Eckdaten der australischen Geschichte
Arm und Reich - die soziale Situation in Australien
Egon Erwin Kirsch: Landung in Australien
Zauberhafte Wüstenlandschaften, Badestrände, Tauchparadiese und die unvermeidlichen Känguruhs und Koalas. In Österreich wird der rote Kontinent hauptsächlich als TouristInnendestination angesehen. Australien ist jedoch mehr als das: ein seit jeher treuer Vasall der britischen und amerikanischen Aussenpolitik, neoliberaler Vorreiter mit zunehmenden sozialen Spannungen und ein Land, in dem die indigenen Aborigines seit mehr als 200 Jahren diskriminiert werden.
Australien wurde als Strafkolonie des englischen Imperialismus gegründet. Die erste Koloniesiedlung entstand 1788 im heutigen Sydney und bis ins späte 19. Jahrhundert wurden Sträflinge, meist Kleinkriminelle, aber auch irische FreiheitskämpferInnen und englische RevolutionärInnen, nach "down under" verschifft. Dazu gesellten sich freie KolonialistInnen, die sich ein besseres Leben erhofften oder auch nur von den billigen gefangenen Arbeitskräften profitieren wollten. Es waren letztlich jedoch die Sträflinge, die Australien urbar machten, Straßen bauten und sogar die erste Zeitung publizierten.
Aborigines, die UreinwohnerInnen Australiens, wurden von Beginn an mit aller Härte verfolgt. Dies hatte weniger mit einer gezielten Ausrottungspolitik zu tun, als mit der Schwierigkeit, die freiheitsliebenden "Wilden" zu versklaven und nutzbar zu machen. Hinzu kam, dass die Aborigines keinen Eigentumsbegriff kannten, und sich daher auch manchmal an einem der vielen tausend Lämmern vergriffen. Durch Seuchen, Zwangsheiraten, aber auch gezielte Massaker wurde sukzessive die Zahl der Eingeborenen von 500.000 auf heute etwa 100.000 reduziert. Das Wahl- und BürgerInnenrecht wurden ihnen überhaupt erst 1967 zuerkannt. Trotz einiger positiver Reformen in den letzten Jahrzehnten setzt sich die Diskriminierung bis heute fort: die Lebenserwartung ist 20 Jahre niedriger als im Bevölkerungsschnitt, fast die Hälfte ist arbeitslos und 19% der Gefängnisinsassen sind Aborigines (obwohl sie weniger als 1% der Bevölkerung ausmachen).
Um 1850 bilden sich die ersten Gewerkschaften, und die Bauarbeiter erkämpfen den Achtstundentag - eine weltweite Premiere. Der Eureka Stockade Aufstand (siehe Kasten) 1854 ist der Beginn der Demokratisierung Australiens und führt zum Männerwahlrecht, wenn auch mit Gewichtung nach Steuerklasse. In den nächsten Jahrzehnten gewinnen die ArbeiterInnenverbände massiv an Stärke und um 1890 erschüttern Streikwellen das ganze Land. Die ArbeiterInnen fordern gewerkschaftliche Organisierungsfreiheit und den Achtstundentag: "Eight hours work, eight hours play, eight hours rest and eight bob a day". (bob = shilling)
Die Streikbewegung wird zwar von der Armee und Polizei zerschlagen, viele der Forderungen werden jedoch später erfüllt. Die Gewerkschaften antworten mit der Gründung der Labor Party (ALP). Im bürgerlichen Spektrum gab es damals wie heute die Liberals (Konservative) und Nationals (Konservative, stark in ländlichen Gegenden). Anders als in den meisten anderen Ländern bleibt die Labor Party jedoch sehr handzahm und beschränkt sich auf Reformen, die im australischen Kapitalismus möglich sind, ohne das System in Frage zu stellen. So schrieb Lenin über die Labor Party: "Was ist das für ein originelles kapitalistisches Land, wo die Arbeiter das Oberhaus beherrschen und vor kurzer Zeit auch das Unterhaus beherrscht haben, ohne dass dadurch das kapitalistische System in irgendeiner Weise gefährdet war."
