Laut Berichten der UNO-Teilorganisation ILO (International Labour Organisation) ist ein Drittel der Weltbevölkerung im erwerbsfähigen Alter arbeitslos oder "unterbeschäftigt". Während 186 Millionen Menschen überhaupt keinen Job haben, arbeiten fast eine Milliarde Menschen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen, von denen sie kaum leben können.(1)
Vor allem die ehemaligen kolonialen Länder der sogenannten "Dritten Welt" sind besonders stark betroffen. Aber auch in den reichen Staaten des "Nordens" steigt die Arbeitslosenrate seit den 70er Jahren immer mehr an und ein Ende ist nicht absehbar. In der erweiterten EU sind etwa 30 Millionen Menschen erwerbslos, in Österreich sind es laut OECD-Berechnung etwa 7%, tatsächlich aber mehr als 11%. Denn in diversen bürgerlichen Berechnungsmodellen sind weder unfreiwillig geringfügig Beschäftigte eingerechnet, noch Erwerblose die sich gerade in verschiedensten Schulungen befinden, freie DienstnehmerInnen auf Abruf, unfreiwillige FrühpensionistInnen oder Menschen, die bei den Behörden gar nicht registriert sind (z.B. Jugendliche ohne Anspruch auf Arbeitslosengeld oder in die Hausarbeit zurückgedrängte Frauen).
Arbeitslosigkeit ist ein notwendiges Phänomen des Kapitalismus und der kapitalistischen Akkumulation (siehe Kasten S13). Durch den Konkurrenzkampf sind die KapitalistInnen gezwungen, zu akkumulieren, d.h. sie müssen ihr angehäuftes Kapital immer wieder von neuem in Löhne und Produktionsmittel investieren um profitabel zu bleiben und auf dem Markt nicht unterzugehen. In Aufschwungsphasen muss das Kapital also zusätzliche Arbeitskräfte einstellen.
Andererseits müssen die UnternehmerInnen um möglichst preiswert produzieren zu können ihre Arbeitsproduktivität steigern, und so, durch die Anwendung neuer und verbesserter Technologien, menschliche Arbeitskraft immer wieder überflüssig zu machen. Damit fällt aber auch die sogenannte Profitrate längerfristig tendenziell (siehe Kasten Seite 13). Diese Tendenz ist für das Kapital aber solange kein Problem, solange es die sinkende Profitrate mit einer gesteigerten Profitmasse kompensieren kann. Das bedeutet, dass die KapitalistInnen zwar pro Einheit weniger, in absoluten Zahlen aber ein Mehr an Gewinn machen, da durch den technischen Fortschritt weniger ArbeiterInnen mehr herstellen können.
Da die Wirtschaft ständig wächst, können also auch laufend Menschen in verschiedenen Bereichen beschäftigt werden, obwohl sie durch die kapitalistische Profitlogik anderswo permanent überflüssig werden. Werden etwa in einem Produktionszweig neue Technologien eingeführt, steigt anderswo wieder die Nachfrage, denn diese Maschinen müssen schließlich auch produziert werden. Gleichzeitig entstehen aber auch laufend neue Branchen, die bei den Menschen völlig unnötige Bedürfnisse entstehen lassen.(2) Der Anstieg der Arbeitslosigkeit ist daher meistens nur relativ, in absoluten Zahlen kann die Anzahl an lohnarbeitenden Menschen ansteigen.
Da die Nachfrage nach Konsumgütern aber mit der steigenden Produktivität nicht mithalten kann (Menschen brauchen eben nur eine gewisse Anzahl an Socken, Kühlschränken, Kaffeehäferln...), und die Produktion im kapitalistischen System überhaupt nicht koordiniert ist, kommt es zu immer wiederkehrenden (zyklischen) Überproduktions- bzw. Überakkumulationskrisen. Das bedeutet, dass sich ein Gutteil des angehäuften Kapitals nicht mehr profitabel investieren lässt und brach liegt. Denn wenn bereits zu viele Waren am Markt sind - oder sein könnten - braucht ja nicht noch mehr produziert werden.
