"Infrarot" war genauso im Gespräch wie "Megaphon" oder - ganz traditionell - "Rotfront". Doch war uns Infrarot denn doch ein wenig zu poppig, Megaphon zu aktivistisch und Rotfront schien mehr in die 70er als in die 90er zu passen. Wir waren schon fast ein wenig ratlos. Bis irgendwer den Namen "Morgenrot" aufs Tapet brachte ...
Als sich im Jänner 1999 eine Gruppe von jungen Menschen zusammensetzte, um ein neues Zeitungsprojekt zu gründen, war eigentlich sehr vieles über die Zukunft dieses Projekts noch im Unklaren. In unseren damaligen Zusammenhängen - der Jugend gegen Rassismus in Europa, kurz JRE - hatte es schon seit längerem Differenzen über die Ausrichtung der Organisation gegeben. Als Konsequenz beschlossen eine Reihe von Menschen aus der JRE, die sich um die Gruppe Wien/Nord der JRE gruppierten, als Sprachrohr der Gruppe eine eigene Zeitung herauszugeben. Das Morgenrot war geboren.
Die Zeitung war wie die HerausgeberInnen-Gruppe: antikapitalistisch, aber strömungsübergreifend. Es gab in der Gruppe eine marxistische Mehrheit und einen kleineren Flügel, der mit anarchistischen Ideen liebäugelte. In der Zeitung spiegelte sich das so wieder, dass es zwar ein "gegen" aber kein "für" gab. Exemplarisch dafür ein Artikel aus MR 1 über den Februar 1934. Unter dem Aufruf des Autors für eine kommunistische Veränderung der Gesellschaft fand sich ein Kasten, in dem die Redaktion erklärte, dass dies die Einzelmeinung des Autors sei (obwohl die große Mehrheit der Redaktion diese Position des Autors teilte) und sich die Redaktion als "überparteilich" verstünde.
Es zeigte sich schon damals, dass das Wort von Lenin über die Zeitung als "kollektiver Organisator und Propagandist" in der Realität des Morgenrot große Bedeutung bekommen sollte. Denn rund um die Zeitung entstanden unzählige Diskussionen über die politische Ausrichtung unserer Gruppe, über nationale, internationale, historische und theoretische Fragestellungen. Das Morgenrot hatte für uns also nicht nur einen großen Wert zur Verbreitung unserer Ideen, es wirkte auch sehr stark nach innen.
Einen wesentlichen Bruch erfuhr das Morgenrot im September 1999 mit der Nummer 4: War der Untertitel noch "Zeitung der Gruppe Wien/Nord von Jugend gegen Rassismus in Europa", hieß es im Balken am unteren Rand der Zeitung auf einmal "Für eine starke antifaschistische Linke". Was war geschehen? Die Widersprüche innerhalb der JRE hatten sich so stark zugespitzt, dass die Gruppe einstimmig beschlossen hatte, aus der JRE auszutreten und eine eigenständige Organisation zu gründen: die AL, die Antifaschistische Linke. Und ab der nächsten Nummer prangte auch der neue Name als Untertitel des Morgenrot auf dem Titelblatt.
Die Organisation war anfänglich wie die Zeitung: antikapitalistisch, aber strömungsübergreifend. Programmatisch wurde in MR 5 festgehalten: "Die AL versteht sich nicht nur als links und antifaschistisch, sie versteht sich als revolutionäre Gruppe." Angekündigt wurden "eine ganze Reihe von inhaltlichen Diskussionen" um die weitere Ausrichtung zu klären. Abgeschlossen und präsentiert wurden diese Diskussionen in MR 6a, wo sich die AL in kurzen Worten erstmals als sozialistische Organisation präsentierte.
Praxis ...
Zeitgleich mit dieser Neuorientierung organisierte sich auch die österreichische Innenpolitik neu: nach den Wahlen 1999 näherten sich einander ÖVP und FPÖ rasch an, am 4.02.2000 wurde die erste schwarz-blaue Regierung angelobt.
Mit neuer Programmatik und mit zwei Sondernummern (6a und 6b) intervenierten wir in die Bewegung und spielten vor allem zu Beginn eine nicht unwesentliche Rolle. So organisierten wir am 18.02.2000 gemeinsam mit den in der JRE verbliebenen GenossInnen in Wien einen SchülerInnenstreik gegen Schwarz-Blau. Dem Aufruf folgten 2/3 der OberstufenschülerInnen, eine Großdemonstration in der Wiener Innenstadt bildete den Höhepunkt.
Damals und auch in Folge begleitete das Morgenrot die politische Arbeit der AL publizistisch. Egal ob Schulstreiks gegen Pensionsraub, die Bewegungen gegen Afghanistan- und Irak-Krieg, die Bewegung gegen die kapitalistische Globalisierung oder die - wesentlich von der AL organisierten - beiden großen antifaschistischen Demonstrationen im Frühjahr 2002 gegen Naziaufmärsche in Wien. Mobilisierungsaufrufe, Interviews, Berichte, Einschätzungen, theoretische Analysen ... das Morgenrot berichtete nie nur von Bewegungen, es war immer auch Teil dieser Bewegungen.