"Die Labor Party ist in Wirklichkeit eine liberal-bürgerliche Partei, während die sogenannten australischen Liberalen Konservative sind (...). Die Arbeiterpartei in Australien hat das durchgeführt, was in anderen Ländern die Liberalen durchführten: einen gemeinsamen Zolltarif für das ganze Land, ein gemeinsames Schulgesetz, eine gemeinsame Grundsteuer und eine gemeinsame Fabriksgesetzgebung."
Von der Staatsgründung ...
1901 wird Australien als eigener Staat gegründet, die englische Queen bleibt jedoch bis zum heutigen Tag Staatsoberhaupt mit einem Gouverneur in Australien. 1914 nimmt Australien an der Seite Englands am 1. Weltkrieg teil. Die Zwangseinberufung von Soldaten wird zweimal bei Volksabstimmungen abgelehnt. Die australischen Soldaten werden vom englischen Imperialismus als Kanonenfutter benutzt und überproportional viele kommen um. Trotzdem wird Australien auch weiterhin an der Seite Englands (2. Weltkrieg) und später der USA (Vietnam, 1. und 2. Golfkrieg) in die Schlacht ziehen.
Während des 1. Weltkriegs kommt es zu zahlreichen wilden Streiks, 1917 sogar zu einem Generalstreik. Der Widerstand wird während des Krieges von der anarchosyndikalistischen IWW ("Industrial Workers of the World") getragen, die jedoch in den 1920ern in die Bedeutungslosigkeit versinkt. Die 1920 gegründete Kommunistische Partei, wie die meisten Schwesterparteien zu Beginn der 30er Jahre stalinisiert, gewinnt zwar einigen bedeutenden Einfluss in den Gewerkschaften, schafft es jedoch nie zu einer Massenpartei. Sie löst sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 auf.
Der 18-monatige Generalstreik in den Jahren 1919-1920 in Broken Hill, dem Zentrum des australischen Bergbau führt zu weitgehender ArbeiterInnenselbstverwaltung der Stadt und zur 35-Stunden-Woche (!). Die 1920er Jahre sind gekennzeichnet von einem wirtschaftlichen Aufschwung und einem einhergehenden Abflachen der Arbeitskämpfe. Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 kennzeichnen jedoch spontane Revolten und Streiks das Land.
... zum Zweiten Weltkrieg
1934 werden die Löhne zwischen 10% und 30% gekürzt, doch die ArbeiterInnen werden im Stich gelassen - die Gewerkschaftsführung fügt sich einem vom Gericht ausgesprochenen Streikverbots. Jack Lang, der Ministerpräsident des Staates New South Wales, will 1940 Schlüsselindustrien verstaatlichen und weigert sich, den Schuldendienst an englische Gläubiger zu leisten. Er wird von der Bundesregierung jedoch seines Amtes enthoben - Australien darf seine guten Beziehungen mit England nicht auf's Spiel setzen, schon gar nicht in Kriegszeiten.
Sozialpartnerschaft
In den drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg haben Konservative wie Labor eine sozialpartnerschaftliche Linie verfolgt, um spontane Revolten wie in der Vergangenheit zu vermeiden. Vollbeschäftigung, steigende Löhne und Lebensstandards, soziale Sicherheit und ein Wohlfahrtsstaat wurden erreicht. Nach politischen und sozialen Unruhen in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren, sowie der Rezession von 1973 bis 1975, wird eine Wende notwendig. Die 1972 gewählte Labor-Regierung steht dem im Weg. Neben einigen sozialen Reformen zieht sie die australischen Truppen aus Vietnam ab und beginnt, die US-Militär- und Spionagebasen im Outback in Frage zu stellen.
1975 setzt der Gouverneur der Queen Premierminister Whitlam ab. Neben dem Druck der USA ist auch die wohlwollende Unterstützung der australischen Kapitalisten ein massgeblicher Faktor für diesen einzigartigen Schritt. Nach diesem außerparlamentarischen Coup und einer Hetzkampagne gegen Whitlam in der Presse gewinnen die Konservativen die Wahlen.
