Vielgerühmtes Österreich?

Über Nationalismus und Austro-Patriotismus

Oft wird behauptet, Nationalbewusstsein wäre doch nichts Schlechtes. Ist es etwa verwerflich, die eigene Heimat, die eigene Kultur, die eigenen Sitten zu mögen? Prinzipiell ist die Identifizierung mit dem Zeit seines/ihres Lebens gewohnten Umfeldes weder gut noch böse, schlicht nichts Besonderes. "Für Österreich sein" bedeutet aber weitaus mehr, als gern Schnitzel zu essen und die Alpenluft zu schätzen …

Das Schnitzel, welches in Mailand erfunden wurde und die Alpen, die es auch in Frankreich, Italien oder der Schweiz gibt haben im Übrigen kein großes Interesse an Österreich. Ähnlich den Bergen hält sich Kultur meist nicht an Staatsgrenzen. Diese, bzw. das Gebiet welches sie einschließen, sind jedenfalls - neben einer oder mehreren gemeinsamen Sprachen - ein Charakteristikum einer jeden Nation.

Verglichen mit dem Alter der Menschheit sind die Nationalstaaten, so wie wir sie heute kennen, ziemlich junge Gebilde - entstanden im Zuge der bürgerlichen Revolutionen des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Nation war im Wesentlichen Ausdruck der ökonomischen Interessen des aufstrebenden BürgerInnentums eines jeweiligen Landes. Die neu entstandene KapitalistInnenklasse benötigte einen - für damalige Verhältnisse - relativ großen, einheitlich geregelten Wirtschaftsraum, legitimiert durch unumstößliche Gesetze und geschützt durch bewaffnete Einheiten. "Die Bildung von Nationalstaaten, die diesen Erfordernissen des modernen Kapitalismus am besten entsprechen, ist daher die Tendenz jeder nationalen Bewegung" meinte Lenin deshalb. Nationalstaaten wären "für die kapitalistische Periode das Typische, das Normale."(1)

Um die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich zu scharren, bedurfte es einer Ideologie, welche das Volk zusammenschweißte - den Nationalismus. Dabei mussten gemeinsame Merkmale wie Territorium, Sprache, Kultur, Gewohnheiten, etc. gefunden (oder erfunden) werden, die eine Nation charakterisieren würden. Natürlich waren solche Gemeinsamkeiten oftmals vorhanden, vielfach wurden die Staatsgrenzen aber auch völlig willkürlich gezogen - was sich an der Vielzahl an ethnischen Minderheiten (z.B. SlowenInnen in Kärnten,) zeigt. Auf der Grundlage sowohl von realen als auch von mythischen gemeinsamen historischen Ursprüngen reproduziert die herrschende Klasse also eine Psychologie (ein Nationalbewusstsein) und eine Ideologie (eine nationale Kultur).(2)

Selbstverständlich gab es Vorläufer der modernen Nationalstaaten schon lange vor dem Aufkommen des Kapitalismus. So leitet z.B. Frankreich seine nationalen Ursprünge vom Frankenreich Karls, des Großen (8. Jahrhundert unserer Zeit) ab. Dabei handelte es sich bei diesen Gebilden aber um Stadtstaaten, Königreiche oder Konföderationen - wie etwa das römische Imperium. Gerade letztere konnten aber überhaupt keine Merkmale heutiger Nationen, also beispielsweise gemeinsame Kultur, Sprache, Religion etc. aufweisen.

Das positive Herausstreichen nationaler Eigenschaften geht oftmals auch mit der Geringschätzung anderer Nationen, bzw. mit Rassismus einher. Wenn es den Herrschenden in den Kram paßt, spielen sie auch durchaus die rassistische Karte aus (siehe die Anti-AusländerInnen-Hetze der FPÖ). Schließlich dividiert diese Ideologie die ArbeiterInnenklasse - die eigentlich gemeinsam für ihre Interessen kämpfen sollte - auseinander und lenkt den Unmut der ArbeiterInnen weg von den wahren Verantwortlichen hin zu AsylwerberInnen oder ArbeitsmigrantInnen. (Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind für KapitalistInnen aber kein Muss, schließlich kann sich zuviel davon auch negativ für sie auswirken. So organisieren deutsche Großkonzerne teilweise antirassistische Kampagnen, um die Zusammenarbeit ihrer Beschäftigten zu fördern.)

