vorbereiten. Durch die Einführung der Studiengebühren wurde der Druck auf ein möglichst schnelles Beenden des Studiums (wenige/keine Studienwechsel, den Mitstudierenden etwas voraus haben, ...) weiter verstärkt.

„Freie Bildung“

Auch vor dieser neoliberalen Umstrukturierung war die Uni jedoch kein Ort „freier Bildung“, sondern auch nur ein Ausdruck der im Kapitalismus vorherrschenden Verhältnisse: Auch vor der Einführung der Studiengebühren war der „freie Bildungszugang“ nicht anderes als eine Illusion – die Möglichkeiten für Personen aus sozial „schwächeren“ Schichten waren immer schon schlechter und der Anteil der Studierenden aus Familien von Fachoder gar HilfsarbeiterInnen war schon immer sehr gering.

Mit dem bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb kommt es, entsprechend den Anforderungen des Kapitals, zu einer Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit. In den unzähligen getrennten Fachgebieten (Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften und deren Teilbereiche) werden SpezialistInnen ausgebildet, die außerhalb ihres eingegrenzten Fachhorizonts auf beiden Augen blind sind und deren Wissen oft in keiner Verbindung zur gesellschaftlichen Realität oder Praxis steht. Vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich spielt die bürgerliche Wissenschaft unter den Bedingungen einer Existenz fernab jeglicher gesellschaftlicher Realität und bedingt aus der Notwendigkeit der herrschenden Klasse, ihre Stellung zu legitimieren, auch eine zentrale Rolle für die Produktion von Ideologie, d.h. der Verschleierung der Klassenverhältnisse.


Die ÖH: Instrument des Kampfes?

Die neoliberalen Umstrukturierungsmaßnahmen gingen nicht gänzlich ohne Proteste über die Bühne. Es stellt sich also die Frage wieso die letzten größeren Proteste (1996, 2000, 2001) nicht erfolgreich waren?

Die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) hat in diesen Bewegungen eine äußerst unrühmliche Rolle gespielt und damit auch ihren Anteil an der jetzigen Situation auf den Unis. Welche Rolle die ÖH in möglichen zukünftigen Protesten voraussichtlich spielen wird, hängt mit ihrem prinzipiellen Charakter zusammen. Die Vorläuferorganisation der ÖH war die von den Austrofaschisten 1934 gegründete „österreichischen Sachwalterschaft“. Sie sollte die verschiedenen offiziellen universitären StudentInnenorganisationen durch eine gleichgeschaltete, dem Unterrichtsministerium unterstehende Einheitsorganisation ersetzen.

Diese Struktur der Student-Innenvertretung wurde nach 1945 beibehalten, als die Österreichische Hochschülerschaft als „Körperschaft öffentlichen Rechts“, somit also als Staatsorgan, gegründet wurde. So ist dem Hochschülerschaftsgesetz zu entnehmen, dass sich die Aufgabe der ÖH hauptsächlich darauf beschränke, dem/der BildungsministerIn konstruktive Vorschläge zu unterbringen. Die Regierung hat tatsächlich weitreichende Durchgriffsmöglichkeiten, so änderte Schwarz-Blau-Orange kurzerhand das Wahlrecht, um die rosa-grün dominierte ÖH um den Wahlsieg zu bringen (was allerdings mißlang) – und so halten seit 2001 der sozialdemokratische VSSTÖ, die grüne GRAS, zeitweilig in Allianz mit dem kommunistischen KSV, die Mehrheit.

Von einer Kampforganisation der Studierenden ist die ÖH mit ihrer Struktur allerdings weit entfernt, im Gegenteil, es liegt nahe, dass die jeweilige Regierung ihre Möglichkeit auch nutzt, um in die Politik der ÖH einzugreifen. Auch der hierarchische Aufbau der ÖH blieb über die Jahre in seiner Struktur bestehen. Alle zwei Jahre gewählt und dann mit einem „Blankoscheck“ ausgestattet, ist sie dem Charakter des bürgerlich-repräsentativen System sehr ähnlich. Gleich den parlamentarischen Parteien sind die ÖH-Fraktionen ihren WählerInnen keine direkte Rechenschaft schuldig. Die enge Beziehung zu den Mutterparteien ist für ihre Existenz ebenso entscheidend wie die Zustimmung der WählerInnenschaft. Für diese sind die ÖH-Fraktionen vor allem für zwei Dinge wichtig: als Kaderschmiede für zukünftige ParteifunktionärInnen und zur Bindung von studentischen WählerInnen.