Die auf Whitlam folgende konservative Regierung kann nur äußerst zaghaft die sozialen Errungenschaften abbauen. Einerseits sind die Gewerkschaften zu stark, andererseits sind die Konservativen durch ihre Beteiligung am Sturz Whitlam's selbst diskreditiert. 1983 kommt mit Hilfe von mächtigen Teilen des Establishments eine Labor-Regierung unter Hawke an die Macht und beginnt die bis heute anhaltende neoliberale Offensive gegen die ArbeitnehmerInnen.
Mit dem Argument der Sicherstellung der australischen Wettbewerbsfähigkeit restrukturieren Hawke und sein Finanzminister Keating die australische Wirtschaft und deregulieren die Finanzmärkte. Zentral ist jedoch das Übereinkommen mit den Gewerkschaften, Arbeitskämpfe und Lohnzuwächse zu vereiteln. Dadurch können die Unternehmer erfolgreich die Reallöhne kürzen, die effektive Arbeitszeit erhöhen sowie fundamental das Kräfteverhältnis in den Betrieben zu ihren Gunsten ändern. Während die große Mehrzahl der ArbeiterInnen dadurch schlechter gestellt wird, steigt die Profitrate der australischen Unternehmen massiv an.
1988 erreicht die Feindseligkeit gegen Labor's unternehmerInnenfreundliches Programm einen Höhepunkt und zahlreiche Gewerkschaften diskutieren den endgültigen Bruch mit der Labor Party. Bei den Wahlen 1990 erreicht Labor das schlechteste Ergebnis seit 1910 und kann nur durch Vorzugsstimmen von kleineren Parteien an der Macht bleiben. Die Antwort auf die Rezession 1991 und die wachsenden Krise der australischen Wirtschaft sind weitere Attacken auf den Lebensstandard des Großteils der Bevölkerung. Diese Aufgabe fällt Paul Keating zu, der vom Finanzminister zum Premierminister aufsteigt. Insbesondere eine weitere Senkung der Reallöhne soll erreicht werden. Die massive Förderung von billigen "flexiblen" Jobs und Leiharbeitsunternehmen zwingt die wachsende Zahl von Arbeitslosen in unsichere Teilzeitjobs.
Die wachsende Internationalisierung der australischen Wirtschaft verlangt auch eine Änderung der nationalen Ausrichtung. Während sich früher die australischen Unternehmen hauptsächlich an Europa und den USA orientierten, ist jetzt Asien der Fokus. Dies verlangt auch eine Änderung der "weißen" Australienpolitik, Keating fördert daher die Integration mit Asien, Multikultur, eine Versöhnung mit den Aborigines sowie eine australische Republik. Dies alles soll Australiens internationales Image in der asiatischen Region erhöhen. Durch die fortgesetzte neoliberale Politik verliert Keating jedoch immer mehr die Unterstützung der arbeitenden Bevölkerung. Die Wahlen 1996 enden für Labor in einer Rekordniederlage und die konservative Howard Regierung kommt an die Macht.
Australien heute
Howard hat die wirtschaftspolitische Linie seiner Vorgänger übernommen und das Tempo weiter beschleunigt. Innenpolitisch wird die Diskriminierung gegen Flüchtlinge verschärft, außenpolitisch wird verstärkt eine enge Koalition mit den USA gesucht, was sich an der australischen Teilnahme am Afghanistankrieg und am Irakfeldzug manifestiert.
Der Widerstand gegen Howards Politik breitet sich in den letzten Jahren immer weiter aus. Es gibt von tausenden AustralierInnen unterstützte Kampagnen gegen die menschenverachtende Flüchtlingspolitik, die in Australien ab der Ankunft sofort, und oft jahrelang, in Lager eingesperrt werden - meist abseits in der australischen Wüste gelegen. Mit Befreiungsaktionen, Hungerstreiks, Demonstrationen, etc. wird Druck auf die Regierung ausgeübt.
