Vor 150 Jahren war die Sache so schön einfach. Da gab es den Kapitalisten, den dicken Mann mit Frack, Zylinder und Zigarre auf der einen; den Arbeiter mit viel Dreck im Gesicht und Schwielen an den Händen auf der anderen Seite. Überall in Europa brodelte es, die sich langsam formierende ArbeiterInnenbewegung bildete ihre ersten Parteien und Karl Marx verfasste gemeinsam mit Friedrich Engels das "Kommunistische Manifest"...
Die ganze Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei große feindliche Lager, in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen: "Bourgeoisie und Proletariat" heißt es im Manifest. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Und alle paar Jahre erscheint eine neue soziologische Theorie über das vermeintliche "Ende der ArbeiterInnenklasse".
Aber so sehr sich die bürgerlichen TheoretikerInnen auch bemühen, es will ihnen nicht gelingen, den Marxismus zu widerlegen. Eines ihrer Hauptargumente ist, dass es heute keine Klassen, sondern nur mehr Schichten gäbe. Diverse Schichtmodelle widersprechen der marxistische Theorie nicht, sie sind vielmehr ein wichtiges Mittel, um eine Gesellschaft grundlegend zu analysieren. Auch die ArbeiterInnenklasse ist in verschiedene Schichten unterteilt und keineswegs einheitlich, was Kategorien wie Bildung, Beruf und Einkommen anbelangt. Doch gilt es zu betonen, dass die verschiedenen Schichten der ArbeiterInnenklasse dennoch ein gemeinsames Grundinteresse haben.
Auf keinen Fall ist für die Klassenzugehörigkeit ausschlaggebend, wie sich die Angehörigen einer Klasse selbst einschätzen. Schließlich verschwindet ein Gegenstand ja auch nicht, wenn jemand das Licht ausschaltet.
Klassenbegriff
Karl Marx hat Klassenzugehörigkeit über die Stellung der jeweiligen Person im Produktionsprozess definiert. Einfacher ausgedrückt: Wer nichts zu verkaufen hat als seine Arbeitskraft, seinen Lebensunterhalt also durch Lohnarbeit bestreiten muss, gehört zur ArbeiterInnenklasse. Und da ist es völlig egal, ob dieser Mensch jetzt als MaschinenschlosserIn, SchweisserIn, GärtnerIn, BankangestellteR, Program-iererIn, SonderschullehrerIn oder TelefonistIn arbeitet. Ein anderes Kriterium ist jenes der objektiven Klasseninteressen, d.h. ob sich die Lebenssituation eines Menschen durch die Überwindung des Kapitalismus verbessern würde, sein "objektives Interesse" also der Sozialismus wäre.
Zur ArbeiterInnenklasse zählen nicht nur klassische "Klischee-ArbeiterInnen" , also schwitzende, muskelbepackte Menschen im blauen Arbeitsgewand mit möglichst schmutzigen Händen, sondern fast alle Personen, die durch ihre Arbeit den gesellschaftlichen Reichtum vermehren. Aktuelle Studien zum Niedergang der ArbeiterInnenklasse betreffen aber zumeist nur das klassische Industrieproletariat, dessen Rückgang selbstverständlich nicht geleugnet werden kann. Waren 1976 noch knapp 630.000 Menschen in den klassischen Industriebereichen Österreichs beschäftigt, so waren es 2003 nur mehr 535.000.(1) (Nicht vergessen dürfen wir hierbei allerdings, dass es im Weltmaßstab zu einem massiven Anstieg von IndustriearbeiterInnen kommt.)(2)
Wer gehört dazu?
Der Abnahme der Beschäftigtenzahlen im "produzierenden Gewerbe" in den meisten entwickelten Staaten steht ein enormer Anstieg der viel zitierten "Dienstleistungsgesellschaft" gegenüber. Auch sie muss oft als weiterer Beweis für das "Ende der ArbeiterInnenklasse" herhalten. Aber auch Beschäftigte der Dienstleistungsbranche sind nichts anderes als LohnarbeiterInnen, sie produzieren Mehrwert und haben keinen Besitz an Produktionsmitteln.
