Nach der Flut ...

Ein halbes Jahr danach - eine Bilanz abseits des Mainstreams

Rund ein halbes Jahr nach der verheerenden Flutwelle im indischen Ozean sind das Ereignis und seine Folgen bereits weitgehend aus dem Blickpunkt der Medien verschwunden. Ein Erdbeben in der selben Region, das im März immerhin 2000 Menschenleben gefordert hat, wurde nur mehr rudimentär wahrgenommen. Abseits der Weltöffentlichkeit ist die Zeit allerdings nicht stehengeblieben; im Gegenteil: Die Ausnahmezustände in den betroffenen Ländern wurden und werden schamlos für wirtschaftliche und politische Zwecke missbraucht. Wer hat sich an den Folgen bereichert? Welche politischen Aktionen gingen außerhalb des medialen Zooms über die Bühne?

Als am Morgen des 26. Dezember 2004 die größte Flutwelle seit mehr als hundert Jahren mit 800 km/h auf 11 Länder rund um den indischen Ozean zuraste, waren die MitarbeiterInnen der seismologischen Station auf der indonesischen Insel Java be-reits über ihre Auswirkung im Bilde. Eine Frühwarnung, die tausenden Menschen das Leben gerettet hätte, scheiterte leider am Umstand, dass die Station momentan über keine Telefonleitung verfügte. Den Tsunami hätte niemand verhindern können, die Katastrophe schon. Was ist schuld?

Geringschätzung des Lebens

Im Unterschied zu den Tsunami-Frühwarnsystemen im Pazifischen Ozean, welche von reichen Nationen wie Japan und den USA entwickelt und mitfinanziert wurden, gibt es im indischen Ozean keine derart effizienten Einrichtungen. Und das, obwohl die Gefahr einer Flutwelle durchaus gegeben war und immer wieder von einzelnen WissenschaflerInnen darauf hingewiesen wurde. Das Argument, solche Systeme seien zu teuer, ist schon deshalb absurd, weil die Laufkosten entsprechender Einrichtungen nur einen verschwindend kleinen Teil der Militärausgaben der betroffenen Regierungen ausmachen würden. Was die Anfangskosten betrifft, so kostet jede Woche ohne Krieg und Okkupation im Irak die USA soviel, wie die Finanzierung eines solchen Systems kosten würde.

Allerdings liegt es in der Logik des Kapitalismus, lieber 100.000 Menschenleben auszulöschen, als 300.000 zu retten. Es gilt hier zu beachten, dass der Kapitalismus nicht einfach böse ist, sondern notwendige Prioritäten zur Selbsterhaltung setzt und dass auf dieser Liste der Schutz von Leben und Existenz von Vielen im Gegensatz zum Profit Weniger an unterster Stelle steht.

Ein entsprechendes Beispiel findet sich unter den zahllosen Fehlentscheidungen am Tag der Katastrophe: Kurz nach dem Seebeben, das die Welle ausgelöst hatte, wurde in Thailand das Ereignis und seine Folgen diskutiert. Es bestand Einigkeit unter den Seismolog-Innen, was das Ausmaß einer Flutwelle betrifft, dennoch wur-de keine Warnung herausgegeben. Die Auswirkungen einer Falschmeldung auf den Tourismus und in weiterer Folge auf die gesamte Wirtschaft und das Leben Tausender wurde in die Waagschale gelegt; offensichtlich hatte das wirtschaftliche Argument eindeutig mehr Gewicht.

Den thailändischen Tourismus konnte der Tsunami nicht klein kriegen; jüngsten Meldungen zufolge hat er sich lediglich verlagert, denn die Betten an der Nordküste sind restlos ausgebucht. Der Wiederaufbau in den zerstörten Gebieten manifestiert übrigens ein klassisches Phänomen des Kapitalismus: Während Fischer und kleine Hotel- oder Restaurant-besitzerInnen vor ihrer zerstörten Existenz stehen, expandieren die großen Hotels auf wundersame Weise, indem der NachbarInnenbesitz einfach dem eigenen einverleibt wird. Die kleinen Fische werden wie so oft von den großen gefressen.

