Scheinreformen statt echter Veränderung

ÖGB: Pseudodemokratie als Reform-Programm

Die ÖGB-Krise hat die Gewerkschaftsführung scheinbar wach geküsst. 27 Regionalkonferenzen, Betriebsratskonferenzen und eine Mitgliederbefragung sollen den Reformwillen des ÖGB demonstrieren. Doch wie viel ist dran am neuen ÖGB?

Der BAWAG-Skandal und die folgenden Ereignisse haben der ÖGB-Führung buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen. Eine groß angelegte Reform soll nun das Vertrauen der Mitglieder zurückgewinnen. Doch die Ergebnisse sind enttäuschend.

„Eher kämpferisch

Den Auftakt bildete eine Mitgliederbefragung in der ÖGB-Zeitung Solidarität und auf der Homepage www.oegbreform. at. Die ersten beiden Teile beschäftigten sich mit dem bisherigen Nutzen des ÖGB für seine Mitglieder. Anschließend folgten Fragen zu den Aufgaben der Gewerkschaft und zu den notwendigen Reformen. Und spätestens hier lag der Hund begraben. Denn wer die Fragen formuliert, gibt die Antworten vor. So konnten die Mitglieder zwar entscheiden, wie wichtig ihnen die Frage von Mehrfachfunktionen und die Offenlegung der Gehälter der ÖGB-Spitze sind, die Gehälter selbst konnten allerdings nicht in Frage gestellt werden.

Die Sozialpartnerschaft, also der üble Kuschelkurs der letzten Jahrzehnte, wurde geschönt mit den Worten “Gesellschaftlicher Interessenausgleich” in einem Atemzug genannt. Wer für mehr gewerkschaftliche Bildungsangebote war, konnte dies nur, wenn er/sie auch bereit war, verbilligte Einkaufsmöglichkeiten für Mitglieder als wesentliche Zukunftsaufgabe zu charakterisieren. Den Abschluss bildete schließlich die Frage: “Wie soll die Gewerkschaft die Interessen der ArbeitnehmerInnen gegenüber der Regierung und der Arbeitgeberseite in Zukunft vertreten?” Die Antwortmöglichkeiten: “eher zurückhaltend und kompromissbereit” oder “eher kämpferisch”. So wunderbar nichtssagend, dass sogar ÖGB-Boss Hundstorfer in einem Interview erklärte, er würde die kämpferische Variante ankreuzen.

Wie offen ist "offen"?

Mit Beginn des Herbstes schließlich folgten Konferenzen der Einzelgewerkschaften (“Open Space”-Konferenzen) sowie 27 Regionalkonferenzen, davon fünf in Wien. Der Space, also der Raum, war allerdings keineswegs so offen. So debattierten in der Privatangestelltengewerkschaft GPA zwar rund 700 KollegInnen, eingeladen waren aber nur Betriebsratsvorsitzende. Alle KollegInnen, die keine solche Funktion haben, waren nicht willkommen. Ähnlich in der GdG (Gemeindebedienstete), wo rund 250 KollegInnen zusammen kamen.

Die tatsächlich offenen Regionalkonferenzen schließlich können nur mehr als Humbug bezeichnet werden. Die Mobilisierung war dabei insgesamt sehr schlecht: Wiener Neustadt und St. Pölten: 80 – 100 TeilnehmerInnen, Graz: 100 - 120, Land Salzburg: 140 sowie in Wien: West: 40, Zentrum: 50, Ost: 50, Nord: 100, Süd: 100. Bei 1,4 Millionen ÖGB-Mitgliedern wahrlich kein Ruhmesblatt. Die demokratische Ausgestaltung war dann ebenso mangelhaft wie die TeilnehmerInnenzahlen: Hieß es in der Einladung noch: “Seien Sie aktiver Teil der Reformbewegung! Kommen Sie zu einer der 27 Regionalkonferenzen, bei denen wir den neuen ÖGB erarbeiten. In allen Bundesländern können Sie die Fragen der Zukunft offen stellen - und gemeinsam beantworten.”, zeigte sich in der Praxis ein völlig anderes Bild. Eine offene Debatte zu den von TeilnehmerInnen selbst gewünschten Fragen war nicht vorgesehen und wurde teils sehr bürokratisch abgewürgt – so etwa in der Regionalkonferenz Wien Nord mit den Worten: “Wer das nicht will, kann ja rausgehen. Hier ist der ÖGB der Veranstalter.” Auch in Wien Zentrum sollte alles nach Regie ablaufen: “Mein Arbeitgeber ÖGB will das so.” (jemand aus dem Publikum antwortete: “Dein Arbeitgeber sind wir!”).

Statt offener Debatte gab es ein vorgefertigtes “Design” – in drei Arbeitskreisen sollten die TeilnehmerInnen zuerst drei so genannte “geschlossene Fragen” beantworten und anschließend über jeweils eine “offene Frage” diskutieren. Etwaige neue Fragen der KollegInnen waren nicht vorgesehen. Über die geschlossenen Fragen waren z.B. bei der Konferenz Wien-Nord (im Gegensatz zu anderen Konferenzen) nicht einmal Diskussionen vorgesehen oder möglich. Dabei wäre das (obwohl es oft die gleichen Punkte wie in der Mitgliederbefragung waren), bitter nötig gewesen, wie all diejenigen Konferenzen bewiesen, wo Wortmeldungen ermöglicht wurden. Denn die Sozialpartnerschaft in das kuschelige Wort “Interessenausgleich” einzubinden oder die Frage der Einkommenshöhen von FunktionärInnen nicht einmal anzuschneiden, stieß vielen KollegInnen sehr sauer auf.