Auch die meisten AkademikerInnen zählen heute zur ArbeiterInnenklasse - schließlich sind sie nicht mehr als überdurchschnittlich gut ausgebildete Lohnabhängige. Sowohl von ihrer Stellung im Produktionsprozess, als auch von ihrem Einkommen unterscheiden sich viele AkademikerInnen nur unwesentlich von den meisten FacharbeiterInnen. Beispielsweise liegt das Einstiegsgehalt für den Großteil der studierten SoziologInnen bei weniger als 1450 Euro brutto pro Monat und AHS-LehrerInnen steigen mit 1700 Euro brutto ein.(3) (Wobei das Gehalt natürlich nicht der ausschlaggebende Aspekt ist.)
Auch die sogenannten "neuen Selbstständigen" gehören keinesfalls zur KapitalistInnenklasse. Hier handelt es sich um Beschäftigte, die formell keine Lohnabhängigen sind, d.h. sie werden von ihrer Firma nicht angestellt und entlohnt, sondern erhalten Aufträge, die durch ein Honorar abgegolten werden.
Schließlich und endlich können wir davon ausgehen, dass nach der marxistischen Definition heutzutage über 70 - 80% der österreichischen Bevölkerung zur ArbeiterInnenklasse zählen. Dieser Wert ist deutlich höher als noch zu Zeiten von Marx und Engels, da es damals wesentlich mehr KleinkapitalistInnen gab als heute.
Oft wird darauf verwiesen, dass all jene, die MarxistInnen zur ArbeiterInnenklasse zählen, heutzutage ja so unterschiedlich sind, dass sie niemals gemeinsam in Aktion treten könnten. Aber solche "Segmentierungstheorien" vergessen, dass es schon seit jeher besser und schlechter gestellte Lohnabhängige gegeben hat. Früher war dieser Unterschied sogar noch viel krasser und zeigte sich hauptsächlich in großen Lohndifferenzen zwischen Männern und Frauen (oder Kindern) sowie FacharbeiterInnen und "Ungelernten". So verdiente ein gelernter Dreher in Deutschland 1906 42 Pfennig im Zeitlohn, eine Arbeiterin im gleichen Metallbetrieb kam auf 18,8 Pfennig die Stunde.(4)
Diese Spaltungen innerhalb der Klasse kommen den KapitalistInnen entgegen und werden von diesen auch noch gefördert. Aufgabe von MarxistIn-nen ist es deshalb, jedweder Spaltung (etwa in In- und Au-länderInnen, "ArbeiterInnen" und Angestellte, oder auch in geistige und körperliche Arbeit) entgegen zu wirken. Denn was sind schon die 20 Euro, die meinE KollegIn mehr verdient, wenn der Besitzer der Firma das 20-fachige einstreift?
Selbstverständlich gibt es aber auch Menschen, die zwar formell unselbstständig Beschäftigte sind, aber keinesfalls zur ArbeiterInnenklasse gehören, wie etwa ManagerInnen, SpitzenbeamtInnen, Offiziere oder leitende Angestellte. Eine besondere Stellung nehmen hier die Angehörigen des bürgerlichen Repressionsapparates (Polizei, Militär, Sondereinheiten, usw.) ein. Natürlich gehören fast alle PolizistInnen und SoldatInnen nach den vorher genannten Kriterien zur ArbeiterInnenklasse. Ihre politische Aufgabe ist jedoch deren Unterdrückung (und das ist heute entscheidend). Allerdings zeigt die Geschichte, dass der bürgerliche Staatsapparat in revolutionären Situationen oftmals entlang von Klassenlinien zerbricht, d.h., dass sich die schlechter gestellten Teile von Polizei und Militär auf die Seite der Revoltierenden stellen.
