Der Februar 1934

Vor 70 Jahren: BürgerInnenkrieg in Österreich

Anläßlich des 70. Jahrestages des österreichischen BürgerInnenkriegs 1934 publiziert die AL eine neue Broschüre zu diesem Thema. Wir präsentieren hier einen (gekürzten) Auszug, der die Ereignisse am Morgen des 12. Februar behandelt.

Wie in den Monaten davor üblich, sollte auch am 12. Februar 1934 eine Hausdurchsuchung in einem sozialdemokratischen Parteiheim stattfinden - diesmal im Linzer Hotel Schiff. Doch diesmal ist alles anders. Die Linzer Ortsgruppe des Republikanischen Schutzbundes unter der Leitung von Richard Bernaschek, dem Landesparteisekretär der SDAP in Oberösterreich, widersetzt sich - entgegen den Befehlen der Parteileitung - und leistet bewaffneten Widerstand.

In einem Brief teilt Bernaschek der Parteiführung und dem Parteiführer Bauer in Wien mit: "Ich habe mich heute mit fünf (...) Genossen besprochen und mit ihnen nach wirklich reiflicher Überlegung einen Beschluss gefasst, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann (...). Wenn morgen (...) mit einer Waffensuche begonnen wird (...) wird gewaltsamer Widerstand geleistet und in Fortsetzung dieses Widerstandes zum Angriff übergegangen werden (...) Wenn die Wiener Arbeiterschaft uns im Stiche lässt, Schmach und Schande über sie ..."

Die Antwort Otto Bauers ist eindeutig: "Ernst und Otto schwer erkrankt. Unternehmung aufschieben".

Doch Bernaschek und der oberösterreichische Schutzbund halten an ihrem Beschluss fest. Als die Heimwehr am Morgen des 12. Februar kurz vor 07.00h die Linzer Parteizentrale, das Hotel Schiff, stürmt, gibt Bernaschek den Befehl zur Gegenwehr. Die Polizei kann noch in den vorderen Teil des Gebäudes eindringen und dort auch Bernaschek selbst verhaften, nachdem dieser zuvor noch versucht hatte, den christlichsozialen Landeshauptmann von Oberösterreich zu erreichen, damit dieser vermitteln möge. Doch im hinteren Teil des Hotels wird die Polizei mit Schüssen empfangen und muss sich bald zurückziehen. Ab diesem Zeitpunkt ist das Hotel belagert und wird von 38 Schutzbündlern verteidigt. Eine Entsatzaktion durch andere Schutzbündler scheitert an Polizeisperren, eine zweite daran, dass die in der Steingasse versammelte Schutzbundgruppe von ihrem Kommandanten die Waffen nicht ausgehändigt bekommt. Nach heftigen Feuergefechten ergeben sich die Verteidiger schließlich um 11.45h.

Die Nachricht vom Linzer Aufstand erreicht in wenigen Minuten Wien. In einigen Betrieben kommt es sofort zu spontanen Streiks. Doch die SP-Betriebsräte beschwichtigen die ArbeiterInnen und bewegen sie dazu, auf Parolen "von oben" zu warten. Delegationen suchen den Parteivorstand auf, um Direktiven zu erhalten, doch dieser ist nicht mehr zu erreichen. Inzwischen hat aber die Parteiexekutive mit nur einer Stimme Mehrheit den Generalstreik ausgerufen. Der Generalstreik, den die SDAP-Führung ausruft, wird allerdings kaum befolgt. Anfänglich ist auch nicht klar, ob es sich um eine technische Störung handelt oder tatsächlich um den lang erwarteten Streik.

Letzter Versöhnungsversuch

Parallel soll aber auch ein letzter Versöhnungsversuch gestartet werden. Die Exekutive beauftragt den Parteirechten Oskar Helmer (der in der zweiten Republik Innenminister wird), mit dem Christlichsozialen Landeshauptmann von Niederösterreich, Reither, zu verhandeln. Helmer bietet diesem eine Koalitionsregierung mit Reither als Kanzler und Karl Renner als Vizekanzler an.

Die Parteiführung mobilisiert aber auch den Schutzbund, gibt allerdings Befehl, nicht anzugreifen und nur dort mit dem Kampf zu beginnen, wo der Gegner angreifen würde. Doch einen Kampf zu beginnen, sich gleichzeitig aber auf Verteidigung zu beschränken, ist strategischer Wahnsinn. Die Konsequenz spürt die ArbeiterInnenklasse in den nächsten Stunden und Tagen, als die einzelnen Schutzbundgruppen isoliert voneinander der Reihe nach in ihren Wohnvierteln und Gemeindebauten zerrieben werden. Dabei hätte es zu Beginn in Wien gute Chancen gegeben, zu gewinnen. Selbst der offizielle Regierungsbericht gibt das zu: "Die ersten Nachmittagsstunden stellen einen gewissen, etwa bis 14.30 Uhr reichenden Schwächezeitraum dar". Hätte der Schutzbund zu diesem Zeitpunkt die Innenstadt, die Radiostationen, die Brücken sowie andere strategisch wichtige Punkte besetzt, wäre sogar im Februar 1934 unter Umständen noch ein Erfolg möglich gewesen.


siehe auch:
Broschüre: Der Weg in den Februar