Nun hat ihn sein Boss also doch noch zu sich geholt. Er hat ihn lange genug zappeln lassen, bevor er sich dazu durchgerungen hat, ihn von seinem Leiden auf Erden zu erlösen.
An die 70.000 Groupies hatten in den Tagen und Nächten zuvor unter dem herrschaftlichen Palast in Rom ausgeharrt, offensichtlich in der Hoffnung, durch Gebete seinen Tod doch noch zu verhindern. Ein Großereignis, das angesichts der Tatsache, dass es sich um den Tod eines absoluten Herrschers handelt, zu Denken gibt. Der Person des Papstes unterstehen eine Milliarde Menschen und ein hierarchischer Apparat von Priestern, Bischöfen und Kardinälen, der jeglicher demokratischen Idee spottet.
Der durch seinen beinahe militanten Antikommunismus auffallende Johannes Paul II war auch sonst ein Papst der Superlativen: Äußerst inflationär war seine Seligen- und Heiligenernennungspolitik des Papstes (immerhin 1820 Stück), kaum ein Kirchenoberhaupt war hier so aktiv wie Johannes Paul II. Eine seiner jüngsten Seligsprechungen betraf den österreichischen Ex-Kaiser Karl, immerhin ist durch seine Anbetung eine brasilianische Schwester von ihrem Krampfadern geheilt worden. Bei soviel Christentum hat ihm Johannes die Verantwortung für Giftgaseinsätze und die Putschversuche in Ungarn im Jahr 1919 gern verziehen. Mit rechten Revanchisten dürfte Karol Wojtyla überhaupt wenig Probleme gehabt haben, hat er doch die ultra-rechte Opus Dei Sekte in der Kirche hofiert und gefördert.
In seinen 27 Amtsjahren ernannte er 234 Kardinälen, was bei seiner auch innerhalb der katholischen Kirche oft beanstandeten reaktionären Einstellung notwendig dazu führen wird, dass auch der Thronerbe keinen liberalen Weg einschlagen werden wird. (Allerdings wäre das auch grundsätzlich kaum möglich, da das System Kirche sich durch seine undemokratische und hierarchische Struktur gegen jede Veränderung schützt.)
Leider geht das auch Außenstehende etwas an, denn das kirchliche Verbot von Verhütungsmittel und Schutz vor Geschlechtskrankheiten wird auch weiterhin für Millionen Menschen den Tod bedeuten. Denn große Teile gerade ärmerer Länder in Afrika oder Asien wurden und werden von der Zentralgewalt in Rom missioniert, also gebildet, was einer Gehirnwäsche gleichkommt.
Der Tod eines Diktators kann für die radikale Linke kein Trauertag sein, vielmehr stellt er eine gute Gelegenheit dar, die individuelle und gesellschaftliche Abhängigkeit zu konstatieren, in der sich weltweit wohl mehr Menschen befinden, als effektiv Clubmitglieder eingetragen sind. Aussagen wie "Ich würde mein Leben für ihn geben" (Zitat einer verzweifelten Anhängerin am Petersplatz) können nur als pathologisch bezeichnet werden. Schmerzverzerrte Gesichter als Massenhysterie und die absolute Präsenz des Ablebens eines einzelnen Menschen in Printmedien und TV sind angesichts des gleichzeitigen Massensterbens in Westafrika und des unaufhörlichen Mordens im Irak (übrigens im Auftrag christlicher FundamentalistInnen) schlicht hirnlos.
Egal welcher Herrscher gerade in Rom den Thron wärmt, jede fortschrittlich denkende Person muss sich die Frage stellen, warum sie noch immer zahlendes Mitglied dieses Vereins ist.