Klassenkampf
Und weil Bürgerliche viel Unsinn von sich geben wenn der Tag lang ist, verwenden sie nicht nur den marxistischen Klassenbegriff falsch, sondern auch jenen des "Klassenkampfs". Aber Klassenkampf ist kein erstrebenswerter Zustand, sondern eine objektive Realität, die Tag ein, Tag aus, vor unseren Augen stattfindet. Kürzt beispielsweise eine Regierung die Arbeitslosenunterstützung (wie jetzt in Deutschland), so ist das Klassenkampf. Erkämpft sich die Belegschaft einer Firma mittels Streiks oder anderen Maßnahmen Lohnerhöhungen, so ist das ebenfalls Klassenkampf.
Momentan finden vor allem Klassenkämpfe "von oben" statt. Ob Privatisierungsversuche wie beim Postbus und der Telekom, ob Verschlechterungen durch die "Pensionsharmonisierung", Angriffe auf das Gesundheitssystem oder die Debatte um längere Arbeitszeiten - Regierung und Kapital blasen zum Generalangriff auf den Lebensstandard großer Teile der Bevölkerung. Gleichzeitig befindet sich die ArbeiterInnenbewegung in permanenter Defensive.
Mit dem Rücken zur Wand müssen sich die ArbeiterInnen ihrer wahren Stärke erst wieder bewusst werden - die "Klasse an sich" muss wieder zu einer "Klasse für sich" (Marx) werden. Klar ist aber auch, dass die KapitalistInnen ständig die Entwicklung und Verbreitung eines fortschrittlichen Bewusstseins zu verhindern versuchen, etwa durch bürgerliche Lehrmeinungen auf Schulen und Universitäten oder mittels Beinflussung durch die Medien.
Bewusstsein
Klassenbewusstsein fällt nicht vom Himmel. Viel mehr entwickelt es sich in aktiven Kämpfen der ArbeiterInnenklasse. Der Kapitalismus ist ein extrem krisenanfälliges System. Steckt die Wirtschaft in der Krise, schwinden die Profite der UnternehmerInnen. Als Reaktion darauf kommt es zu Massenentlassungen, Sozial- und Bildungsabbau. Irgend-wann werden die Menschen diese Angriffe auf ihren Lebensstandard jedoch nicht mehr dulden. Es kommt zu Massendemonstrationen (wie momentan in Deutschland gegen "Hartz IV") und Streiks (wie letztes Jahr in Österreich gegen die Pensionsreform).
Natürlich beginnen solche Aktionen auf Grundlage teilweise extrem pro-kapitalistischer Ideen großer Teile der Ar-beiterInnenklasse. Aber dies kann sich schnell ändern und viele Gründe haben. Etwa die geplante Verlegung einer Fabrik ins Ausland oder eine als enorm ungerecht empfundene Pensionsreform. Wenn plötzlich der Chef ganz offensichtlich gegen die eigenen Interessen handelt, die Partei, welcher jahrelang vertraut wurde, Sozialabbau betreibt oder die Polizei die eigene Kundgebung angreift, merken viele ArbeiterInnen, dass doch nicht alle im selben Boot sitzen.
Mit der veränderten Situation ändert sich auch das Bewusstsein und nicht umgekehrt. Die ArbeiterInnenklasse ist weder tot, noch ist ihre momentane Haltung auf alle Ewigkeiten einzementiert. Ob innerhalb der ArbeiterInnenklasse sozialistische oder reaktionäre Ideen Fuß fassen können, hängt von vielen Faktoren ab. Einer davon ist die Stärke marxistischer Organisationen wie der AL ...
Stefan Kalnoky
stefan.kalnoky@sozialismus.net
Fußnoten:
1) ILO-Laborsta (http://laborsta.ilo.org/cgi-bin/brokerv8.exe)
2) ebenda
3) AMS-Broschüre "Jobchancen Studium", www.ams.or.at
4) Volkhard Moser, Die Arbeiterklasse: Ende oder Wandel? aus Sozialismus von unten, Nr.3, März 1995, S. 14-21