Ein wesentlicher Auftrag der ÖH ist das Serviceangebot für die StudentInnen. Nun ist natürlich gegen billige Mensa- Besuche und gute Vorlesungsverzeichnisse wenig einzuwenden, doch dies darf die politische Vertretungsarbeit nicht einschränken oder gar ersetzen. Die ÖH und ihre VertreterInnen aus der „linken Exekutive“ werden auch nicht müde, immer wieder zu betonen, dass alle Studierenden gemeinsam die ÖH bilden – schließlich werden sie verpflichtet den jährlichen ÖHBeitrag zu zahlen. Wann diese Gemeinschaft allerdings aufhört zu existieren, lehrt die Geschichte der Studierendenproteste in der die ÖH durch ihr bürokratisches und demobilisierendes Verhalten auffällt.

Setzten sich die radikalere Teile der Bewegung für Streiks und demokratische, von der Basis gewählte und jederzeit abwählbare Komitees ein, so stellten sich auch die „linken Fraktionen“ oftmals dagegen (vor allem, wenn sie selbst die Mehrheit hielten): „Die Basis würde schon wissen was sie tut und brauche keine VertreterInnen, und wenn dann gebe es eh die ÖH.“ An Beschlüsse des Studierendenplenums wollte sich die ÖH-Bürokratie aber dennoch nicht halten. Ebenso war die ÖH oftmals nicht bereit, der Studierendenbasis ihre Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Von wegen, wir die ÖH.

Vor allem seit der Niederlage im halbherzig geführten Kampf gegen die Studiengebühren setzte die „linke“ ÖH statt Streiks auf „kreative Protestformen“ wie Straßentheater, Hörsaalläufe oder Singen gegen Gehrer ... Alles schön und gut, aber leider nicht ausreichend. Die Aktionen dieser „Spaßguerilla“ sind auch Ausdruck der Defensive und der Schwäche der Student- Innenbewegung. Tatsächlich sind isolierte Aktionen der Studierenden für die Regierung relativ leicht zu beantworten. Die Regierung wartet einfach, bis die Angst vor ökonomischen Sanktionen (keine Prüfungen = keine Stipendien, keine Familienbeihilfe) zu wirken beginnt und die Studierenden wieder beginnen, Prüfungen zu machen.

Die Antwort kann also nur der Versuch sein, sich mit anderen, vom Sozialabbau betroffenen, Gruppen zusammenzuschließen, die ökonomisch größeren Druck erzeugen können, weil sie im Produktionsprozess stehen und ihre Streiks somit das Kapital unmittelbar treffen. Dieser oft angesprochene Schulterschluss wurde allerdings nie ernsthaft umgesetzt (hier wäre gerade der VSSTÖ durch seine Verbindungen zur SPÖ und zum ÖGB gefordert!). Damit blieben die Unikämpfe weiter isoliert und waren zum Scheitern verurteilt. Mit dieser zurückweichenden Politik vertritt die ÖH alles in allem die Interessen der herrschenden Klasse, sie stellt keine Studierendengewerkschaft dar, sondern entspricht viel mehr einer „StudentInnenkammer“ nach dem Muster der Arbeiterkammer. Dennoch würden wir die Institution ÖH gegenüber Angriffen von Regierungsseite verteidigen, denn jedes Vertretungsorgan ist besser als keines.

Nicht geeignet

Da die ÖH offensichtlich kein geeignetes Instrument zur Abwehr von Bildungs- und Sozialabbau ist, treten wir perspektivisch für die Schaffung einer kämpferischen StudentInnengewerkschaft an Stelle der ÖH ein. Im Vordergrund müsste die Selbstorganisierung der StudentInnen stehen. Erfolgreicher Widerstand gegen weitere drohende Verschlechterungen darf nicht isoliert nur auf den Unis selbst stattfinden. Nur die Ausweitung auf andere unterdrückte und von den Angriffen der herrschenden Klasse betroffenen gesellschaftlichen Gruppen kann einen Erfolg ermöglichen.

Die bereits stattgefundenen und die kommenden Angriffe sind nicht Ausdruck falscher Regierungspolitik, sondern Ausdruck der Widersprüche im Kapitalismus und dessen Profitlogik – daher muss dieser prinzipiell in Frage gestellt werden. Das kann jedoch nicht auf der Uni oder durch theoretische Proklamationen, sondern nur durch eine Umwälzung der herrschenden Produktionsverhältnisse und der Zerschlagung des Staats der herrschenden Klasse geschehen



Oktober 2006, Redaktion www.sozialismus.at
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