90% der AustralierInnen sind gegen die Teilnahme des Landes am US-Feldzug gegen den Irak. Mehr als 500.000 demonstrieren in Sydney und 250.000 in Melbourne - jeweils die größten Demonstrationen nach 1945. Zu Kriegsbeginn kommt es auch zu spontanen Arbeitsniederlegungen in zahlreichen Betrieben. Einhergehend mit diesem außerparlamentarischen Widerstand sind auch immer mehr Menschen desillusioniert von der herrschenden Politik. Die Labor Party hat sich über die letzten Jahrzehnte zu einem bürokratischen Rumpf reduziert, dominiert von rivalisierenden Abgeordnetenfraktionen, GewerkschaftsbürokratInnen und KarrieristInnen, die um Regierungsposten rittern - und deren Politik sich kaum von der der Konservativen unterscheidet.
Bei Wahlen haben die Grünen zwar stark zugelegt, haben jedoch kaum eine AktivistInnenbasis oder Gewerkschaftsverankerung. Ihr politisches Programm ist zwar fortschrittlicher als das ihrer Schwesterparteien in Europa, was sich jedoch sehr schnell ändern kann (siehe Deutschland oder Österreich), insbesondere wenn sie beginnen, sich an der Regierung zu beteiligen. Das kapitalistische System wird sowieso nicht in Frage gestellt.
Vielversprechend ist die Socialist Alliance, ein Bündnis, an dem sich die meisten der sozialistischen, antikapitalistischen und radikalen Gruppen beteiligen. Die Socialist Alliance wird 2001 in Melbourne gegründet. Bei Wahlen in New South Wales letztes Jahr gewinnt sie in mehreren Bezirken mehr als 5% der Stimmen. Weiters hat sie eine relativ starke gewerkschaftliche Verankerung mit führenden Positionen in der HafenarbeiterInnen- und LehrerInnengewerkschaft.
Auch die Führung der kämpferischen Workers First Gruppe gehört der Socialist Alliance an. Neben den Mitgliedern der beteiligten Gruppen haben sich bis heute auch etwa 400 "unabhängige" SozialistInnen angeschlossen. Ein Großteil des Widerstands wird von der Socialist Alliance initiiert, so z.B. die ersten Antikriegsdemonstrationen.
Wahlen 2004
Die Labor Party hat seit Dezember einen neuen Vorsitzenden, Mark Latham, und damit ihre Chance bei den Wahlen 2004 wieder Regierungspartei zu werden, stark gesteigert. In Meinungsumfragen liegen die Labor Partei und die Liberalen nunmehr gleichauf, während zuvor die Liberalen mit 5 bis 10% Vorsprung führten. Dies spiegelt sich jedoch nicht an der Basis der Partei wider. Während Latham's Parteitagsrede waren bloß 700 Mitglieder anwesend, davon 400 Delegierte, sowie 110 "Beobachter" von australischen und multinationalen Konzernen. Das Kongresszentrum Darling Harbour Convention Centre war nur ein Drittel voll.
Fokuspunkt der Parteiführung sind ohnedies die UnternehmerInnenvertreter, die in einer exklusiven "Executive Lounge" untergebracht waren. Die Crème de la Crème des australischen Kapitals, die meisten großen Banken, Bau-, Pharma- und Medienkonzerne bezahlten am Vorabend der Konferenz jeweils 9.000 Euro pro Tisch, um an einem Bankett mit Latham und seinem Schattenkabinett teilzunehmen. Dafür bekamen sie die Möglichkeit, ihre Wünsche direkt der Parteiführung darzulegen.
Neoliberalismus
Latham hingegen konnte ihnen die neoliberale, prokapitalistische "Reform"-Agenda von Labor präsentieren, um sicherzugehen, dass ihm die Herrschenden ihr Vertrauen schenken und ihn die Medienkonzerne weiterhin in einem positiven Licht darstellen. So beschreibt am 20. Jänner 2004 der Chefredakteur der Tageszeitung "Australian" die Konferenz als Lakmustest für Latham und die ALP. Er kritisiert die wenigen Konzessionen an die Gewerkschaften und fordert Latham auf "zu seinen Themen des Jahres von 2003 zurückzukehren, das heißt, zu weniger Regierungsausgaben und reduzierten Einkommensteuern für die Besserverdienenden. Da jetzt die Wahlen ins Haus stehen, ist es das wichtigste für die ALP, Latham Latham sein zu lassen."