Auch zur Frage der mangelnden Demokratie hatten die KollegInnen viel zu sagen – wenn sie die Möglichkeit dazu hatten. Wo es offene Debatten über die “geschlossenen” Fragen gab, wurden diese teilweise auch ganz abgelehnt (bei der Konferenz Wien-West schrieben TeilnehmerInnen eines Arbeitskreises über drei der Bögen schlicht “wir fühlen uns verarscht”). Anschließend konnte dann allerdings in allen Arbeitkreisen offen diskutiert werden und es war möglich, entscheidende Punkte (Kämpferischer Kurs statt Sozialpartnerschaft, Demokratisierung, jederzeitige Wähl- und Abwählbarkeit, FacharbeiterInnenlohn für FunktionärInnen, ...) einzubringen.

Allerdings war die Bürokratie überall peinlich bemüht, jede Abstimmung zu vermeiden. So fanden sich dann völlig entgegengesetzte Meinungen unmittelbar untereinander auf den Flipcharts, die so genannte “Steuerungsgruppe”, bei der die Ergebnisse zusammenlaufen, kann diese, wenn sie sich selbst ernst nimmt, somit bestenfalls ignorieren, weil sie sich ja gegenseitig aufheben.

Basis rebelliert

Die Wiener Konferenzen entwickelten sich allerdings sehr unterschiedlich. Wien-Süd und vor allem die letzte Konferenz Wien-Nord (wo die Veranstalter offenbar auf Basis-Unmut vorbereitet waren) wurden mit teils sehr bürokratischen Mitteln unter Kontrolle gehalten. In den anderen Wiener Konferenzen hingegen machte die Basis dem neudeutschen “Design” einen Strich durch die Rechnung: von der Basis verkürzte Arbeitskreise und eine Generaldebatte in Wien-Ost; ein Eklat mit dem Postgewerkschaftsvorsitzenden Fritz in Wien-West, der dem Autor dieses Artikels vor allen TeilnehmerInnen erklärte, dass er als Nicht-Postgewerkschaftsmitglied nicht das Recht hätte, die Postprivatisierung zu kritisieren, anderen KritikerInnen vorwarf, nicht Mitglied der Fraktion Sozialdemokratischer GewerkschafterInnen zu sein und eine Schlussrunde erst auf Druck der Basis zuließ; die völlige Ablehnung des geplanten Ablaufs in Wien-Zentrum, wo die TeilnehmerInnen die Arbeitskreise nicht akzeptierten und es eine gut dreistündige Generaldebatte gab.

Doch all dies musste von den TeilnehmerInnen mühsam erkämpft werden. Ein tatsächlicher Wille zur Demokratisierung war nicht erkennbar. Eine Kollegin bezeichnete die angeblichen Reformkonferenzen in einem Brief an den ÖGB dann auch folgerichtig als “Frozzelei” und “Alibi” und schrieb: “das angebotene Buffet war offensichtlich zum Maulstopfen vorgesehen”. (Zum e-mail der Kollegin)

Das Resümee ist bitter: offenbar sollte die Basis beruhigt werden, der Schein der Demokratisierung und des Neuanfangs gewahrt bleiben. Doch die Prophezeiung, dass von dieser ÖGB-Spitze keine echte Reform in Richtung einer demokratischen und kämpfenden Gewerkschaft ausgehen wird, ist leicht zu treffen. Hier wird die Basis selbst ran müssen.


Für einen einheitlichen und starken ÖGB!

Im ÖGB hat eine Debatte darüber begonnen, ob es künftig besser eine einheitliche Struktur oder weiterhin starke Teilgewerkschaften geben soll. Vor allem die einzige schwarz dominierte Gewerkschaft, die GÖD (Gewerkschaft Öffentlicher Dienst) versucht, weiterhin ihre Unabhängigkeit zu wahren. Doch es ist offensichtlich, dass die derzeitige Struktur ein Hemmschuh für die Entwicklung ist. In fast allen Betrieben gibt es zumindest 2 Gewerkschaften, weil die GPA exklusiv die Angestellten vertritt (und hier bei der Werbung immer wieder in Konkurrenz zu anderen Gewerkschaften steht). In manchen Großbetrieben sind sogar 3, 4 oder gar 5 Einzelgewerkschaften mit der Vertretung der jeweiligen KollegInnen beschäftigt, doch eine geeinte Gewerkschaft im Betrieb wäre ein enormer Vorteil. Teilweise fusionieren jetzt einzelne Gewerkschaften, wodurch so seltsame Konstruktionen zustande kommen wie die momentane Gewerkschaft Metall-Textil-Nahrung (eine Fusion aus Metallern, Textil/ Bekleidung/Leder und Agrar/Nahrung/Genuss).

Doch viel vernünftiger wäre es, einen einheitlichen ÖGB mit Sektionen für die einzelnen Betriebe und Branchen zu schaffen. Natürlich kann es in einer komplexen Arbeitswelt weiterhin Überschneidungen geben, doch die Eifersüchteleien und die Ressourcenüberschneidung wäre damit eingedämmt. Noch entscheidender allerdings ist, dass dieser geeinte ÖGB die Interessen der KollegInnen auch entschieden vertritt





November 2006, Redaktion www.sozialismus.at
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