Dass wir mit dieser Arbeit recht erfolgreich waren und (auch finanziellen) Zuspruch bekamen, zeigten nicht nur die steigenden Seitenzahlen von anfänglich 8 kopieren Seiten auf heute teils gedruckte 24 Seiten, sondern auch die Umstellung des Morgenrot auf ein zweifarbiges Erscheinungsbild ab Nummer 14 (die mit einem komplett neuen Layout einher ging).
... und mehr
Das Morgenrot wollte immer mehr als Ankündigungsblatt für Aktionen sein. Bereits bei unserer Gründung gingen wir davon aus, dass eine Zeitung, die alle zwei Monate erscheint, tagespolitische Ereignisse - gelinde gesagt - nur sehr ungenügend begleiten kann. Deshalb wollten wir diesen Versuch gar nicht erst starten. Statt dessen wollten wir hinter die Kulissen des Systems blicken und Denkanreize schaffen. So begleiteten wir den Irak-Krieg mit einigen langen Hintergrundartikeln zu den Gründen des Krieges, zur Rolle des Öls in der Region, zur Einschätzung der Friedensbewegung wie der irakischen Opposition, ...
Überhaupt bildeten internationale Artikel immer einen wichtigen Schwerpunkt für uns: Von Afghanistan über Albanien, Argentinien, Bangladesh, das Baskenland, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Indien, den Irak, Irland, Israel/Palästina, Italien/Südtirol, Kaschmir, Kolumbien, Mexiko, Nepal, die Niederlande, Nordkorea, Ost-Timor, Peru, Russland bis zu Türkei/Kurdistan und Venezuela reicht dabei der Bogen (und ist keineswegs vollständig).
Selbstverständlich war aber auch die österreichische Innenpolitik immer ein wesentlicher Bezugspunkt für unsere Arbeit. Dabei wollten wir aber nie nur die große Politik betrachten, sondern auch immer über Arbeitsbedingungen in den Betrieben schreiben. Da gab es Berichte über die Arbeit im Einzelhandel, über die Schwierigkeiten des Rettungspersonals, Interviews mit BetriebsrätInnen und KollegInnen in Arbeitskämpfen bis hin zu "Meine kleine Farm" über die Arbeit auf einem Bauernhof. Alle diese Artikel wurden von KollegInnen geschrieben, die aus eigener Erfahrung über die jeweiligen Probleme schreiben konnten.
Über den Tellerrand
Ergänzen wollten wir dieses Bild mit anderen Themen, die ebenfalls nicht in den bürgerlichen Medien zu finden waren. Frauenthemen bildeten ebenso immer einen wichtigen Schwerpunkt der Redaktionstätigkeit wie BürgerInnenrechte oder Antifaschismus.
Bei jeder Redaktionssitzung suchen wir aber auch nach "peppigen" Themen. Als Ergebnis davon fanden Berichte über Krone-"Dichter" Wolf Martin, über Nazi-Ufos und Weltverschwörungstheorien, über Taxi Orange, über das Verhältnis von Comics und Politik ebenso ihren Weg in die Zeitung wie kritische Artikel über Greenpeace und den Dalai Lama. Als Abrundung finden sich kulturelle Artikel ebenso wie solche über das Verbindung von Sport und Politik.
Den Abschluss bildet eine Erwähnung der theoretischen Artikel im Morgenrot. Diese späte Erwähnung ist eigentlich unverdient, machten sie doch immer einen wichtigen Teil der Zeitung aus. Sei es die Serie "Köpfe der ArbeiterInnenbewegung", in der unter anderem Friedrich Engels, Rosa Luxemburg, W.I.Lenin, Clara Zetkin, Karl Liebknecht, Alexandra Kollontai und Leo Trotzki porträtiert wurden (immer paritätisch, ein Mann - eine Frau), seien es Artikel über Ökologie und Kapitalismus, den Sozialismus und die menschliche Natur, Betrachtungen marxistischer Moral und Ethik, eine Kritik an den "Antinationalen", eine Diskussion über die Rolle der Gewalt in der Geschichte oder eine Annäherung an das Phänomen Antiamerikanismus. Zusammen mit den historischen Artikeln etwa über die Pariser Kommune, die Französische Revolution, die Bauernkriege des Mittelalters, die Moskauer Schauprozesse oder die deutsche Wiedervereinigung bilden sie quasi das Rückgrat der theoretischen Ideen, auf denen Zeitung wie Organisation aufbauen.
Nach den ersten 25 Ausgaben (die ja eigentlich schon mehr als 30 sind, zählen wir die Sondernummern dazu) hat sich das Morgenrot einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Linken geschaffen. Doch ist das natürlich noch immer viel zu wenig. Aber wir arbeiten dran ...