Latham gehorchte aufs Wort und begründete in seiner Rede auf der Parteikonferenz, warum sein Programm die Unterstützung der Unternehmen hat. Nur Labor, nicht Howards konservative Regierung, könne die nächsten Phase der "Wirtschaftsreformen" durchsetzten, die von den Laborregierungen von 1983 bis 1996 begonnen wurden. "Labor hat die moderne australische Wirtschaft durchgesetzt. Wettbewerb und Produktivität sind Labor Worte. Sie gehören nicht den Konservativen, sondern uns." Das ist Lathams wichtigste Botschaft. Während seine beiden Vorgänger, Simon Crean und Kim Beazley, sich von den unpopulären Laborregierungen der 80er und 90er Jahre (ohne) Erfolg distanzierten, spricht sich Latham offen für prokapitalistische Reformen aus. Er fordert weitere Deregulierung von Wirtschaftszweigen, weitere Privatisierung von Teilen der Gesundheitsversorgung, niedrigere Einkommensteuern für Reiche und Sozialkürzungen für die Armen und kritisiert die Howard-Regierung dafür, dass diese nicht konsequent genug dieses Programm verfolge.
Unterschiede zu Howard gibt es in der Außenpolitik, wo Latham für eine von den USA unabhängigere Linie eintritt. Dies ist auch im Interesse eines großen Teils der herrschenden Klasse, die befürchtet, dass Howards uneingeschränkte Unterstützung von Bush ihren langfristigen strategischen und kommerziellen Interessen in Asien entgegengestellt ist. Trotzdem ist Latham weiterhin für eine enge Partnerschaft mit den USA.
Für die australischen Konzerne und das kapitalistische Establishment sind Latham und die ALP auf jeden Fall die Garantie, dass sich nichts wesentlich an der herrschenden politischen Agenda ändert. Ob nun Howard oder Latham nach den Wahlen 2004 Premierminister werden, die konservative Koalition oder die ALP die Regierung stellt, die große Mehrheit der AustralierInnen wird mit einer weiteren Offensive für die Privatisierung des Gesundheits- und Bildungswesens, Kürzungen von Sozialleistungen und der Teilnahme an Kriegen konfrontiert sein.
Eckdaten der Australischen Geschichte
Seit über 40.000 Jahren von Menschen bewohnt
1642 Abel Tasman entdeckt Australien
1770 James Cook erreicht erstmals Australien
1788 Erster Gefangenentransport und Koloniesiedlung. Ankunftstag der First Fleet ist bis heute Nationalfeiertag
1850 Gründung der ersten Zunftgewerkschaften
1854 "Eureka Stockade"-Aufstand der Goldschürfer führt zum Männerwahlrecht
1890 Große Streikwelle fordert gewerkschaftliche Organisationsfreiheit. Labor Party wird gegründet
1901 Staatsgründung - Englische Queen bleibt jedoch weiterhin Staatsoberhaupt
1914-18 Australien nimmt an der Seite Englands am 1. Weltkrieg ein.