Hier haben wir es mit der perversen Situation zu tun, dass im Kapitalismus Krisen nicht durch Mangel, sondern primär durch Überfluss entstehen. Selbstverständlich bedeutet Überfluss hier nicht, dass die überschüssigen Produkte nicht gebraucht würden (in den Ländern des Südens würde bspw. sehr viel benötigt), sondern, dass sie sich einfach nicht verkaufen lassen. Treten Überproduktionskrisen auf, muss Kapital im großen Stil "entwertet" bzw. "vernichtet" werden. Dies geschieht u.a. durch Fusionen von Unternehmen, wobei Produktionskapazitäten stillgelegt werden, oder durch Konkurse kleinerer unprofitabler Unternehmen, aber auch durch Entwertung von Produkten ("Preisschlacht"). Im schlimmsten Fall führen Wirtschaftskrisen zu Kriegen um neue Absatzmärkte und Einflussgebiete.
Sobald die Profitraten zumindest einigermaßen saniert worden sind und wieder Aussicht auf gute Gewinne besteht, kommt die produktive Akkumulation wieder in Gang, und ein neuer Kreislauf beginnt. Die durch Entlassungen "freigesetzten" ArbeiterInnen bilden eine Menge die Marx als die "industrielle Reservearmee" bezeichnete. Sie ist für das Kapital notwendig um rasch auf Veränderungen reagieren zu können. Die zahlreichen Arbeitskräfte z.B., die Mitte der 90er Jahre in die boomende IT-Branche strömten, wurden mit deren Crash ein paar Jahre später sehr schnell wieder fallen gelassen. Außerdem lässt sich ein großes Arbeitslosenheer sehr gut als Druckmittel gegen eine starke und aktive Gewerkschaftspolitik einsetzen. Denn Menschen, die um ihren Job fürchten, stellen nicht so leicht Bedingungen. Damit einhergehend folgt eine zunehmende Entsolidarisierung unter den Lohnabhängigen und Erwerbslosen. Vollbeschäftigung ist daher im Kapitalismus langfristig nicht nur unmöglich, sondern liegt auch gar nicht im Interesse der UnternehmerInnen.
Strukturelle Krise
Warum aber wird die Arbeitslosigkeit seit nunmehr drei Jahrzehnten nicht abgebaut, sondern steigt sogar noch an? Die Antwort ist, dass wir uns bereits seit längerem in einer Periode struktureller Überakkumulation befinden. Strukturell deshalb, weil in den letzten 30 Jahren selbst in Aufschwungsphasen die Arbeitslosigkeit nicht wesentlich abgebaut wurde und massive Kapitalvernichtung stattgefunden hat. Zudem dauern die Perioden des Aufschwungs immer kürzer - und sie werden immer schwächer.
Die Überakkumulation tritt also nicht mehr - wie gewohnt - zyklisch auf, sondern ist dauerhaft geworden. Überkapazitäten gibt es heutzutage in fast allen Wirtschaftsbereichen. Beispielsweise wurden 2002 rund ein Drittel (!) der Produktionskapazitäten der internationalen Automobilindustrie nicht gebraucht. Weltweit lagen die industriellen Kapazitäten (ohne China) Anfang 2003 bei einem Auslastungsgrad von lediglich 65%.(3) Das Handelsblatt frohlockt bei einer Auslastung der hochgelobten US-Wirtschaft von "immerhin" 77,8%(4) und das nach den zahlreichen Fusionen der letzten Jahre (Daimler/Chrysler, HP/Compaq aber auch in Österreich: BA-CA-Hypo Vereinsbank ...).
"Jobless growth" nennt sich ein mit der momentanen Krise verbundenes Phänomen - Wachstum ohne Anstieg der Beschäftigtenzahl. Als Beispiel sei hier die Deutsche Bank genannt, die im letzten Jahr den Rekordgewinn in ihrer 140-jährigen Geschichte eingefahren, gleichzeitig aber 11.000 (!) Beschäftigte entlassen hat.
Eine Erklärung ist, dass neue Technologien der Mikroelektronik (Computer, etc.) mehr Arbeit eingespart haben, als durch die Ausdehnung der Märkte für die neuen Produkte zusätzlich benötigt wird. Und die Profite sinken jetzt nicht mehr nur prozentuell sondern auch in absoluten Zahlen.
