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Österreichischer Einzelhandel, wie er leibt und lebt

Niedrige Löhne, unbezahlte Überstunden, miese Arbeitszeiten, unsichere Arbeitsplätze und ständig die Geschäftsführung im Nacken - wie in kaum einer anderen Branche haben die Beschäftigten im Handel unter dem kapitalistischen Profitstreben zu leiden. Ein Blick hinter die Kulissen von Billa, Hofer, XXXLutz und Co.

Im österreichischen Handel sind derzeit 496.000 Menschen beschäftigt, mehr als die Hälfte davon sind Frauen. Dabei sticht vor allem ein Trend sofort ins Auge: Die zunehmende Umwandlung von Vollzeitarbeitsplätzen in Teilzeit- oder geringfügige Beschäftigungsverhältnisse. Bereits mehr als ein Viertel (davon 94% Frauen) ist teilzeit- und jedeR Zehnte (76% Frauen) geringfügig beschäftigt.

Eine Entwicklung, die sich für die Unternehmen bezahlt macht. Ist es doch bedeutend billiger, eine Arbeitskraft auf der Basis von 20 Wochenstunden anzustellen und diese dann 25, 30, 35 oder gar 40 Stunden im Geschäft stehen zu lassen. Das führt natürlich zu entsprechenden Einbußen bei Pension, Urlaubs- und Weihnachtsgeldern. Auch der Krankenstand ist davon nicht ausgenommen. Wenn also im Dienstplan 35 Stunden eingetragen sind, wird im Krankheitsfall trotzdem nur die Stundenanzahl bezahlt die im Dienstvertrag vermerkt sind.

In all diesen Fällen fallen die Betroffenen natürlich auch um die Überstundenzuschläge um, die erst ab einer Arbeitszeit von über 40 Stunden ausbezahlt werden (im Handel gilt eine Regelarbeitszeit von 38,5 Stunden, doch Überstunden werden erst ab der 40. Stunde ausbezahlt). Auf die Spitze, so weiß die Arbeiterkammer (AK) zu berichten, treibt es hier die zur Rewe-Gruppe (Billa, Merkur, Bipa, Mondo, Penny ...) gehörende Firma Emma. Viele Angestellte sind hier für 10 Stunden unter Vertrag und versichert, kommen aber real auf 40 Ar-beitsstunden pro Woche.

Als wäre dies nicht schon genug, finden sich selbstredend noch unzählige andere Möglichkeiten um ArbeiterInnen einerseits, und Krankenkassen andererseits um Geld zu prellen. Eine Stunde vor Ladenöffnung anwesend sein, eine Stunde später nach Hause gehen um die Reinigungskraft zu ersetzen - klarerweise unentgeltlich -, ist kein Einzelfall. So kam eine Hofer-Angestellte laut der Zeitschrift Profil in nur vier Monaten auf 80 unbezahlte Überstunden. Der AK-Jurist Hans Trenner berichtet von Fällen "in denen Stechuhren so eingestellt werden, dass sie Mitarbeiter[Innen] nach einer bestimmten Stundenanzahl automatisch als nicht mehr anwesend ausweisen." Beim im Handel ohnehin schon äußerst nie-drigen Lohnniveau (im Jahr 2000 verdiente ein Drittel weniger als 1150 Euro brutto im Monat) eine zusätzliche Infamie.

XXXL-Ausbeutung

Hinzu kommt für sehr viele Angestellte die Zersplitterung ihres Arbeitstages. Konkret heißt das, dass v.a. KassiererInnen oftmals zu den "Stoßzeiten" eingesetzt werden, dazwischen aber in unfreiwillige, mehrstündige Mittagspause gehen müssen. Ist der Heimweg zu lange, bleibt nur der Charme eines neonröhrenbeleuchteten Hinterzimmer-Pausenraums.