1919/20 Generalstreik in der Bergbaustadt Broken Hill führt zur 35-Stunden-Woche
1920 Gründung der Kommunistischen Partei
1939-45 Australien nimmt an der Seite der Alliierten am 2. Weltkrieg ein
1950 Konservative Regierung versucht, die Kommunistische Partei zu verbieten. Die Mehrheit der AustralierInnen spricht sich bei einer Volksabstimmung dagegen aus
1965 Australien sendet Truppen nach Vietnam
1967 Aborigines bekommen Wahlrecht
1972 Labor unter Gough Whitlam gewinnt die Wahlen und setzt sozialdemokratische Reformen durch. Abzug aus Vietnam, mehr soziale Rechte und Infragestellung der US-Militärbasen
1975 Gouverneur der Queen setzt Whitlam-Regierung aufgrund Drucks der USA ab. Nach einer Hetzkampagne in der Presse gewinnen die Konservativen die Wahlen
1983 Labor-Regierung unter Hawke gewinnt die Wahlen. Die Umverteilung von arm nach reich wird zur Priorität
1991 Teilnahme am 1. Golfkrieg
1993 Labor-Regierung unter Keating setzt neoliberale Konterreformen fort. Einigung mit Indonesien, die Rohstoffvorkommen Ost-Timors aufzuteilen
1996 Konservative Regierung unter Howard kommt an die Macht. Neoliberale Attacken setzten sich fort. Staatlich sanktionierter Rassismus nimmt zu. Verstärkung der strategischen Zusammenarbeit mit den USA
2001 Teilnahme am Afghanistankrieg
2003 Teilnahme am 2. Golfkrieg trotz Ablehnung von 90% der Bevölkerung und Demonstrationen von mehr als 750.000 Menschen
Gewerkschaften und Labor Party
Arm und Reich
Während die ungleiche Verteilung von Einkommen in Australien zwischen 1915 und 1969 stetig abgenommen hat und bis 1981 relativ konstant blieb, nahm sie in den 90er Jahren - trotz eines Wirtschaftswachstums von 3 bis 4% pro Jahr - dramatisch zu.
Oberflächlich betrachtet scheint diese soziale Krise nicht auf, da das "durchschnittliche" Haushaltseinkommen in den 90er Jahren anstieg, für die unteren 50% der australischen Haushalte fiel das wöchentliche Einkommen jedoch. Ende der 90er Jahre verdienten die oberen 20% der Haushalte fast 50% des gesamten Einkommens, also genauso viel wie die unteren 80% der Bevölkerung. Die Einkommensstatistik verzerrt jedoch das Bild, wenn Untersuchungen über das Vermögen außer Acht gelassen werden. Zwischen 1993 und 2004 stieg der australische Aktienindex um mehr als 150%. Dies kam hauptsächlich den Superreichen zugute. Im Jahr 2000 besaßen die reichsten 200 Familien ein Vermögen von durchschnittlich A$300 Millionen, und es gab 11 Milliardäre, 8 mehr als 1995.
Die reichsten 1% besitzen mehr als die Hälfte der Aktien und die reichsten 10% mehr als 85%. Die unteren 50% der Haushalte der AustralierInnen besitzen jeweils weniger als A$1,000 an Aktien und Vermögen, während die unteren 10% ein negatives (!) Nettovermögen besitzen (durchschnittliche Schulden von A$1,000). Diese Umverteilung von unten nach oben wurde politisch nachgeholfen. Die Labor-Regierungen seit den 80er Jahren reduzierten die höchste Einkommenssteuerstufe von 60% auf 47% und die Unternehmenssteuern von 47% auf 36%, was den Reichtum der Top 200 Haushalte zwischen 1986 und 1996 von A$ 7,3 Milliarden auf A$ 37,3 Milliarden steigerte. Die Hälfte der Steuerkürzungen der konservativen Howard-Regierung haben die oberen 20% eingestrichen.
Wahrend der letzten drei Jahrzehnte hat sich der Anteil der Familien, die in Armut leben müssen, mehr als verdoppelt. Eine vor kurzem publizierte Studie besagt, dass 2,5 Millionen Menschen (einschließlich 732.000 Kinder), d.h. 13% der Bevölkerung, nicht die wesentlichsten Lebensbedürfnisse decken können. Im Jahr 1970 waren weniger als 3% der Haushalte von der Sozialhilfe abhängig, während 1999 mehr als 15% Sozialhilfe bezogen.
Working Poor
Bis Mitte der 70er Jahr war Armut auf Alte, Behinderte und Kranke beschränkt. Heute sind die Armen Arbeitslose und Lohnabhängige. Das wirkliche Niveau der Arbeitslosigkeit (offiziell 5,7%) wird von der Regierung verschleiert. Nach der offiziellen Statistik ist jeder, der eine Stunde in der Woche arbeitet, nicht arbeitslos. Das Magazin National Economics hat berechnet, dass die reale Arbeitslosenrate mindestens 10% beträgt.