Da sich neue Investitionen in die Realwirtschaft nicht mehr lohnen, investieren die KapitalistInnen zunehmend in Fusionen, Übernahmen und Rationalisierungen (wodurch wieder Arbeitsplätze abgebaut werden) oder bilden riesige Geldkapitale. Statt in die Produktion, fließt massenweise Kapital in die Finanzmärkte. Doch die Sache hat einen Haken: Waren noch 1971 90% der internationalen Finanzgeschäfte "real", also Handel oder langfristige Investitionen, und 10% spekulativ, so bezogen sich 1995 schon etwa 95% (!) der (weitaus größeren) Summen auf spekulatives Kapital.(5) Dieses Phänomen beschrieb schon Karl Marx als "Casino-Kapitalismus". Das führt dazu, dass Krisen und Crashs heute viel weitreichender und dramatischer ausfallen, weil das spekulative Kapital nicht durch reales Kapital gedeckt ist, und die ganze Seifenblase irgendwann einmal platzen muss.
Sozialabbau
Um die Profite zu sanieren, wurden und werden aber noch andere Maßnahmen getroffen: Verstärkte Ausbeutung der Länder des Südens (seit 1960 hat sich der Abstand zwischen dem reichsten und dem ärmsten Fünftel der Staaten verdoppelt), aber auch der LohnarbeiterInnen hierzulande, Sozialabbau, Umweltverschmutzung und Umverteilung des Steueraufkommens zu Lasten der ArbeiterInnenklasse konnten dem Fall der Profitrate entgegenwirken. Beispielsweise ist die Lohnsteuerbelastung von ArbeitnehmerInnen in Deutschland seit 1960 von gut 6,3% auf fast 20% im Jahr 2000 gestiegen. Im Gegenzug sanken die Gewinnsteuern deutscher Unternehmen von 20% 1960 auf 6,7% im Jahr 2000.(6) Laut AK-Berechnungen, wuchs die österreichische Lohnsteuer von 1992 - 2002 nicht nur wesentlich schneller als die Löhne, sondern auch doppelt so stark wie die Gewinnsteuer.
Die ArbeiterInnenklasse erwirtschaftet also nicht nur den gesellschaftlichen Reichtum, sondern muss dem System auch noch seine Krise bezahlen. Privatisierungen werden getätigt, um Anlagemöglichkeiten für brachliegendes Kapital zu schaffen, und nicht, weil der "freie Markt" effizienter wäre, wie uns die kapitalistischen Märchenonkel und -tanten immer weis machen wollen. (Deren Argumente von wegen Effizienz des Kapitalismus sind angesichts einer weltweiten Überakkumulationskrise sowieso nur mehr als unfreiwilliges Kabarett zu betrachten.)
Die neoliberalen Strategien, die in den letzten zwei Jahrzehnten in sämtlichen industrialisierten Staaten angewandt wurden sind also keine besonderen Boshaftigkeiten bürgerlicher PolitikerInnen, sondern das Resultat der kapitalistischen Entwicklung. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie die kapitalistische Krise nicht lösen, sondern großteils noch verstärken.
Wichtig zu betonen ist stets, dass der Kapitalismus nicht von selbst zusammenbrechen wird. Es wird keine große "Endkrise" kommen, obgleich das System immer irrationaler wird. In Österreich und Deutschland wird bereits wieder über eine Arbeitszeitverlängerung (!) diskutiert. Der neue Präsident der Industriellenvereinung (IV), Veit Sorger, hält "eine Erhöhung der Arbeitsstunden für sehr notwendig" und für CDU-Spitzenfrau Angela Merkel ist klar, dass wir uns "sowieso darauf einstellen [müssen], ein oder zwei Stunden pro Woche mehr zu arbeiten."
Absurde Konzepte
Im Freistaat Bayern wurde die 42-Stunden Woche für BeamtInnen bereits durchgesetzt, und auch ArbeiterInnen aus der deutschen Privatwirtschaft sollen jetzt länger schuften. In zwei deutschen Siemens-Werken wurde - mit Zustimmung der IG Metall - die Arbeitswoche von 35 auf 40 Stunden verlängert. Aber auch die anderen "Lösungsvorschläge" der Bürgerlichen waren schon vor 100 Jahren nicht mehr ganz frisch: Arbeitslosengeld und Sozialhilfe sollen zusammengestrichen werden, die Lohnkosten wären zu hoch und überhaupt müssten mehr Billiglohnjobs her. Die hochgelobte "Flexibilisierung des Arbeitsmarktes" bedeutet im Klartext bloß, das die menschliche Arbeitskraft besser ausgenutzt werden kann. Denn mit "flexiblen Arbeitszeiten" lassen sich die Erwerbstätigen besser auf den Tag verteilen und so müssen weniger eingestellt werden. "Freie Dienstverträge" garantieren außerdem, dass immer nur so viele arbeiten, wie gerade gebraucht werden.