Militärisch-politische Aktionen

Jeder vorübergehende chaotische Zustand wird von bestimmten Kräften ausgenutzt. Dies gilt vor allem für ein Land wie Indonesien, in dem bereits seit Monaten der Ausnahmezustand herrscht. Das indonesische Militär nahm die Katastrophe zum Anlass, scheinbar zu humanitären Einsätzen verstärkt Truppen in der Provinz Aceh zu stationieren. Tatsächlich gilt Aceh nicht nur als die am stärksten vom Tsunami betroffene Region, sondern auch als Hochburg der nationalistisch-separatistischen Befreiungsbewegung GAM, gegen die vor den Augen der ganzen Welt - und doch im Schatten der Ereignisse - eine verschärfte Offensive eingeleitet wurde. Vor diesem Hintergrund ist auch die anfängliche Weigerung der indonesischen Regierung, internationalen Hilfsorganisationen den Zutritt zur Region zu gewähren, zu verstehen.

Die politischen Ereignisse in Sri Lanka weisen in die selbe Richtung. Nach der völligen Handlungsunfähigkeit der Regierung unmittelbar nach dem Tsunami betraute Präsidentin Chandrika Kumaratunga das Militär mit den Rettungsmaßnahmen. Diese Entwicklung - zwölf von 22 Regionen stehen de facto unter Militärverwaltung - bedeutet einerseits eine bewusste Wiederbelebung der ethnischen Spannungen im Osten und Norden des Landes, wo bis 2002 ein zwanzigjähriger BürgerInnen-krieg geherrscht hatte. (Es handelte sich dabei um Auseinandersetzungen zwischen nationalistischen Kräften der singhalesischen Mehrheit und separatistischen Teilen der tamilischen Minderheit.) Es heißt, das mehrheitlich aus der singhalesischen Bevölkerungs-gruppe besetzte Militär benachteiligte die tamilische Bevölkerung bei der Verteilung von Hilfsgütern. Andererseits soll eine derartige Militärpräsenz einer Rebellion zuvorkommen, die angesichts der verheerenden Zustände in den betroffenen Gebieten und den unzureichenden Maßnahmen seitens der Regierung nur allzu natürlich wäre.

Wieder einmal wird deutlich, dass die Existenz von Menschen aus den ärmeren Bevölkerungsschichten in den Augen der Bourgeoisie nichts wert ist und dass Ausnahmezustände von Regierungen dazu missbraucht werden, einen weiteren Schritt in Richtung autoritäres Regime zu unternehmen.

Der Nutzen des Elends

Auch andere gesellschaftliche Kräfte schlagen Profit aus humanitären Katastrophen. Für Banken ist jede Naturkatastrophe ein gefundenes Fressen. Nicht zuletzt bringen ihnen die Überweisungsgebühren für Spendenaufträge große Summen ein, die den Betroffenen verloren gehen. Die eigentlichen Profite entstehen aber, wenn die betroffenen Länder bereits hoch verschuldet sind. Durch den Tsunami haben Millionen Menschen ihre Existenzgrundlage verloren: Boote, Netze und Werkzeug wurden zerstört und TouristInnenan-lagen dem Erdboden gleich gemacht. Für den Wiederaufbau mussten hohe Kredite aufgenommen werden, weil die vorhandenen Geldmittel zu einem großen Teil zur Tilgung der Auslandschulden herangezogen werden. Es entsteht eine erhöhte Abhängigkeit dieser Länder von den Banken und in Folge von den reichen Industrienationen, welche schon immer ihren wirtschaftlichen und militärischen Vorteil daraus zu ziehen wussten.