Für Jugendliche ist es noch dramatischer: die Arbeitslosenrate von 16 bis 19jährigen liegt mehr als dreimal über den nationalen Durchschnitt. Aborigines haben sogar eine offizielle Arbeitslosenrate von mehr als 26%, die inoffizielle liegt bei 40%.
Eine Charakteristik der letzten beiden Jahrzehnte war insbesondere die Zunahme der "working poor". Der Anteil der Arbeitenden, die in Armut leben, hat zwischen 1973 und 1996 um mehr als 65% zugenommen. Vollzeit-jobs wurden seit den 80er Jahren zunehmend durch schlechtbezahlte Teilzeitjobs ersetzt. Während 1980 "bloß" 15% der Arbeitenden in Teilzeitjobs arbeiteten, stieg dieser Anteil auf 29% im Jahr 2000, der zweithöchste Anteil der Welt. Die große Mehrheit der neugeschaffenen Jobs findet sich daher genau im Teilzeitbereich - und TeilzeitarbeiterInnen verdienen bloß 23,5% des durchschnittlichen Gehalts von Vollzeitangestellten.
Da es unmöglich ist, "nur" mit einem Job durchzukommen, sind viele ArbeiterInnen gezwungen, 2 oder mehr Jobs anzunehmen. Durch die "Flexibilisierung" der Arbeit steigt die Jobunsicherheit und der Arbeitsstress unaufhörlich an, was zwangsläufig zu Familienkrisen führt. Für jene, die noch Vollzeitjobs haben, intensiviert sich der Grad der Ausbeutung dramatisch.
Australien ist eines der wenigen Länder der Welt, in dem sich die durchschnittliche Arbeitswoche seit den 1980er Jahren verlängert hat, durchschnittlich 3,7 Stunden pro Woche. Seit den 80er Jahren hat die Anzahl der Menschen, die mehr als 45 Stunden die Woche arbeiten, um 76% zugenommen. Mehr als 2,5 Millionen Menschen sind gezwungen, länger zu arbeiten, viele davon LastwagenfahrerInnen, Bergbau- und FabriksarbeiterInnen, was zu einem Anstieg von Arbeitsunfällen und Verletzungen führt. Hinzu kommt, dass viele der Überstunden nicht bezahlt werden.
Soziale Krise? Law and Order!
Der Anstieg der Hauspreise hat es vielen Lohnabhängigen unmöglich gemacht, sich in einer Lage, die eine gute Infrastruktur aufweist (d.h. gute öffentliche Verkehrsanschlüsse, Unterhaltung, Restaurants, etc.), anzusiedeln. Dies führt zur verstärkt zur Ghettobildung, zu verarmten Gürteln außerhalb der Innenstädte.
Die Verarmung und unsichere Existenz von Millionen Menschen hat zwangsläufig zu Problemen geführt: Scheidungen, Depressionen, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Kleinkriminalität und Selbstmorde. Die Schuld für diese Probleme wird jedoch nicht den sozialen Prozessen gegeben - also den neoliberalen "Reformen" und der Auflösung von sicheren und gutbezahlten Jobs -, sondern den Opfern selbst.
"Law and Order" ist das Motto sowohl von Konservativen wie Labor, und die Zahl der PolizistInnen und privaten SicherheitsbeamtInnen nimmt stetig zu. Seit 1950 hat sich die Zahl der Gefangenen mehr als verdoppelt (von 52 pro 100.000 Menschen auf fast 110 heute). Mehr als 80% der Gefangenen sind wegen Drogenvergehen verurteilt. Aborigines, die am meisten unterdrückten Menschen Australiens, werden fünfzehnmal eher eingesperrt als andere AustralierInnen, und machen 19% der GefängnisinsassInnen aus.
Landung in Australien
Im Oktober 1934 reiste der österreichische "rasende Reporter" Egon Erwin Kisch zum Antikriegskongress nach Australien. Seine Erlebnisse sowie einen Abriß über die Geschichte Australiens hat er in seiner literarischen Reportage "Landung in Australien" festgehalten.