Aber auch diese Offensive der Konservativen entspringt nicht reiner Bösartigkeit sondern ist logische Folge der kapitalistischen Entwicklungsgesetze. Eine Arbeitszeitverlängerung ist für das Kapital deshalb so interessant, weil sie einer Mehrwertsteigerung ohne wesentlicher Investitionen gleichkommt. Denn für jedeN KapitalistIn ist es viel ertragreicher, die vorhandenen Arbeitskräfte mit den bestehenden Maschinen / an den vorhandenen Dienstleistungen länger werken zu lassen, als mehr Geld für zusätzliche ArbeiterInnen und teure Produktionsmittel springen zu lassen. Prinzipiell können wir davon ausgehen, dass durch eine Arbeitszeitverlängerung nicht mehr produziert, sondern einfach nur eine Aufteilung der Arbeit auf weniger Hände stattfinden würde. Dadurch steigt wiederum die Arbeitslosigkeit; für das Kapital sinken jedoch die Arbeitskosten.
Im Gegensatz zur Arbeiter-Innenbewegung wissen die KapitalistInnen genau was sie wollen. "Wir geben uns nie zufrieden" meint Veit Sorger im Interview mit dem "Kurier". Deshalb muss sich auch die Linke entscheiden!
Unsere Alternative heißt Sozialismus. Nur eine demokratische geplante Wirtschaft kann ein für alle Mal mit dem kapitalistischen Wahnsinn von Überproduktionskrisen, Arbeitslosigkeit und Armut Schluss machen. Diese Planwirtschaft muss demokratisch sein oder sie wird nicht sein. Auf alle Fälle muss verhindert werden, dass eine gleichermaßen parasitäre wie autoritäre Bürokratie alle Errungenschaften einer geplanten Wirtschaft wieder zunichte macht, so wie es in den ehemaligen UdSSR der Fall war. Dutzende historische Beispiele - von der Pariser Kommune bis zu den republikanischen Gebieten im Spanischen BürgerInnenkrieg - zeigen, dass eine demokratisch geplante Wirtschaft möglich ist.(7) Je mehr Menschen sich aktiv am Aufbau einer sozialistischen Alternative beteiligen, desto realistischer wird diese Alternative schließlich auch. Also: Worauf warten wir noch?
Fußnoten:
1)ILO-Pressemitteilung vom 22.01.04, (www.ilo.org)
2) Ein gutes Beispiel hierfür ist die Modebranche: Menschen kaufen sich neues Gewand, obwohl ihr altes noch gut erhalten ist.
3) Le Monde diplomatique Nr.7028 vom 11.4.2003, Seite 7
4) Handelsblatt, 17.6.2004
5) Hans Peter Martin, Harald Schuman; Die Globalisierungsfalle
6)Hans Böckler Stiftung (www.boeckler.de)
7) Mehr dazu in MR11: Die Pariser Kommune, bzw. MR13: Der spanische BürgerInnenkrieg, zu finden unter www.sozialismus.at
|
Mehrwert:
|
Arbeitszeitverkürzung, jetzt!
In seinen "Theorien über den Mehrwert" meinte Karl Marx, dass eine sozialistische Gesellschaft "den nötigen Überfluss in sechs Stunden produzieren" kann und nicht, wie damals üblich, in zwölf. Gute 140 Jahre später haben wir es mit einer Arbeitsproduktivität zu tun, die seitdem um das 30-fache gesteigert worden ist. Der Lebensstandard der damaligen Zeit kann heute mit einem Arbeitsaufwand von weniger als fünf (!) Wochenstunden erreicht werden.(1) Gleichzeitig beweisen Studien aus den USA, dass dort einE durchschnittlicheR ArbeiterIn 1983 zwischen vier und sechs Wochen jährlich weniger arbeiten musste als 1997 - nach fast 15 Jahren neoliberaler Politik - um den gleichen Lebensstandard zu halten.(2)
|