Was die großzügigen Spenden der kapitalistischen Regierungen weltweit anbelangt, so werden wohl die meisten Gelder in Form von Schuldenrückzahlungen wieder auf den Konten der westlichen Banken landen. Es handelt sich also um nichts anderes als um eine Umwegfinanzierung des eigenen Großkapitals. Im Übrigen fehlten drei Monate nach der Flutwelle noch 5 versprochene Milliarden Euros. Natürlich sind auch die Spenden der europäischen und amerikanischen Konzerne im Kontext ihrer Werbewirkung und im Vergleich mit der Höhe der jährlichen Netto-Profite zu sehen (siehe Kasten). Was bleibt, ist die wirkliche Großzügigkeit der arbeitenden Klasse weltweit.

Systemfehler

In Anbetracht dieser Erkenntnisse muss die Forderung einer bedingungslosen Streichung aller Schulden vehementer denn je artikuliert werden. Allerdings wird das nicht in diesem gesellschaftlichen System geschehen, da es der kapitalistischen Selbsterhaltungslogik widersprechen würde.

Darüber hinaus lehrt uns der Tsunami, dass der Kapitalismus weder zu effizienter Prävention und Bewältigung von Naturkatastrophen fähig ist, noch in der Lage ist, eine humanitäre Notlage zu überstehen, ohne einen wirtschaftlichen Kollaps und jahrzehntelange Abhängigkeit erleiden zu müssen. In einem kollektiven Wirtschaftssystem, das von Menschen für Menschen gemacht wird und echter internationaler Solidarität könnten die Auswirkungen von Flutwellen, Erdbeben oder Seuchen vermindert werden, weil das menschliche Leben als schützenswert gelten würde.


Valentin Stimpfl


Internationale Hilfe

Große Worte - wenig Taten

Die Kosten für ein Tsunami-Frühwarnsystem würden sich auf rund 150 Millionen Dollar belaufen. Zum Vergleich: für den Irakkrieg werden Woche für Woche schätzungsweise 5 Mrd. Dollar ausgegeben. Bis jetzt haben die USA und die britische Regierung zusammen rund 160 Mrd. Dollar für den Irakkrieg ausgegeben. Dem gegenüber wurden für die Tsunami-Opfer im Ganzen an die 450 Millionen vorgesehen.

Die Telekommunikationsfirma Vodafone, das in Österreich mit A1 zusammenarbeitet, gab kurz nach der Katastrophe bekannt, sie würde 1 Million Pfund spenden. Der Jahresgewinn dieses Unternehmens betrug im letzten Jahr 10 Milliarden Pfund. Das heißt, das Unternehmen gab das, was es in einer einzigen Stunde verdient hatte. BP gab 1,6 Millionen Pfund. Die Ölfirma machte 2004 Profite in der Höhe von 9 Milliarden Pfund.

In England verdienten Banken und Kreditkartenbetreiber an die 300.000 Pfund durch eine dreiprozentige Gebühr auf Wohltätigkeitsspenden. Massive Proteste in der Bevölkerung zwangen sie allerdings, doch noch auf den Gewinn zu verzichten. Bei sofortiger Bereitstellung hätten mit diesem Geld 140 Tanks zur Trinkwasserversorgung von 420.000 Menschen angeschafft werden können.

Schulden

Die meisten von der Flutwelle getroffenen Länder sind bereits hoch verschuldet. Ein Zahlenvergleich der gesamten Auslandsschuld der einzelnen Länder, ihrer Verschuldung als Prozentsatz am jährlichen Volkseinkommen und die jährlichen Schuldenrückzahlungen ergibt, dass 3 Mrd. Dollar an Schul-dennachlass (soviel wurde in Erwägung gezogen) die Kosten der Schuldenrückzahlungen der 5 am stärksten vom Tsunami betroffenen Länder für eineinhalb Monate decken würde.

Als Beispiel: Indonesien hat 132.2 Mrd. Dollar Auslandschulden, das sind 80% vom jährlichen Volkseinkommen. Davon muss das Land jährlich 13.7 Mrd. Dollar abzahlen, die 3 Milliarden Dollar für die gesamte Region sind also bestenfalls ein Tropfen auf dem heißen Stein