Peek&Cloppenburg löst diese Probleme anders, die Unternehmensführung betreibt ein regelrechtes TagelöhnerInnentum, - die Beschäftigte werden hier auf Abruf gehalten. "Also I find des supa" dachte sich wohl auch die Leitung der XXXLutz-Filiale in Krems, die Teilzeitkräfte - völlig legal - vor jedem Arbeitstag bei der Krankenkasse an- und danach gleich wieder abgemeldet hat. Die anteiligen Urlaubs- und Weihnachtsgelder fielen dabei immer wieder unter den Tisch.

Um ihre Beschäftigten auszuspionieren, werden immer häufiger Detektive auf die Belegschaft angesetzt. So etwa in einer Bipa-Drogerie nahe Wien, in der die Filialleiterin drei Videokameras entdeckte (darunter eine im Personalumkleideraum), die ein von der Geschäftsführung entsandter Reserve-Sherlock Holmes versteckt hatte.

Viele ArbeiterInnen im Handel sind durch das hohe Risiko, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, eingeschüchtert, schließlich enden 47% der Beschäftigungsverhältnisse innerhalb des ersten Jahres. Kein Wunder, angesichts der niedrigen Kosten die eine Kündigung mit sich bringt. Im großen Heer der Arbeitslosen dauert die Suche nach einem Ersatz nicht viel länger als die Einschulung neuer Arbeitskräfte. Dadurch fällt es umso schwerer, sich gegen die schon beschriebenen Zustände zu wehren. So wie etwa in der Filiale der Baumarktkette Hornbach in Hohenems (Vorarlberg), wo ein Angestellter einen Betriebsrat ins Leben rufen wollte, weil die Geschäftsleitung versucht hatte, die Frequenz der Klogänge ihrer Beschäftigten per Videokamera zu überprüfen. Er wurde gemeinsam mit zwei anderen auf die Straße gesetzt.

Sparen, wo's geht

Wir könnten noch unzählige dieser Fallbeispiele anführen, es sollte aber nun klar sein, dass es sich hier nicht um Einzelfälle handelt, sondern dem Ganzen eine gewisse Systematik innewohnt. Millionen an Euro ersparen sich die österreichischen (und internationalen) Handelskonzerne so jedes Jahr. Durch unbezahlte Vor- und Abschlussarbeiten (vor, bzw. nach den Öffnungszeiten) erspart sich eine Kette wie Spar Österreich mit 32.000 Angestellten etwa 29. Mio. Euro (!) pro Jahr, rechnet Manfred Wolf, GPA-Wirtschaftbereichssekretär für Handel, vor.

Die, durch die gigantische Preisschlachten der letzten Jahre v.a. im Lebensmittelhandel oder bei den Baumärkten, verursachten Gewinneinbußen "müssen" sich die Konzerne schließlich wieder wo anderes zurückholen. In einer nicht gerade kapitalintensiven(1) Branche wie dem Handel können Kosten auch kaum wo anders eingespart werden, als direkt bei der Belegschaft. Das kann sich auch darin ausdrücken, dass plötzlich weniger ArbeiterInnen die gleiche Arbeit machen müssen. So wie in manchen kleinen Billa-Filialen, in denen Angestellte gleichzeitig die Kasse betreuen wie auch die Regale einschlichten müssen, oder bei Hofer, wo die Kassakräfte anonym kontrolliert werden, ob sie die Waren schnell genug über das Lesegerät ziehen.

Eines der wesentlichen Probleme der Handelsangestellten ist die Zersplitterung des Personals auf viele sehr kleine (Filial-)Betriebe und der damit verbundene sehr geringe gewerkschaftliche Organisationsgrad. Wenig Personal, auf viele kleine Filialen oder Betriebe aufgeteilt und wenig Kontakt auch innerhalb des Betriebs durch die zunehmende Teilzeitarbeit sorgen für schlechte Ausgangsbedingungen. Dennoch ist die Gewerkschaft in die Pflicht zu nehmen. Denn mit der permanenten Erklärung, dass durch den geringen Organisationsgrad wenig möglich wäre, werden sicherlich kaum neue Mitglieder gewonnen. In der Vergangenheit hat die zuständige Gewerkschaft (GPA) vor allem bei den Öffnungszeiten jede Kampfbereitschaft vermissen lassen - das rächt sich.