Legitimation

Nationalismus ist heute wohl die stärkste Ideologie der herrschenden Klasse. Seit jeher diente er dazu, soziale Unterschiede, letztlich Klassengegensätze, innerhalb eines Staates zu verwischen, indem er sie den Gegensätzen verschiedener Staaten unterordnete. Besonders schmerzhaft wurde dieser Umstand zu Kriegszeiten, etwa im 1. Weltkrieg, sichtbar, wo Europas ArbeiterInnen mittels nationalistischer Propaganda ("Jeder Schuss ein Russ") mobilisiert wurden, um sich gegenseitig niederzumetzeln.

Aber auch heute bedienen sich die KapitalistInnen der Hilfs-mittel Nationalismus und Patriotismus(3), um ihre ArbeiterInnen zu benebeln. Statt für Gott und Vaterland, sollen wir heutzutage Abstriche für den Wirtschaftsstandort Österreich machen. Ein bisschen weniger Lohn, ein paar Stunden Arbeit mehr, ... damit "wir" konkurrenzfähig bleiben. "Wir alle müssen jetzt den Gürtel enger schnallen" heißt es oft. Mit "wir alle" sind jedoch zumeist die ArbeiterInnen, SchülerInnen, Studierenden oder PensionistInnen gemeint, und nicht "alle" ÖsterreicherInnen. Die Konjunkturkurve der Großkapitalisten Stronach, Prinzhorn oder Bartenstein steigt hingegen fröhlich weiter.

Alles Kla(h)r?

Der heute so starke Austro-Patriotismus ist ein Produkt der Zweiten Republik, groß geworden nach 1945. In der Zwischenkriegszeit betrachteten sich die meisten ÖsterreicherInnen als Teil der "deutschen Nation". Auch die "austromarxistische" Sozialdemokratie um Otto Bauer und die frühe revolutionäre KPÖ (und später die trotzkistische Linksopposition) kannten den Begriff der österreichischen Nation nicht und waren für den Anschluss an ein "sozialistisches Gesamtdeutschland".

Erst in Abgrenzung zu Hitler-Deutschland definierte der Austrofaschismus Österreich als den "besseren deutsche Staat". Der wahre Treppenwitz der österreichischen Geschichte ist jedoch, dass ein "Kommunist" der Erfinder der österreichischen Nation war: Alfred Klahr war Parteitheoretiker der stalinistischen KPÖ, und mit der Aufgabe betraut, die von Stalin ab Mitte der 30er Jahre ausgegebene "Volksfront"-Taktik ideologisch zu untermauern. Diese beruhte auf der stalinistischen Faschismus-Definition von Georgi Dimitroff, wonach die Parteien der ArbeiterInnenbewegung gemeinsam mit "liberalen" Bürgerlichen gegen den Faschismus kämpfen sollten. Im austrofaschistischen Österreich war ein solches BürgerInnentum zwar kaum vorhanden. Da der "Faschismus deutschen Schlages" laut Dimitroff aber der reaktionärere war, konnte die KPÖ ohne Bedenken gemeinsam mit MonarchistInnen und AustrofaschistInnen für Österreichs "Unabhängigkeit" kämpfen. Anhand "spezifisch österreichischer Kultur" versuchte Klahr einen österreichischen Nationalismus zu konstruieren und biederte sich damit der österreichischen Reaktion an.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es nicht mehr opportun, sich als "DeutscheR" - und somit als KriegsverliererIn zu sehen. Und so bekannten sich sowohl ÖVP als auch SPÖ (und natürlich auch die KPÖ) zum neuen (kapitalistischen) Staat Österreich und halfen mit, diesen aufzubauen und ideologisch zu stützen. In den folgenden Jahrzehnten wurde eine "Insel der Seligen"-Propaganda entwickelt ("uns geht es so gut wie noch nie"). Durch die SozialpartnerInnenschaft konnte das Kapital die ArbeiterInnen ruhig halten, durch die "Neutralität" konnte es zwischen den beiden großen Blöcken USA und UdSSR lavieren und überall ein wenig mitnaschen, obwohl das Land selbstverständlich eine klare Westbindung hatte. Einmal machte Österreich Geschäfte mit der DDR, ein anderes Mal mit Westdeutschland. Durch die Betonung des österreichischen "Sozialstaats" und des "sozialen Klimas" im Lande bekam der Austro-Patriotismus sogar einen vermeintlich fortschrittlichen Anstrich verliehen.

