Das Schweigen der Krone

Verwicklungen rund um das Wiener Hotel Hilton

Dass die "Krone" und ihr Herausgeber Hans Dichand sich oft und gerne im Kampf gegen moderne Kultur engagieren, ist bekannt. Besonders die Architektur hat es ihnen angetan. Kaum ein Projekt der Moderne, zu dem sie nicht ihren - meist ungenießbaren - Senf dazugeben. Und mit ihrem medialen und politischen Einfluss hat die Krone bereits mehr als einmal Erfolg darin gehabt, Neues zu verhindern. Doch auf einmal, beim Umbau des Wiener Ablegers der internationalen Hilton-Kette, schweigen Dichand und Co. Ein einmaliger Gesinnungswandel? Oder steckt mehr dahinter?

Ein Schmuckkästchen ist es ja nicht gerade, das Hilton in Wien. Ein Hochhaus, direkt anliegend an den Stadtpark und damit an die Wiener Innenstadt, in den 70ern schmucklos in die Gegend geklotzt. Ein Umbau kann da eigentlich nur verbessern. Entsprechend wurde es kürzlich verkauft, nun soll, unter Anleitung von Star-Architekt Hans Hollein, dem Gebäude ein dreigeschossiger markanter Aufbau, bestehend aus einer Stahl-Glas-Konstruktion ver-passt werden, die deutlich über dem vorhandenen Bausubstanz schwebt. Hollein: "Fast wie eine dahinflimmende Wolke".

Zu sehen wäre dieses Projekt dabei in Zusammenhang mit dem so genannten Projekt Wien-Mitte. Dabei sollen rund um einen Umbau des Schnell-bahnhofs Wien-Mitte zwei Hochhäuser neu gebaut werden, das Hilton, das genau gegenüber dem Bahnhof liegt, würde das städtebauliche Ensemble abrunden. Gegen das Projekt Wien-Mitte hat sich allerdings bereits erbitterter Widerstand gebildet. Anrainer-Inneninitiativen, nicht nur unterstützt von ÖVP und FPÖ, sondern auch von der Krone, attackieren das Projekt, vor allem mit dem Argument, dass damit Wien seinen Status als UNESCO-Weltkulturerbe verlieren würde (den Wien vor einigen Jahren verliehen bekam).

Nun kann und soll über die Sinnhaftigkeit von Hochhäusern und dem, was sie für die Infrastruktur einer gewachsenen Stadt bedeuten, tatsächlich diskutiert werden, die Kritik von ÖVP/FPÖ und Krone ist allerdings schlicht reaktionär. Diese Kritik begreift Stadt tendenziell nicht als etwas lebendiges und damit veränderbares sondern sieht tote Materie, die konserviert werden soll. Das ist nicht neu. Bereits rund um die Errichtung des Wiener Mu-seumsquartier (MuQua) haben diese Kräfte sich erfolgreich durchgesetzt. Eigentlich war als Wahrzeichen des MuQua ein gläserner Leseturm geplant, der sich über die anderen Gebäude erhoben und damit dem gesamten MuQua eine Landmarke gesetzt hätte. Doch mit vereinten Kräfte konnte die versammelte Reaktion das verhindern und dafür sorgen, dass kein Gebäude über die historische Fassade hinausragt. Dass es auch anders geht, beweist Paris. Die äußerst gelungene Verschmelzung von Neu und Alt beim Umbau des Louvre mit der markanten Glaspyramide als Zentrum, umringt von historischen Gebäuden, zieht jährlich Hunderttausende von Besucher-Innen an. Doch dass sich Altes und Neues befruchten könnten, ist der Wiener Kritik fremd.

Interessant ist nun - um zurück zum Ausgangspunkt zu kommen - warum trommelt die vereinte Reaktion gegen das Projekt Wien-Mitte, verliert aber kein Wort über das Hilton? Es gäbe schließlich wenig, was nahe liegender wäre. Vielleicht liegt es ein Stück am Renommee des (neben COOP Himmelblau) bekanntesten österreichischen Architekten der Gegenwart, Hans Hollein. Mit ziemlicher Sicherheit ist er jedenfalls Garant dafür, dass ein Projekt dieser Größenordnung glatt über die Bühne geht. Denn so einfach ist das nicht: zunächst muss alles dem Flächenwid-mungsplan entsprechen, dann bei der Baupolizei eingereicht und vom Fachbeirat für Stadtgestaltung abgesegnet werden. Auch der Kunstsenat und die Zentralvereinigung der Architekten sind in die Entscheidung involviert. Praktisch, dass Hollein nicht nur Präsident des Kultursenats und der Zentralvereinigung ist, sondern auch dem Fachbeirat für Stadtgestaltung vorsteht. Vielleicht liegt das Schweigen der Reaktion also am Renommee des Hans Hollein? Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Käufer des Hilton Hanno Soravia und Christoph Dichand heißen und Christoph der Sohn von Krone-Herausgeber Hans Di-chand und seit 1.2.03 Chefredakteur der Zeitung ist?

P.S. Eine notwendige Anmerkung: natürlich wissen wir nicht, ob die Krone ohne die finanzielle Verwicklung von C. Dichand das Thema aufgegriffen hätte. Doch der schale Nachgeschmack der Verbindung von Politik, Medienmacht und Hochfinanz bleibt.