Gleichzeitig wäre es natürlich auch falsch, die KonsumentInnen für die unerträglichen Zustände im Handel verantwortlich zu machen, wie dies etwa die Wirtschaftskammer tut, welche die Ursachen im "Geiz-ist-geil"-Einkaufsverhalten der KundInnen diagnostiziert. (Übrigens ist der Vorwurf, die Leute wollten um alles in der Welt billig einkaufen, angesichts der Tatsache, dass Sozialleistungen und Pensionen andauernd zusammengestrichen werden, ungeheuerlich). Denn abgesehen davon, dass der Wettbewerbsdruck in der Branche tatsächlich ziemlich hoch ist, machen die Konzerne noch immer riesige Profite, die in keiner Relation zu den von ihnen bezahlten Löhnen stehen. Klogang-Schnüffler Hornbach z.B. freut sich über Gewinnsteigerungen und darüber, dass pro Quadratmeter Geschäftsfläche 1800 Euro pro Jahr erwirtschaftet werden.(2)

Auch die bereits mehrmals erwähnte Rewe-Gruppe erzielte im vergangenen Jahr einen Rekordumsatz. Und für die nächste Zeit hat das Unternehmen Großes vor: 24 neue Billa-Filialen, 20 Bipa-, 4 Merkur-, und 20 Penny-Filialen sollen in Österreich eröffnet werden. Aber wohl kaum dort, wo es keine Nahversorgung mehr gibt (etwa in Teilen des niederösterreichischen Wald- und Weinviertels - dies wäre ja zu wenig profitabel), sondern dort, wo ohnehin schon genügend andere Märkte existieren - um diese zu verdrängen. Doch auch die Konkurrenz beabsichtigt zu expandieren, und so gibt es nicht nur Preisschlachten, sondern auch ein Wettrennen der Handelskonzerne.

Systemfehler?

Betrachten wir an dieser Stelle noch den Charakter des Einzelhandels im kapitalistischen System. Im Prinzip ist der Handel jener Sektor, indem die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung die Güter wieder zurückkaufen "darf", den sie - auf gesamtgesellschaftlicher Ebene betrachtet - selbst produziert hat. (Damit meinen wir, dass alle ArbeiterInnen zusammen alle Güter produzieren). Und jene, die eigentlich recht wenig an der Produktion beteiligt sind (also die BesitzerInnen oder AktionärInnen der Unternehmen), fahren riesige Profite nach Hause. Das können sie aber nur, weil die ArbeiterInnen nicht den vollen Betrag ausbezahlt bekommen, der dem Wert der von ihnen hergestellten Produkte entspräche.

Doch all diese Missstände im Handel sind nicht einfach nur "Fehler im System", die der Profitgier einzelner Unternehmen zuzuschreiben sind. Tatsächlich sind sie bloß die logische Konsequenz des Kapitalismus und seiner Profitlogik, also jenes Systems, welcher der Fehler an sich ist.


Quellen:

Gewerkschaft der Privatangestellten: www.gpa.at

"Handel: Atypische Beschäftigungen vor allem bei Frauen", zu finden unter: http://diestandard.at/url=/?id=1869258
"Sklaven-Handel" in Profil Nr.37/04, vom 06.09.2004


Fussnoten:

1) Kapitalintensiv bedeutet, dass pro eingesetztem/r ArbeiterIn ein hohes Maß an Kapital benötigt wird, wie etwa in der Stahlindustrie.
2) http://de.biz.yahoo.com/050624/38/4ldfo.html