Österreich ...

Heute - 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs - zweifelt nur mehr ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung an der Existenz einer österreichischen Nation. Bestritten dies 1956 noch 45%, so sind es heute nur mehr um die 5%. In derselben Zeit ist der Anteil der BefürworterInnen der eigenen Nation Österreich von etwa 50% auf über 80% gestiegen.(4) Der Prozentsatz derjenigen, die "sehr stolz" sind, ÖsterreicherInnen zu sein, ist heute ebenfalls so hoch wie noch selten zuvor. Besonders gefüttert wird dieser Austro-Patriotismus durch die Heroisierung von Erfolgen österreichischer SportlerInnen wie Hermann Maier, aber auch durch die Betonung der "Kultur-Nation Österreich".

... und die EU

Heutzutage können wir beobachten, wie der Austro-Patriotismus - angepasst an die neuen Bedürfnisse des österreichischen Kapitals - schrittweise durch einen, um nichts fortschrittlicheren, EU-Patriotismus erweitert wird. Zwar bekriegen sich die einzelnen EU-Staaten nun nicht mehr wie noch im vergangenen Jahrhundert. Die Abgrenzung erfolgt heute aber einerseits gegenüber den Flüchtlingen aus Afrika oder Asien durch die "Festung Europa", andererseits durch die versuchte Etablierung eines ökonomischen und militärischen Gegengewichts zu den USA. Um dies zu legitimieren, wird versucht eine gemeinsame europäische Kultur (Christentum, Aufklärung, bürgerlicher Humanismus) zu etablieren. Dabei wird uns eingeredet, dass "unser" Europa um soviel humaner und sozialer als die Vereinigten Staaten sei. Doch auch die EU rüstet massiv auf und durch Verelendungsprogramme wie Hartz 4 werden sogar Teile Deutschlands bald US-Sozialstandards erreichen.

"Die Arbeiter haben kein Vaterland!" schrieben Marx und Engels einst im Kommunistischen Manifest. Diese Parole besitzt auch heute noch ihre Gültigkeit. Anstatt im Sinne Österreichs für die Interessen der heimischen KapitalistInnen gerade zu stehen, sollten wir uns auf eine internationalistische Perspektive besinnen, und gemeinsam mit unseren Verbündeten in aller Welt für unsere Interessen kämpfen.


Fußnoten:
1)Lenin, "Über das Selbstbestimmungs-recht der Nationen", LW, Bd. 20, S. 398/399
2) AGM, Marxismus Nr.3, Österreich-Nationalismus und Arbeiterbewegung, S37, Wien 1997
3) Während unter Patriotismus gemeinhin die Liebe zur eigenen Nation verstanden wird, streicht der Nationalismus zumeist die Überlegenheit der eigenen Nation heraus. Die Grenzen zwischen diesen beiden Begrifflichkeiten sind allerdings fließend.
4) Pelinka, bzw. Bruckmüller zit. n. Pohl, Österreichische Identität und österreichisches Deutsch