1854 - Die Eureka Stockade
Rundum im Bezirk Ballarat schlossen sich Goldgräber zur Abwehr zusammen. Gewerkschaftliche und politische Forderungen wurden besprochen, die Ballarat Reform League gegründet. Im gesetzgebenden Rat der Kolonie Victoria thronten zehn vom Gouverneur ernannte Mitglieder und zehn Latifundienbesitzer, gewählt von ihresgleichen, deren Stimmenzahl sich nach der Steuerklasse richtete.
Die Ballarat Reform League forderte allgemeines Wahlrecht, "ein Mann, eine Stimme" - "one bloody man, one bloody vote", wie es auf gut australisch in ganz Australien hieß. Statt der starren Monatsabgabe von je dreissig Schilling verlangten die Goldgräber eine Besteuerung nach der Menge des geförderten Goldes, sie verbrannten korporativ ihre Lizenzen, schworen in großen Meetings einen Eid des kämpferischen Zusammenhalts und hissten eine republikanische Fahne, fünf Silbersterne auf firnamentblauem Grund, das Kreuz des Südens.
Mit allen Mitteln versuchte der Gouverneur, diese Bewegung einzudämmen, und seine Helfer waren die Kneipenbesitzer, meist tasmanische Exsträflinge. In Ballarat betätigten sie sich als Spitzel und Provokateure. 1854, im Oktober, schoß einer von ihnen, der Wirt Bently, den Goldgräber Scobie meuchlings nieder; prompt sprach des Gericht den Mörder frei. Die Erregung der Goldgräber entlud sich in einem Exzeß, bei dem das Haus Bentlys in Flammen aufging. Idealer Anlaß zum Einschreiten der Obrigkeit. Sie verbot alle Versammlungen, ordnete eine Sperrstunde an, kein Licht durfte abends brennen, wahre Treibjagden und Massenverhaftungen wurden unternommen. Half alles nichts. Am 1. Dezember, dem Monatsersten, an dem jeder seine Lizenzgebühr abführen sollte, führte sie fast keiner ab.
Gouverneur Sir Charles Hotham in Melbourne beschloß, mit dem Aufruhr in den Diggings Schluß zu machen, und zwar so, dass den Australiern ein für allemal die Lust vergehen sollte, von Wahlrecht und Demokratie und sozialen Fordungen zu schwätzen. 1200 Soldaten vom 12. und 40. Regiment, vier Feldgeschütze, zehn Munitionswagen wurden nach Ballarat abgefertigt.
Die Digger organisierten gemeinsame Gegenwehr. Auf dem Claim "Eureka" traten sie zusammen. Waffen wurden ausgegeben, Kugeln gegossen. Um nicht von der Kavallerieattacke niedergeritten zu werden, umzäunten die Diggers ihren Lageplatz mit einer Hürde aus Latten, einer "Stockade".
In der Nacht auf Sonntag, den 3. Dezember 1854, stürmte das Militär die Eureka Stockade, aus der verzweifelter Widerstand geleistet wurde. Bis zum Morgen währte die Schlacht. Sterbende und Tote auf beiden Seite der Hürde, Sieg auf der Seite der militärischen Übermacht. Gefangene wurden abgeführt, Steckbriefe gegen die Flüchtigen erlassen, offizielle Berichte über die "Greuel" und Brandstiftungspläne der Goldgräber veröffentlicht, und ein Prozeß mit exemplarischen Strafen sollte folgen.
Der Prozeß folgte, aber mit exemplarischen Strafen wurde es nichts, es kam zu Freisprüchen. Denn wie ein Mann standen die Werktätigen zu den Angeklagten, die Reform League hörte auf, ein Lokalverband vom Ballarater Goldfeld zu sein, sie wurde eine allaustralische Organisation. Das allgemeine Wahlrecht wurde erkämpft, die Steckbriefe dienten als Wahlplakate, und die Führer der Eureka Stockade zogen als Abgeordnete ins neue Parlament ein.
Egon Erwin Kisch
Landung in Australien
Erschien erstmals 1937, aktuelle Ausgabe: Aufbau Taschenbuch Verlag